CAP. IV.

[29] Solche Anmerckungen hatte Gelanor über diesen vermeynten gelährten Wunder-Mann. Inmittelst aber, als diese beyde sich in der Bibliothec umsahen, satzte es im Wirthshause einen lächerlichen Possen. Der Mahler hatte gesehen, daß Gelanor den Brieff eröffnen lassen, und den Florindo stracks darauff allein zu sich gezogen, dahero muthmassete er, es müste was sonderliches darinnen gewesen seyn, und weil Eurylas noch immer sein bester Patron war, fragte er ihn in allem Vertrauen, was denn in dem Brieffe vor Heimligkeiten gestanden. Eurylas, dem nichts mehr zu wieder war, als wenn sich jemand ümb[29] frembte Händel bekümmerte, machte alsobald den Schluß, er wolte dem vorwitzigen Kerln einen artigen Wurm schneiden. Sagte derowegen, er hätte zwar den Inhalt gesehen, doch würde er bey dem Florindo grosse Verantwortung bekommen, wenn er nicht reinen Mund halten wolte. Endlich fügte er mit leiser Stimme dieses hinzu, ach ihr guter Mensch euch betraff das meiste, ich darff nur nicht schwatzen, wie ich will. Dieses machte den einfältigen Gesellen noch begieriger, daß er nicht allein viel hefftiger anhielt, sondern auch bey allen Engeln und Heyligen sich verschwur, im geringsten nichts davon zu verrathen. Auf solche Versicherung führte Eurylas den Mahler in eine Kammer, und bat nochmahls er solte ihm durch eine unzeitige Schwätzerey keine ungelegenheit machen, vertraute ihm darbey, der Priester in dem warmen Bade habe an den gelehrten Mann geschrieben, er solte den Florindo um seinen Mahler ansprechen, denn er habe eine schöne Stimme zu singen, und könne im Schlaffe einmahl capaunet, und hernachmahls bey der Music sehr schön gebrauchet werden. Was? sagte der Mahler, soll ich vor meine Treu so unmenschlich und Türckisch belohnet werden, so sey der ein Schelm, der noch eine Stunde hier bleiben will. Eurylas beruffte sich auf die gethane Versicherung er solte sich nichts mercken lassen, sonst würde er wissen, wie er mit einem solchen Verräther umgehen wolte; also war nun der gute Kerle in tausend Aengsten, und wuste nicht auf welcher Seite er es am ersten verderben solte. Den Eurylas mochte er nicht verrathen, und gleichwol schien es auch nicht rathsam seine zeitliche Wohlfahrt also zu verschlaffen: Er gieng auf dem Boden hin und wieder, und fing unzehlig viel Grillen, biß der Kopff voll ward, da kam ihm Florindo und Gelanor gleich in den weg, bey denen er seine Boßheit außlassen wolte. Ihr Herren, sagte er, wollet ihr einen Narren haben, so schafft euch einen, der sich wallachen läst, ich mag euch nit mehr dienen. Gelanor meynte der Brandtewein wäre ihm in das Gehirn gestiegen, und bat also, er möchte doch schlaffen gehen, sonst würde sein Gehirne und Verstand noch trefflich gewallachet werden. Aber[30] der Kerle befand sich noch mehr offendirt, und begehrte gleich weg seinen Abschied. Florindo fragte wer ihm denn zuwider gelebt, oder was ihm in der Compagnie mißfallen, daß er nun so bald wolte durchgehen. Allein es blieb dabey, er wolte kein Hammel seyn. Endlich kam es herauß, daß Eurylas ihm den Affen geschleiert, und zu dergleichen schrecklichen impression Ursache gegeben. Da verwieß nun Gelanor zwar dem Mahler seinen Vorwitz, welcher Gestalt derselbe keinen geringen Platz im Narren-Register verdienet hatte, der sich um solche Sachen gerne bekümmerte, die ihn doch im geringsten nichts angehen. Denn vor eins gäbe er seine Schwachheit an den Tag, daß er sich selbst nicht erkenne, sondern was anders erkennen wolle, das ihm nichts nütze wäre. Darnach müste er gewärtig seyn, daß ihm allerhand Narren-Schellen angehenckt, und er mit einem unrechten Bericht abgewiesen würde. Da gienge darnach ein Fantast mit seiner ungereimten Einbildung, und hätte dieß zum Profit, daß ihn die Leute