CAP. XXX.

[146] In wenig Tagen kamen sie in eine vornehme Stadt: und da legten sie sich in das beste Wirthshaus: bey Tische nahm einer die Oberstelle, welcher vor eins länger im Hause gewesen, und vors andere eine grosse und vornehme Person bedeuten solte. Er saß gantz Gravitätisch, wie ein Spanischer Ambassadeur, und wenn die anderen die Discurse liessen herumb gehen, machte er mit seinem Stillschweigen, daß man ihn vor einen köstlichen Mann hielt. Endlich setzte sein Junge vor dem Tische, indem er auffwarten solte, die Beine etwas krumm, da fieng er an zu fulminiren als wäre ihm etwas grosses wiederfahren. Du Stück von allen Ertzschelmen, sagte er, wie offt soll ich mich wegen deiner Unhöffligkeit erzürnen? nahm darmit sein Spanisch Rohr, und kurrentzte den armen Lauer durch alle prædicamenta durch, und gewiß, es war sehr verwunderlich anzusehen, wie der gute Junge so gedultig war, bald muste er die Schienbeine hinstellen, und sich auß aller Macht drauff prügeln lassen: Balt muste er mit den Händen Pfötgen halten: Bald muste er mit den Backen auffblasen, und eine Maulschelle nach der andern einfressen, und was der Händel mehr war.

