Dritter Auftritt

[86] Diakue, Soudry.


DIAKUE ergreift Soudry.

Halt da – wo willst Du hin?

SOUDRY.

In dies Gemach –

Ein weißes Mädchen schlüpfte da hinein,

ich will es morden –

DIAKUE.

Halt, es war mein Weib.

SOUDRY.

Dein Weib ist schwarz, die hier entschlüpfte, weiß.

DIAKUE.

Das volle Glas hat Deinen Sinn umnebelt.

SOUDRY.

Ich sage Dir, ich sah –

DIAKUE.

Ein weiß Gewand.[86]

SOUDRY.

Und weiß wie das Gewand war das Gesicht.

DIAKUE.

Es war ein Sinnentrug; vom Wein erhitzt

siehst Du Gestalten, und giebst ihnen Farben

wie sie die Mordgier sehen will.

SOUDRY.

Es war –

DIAKUE.

Ein gut Glas Wein das Du getrunken hast.

SOUDRY.

Komm, überzeuge mich –

DIAKUE hält ihn auf.

Jezt wär' es Zeit.

Ich hole Dich den Krönungszug zu führen,

die Truppen sammle, Dessalines befiehlt.

SOUDRY.

Da muß ich freilich – aber, höre Freund,

verschließe dies Gemach, und sah ich recht,

ist eine Weiße dort verborgen,

so ist sie mein – Du tödtest sie mir nicht.

DIAKUE.

Hier nimm mein Wort – ich tödte Dir sie nicht,

Ihr Leben will ich Dir mit meinem bürgen.

Jezt sammelt Euch, es ist die höchste Zeit.

In Gährung ist das Volk – die Truppen liegen

nur halb sich mächtig, trunken auf den Straßen.

SOUDRY.

Was – trunken? – Schlechtes Volk, ich will Euch zeigen –[87]

daß Euch das Donnerwetter gleich erschlage!

Betrunken sagst Du? – Ueber das Gesindel!

Betrunken heut! An einem solchen Tag! –

Halunken sind es – ich ihr General,

hab' mit Bedacht, und nicht nach Durst getrunken.


Taumelt.


Ich will sie gleich nach Würden kommandiren.

Auf Pursche! In's Gewehr! Ihr Hunde auf!

Die mir nicht gerade stehen, laß ich erschießen,

heut müßt ihr Vivat brüllen, morgen sauft. –

Marsch vorwärts, präsentirt – der Kaiser kommt,

schreit Vivat – vivat – hoch – er lebe hoch.


Taumelt ab.


DIAKUE allein.

Was soll ich thun? Hier sind sie nicht mehr sicher,

Zu meiner Mutter! Doch bei hellem Tag –

Bis in die Nacht muß ich sie noch verbergen,

bis dahin kehret Soudry nicht zurück.

Vielleicht gelingt es mir auf and'ren Weg

die unterdrückte Unschuld noch zu retten,

vielleicht befrei' ich sie, und uns – und uns

von diesem übermüth'gen, stolzen Mann.

Als ich jezt forschend durch die Straßen ging,

hört' ich so Manchen meinen Namen nennen,

so manches Aug' hing hoffnungsvoll an mir.

Der könnt' uns retten! Das ist unser Mann!

Ich bin es, ja, wenn Ihr für Freiheit streitet,

frei sind wir unter diesem Würger nicht;

die ganze Menschheit tritt es frech mit Füßen,

auch unser Blut wird seiner Laune fließen;

Nicht nur die Weißen, jeder ist sein Feind,[88]

der menschlich fühlt, bei fremden Jammer weint.

Zum Fluch der Menschheit wurdest Du geboren,

zum Thron von Haiti bist Du nicht erkoren.

Wer nicht für Liebe, Freundschaft – Tugend glüht,

den Bruder nicht in jedem Menschen sieht,

der strebe nicht auf einem Throne zu stehn

und thut er es – so muß er untergehn.


Quelle:
Johanna Franul von Weißenthurn: Neueste Schauspiele. Band 9, Berlin 1821, S. 86-89.
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