Erster Auftritt

[223] Bilau. Grundmann.


BILAU unter der Seitenthüre, ruft heraus. Gleich, gleich – Spricht hinein. Die Post expedirt, die bewußten Briefe nach Hamburg, noch einen nach Frankfurt, dann ist alles in Ordnung. Kommt heraus. Nun Freundchen, wie steht es?

GRUNDMANN. Vortrefflich.

BILAU. Mein Auftrag?

GRUNDMANN. Auf das pünktlichste vollzogen.[223]

BILAU klopft ihm auf die Schulter. Dafür kenn' ich Sie. Aber jetzt lassen Sie mich hören, wie Sie alles eingeleitet.

GRUNDMANN fängt erzählend an. Als ich –

BILAU. Halt – Ruft in das Seitenzimmer. Das Geschäft mit den acht Fässern Zucker wird abgeschlossen.

GRUNDMANN. Wir haben noch Ueberschuß im Magazin.

BILAU kommt vor. Wird sich vergreifen, die Menschen versüssen sich das Leben gerne. Wie die Zeiten bittrer werden, wirft man ein Stück Zucker mehr in den Kaffee.

GRUNDMANN lacht. Ja wenn Sie so –

BILAU. Zur Sache. – Das Mädchen –

GRUNDMANN. Wird erscheinen.

BILAU. Als Braut?

GRUNDMANN. Als Dero Braut.

BILAU. Aber der Vater weiß doch?

GRUNDMANN. Daß alles nur Scherz ist? Weiß er, ehrenwerther Herr Prinzipal.

BILAU. Daß ich in meinen alten Tagen an keine Heirath mehr denke –[224]

GRUNDMANN. Diese List nur gleichsam als Hebel gebrauchen, den Herrn Sohn in den Ehestand zu spediren – weiß er, weiß er.

BILAU. Wie benahm sich der Bauern?

GRUNDMANN. Wie ein kluger Mann. – O die heutigen Bauern sind nicht mehr die von vor hundert Jahren. – Seitdem sie die Hühner und Gänse selber essen, den jungen Wein verkaufen, und den alten trinken, seitdem haben sie Rathsherrn-Verstand.

BILAU. Er ist also zufrieden –

GRUNDMANN. Daß seine Tochter als Dero Braut figurire, um den Herrn Sohn zur baldigen Vermählung zu bewegen, nach erlangtem Ziele aber mit 1000 Fl. Heirathsgut ihrem Vater als ehrbare Jungfrau zu anderweitiger Verfügung wieder zugestellt werde – so ist der Akkord.

BILAU. Aber das Mädchen glaubt –

GRUNDMANN. Eine reiche, vornehme Frau zu werden? – Muß es glauben, muß. Ihre Einfalt würde alles verrathen.

BILAU lacht, deutet auf die Stirne. Ist sie recht –

GRUNDMANN einfallend. Dumm? Ja, das weiß mein Gott, dumm ist die[225] liebe Seele, ein pures Kind der Wiesen und Felder, sie steht, gleichnißweise zu reden, alle Augenblicke am Berge.

BILAU. Desto besser. Mein Sohn hat Ehrgeiz, die Furcht eine solche Stiefmutter zu bekommen, muß das meiste bei der Sache thun. – Seit dem Tode seiner Mutter dring' ich unaufhörlich in ihn, sich eine Frau zu nehmen, umsonst; er ist bis zum Rasendwerden in ein Mädchen verliebt, das ihm die Mutter nicht giebt, bis ihre älteste Tochter einen Mann hat.

GRUNDMANN. Und das Fräulein sind schon heran gewachsenen Leibes, und reifen Verstandes, bis die einen bekömmt –

BILAU. Kann bei diesen männerarmen Zeiten länger hergehen, als ich Lust habe, auf eine Schwiegertochter zu warten. Die acht Tage Bedenkzeit, die letzte Frist die ich meinem Sohne gab, sind heut verstrichen. Heute muß ich wissen, woran ich bin, und im Vertrauen, Etwas leise. nebst der Angst, die ich ihm mit meinem Bauermädchen einjage, habe ich noch etwas im Sinn – einen Haupt-Coup

GRUNDMANN. Der wäre?