Nachdem nun der arme Tropff wohl strappezirt war, fieng der Herr an, Ach du Bösewicht, siehe wie ich mir deinetwegen das Leben abkürtzen muß, ist es auch möglich, daß ein Tag vorbey geht, da ich mich nicht erzürnen muß. Wolte ich doch das Leben keinem Hunde gönnen. Ach Herr Wirth, ist keine Citrone da, die Galle läufft mir in Magen. Ach der Schelme wird noch zum Mörder an meinem Leibe, etc. die Compagnie sahe den Narren an und ließ ihn reden. Doch als ihn der Wirth in sein Zimmer gebracht, sagte Eurylas, nun das Glücke[146] hält sich wohl, die Narren präsentiren sich von Tage zu Tage besser. Der Zwecken-Peter möchte sich nicht erzürnen, wann ihm die Boßheit so geschwind in die Caldaunen fährt. So will er erstlich sehen lassen, daß er Macht hat so einen elenden Jungen zu prügeln, und vors andere thut er fein närrisch, daß die Leute dencken sollen, er wird flugs sterben. Ja es mag vielleicht ein trefflicher Handel an seiner Person gelegen seyn, daß die Leute deßwegen vor der Zeit Flöre auf die Hüte knüpfften. Und gewiß es verlohnte sich wohl der Müh, daß er so einer Lumpen-Ursach willen einen Fladenkrieg anfieng. Hätte auch der Junge was gethan, so weiß ich gewiß, der Hausknecht hätte nichts darnach gefragt, und hätte ihm umb sechs Pfennige in dem Stalle eine Galliarde mit der Spießruthe gespielt. Da sagte ein ander am Tische, mein Herr verwundere sich nicht zu sehr, das ist noch nichts, gestern karbatschte er den Kutscher im Hofe herumb, als einen Tantzbär, nur daß er nicht stracks gehöret, da er zum Fenster hinauß gepfiffen: da er doch erwiesen, daß er eben dazumahl die Pferde gefüttert. Nachmittage schleppte er seinen Schreiber in der Stube bey den Haaren herum, und pauckte mit einem Banckbein hinten nach, daß wir alle dachten, er würde ihn krum und lahm schmeissen, und als wir fragten, was er gethan, so hatte er die Sandbüchse in der Tafel-Stube vergessen. Der Junge, der ietzund so tractirt wurde, mag sichs vor eine Ehre achten, daß er ein Spanisch Rohr zu kosten kriegt: denn sonst muß er allzeit auf der Stube die Hosen abziehen, und da tritt der grosse Staatsmann mit der Ruthe davor, und besieht die postprædicamenta vom Auffgang biß zum Niedergang. Unterdessen schreyt der lose Dieb, als steckte er an einem Spiesse, und rufft seinen hertzlieben, güldenen, geblümelten Herrn ümb Gnade und Barmhertzigkeit an. Gelan. sagte darauff ein Esel mag sich in die Löwenhaut so tieff verbergen als er will, es kucken doch die langen Ohren hervor. Und ein Kerle, welchen die Natur zu einem Baculario in der A.B.C. Schule deputirt hat, mag so Politisch werden als er will, so kuckt doch die[147] Ruthe und der Stecken, gleichsam als zwey lange Esels-Ohren unter seiner Staats-Mütze hervor. Hiermit kam der Wirth wieder in die Stube, da fragte Eurylas, wer dieses gewesen wäre; Der Wirth sagte, es sey ein vornehmer Mann, er habe ein hohes Ampt, doch hätte es so einen langen Lateinischen Namen, daß er es nicht behalten könte. Zwar dieses wüste er von ihm zu rühmen, daß sich alle über ihn beklagten, als kennte er sich vor Hoffart selbst nicht, und hätte zwar geringe Meriten, doch sehr hohe Gedancken. Gelanor brach hierauff in folgende Worte herauß: Der Kerle strebt mit aller Gewalt nach dem Superlativo in der Narrheit. Was bildet er sich mit seiner vornehmen Charge ein? weiß er nicht, wenn die Schweine auf den Möhren- oder Rüben-Acker kommen, so erwischt die gröste Sau gemeiniglich das gröste Stücke. Es fällt mir bey, was in der alten Kirchen-Historie von einem Bischoff erzehlet wird. Dieser ließ sich viel düncken, daß er so ein vornehmes Ammt erlanget hätte, und sahe alle andere Leute gegen ihm zu rechnen vor Katzen an. Endlich erschien ihm im Schlaffe ein Engel, und redete ihn also an: Warumb erhebst du dich deines hohen Beruffs, meynst du, daß deine Qvalitäten solches verdient haben? Ach nein, die Gemeine ist keines bessern Bischoffs werth gewesen. Mich dünckt, wer manchen Rath, Superintendenten, Bürgermeister, Ammtmann, Richter und dergleichen anatomiren solte, es würde nichts anders heraußkommen, als Gott habe die Gemeine nicht ärger straffen können, als mit so einem geschnitzten Palm-Esel, dem man nun fast göttliche Ehre anthun müsse. Hier sagte einer am Tische, er hätte solches in der That offt erfahren. Ich kenne, sagte er, einen Burgemeister, der will sich an den Griechischen Patribus zu tode lesen: einen Superintendenten, der schreibt Commentarios über die Politica und vertirt Frantzösische Romanen: Einen Stadt-Physicum, der will Barthii Adversaria continuiren: Einen Schul-Rector, der refutirt die Ketzer: Einen Kauffmann, der ist ein Chymicus: Einen Soldaten, der sitzt Tag und Nacht über Teutschen Versen: Einen Schuster, der Advocirt und heist novo nomine Licentiat[148] Absatz: Einen Bauer, der schreibt Calender. Das heist mit kurtzen Worten so viel gegeben, ein iedweder Narr thut, was er nicht thun soll, und darzu er von Gott beruffen ist, das setzt er hinten an, gleich müste das ἔργον dem παρέργῳ weichen. Eurylas sagte hierauff, mein lieber Herr, diß geht wohl hin, da thut gleichwohl ein iedweder etwas, und zeigt dadurch an, daß er nicht gantz einen Grützkopff hat. Zum wenigsten dienen diese Sachen, wie mein alter Edelmann auß dem Tacito offt sagte, ad velandum segne otium: aber was soll man bey den Leuten thun, die gar nichts verstehn, und doch, wie jener, der Teufel gar bey der Cantzley seyn. Gelanor fiel ihm in die Rede, es bleibt darbey, wo dergleichen vorgeht, da ist die Gemeine oder das Land keines bessern werth gewesen. Gott strafft nicht nur mit Fürsten, die Kinder sind, oder doch Kindische Gedancken haben: sondern wo man kluge und vernünfftige Leute bedarff, da kan er ein Kind hinsetzen, dadurch die allgemeine Wohlfahrt in das Decrement gebracht wird. Und dannenhero sieht ein iedweder, was dieselbe vor Narren sind, welche auf die übele Administration bey hoher und niedriger Obrigkeit schmähen wollen. Du elender Mensch, gib achtung auf dich, ob du mit deinem bösen Leben was bessers verdienet hast. Vielleicht hat ein Fürst oder sonst ein hoher Minister offtmahls mehr auf die Unterthanen zu schelten, daß sie mit ihren Sünden und Schanden GOtt erzürnen, und also viel gute Consilia von ihrem guten Event zu rücke halten. Es dencke auch ein iedweder Bürger und Bauer nach, es wird alle Sonntage von der Cantzel vor die Obrigkeit gebetet. Aber wo ist einer, der solches mit Andacht nachspricht? daß es also kein Wunder ist, daß Gott so sparsam mit den Gütern gegen uns ümbgeht, darumb er so sparsam oder wohl gar nicht angeruffen wird. Unterdessen mag ein solcher zur Straff eingesetzter Großsprecher sich nicht zu viel auf seine Farbe verlassen. Käyser Caligula wolte seinem Pferde Göttliche oder Fürstliche Ehre erweisen lassen, gleichwohl blieb es ein Pferd und ward an sich selbst zu keinem Fürsten. Also wenn Gott einen Fuchs, einen Wolff, eine Sau, einen Esel oder wohl gar[149] eine Fledermauß von den Menschen zur Straffe will geehret wissen, so ist es zwar billig, daß man Gottes willen mit gantzem Hertzen erfüllt, doch das unvernünfftige Thier wird deßwegen kein Mensch. Ja es geht endlich wie mit dem Attila, der nennete sich Flagellum Dei; Aber nun liegt die Ruth im Höllischen Feuer und brennet. Wie ein Vater, wenn er die Ruthe gegen die Kinder gebrauchet hat, sie zuletzt in den Ofen wirfft. Mehr dergleichen wurden vorgebracht, biß die Compagnie auf einen andern Discurs gerieth, und endlich vom Wirthe vernahm, wie daß instehende Woche eine grosse Hochzeit, und auch ein groß Leichenbegängniß würde angestellet werden. Weil nun ein iedweder ohn disem gern außgeruhet hätte, ward alsobald beschlossen, beyde Actus in Augenschein zu nehmen.

Quelle:
Christian Weise: Die drei ärgsten Erznarren in der ganzen Welt. Halle an der Saale 1878, S. 146-150.
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