Fünfter Auftritt

[73] Die Vorigen, Johann, der Hauptmann. Die Wache bleibt vor der Thür.


JOHANN tritt ein, sieht mit stolzer Ruhe um sich her. Was soll ich hier?

HAUPTMANN. Den edlen Herren Antwort geben. Ab.

JOHANN geht vor.

JÖRAN wendet sich nach ihm.

JOHANN erblickt ihn. Wie? du hier? Du noch am Ruder dieses lecken Schiffes?

JÖRAN. Wie ihr seht, Herzog, mein Reich ist nicht vergänglich wie das eu're –

JOHANN. O Vaterland, o arme Schweden, wie bedaure, wie beweine ich euch!

JÖRAN. Ich möchte euch rathen, andere nicht zu beweinen, damit ihr für euch selber Thränen habt.

BRASKE. Herr Reichskanzler – kommt zur Sache.

JÖRAN. Johann, warum steht ihr vor Gericht?

JOHANN nach einer Pause. Weil ich Feinde habe, die mir das Bißchen dumpfe Kerkerluft mißgönnen, die ich seit Jahren athme; sie haben sich nach einer hingeschwelgten Nacht erinnert, daß ich nur halb gemordet bin. Wollt ihr den Nahmen dieser Feinde wissen?

JÖRAN. Eurer Freunde, eurer Mitverbrecher. Hält ihm den Brief hin. Habt ihr das geschrieben?

JOHANN nach einer Pause. Ja –

JÖRAN. Bedenkt euch wohl.

JOHANN. Wenn Teufel warnen, sind sie ihrer Beute schon gewiß?[73]

JÖRAN. Ihr rühmt euch in diesen Briefen eines Anhangs.

JOHANN. Den glaub' ich auch zu haben.

JÖRAN. Nennt ihn uns.

JOHANN. Alle die, die das Gefühl für Recht und Unrecht in ihrem Busen treu bewahren. Sitzt einer in des Königs Rath, der sich deß rühmen kann, so zähl ich ihn zu meinem Anhang. Doch dafür habt ihr wohl gesorgt, daß unter diesen Richtern kein gerechter sitzt.

JÖRAN. Johann – beleidigt nicht, gebt Antwort – habt ihr das geschrieben?

JOHANN. Ich läugne nichts, was ich gethan –

JÖRAN. Auch nicht Hochverrath?

JOHANN heftig. Wer kann mich dessen zeihen?

JÖRAN. Dieß Papier – ihr fordert fremde Mächte auf.

JOHANN. Meine Fesseln zu zerbrechen, den Kerker mir zu öffnen, in dem man widerrechtlich, unnatürlich mich gefangen hält.

JÖRAN. Widerrechtlich? Habt ihr es nicht gewagt, gegen euren König die Waffen zu ergreifen?

JOHANN. Wollte er mir nicht mein väterliches Erbe entreißen? Darf ich die Pforten meines Hauses nicht bewachen? nicht feindlich dem entgegen gehen, der mich daraus verdrängen will?

JÖRAN. Der Gnade eures königlichen Bruders hättet ihr euch unterwerfen sollen.

JOHANN. Pfui des Mannes, der, keines Unrechts sich bewußt, bey seinem Feind um Gnade fleht.

JÖRAN. Ihr gesteht also, daß ihr bey fremden Mächten –[74]

JOHANN schnell. Das gesucht, was mir mein Blut verweigert – Freyheit –

JÖRAN. Daß ihr sie aufgefordert, den König, euren Bruder, zu zwingen, euch in Freyheit zu setzen, euch euer Herzogthum zurück zu geben?

JOHANN. Wehe dem König, den fremde Mächte zwingen müssen, in seinem Lande Gerechtigkeit zu üben! Weh seinem Volk, wenn er sie nicht einmahl an seinem Bruder übt!

JÖRAN. Wehe seinem Rathe, wenn er noch ferner diese Lästerung gegen seinen König duldet! Nennt eure Mitschuldigen.

JOHANN. Sind eure Kerker leer? seyd ihr verlegen, sie zu füllen? Geht, verhaftet alle Gutdenkende in Schweden, sie verachten euch, sie stehen auf meiner Seite.

JÖRAN. Vergrößert nicht durch Starrsinn eure Strafe.

JOHANN. Traut ihr mir zu, daß ich sie durch feige Bitten mildre?

JÖRAN. Habt ihr noch etwas zu sagen?

JOHANN. Euch – nichts.

JÖRAN läutet, der Officier und der Rathsdiener treten ein. Führt den Gefangenen fort.

