VI
Brüssel

[339] Von den Pyrenäen stieg der edle Ritter hinab nach Frankreich, und von Frankreich eilte er nach Belgien. »Herr Schnapphahnski wurde Autor.« Ja wahrhaftig, wir sehen den sinnreichen Junker in Brüssel sitzen und seine Memoiren schreiben.[339]

Alle großen Männer machten es so; wenn sie des Lebens Last und Hitze getragen hatten, da verkrochen sie sich in irgendeinen kühlen Winkel, und die Hand, die bisher den Säbel, den Kommandostab oder das Szepter geführt hatte, sie griff dann zur Feder und brachte das Erlebte zu Papier. Wir brauchen unsern Lesern nicht zu versichern, daß sich von unsern Skizzen über Herrn von Schnapphahnski auch nicht eine Spur in den Memoiren des edlen Ritters findet. Se. Hochgeboren waren viel zu bescheiden, als daß sie alle glorreichen Aventüren der Bewunderung der Nachwelt aufbewahrt hätten.

Die Liebe, die den edlen Ritter nie verließ, zieht ihren roten Faden auch durch den Brüsseler Aufenthalt unseres Helden. Die Weiber müssen nun einmal lieben; Schnapphahnski wußte dies. Sie können nicht anders, es ist ihre Bestimmung. Ein Weib liebt nicht allein lange, nein, ein Weib liebt unendlich, bis auf die Hefen. Ein Weib kann dich lieben, wenn deine Hose zerrissen ist, wenn dein Rock in Fetzen hinabhängt und wenn die ewige Sonne durch die Löcher deines Hutes auf dein verwildertes Landstreichergesicht scheint, ja, noch immer wird eine schöne Frau dich lieben können, denn sie wird um dich weinen, und sie wird dich küssen, und du wirst glücklich sein!

Wie meine Leser bemerkt haben werden, sucht Herr von Schnapphahnski stets die Frauen auf. Um junge Mädchen ist es ihm selten zu tun. In Brüssel machte sich der edle Ritter an die Frau eines bekannten belgischen Künstlers. Die junge Dame hatte ihren frommen Gemahl total unter dem Pantoffel.

Die Pantoffelknechtschaft ist jedenfalls noch eine süße Knechtschaft. Sie hat nur das Unangenehme, daß der[340] zärtliche Gatte zum Lohn für seine liebevolle Unterwürfigkeit in den meisten Fällen nicht etwa mit einer Königs- oder einer Bürgerkrone, sondern mit jenem Kopfschmuck gekrönt wird, den auch des Waldes flüchtige Gebieter tragen. Man könnte in der Tat bei den Ehemännern dieselben Benennungen anbringen wie bei den Hirschböcken. Nach Vollendung des ersten Jahres der gekrönten Pantoffelknechtschaft würde man einen Ehemann: Spießer titulieren; nach Vollendung des zweiten Jahres hieße man ihn: Gabler. Hierauf träte dann die Bezeichnung nach Enden ein, so daß man einen Ehemann bald einen Sechsender, einen Zehnender, einen Sechzehnender und so weiter nennen würde. Bei recht stattlichen Ehemännern könnte man sogar die Benennung des Dam- und Elen-Wildes eintreten lassen, ja, bis zu dem Namen Schaufler gehen.

»Was schadet es, wenn ein Ehemann ein paar Hörner trägt!« hatte der edle Ritter oft zu sich selbst gesagt, wenn er wohl einmal in die untergeordneten Schichten der Gesellschaft hinabstieg. »So ein zweibeiniger Sechzehnender kann immerhin noch nachmittags auf die Börse und abends ins Kasino gehen, ohne daß man ihn auslacht, denn fast überall findet er ja Leidensgefährten, wehmütig lächelnde Böcke, die gelebt und geliebet haben und die recht gut wissen, was es für ein Malheur ist, wenn man eine junge Frau hat, mit funkelnden Augen, mit wogendem Busen und mit kleinen alabasterweißen Füßen, recht ein Wesen wie ein üppiges Rätsel, das nur die Liebe lösen kann, die Liebe eines flinken Gesellen, der weder auf die Börse noch ins Kasino geht und der sich den Henker schiert um alle Ehemänner und ein flotter Edelmann ist wie ich, der Ritter Schnapphahnski!«[341] Die Frau des Künstlers hatte Mitleid mit unserem Ritter. Zu jenem melancholischen Blick, den Herr von Schnapphahnski mitunter anzunehmen pflegte, wenn er an die Lakaien des Grafen S. in O. in Schlesien dachte, und zu der interessanten Blässe der Finanznot, die unseren Helden eigentlich nie verließ, gesellte sich nun noch die wichtige Miene eines Autors, so daß der edle Ritter wirklich eine interessante Figur ausmachte und die Frau des Künstlers immer mehr dazu veranlaßte, einmal ernstlich mit sich zu Rate zu gehen, ob sie ihrem Gemahl nicht bald die Dulderkrone aufsetzen könne. Herr von Schnapphahnski verfolgte seine Beute mit aller Hartnäckigkeit eines Ritters ohne Furcht und Tadel.

