6. Der abgesetzte Haus-Knecht

[31] 1.

Du liebe junge Magd, dein treuer Haus-Knecht kömmt,

In dem er hie und da betrübten Abschiedt nimmt,

Und gibt dir auch die Hand: wie saur gehts ihm ein,

Daß er nicht weiter darff dein lieber Haus-Knecht seyn.


2.

Ach nimm die fromme Hand! nimm sie zu guter letzt,

Und dencke daß sie sich zwar öffters hat ergetzt,

Wann sie auß Schuldigkeit dir einen Dienst gethan,

Doch daß sie weiter nicht im Dienste bleiben kan.


3.

Ich sage nur nicht viel, es geht mir freylich nah;

Doch dieses ist gewiß ich bliebe gerne da.

Du liebe junge Magd, du kennest meinen Sinn,

Du weist daß ich bey dir am allerliebsten bin.


4.

Dieweil ich aber nun das Ding nicht ändern kan,

So nimm doch meinen Gruß mit guten Hertzen an,

Und wisse daß du zwar nit allzugrosse Lust,

Jedoch ein frommes Kind hinfort entrathen must.


5.

Hab ich dich ja erzürnt durch irgend einen Tritt,

So gib mir doch den Trost auff meine Reise mit,

Und gieb mir zu verstehen ohn allen Heuchel-Schein,

Daß aller Mißverstand nun sol vergessen seyn.


6.

Wiewol ich habe dir fürwahr kein Leid gethan,

Schau nur die gantze Zeit in meinem Leben an:

Hast du was außgelegt nicht als ich es gemeint,

So sey der Außlegung und nicht der Sache feind.


7.

Ob ich gleich manchesmal sehr außgelassen bin,

So kommt die Frömmigkeit mir doch nicht auß dem Sinn:

Ich bin so von Natur, ich kan nicht anders thun,

Ich kan nicht gar zu lang auff einer Stelle ruhn.


8.

Wer aber mein Gemüth darbey betrachten wil,

Der findet sicherlich das rechte Widerspiel:

So lose manches Wort in meinem Reden scheint,

So gut und redlich hats mein Hertze wohl gemeynt.


9.

Es steht in dieser Welt doch auß dermassen schön,

Wann treue Seelen recht in stiller Freundschafft stehn:

Man ist drumb nicht verliebt, man ist einander gut,

Als wie ein guter Freund mit seinem Freunde thut.


10.

Ich darff nicht mehr so thun, ich habe so gethan,[32]

Nimm alles was geschehn im besten auff und an,

Und gönne mir zuletzt ein freundlich Angesicht,

Doch meine Bangigkeit siehst du die Helffte nicht.


11.

Hiermit zu guter Nacht du liebe junge Magd,

Was hilfft es wann man sich gleich noch so sehr beklagt?

Ich muß doch endlich fort, kan es nicht jetzt geschehn,

So kan ich dich vielleicht auff deiner Hochzeit sehn.


12.

Und was ich biß dahin verborgen halten wil,

Das sol die Losung seyn bey deinem Hochzeit-Spiel,

Indessen lebe wohl und prüfe meinen Sinn,

Ob ich nicht biß daher dein treuer Hauß-Knecht bin.

Quelle:
Christian Weise: Der grünenden Jugend überflüssige Gedanken, Halle a.d.S. 1914, S. 31-33.
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