Dritter Auftritt

[234] Marie. Waldberg.


MARIE geht über das Theater, will in der Baroninn Zimmer; wie sie Waldberg erblickt, bleibt sie stehen, verneigt sich und will dann fort.

WALDBERG. Madame Vernon – ich bitte um einen Augenblick –

MARIE kommt langsam näher. Was befehlen Sie?

WALDBERG. Dieß harte Wort ist ein Vorwurf meiner Zudringlichkeit – aber – ich habe nun Vertrauen zu diesem offnen Auge; jeder Ausschluß, der mir über die[234] Verhältnisse dieser Familie werden muß, komme von Ihnen.

MARIE verlegen. Wie kann ich –

WALDBERG. Sie sind lange genug in diesem Hause, um seine Bewohner zu kennen. – Man spricht von einer dritten Tochter der Baroninn – wo ist die?

MARIE wendet sich weg.

WALDBERG. Ich weiß, man denkt nicht gerne an sie, ja man vermeidet von ihr zu sprechen, weil die Baroninn sie haßt.

MARIE. O – nein.

WALDBERG. Sie soll liebenswürdiger als ihre eignen Kinder seyn, darum entfernt man sie.

MARIE. Lüge – alles Lüge!

WALDBERG. Auch sollen sie die jüngern Schwestern um ihre Vorzüge beneiden.

MARIE. Die guten Kinder! nein, o nein!

WALDBERG. Ich habe es von Personen, die –

MARIE schnell. Verleumder –

WALDBERG. Wo lebt die Unglückliche, die Verstoßene?

MARIE. In diesem Hause – Sie sehen also, daß sie nicht verstoßen ist.

WALDBERG. Aber doch unglücklich?

MARIE. Nein.

WALDBERG. Bey einer Stiefmutter wie die Baroninn, die nur die eignen Kinder liebt.

MARIE. Das Kind, das sie geboren, muß ihr werther seyn, als das, woran nur kalte Pflicht sie bindet. Ein fremdes Wesen stand vor ihr, und hieß sie Mutter; war es ein Wunder, daß keine Stimme in ihrem Herzen[235] Tochter rief? Und als sie Mutter ward, das erste Lallen eigner Kinder hörte, das eigne Auge ihr entgegen strahlte, die eigne Stimme aus dem Kinde sprach, da rissen plötzlich jene dünne Fäden, die nur die Pflicht, nicht Liebe webte. Der Rahme Mutter weckt die Liebe nicht, nein! Blick und Ton muß ihn zum Herzen tragen, nur dann durchdringt er jede harte Rinde, und liebevoll gibt ihn das Herz zurück.

WALDBERG. Wie, Sie entschuldigen?

MARIE. Es ist mir Pflicht.

WALDBERG. So wäre es Lüge, daß Baron Wendheim seine älteste Tochter verheirathete, um sie den Verfolgungen der bösen Stiefmutter zu entziehen? daß seine Wahl auf einen Unwürdigen fiel, daß –

MARIE. Herr von Waldberg, wer so viel weiß, muß alles wissen, und manche Schattenseite wird sich dadurch hellen. Baron Wendheim hing an seiner ältern Tochter, weil sie das Ebenbild der Mutter war, die ihm der Tod geraubt, mehr als die Kinder liebte er sie, die ihm die zweyte Gattinn schenkte, und das entging dem Mutterauge nicht, das gleiche Rechte, gleiche Liebe fordert; so stand sie feindlich zwischen beyden Ältern, so konnte sie der Mutter Herz nicht rühren. Der Vater sann darauf sie zu vermählen, er wählte schnell, zu schnell, er fand den Würdigen nicht. Mit reicher Mitgift und mit reichem Segen, trat sie mit ihrem Gatten in die Welt, doch in Erfüllung ging der Vatersegen nicht. Bald sah sie sich an einen Mann gebunden, der ihr Vermögen suchte, nicht ihr Herz, der nur verschwenden wollte, nicht erwerben. Ihr Reichthum schmolz dahin, ihr[236] Mann erlag dem wilden Leben, er starb, und eine Bettlerinn stand freundelos in der Welt. Zum Vaterhaus trieb sie die Noth und ihr Gefühl zurück, vergessen hatte, sie was sie gelitten, als sie die Thürme dieser Stadt erblickte, der Heimath schlug ihr frohes Herz entgegen, der Heimath, die den Vater in sich birgt. Der Wagen hielt, es öffnet sich die wohlbekannte Pforte, und öde war es in den weiten Hallen, kein Laut, kein Ton, der sie willkommen hieß. Sie wankte zu der Thür ihres Vaters, der Schall von Bethenden drang in ihr Ohr, und als sie bebend öffnet, großer Gott! da deckt ein Leichentuch des Vaters Hülle – auch ihre letzte Stütze sank in's Grab.