Wenn man bedenkt, welche Vorstudien der edle Abenteurer schon in der Liebe gemacht hatte, so ist es zu begreifen, daß er täglich mehr Terrain gewann. In der Liebe geht es aber wie in den Träumen; wenn man gerade im besten Zuge ist, da kommt gewöhnlich etwas dazwischen. Das Renkontre, welches dieses Mal die süßesten Hoffnungen unsres Helden vereitelte, gehörte wieder zu den allerunangenehmsten.

Es war um die Karnevalszeit auf einem Maskenballe. Die gute Stadt Brüssel hatte alles aufgeboten, um auch durch den Ball der Oper den Beweis zu liefern, daß man in Belgien jede französische Sitte nachahmen könne, wenigstens so gut, als es dem kleinen Belgien überhaupt möglich ist. Die wenigen schönen Frauen, die es in Brüssel gibt, waren in ihrem besten Staate gegenwärtig. Ich glaube, in keinem Lande der Welt ist das »schöne Geschlecht« mehr vernachlässigt als in Belgien. Man gehe in jedes beliebige Theater, und man überzeuge sich davon, daß der Rand der Logen mit einer wahren Perlenschnur[342] von Medusenköpfen gesäumt ist. Die eigentlichen Flamländerinnen haben Gliedmaßen, wie sie sich nie ein weibliches Wesen erlauben sollte. Die Walloninnen, schwarzäugig und lebendig zwar wie Französinnen, verlieren sehr durch ihren mangelhaften Teint. Fragt man in Lüttich nach schönen Frauen, so heißt es: »Oh, gehen Sie nur par exemple nach Brügge, dort finden Sie noch viel spanisches Blut.« Erkundigt man sich in Brügge nach hübschen Damen, so heißt es: »Oh, gehen Sie nur nach Lüttich, dort herrscht die französische Rasse vor.« Leider fand ich weder Spanier noch Franzosen in Belgien – nur Belgier; rien que cela. Jedenfalls sind die Belgier schöner als die Belgierinnen.

In Holland ist dies gerade umgekehrt, wenigstens in dem eigentlichen Holland, dem klassischen Lande des Kaffee- und Zuckerschachers. Die Männer sind dort entweder infolge eines wüsten Lebens der Hafenstädte zu wahren Skeletten, zu windhundartigen Figuren abgemagert oder im reifern Alter zu so enormen Wänsten aufgeschwemmt, daß man erst einige Zeit suchen muß, ehe man in jenen Fleischkolossen ein menschliches Wesen findet. Die holländischen Frauen sind dagegen fast durchgängig hübsch; sie haben blondes Haar, himmelblaue Augen, eine sehr weiße Haut; nur leider durch den Gebrauch der unterirdischen Kohlenpfannen und Feuerstübchen bisweilen entsetzlich – große Füße. Aber eine Holländerin kann sehr schön und liebenswürdig sein, und wenn sie mit ihren roten Lippen jene fürchterliche Sprache lispelt, welche in dem Munde der Männer wie das Grunzen und Brummen einer Walkemühle klingt, da bleibt man verwundert stehn und sieht aufs neue, daß von schönen Lippen: alles schön klingt, sogar Holländisch.[343]

Es verstand sich von selbst, daß Herr von Schnapphahnski auf dem Ball der Brüsseler Oper im vollen Glanze seiner Ritterlichkeit umherspazierte und nicht wenig damit beschäftigt war, jede einigermaßen erbauliche Maske Zoll für Zoll zu studieren. Tanzende zu beschauen, ist ein Kunst- und Naturgenuß zu gleicher Zeit. Der Tanz enthüllt nicht nur manchen Körperteil, den wir bei der Prüderie unsres Jahrhunderts selten en masse zu bewundern Gelegenheit haben, nein, die melodisch dahinflutende Bewegung der Gestalten zeigt uns, daß diese und jene Glieder auch noch einer ganz andern als der gewöhnlichen Tätigkeit fähig sind, und unwillkürlich söhnen wir uns mit unsern alltäglichen Erinnerungen aus, wenn wir die Menschen wieder einmal so kindlich-sonntäglich vor unsrer Nase herumspringen sehen.