BILAU. Eine Ambassade an die Mutter, Sie müssen der Räthin vorstellen –

GRUNDMANN. Herr Bilau, wo denken Sie hin – ich schlichter, einfältiger Mann –[226]

BILAU. Sie kluger, vorsichtiger Mann; Sie wissen Ihre Rede zu stellen, setzen alles klar und verständlich auseinander. Da kommen denn die Weiber eben so klar und verständlich ins Antworten, eins giebt das andere, und der Handschlag ist da. – Sie Freundchen, Sie, und kein anderer ist der Mann.

GRUNDMANN. Nun, wenn Sie meinen, daß ich dem Anmuthen gewachsen bin. – Muß mich aber doch erst darauf vorbereiten; es ist doch nicht gradezu der Gang nach der Börse, es ist ein ganz besonderes Risco.

BILAU. Was Risico – alle sollen gewinnen, kein Mensch soll dabei verlieren. – Grundmann, wenn Sie es dahin bringen, daß sie meinem Sohn das Mädchen giebt, gleich jetzt, ohne weitern Aufschub giebt; Sie haben mich durch manchen Gang zum reichen Mann gemacht, aber durch diesen machen Sie mich zum glücklichsten – und Sie wissen wohl, ich schiebe meine Freude nicht in die Tasche, behalte sie nicht allein, ich theile mit. Grundmann, hier Hand und Wort darauf, es soll Ihr Schade nicht sein.

GRUNDMANN. Was Schade – doppelter Gewinn. – Bei jedem Geschäfte, das ich zu Ihrer Zufriedenheit beendigt hatte, war Ihr Händedruck, Ihr freundliches Auge mein liebster, bester Lohn Wir gehören nicht zu den jetzigen Mäcklern, sondern zu dem biedern Schlag alter Handelsleute, bei denen diese Münze auch etwas gilt, und wer die gelten läßt, und ihren Werth erkennt, kann nie banquerot werden.[227]

BILAU. Recht so, mein redlicher Freund. – Also, der Krieg gegen meinen Sohn ist erklärt, über unsern Operazionsplan sind wir einig, jetzt hole ich den Feind. Will gehen, bleibt wieder stehen. Hören Sie, so ernsthaft ich es auch vorbringen werde, daß ich damit umgehe, selbst noch eine Frau zu nehmen, geben Sie Acht, er glaubt es nicht, er lacht mir ins Gesicht. Dann lasse ich Sie mit ihm allein, Sie bearbeiten ihn, erzählen ihm von meiner ländlichen Braut – ja – wenn er nicht nachgiebt, ich treibe es bis zum Kirchengang – dann haben wir ihn, dann ruft er: halt! ich gehe diesen Weg. Rasch werf ich meinen Hochzeitsstrauß in die Ecke, schiebe meine Braut zur Thüre hinaus, falle ihm um den Hals, segne ihn, bin der glücklichste Vater, und übers Jahr, wer weiß, Großvater. Auf einmal ernst. Aber jetzt ernsthaft. Ruft ins Seitenzimmer. Ferdinand, auf ein Wort. Lacht zu Grundmann. Der wird Augen machen. – Wieder ernst. Wo bleibst du?

FERDINAND im Seitenzimmer. Ich unterschreibe nur.

BILAU kommt vor. Ach – wäre es der Ehekontrakt. Aber für jeden Vogel ist eine Beere gewachsen, wir fangen ihn, wir haben ihn –


Quelle:
Johanna Franul von Weißenthurn: Neueste Schauspiele. Band 9, Berlin 1821, S. 223-228.
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