BRASKE steht auf. Haltet! – Herzog – ihr seyd in Gefahr – diese Briefe zeugen wider euch; wir müssen nach den Gesetzen richten, nicht das Herz, der todte Buchstabe wird nur gefragt. Wendet euch an euren königlichen Bruder.

JOHANN. Zahllose Briefe ließ er ohne Antwort.

BRASKE. Vielleicht – ich sage sicher, gelangten sie nicht bis zu ihm. Versucht es noch einmahl, ich will[75] den Brief bestellen. Seht mich nicht mit solchem Mißtrauen an; wohl hat die Menschheit nur ein kleines Recht auf euer Zutrauen, laßt mich es heut vergrößern.

JÖRAN. Ihr vergeßt wohl, Herr Geheime-Rath, daß kluge Vorsicht nicht gestattet, dem Hochverräther Schreibgeräth zu geben.

BRASKE. Ihr habt Recht. Auch habe ich vergessen, daß man diesen Hochverräther schuldig finden, und schuldig lassen will.

JÖRAN. Braske!

BRASKE kalt. Ruhig. Setzt sich. Ihr seht mich wieder auf der alten Stelle.

JOHANN. Hatte ich Unrecht, dich mit Mißtrauen anzublicken? Unter allen diesen Larven nur ein Mensch.

JÖRAN. Ich frage euch zum letzten Mahl, wißt ihr etwas, das euch entschuldigen kann?

JOHANN stolz. Entschuldigen kann sich nur der Schuldige; rein stehe ich vor Gott und Menschen. O ihr im Richteramt ergraute Männer, lehrte die Erfahrung euch nicht den Verbrecher kennen? – Ich blicke euch ruhig an, indeß mich euer Auge vermeidet. Nicht stärker klopft mein Herz, in eurem Busen muß es stürmen. Käme jetzt ein Richter, der, mit der Hand auf's Herz gelegt, den Schuldigen entdecken wollte, mich spräch' er frey, den Rath befände er schuldig.

JÖRAN. Fort –

JOHANN. Schweden! als Gustav Wasa's Sohn, als Finnlands Herzog rede ich zu euch. Ihr habt dem großen König sterbend angelobt, die Rechte seiner Söhne zu beschützen, stets der gerechten Sache beyzustehen. –[76] Wie habt ihr diesen Schwur erfüllt? – Ich, sein liebster Sohn, wie hat mich euer Haß verfolgt? Ihr nahmt die Freyheit mir, und strebt nach meinem Leben.

JÖRAN. Das habt ihr verwirkt.

JOHANN. Leidenschaftliches Insect! – ist der Faden, den dein Geifer spann, endlich lang genug, den Königssohn darin zu fangen? O fürchte nicht, daß ich dir zu entfliehen trachte; ruft ihr das Verderben selber über euer Haupt, so komme es auch mit seinem gräßlichen Gefolge. Vergießt mein Blut, zerreißt die Bande der Natur – gebt der Welt ein Beyspiel unerhörter Grausamkeit. Wenn der Bruder seinen Bruder schlachtet, wenn solchen Gräul der König selbst verübt, dann lös't sich jedes Band der Tugend bey dem Volke. Dann würgen Söhne die ergrauten Väter, Mütter ihre neugebornen Kinder, verbrecherisch umarmt der Bruder seine Schwester. Blutschänderisch tritt dann aus des Lasters Pfuhl ein neues Volk hervor, eines solchen Königs, eines solchen Rathes würdig.

JÖRAN. Unerhört! – so spricht der Verbrecher mit dem Richter?

JOHANN. Gott sey der Richter zwischen mir und meinem Bruder, ihr könnt mich morden, aber richten nicht.

JÖRAN zum Officier. Bringt ihn fort –

JOHANN geht zu Braske, reicht ihm die Hand. Es that mir wohl, die Stimme eines Menschen hier zu hören. Einzeln, wie ein Fruchtbaum in der Wüste, von höherer Hand dahin gepflanzt, stehst du auf diesem lasterhaften Boden. Hoch ragt dein Haupt empor, der Schierling,[77] der zu deinen Füßen wächst, hat deine Säfte nicht vergiftet. – Greis! – dein weißes Haupt erinnert mich an meinen Vater, mir war, als ob er spräche, als sey er für die Rettung seines Sohnes dem Grab entstiegen. Ich bin beraubt, habe nichts; Gustavs Sohn steht ärmer als ein Bettler vor dir, nichts blieb ihm, womit er treue Liebe lohnen kann, als dieser Händedruck und diese Thräne. Gott lasse dich sanft hinüber gehen, dieß ist der Tugendhaften Heimath nicht – dort sehen wir uns wieder. Ab.


Quelle:
Johanna Franul von Weißenthurn: Neue Schauspiele. Band 1, Wien 1817, S. 73-78.
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