Die Kunst- und Naturstudien auf einem Brüsseler Balle haben freilich ihre Grenzen, und unser Ritter würde mit seinen Forschungen bald zu Ende gewesen sein, wenn nicht eine ungemein lebendige und graziöse Maske seine Aufmerksamkeit stets von neuem in Anspruch genommen hätte. Bald einen entzückend kleinen Fuß, bald eine zierliche Hand und bald einen Nacken zeigend, der durch seine herrlichen Formen alle übrigen Gestalten des Balles hinter sich ließ, wußte die Geheimnisvolle unsern Ritter stundenlang zu fesseln. Vergebens suchte er aus der Verschleierten irgendein bekanntes Wesen herauszufinden: sie widerstand seinen genauesten Beobachtungen durch so rätselhafte Gebärden und seinen kühnsten Fragen durch so zweideutige Antworten, daß er zuletzt davon überzeugt war, von einer durchaus Fremden intrigiert zu werden.

Der Reiz eines derartigen Spieles wird durch den[344] Widerstand, den man findet, nur erhöht. Ein zahmes Roß zu reiten, ist keine Kunst; ein wildes zu bändigen: die höchste Lust. Der Schwache wünscht Nachgiebigkeit und Kapitulation; der Kühne: Widerstand und Sieg. Der Schwache genießt nur einmal; der Kühne tausendmal, denn jede Stufe des Widerstandes wird durch ihr Überwundensein eine Stufe der Glückseligkeit, die nur der letzte Sieg an Wonne überbietet. Suche Widerstand, und du wirst ein Mann sein; lerne Weiber besiegen, und du wirst die Welt erobern!

Herr von Schnapphahnski war zufällig nicht in der Stimmung, seinen Liebesfeldzug auch nur durch eine Nacht hin auszudehnen. Sei es, daß er alle Hoffnung aufgeben zu müssen glaubte oder daß er an ähnlichen Orten rascheren Erfolg gewohnt war – genug, es ennuyierte ihn mit der Zeit, sich so den ganzen Abend für nichts und wieder nichts an der Nase herumführen zu lassen; und als die verhängnisvolle Maske wiederum mit sehr spöttischem Gruße an ihm vorüberhuschte, da vergaß unser Held plötzlich, daß er nicht in der Wasserpolackei und auf dem Ball einer zwar belgischen, aber nichtsdestoweniger zivilisierten Stadt sei, und – es ist kaum zu glauben – ja, unser Ritter griff der Vorübereilenden mitten in die Maske – –

Die so brutal Angegriffene stutzt, stößt einen Schrei aus, und vierzig bis fünfzig andre Masken stellen sich rings um den Ritter und die Dame. Der Schleier der Schönen ist indes gefallen, und der Ritter erkennt zu seinem nicht geringen Schrecken die Gattin des belgischen Künstlers.

Der unglückliche Ehemann, »déguisé en quelqu'un, qui s'embête à mort«, ist ebenfalls herbeigesprungen. Er beobachtete[345] den fremden Ritter und die eigne Gattin den ganzen Abend hindurch; seit einigen Stunden schon fühlte er seine Hörner wachsen, und mit der freudigen Wut eines erretteten Familienvaters stürzt er sich auf unsern Ritter.

Eine Szene entspinnt sich, wie man sie in Brüssel vielleicht noch nicht erlebt hatte. Herr von Schnapphahnski begreift gar nicht, wie ihn die Brüsseler Bourgeois so langweilen können. Er nennt seinen Namen, seine Titel – –

»Je m'en f ...«, brüllt der entrüstete Ehemann wie ein Hirsch in der Brunstzeit, und: »Oui Monsieur! Oui Monsieur!« schreit der Chor wie im ersten Akt des »Barbiers von Sevilla«.

Schnapphahnski gibt seine Karte – –

»J'aurai ta carte dans ma poche et toi la mienne sur la figure –«

Oui Monsieur! Oui Monsieur! – und immer toller wird der Skandal, bis sich zuletzt hundert zierliche Hände erheben, um unsern Ritter zu zerreißen, die Faust des Ehemanns an ihrer Spitze – ach, und nur durch die schleunigste Flucht rettete sich unser Held von der unangenehmsten Pointe, die ein Abenteuer haben kann.

Quelle:
Georg Weerth: Sämtliche Werke in fünf Bänden. Band 4, Berlin 1956/57, S. 339-346.
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Leben und Taten des berühmten Ritters Schnapphahnski
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