Achter Auftritt

[81] Die Königinn mit zwey Frauen, Wolowsky.


KÖNIGINN. Ihr wollt mich sprechen?

WOLOWSKY unterdrückt. Eure Majestät –

KÖNIGINN. Es sey dringend, sagte mir der Page.

WOLOWSKY. Ich bitte Eure Majestät, mir diese Freyheit zu verzeihen. Ich weiß, daß ich erst förmlich um ein gnädige Audienz – allein, die Noth kam hier dem Hofgebrauch zuvor.

KÖNIGINN. Ihr seyd bewegt, ihr zittert – sprecht schnell, was kann ich für euch thun?

WOLOWSKY. O gnädigste Frau, gestattet, daß ich ohne Zeugen –

KÖNIGINN winkt den Frauen, sie entfernen sich. Wir sind allein.

WOLOWSKY. Viel hat die Königinn schon für den fremden Mann gethan – wird sich ihr Auge von mir wenden, wenn ich es wage –

KÖNIGINN. Sprecht.

WOLOWSKY fürchtend. Für die Verwandten sie um Schutz zu flehen?[81]

KÖNIGINN ahnend. Für die Verwandten?

WOLOWSKY. Schwarz hängt der Himmel über diesem Lande – bald – bald hüllt es sich in einen Trauerflor, nur eure Hand vermag ihn wegzuziehen. O säumt nicht gnädigste Frau, Dringend. säumt nicht, es wird zu spät.

KÖNIGINN. O Gott! Wendet sich weg.

WOLOWSKY. Johann, der Bruder eures Gatten, ein Sprößling aus dem königlichen Stamme, er stirbt – o Gott – er stirbt auf dem Schaffot.

KÖNIGINN für sich. Allmächtiger!

WOLOWSKY. Seine Gattinn, meines Königs Tochter, sie überlebt ihn nicht. Dasselbe Beil, das ihren Gatten tödtet, trifft auch sie – Sieht ängstlich aufmerksam auf die Königinn und sagt schonend mit Beziehung auf sie. Man sagt, er habe mächtige Feinde an diesem Hofe, sie umstricken des Königs Herz, verschließen es der Stimme der Natur. – Vielleicht, vielleicht drückt ihn auch eigne Schuld, vielleicht hat er gefehlt, aber, verzeihen ist ja so himmlisch süß, dem im Staub getretenen hülfreiche Hand zu biethen, ist doppelt groß, wenn er uns einst beleidigt hat.

KÖNIGINN. Johanns Feind ist unversehnlich.

WOLOWSKY mit Angst. Das verhüte Gott. Möge er an seine letzte Stunde denken, wie will er dort Vergebung seiner Sünden hoffen, wenn er hier nicht vergibt? O gnädigste Frau, ich komme aus seinem Kerker – was er auch gethan, in jenem schrecklichen Gewölbe hat er streng gebüßt. Erbarmt euch des Verfolgten, nehmt ihn in euren Schutz.

KÖNIGINN mit Wehmuth. Was kann ich für ihn thun?[82]

WOLOWSKY. Alles, alles; – ich wollte zu dem König, man ließ mich nicht zu ihm, euch ist der Weg zu ihm, euch ist sein Herz offen! bestürmt es, flehet, bittet, tretet, wie ein Engel, friedlich zwischen die getrennten Herzen, vereinigt sie, verscheucht die Furien des Hasses, winket der Liebe – der Versöhnung.

KÖNIGINN seufzend. Umsonst – Ericks Furcht, durch Johanns Anhang Reich und Krone zu verlieren, macht es seinen Feinden leicht, ihn zu verderben, und mir unmöglich, ihn zu retten.

WOLOWSKY flehend. O Königinn – wagt den Versuch.

KÖNIGINN. Glaubt ihr, ein Fremder müsse mich an meine Pflicht erst mahnen? mich triebe nicht das eigne Herz, von dem Gemahl die Schande, und die gewisse späte Reue abzuwenden? – Ich lag im Staub vor ihm, ich warf mich überall ihm in seinen Weg, ich flehte, weinte, jammerte, benetzte seine Hand mit meinen Thränen – es gilt mein eigen Leben, sprach er kalt; wer ferner für ihn bittet, will meinen Tod. – Das Wort erstarb auf meinen Lippen, nur Thränen hatte ich noch, das Unglück unsres Hauses zu beweinen.

WOLOWSKY. Wie? das habt ihr gethan? ihr Königinn? Wie? so gehört ihr nicht zu seinen Feinden? ihr haßt ihn, ihr verfolgt ihn nicht?

KÖNIGINN. Alter Mann –

WOLOWSKY. Nein – nein – Mitleid und Erbarmen ist in diesen Zügen – ihr haßt nicht – ihr habt es längst vergessen, daß Johann euch beleidigt hat.

KÖNIGINN. Johann hat mich nie beleidigt, und wäre es auch, Marie rächt sich nie.[83]

WOLOWSKY. O guter Gott! verzeih' mir alten Mann die Sünde, daß ich nur einen Augenblick an diesem Herzen zweifeln konnte. Johann – Catharina – ihr seyd im Irrthum, geht nicht, den Fluch im Herzen über euren Engel, aus der Welt.

KÖNIGINN bewegt. Sie fluchen mir? mir?

WOLOWSKY. Ihr habt umsonst gefleht? zu seinen Füßen sah er die geliebte Gattinn, hart blieb sein Herz? o dann ist Johann nicht zu retten! dann steht Brudermord unwiederruflich fest in seiner Seele; dann fort mit ihr aus diesem Lande, fort – Will gehen.

KÖNIGINN. Wo wollt ihr hin?

WOLOWSKY. Die Gattinn aus den unglückseligen Armen reißen, daß nicht die Henkersknechte sie entweihen. Ach! ihr wißt nicht – er ist Vater – ein hoffnungsvoller Knabe weint ihm nach. – O gnädigste Frau! seht mich zu euren Füßen, erbarmt euch seines Weibes, seines Kindes, nehmt tröstend sie in eure Arme, laßt sie nicht von euch, bis der Unglücksschlag geschehen.

KÖNIGINN. Alter Mann! muß ich dir wieder sagen, daß ich mich zu keiner Pflicht erst mahnen lasse? Was du verlangst, was ich thun konnte, ist geschehen. Sie zieht im Hintergrund an einem Vorhang. Blick um dich!


Quelle:
Johanna Franul von Weißenthurn: Neue Schauspiele. Band 1, Wien 1817, S. 81-84.
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