WALDBERG. Sie haben mich erschüttert.

MARIE. Am Sarge des Vaters fand sie bald die Schwestern; das Auge voll Thränen schwuren sie sich Liebe, und hielten treu den schwesterlichen Bund.

WALDBERG. Auch einen Gatten soll sie wieder finden, im Arm der Liebe jedes Leid vergessen. Alles, was ich von ihr höre, fesselt mich an sie; ich bin entschlossen –

MARIE. Großer Gott! nein, nein, sie kann keinen Mann beglücken.

WALDBERG. Warum nicht?

MARIE. Ihre leidende Gestalt – ihre Schwermuth –

WALDBERG. Sie verwandle sich in Freude – Marie – ich glaube, so heißt sie – seyn Sie meine Fürsprecherinn bey Marien, sagen Sie ihr, daß ich sie mit der Welt, mit dem Glück, mit der Menschheit versöhnen will, daß ein redlicher Mann um sie wirbt, ein Mann, der ihre[237] Leiden fühlt, und dem ihr Glück heilig seyn wird. Sollte sie meine Hand ausschlagen?

MARIE. Sie muß.

WALDBERG. Sie muß?

MARIE. Sollte sie ihre Schwester bestehlen? nein – nein, das wird sie nimmermehr! Auch Sie werden Ihren Entschluß ändern, wenn Sie sie gesehen.

WALDBERG. So wissen Sie denn, ich habe sie gesehen.

MARIE. Wie?

WALDBERG. Ich kenne und liebe sie.

MARIE. Sie lieben –

WALDBERG. Ja, ich liebe sie – Marie – der Schleyer fällt, ich kenne und liebe Sie, werden Sie meine Frau!

MARIE. Nie, niemahls – meine Schwestern –

WALDBERG. Sie sollen nichts verlieren.

MARIE. Meine Mutter –

WALDBERG. Soll Ihnen jetzt erst Mutter werden.

MARIE. Nein, nein – o nein! Herr von Waldberg, der Schleyer fiel, Sie sehen hell und klar. Ja, die leidende Gestalt steht vor Ihnen, aber sie will, sie kann den flüchtigen Eindruck nicht benutzen, den ihre Lage in diesem Hause auf Ihr Herz machte. Sie treten mit vollen, gültigen Ansprüchen auf Lebensfreuden in die Welt, und wollten eine welke Blume in den Kranz Ihres häuslichen Glückes flechten, die man nicht sorgsam genug wählen kann, um ihre Dauer nicht zu überleben. Nie, nie werde ich meine Schwester, welche Sie auch wählen, um ein Herz bestehlen, das, wie ich Sie nun kenne, eine Frau sehr glücklich machen muß. Sie würden mich zwingen dieses Haus zu verlassen, wenn Sie diese Leidenschaft[238] nicht unterdrücken, die aus Mitleid entstand, und uns Beyde sehr unglücklich machen würde. Ich habe das nasse Auge eines guten Menschen gesehen, habe sein tröstendes, theilnehmendes Wort gehört, dafür werde ihm das Geständniß meiner innigsten Hochachtung. Dieß Gefühl kann ich laut für Sie bekennen, fordern Sie kein anderes von mir, und geben Sie mir kein anderes zurück. Ich sehe Sie nie mehr – Gott gebe Ihnen alle Lebensfreuden, die gute Menschen verdienen – aber – ich bitte Sie – sehen wir uns nie mehr Ab.

WALDBERG. Nie mehr? ich sollte dir entsagen? und mit dir meinem Glück? Bethe für uns Beyde um Lebensfreuden, denn ohne dich kenne ich sie nicht mehr.


Quelle:
Johanna Franul von Weißenthurn: Neue Schauspiele. Band 2, Wien 1817, S. 234-239.
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