außlachten. Das war nun die Lection vor den Mahler: Aber Eurylas konte sich bey dem Gelanor nicht so gar entschuldigen, daß er nicht hätte hören müssen: Ein kluger, der sich eines andern Einfalt mißbrauchte, machte sich muthwillig mit zum Narren, alldieweil es schiene, als gäbe er Ursach zur Narrheit, und hätte an einem thörichten Menschen Lust, den er leicht könne klüger machen. Wiewohl Eurylas lachte, und meynte, zum wenigsten würde auß dieser Thorheit der grosse Nutz zu gewarten seyn, daß der Mahler ins künfftige nach keinen frembden Zeitungen fragen würde. Endlich machte Florindo den besten Außschlag, und spendirte dem Mahler ein paar Ducaten, damit war die Sache verglichen. Nun war es noch zu zeitlich zur Abendmahlzeit, darum meynten Gelanor und Florindo es würde am besten seyn, daß sie durch einen kleinen Spatziergang sich einen Appetit zum Essen erweckten. Als sie aber an die Thüre kamen, sahen sie in dem Hause gegen über einen jungen Menschen, der allen ümbständen nach wolte vor einen Stutzer angesehen seyn, er war etwas subtil und klein von Person, doch hatte er eine Parucke über sich hencken lassen, die[31] fast das gantze Gesichte bedeckte, daß man eine artige Comœdie vom Storchsneste hätte spielen können. Uberdiß waren in den Diebs-Haaren wohl ein Pfund Buder, und etliche Pfund Pomade verderbet worden, und auß solchem Gepüsche guckte das junge Geelschneblichen mit einem paar rothen Bäckgen herfür, als wenn er das Gesichte mit rothem Leder oder mit Leschpappier gestrichen hätte. Die Lippen bies er bald ein, bald ließ er sie wieder auß, nicht anders als wie die Schiffer, wenn sie zu Hamburg das Vier außkosten. In der Krause steckte ein schöner Ring, der mit seinen hertzbrechenden Stralen die Venus selbst überwunden hätte, wenn nicht ein bund Band im Wege gestanden. Auf den Ermeln, absonderlich auf den Lincken, der von Hertzen geht, war ein gantzer Kram von allerhand liederlichen Bändergen aufgehefft, welche, weil sie keine Accordirende Farben hatten, sich ansehen liessen, als wären sie von bändersüchtigen Personen zum Almosen spendiret worden. Zur Kappe baumelten wohl sechs Trodelchen vom Schnuptuche herauß, die Schuh waren mit so viel Rosen besetzt, daß man nicht wuste, ob sie von Corduan, oder von Englischen Leder waren. Der Degen gieng so lang hinauß, daß sieben Dutzent Sperlinge drauff hätten Platz gehabt, und im Gehen schlug er so unbarmhertzig an die Waden, daß, wenn die Kniebänder nicht etwas auffgehalten, er ohn Zweiffel in acht Tagen hätte den Vulcanum agiren können. Und welches vor allen dingen zu mercken war, so lieffen die artigen und verliebten Mienen dermassen nett, als wolte er die Circe selbst bezaubern. Mit den Händen legte er sich in so schöne positur, daß er gleichen Weg in den Schiebsack und auf den Hut haben könte. Die Füsse setzte er so außwerts, daß man augenscheinlich abnehmen muste, der Mensch wäre über vier Monden zum Tantzmeister gegangen. Mit einem Worte, das Muster von allen perfecten Politicis stund da. Gelanor sahe ihn wohl an endlich fragte er den Florindo was er von dem Kerln hielte. Dieser gab zur Antwort, wenn er es zu bezahlen hätte, könte man ihn nicht viel tadeln, ein iedweder brauchte das Geld nach seinem Belieben. Und darzu[32] stünde es reputirlicher, wann ein Mensch etwas von sich und seiner Schönheit hielte, als daß er auffgezogen käme, wie die fliege auß der Buttermilch. Ey versetzte Gelanor, gefällt euch das schöne Kartenmänngen, fürwar wer diesen hätte und drey Scharwentzel darzu, der könte 50. Thaler besser bieten. Sehet ihr nicht, daß er mit der höchsten Thorheit von der Welt schwanger geht. Wem zu Gefallen butzt er sich so? Die Männer achten es nicht, und wo es der Weiber halben geschicht, so verlohnt sichs nicht der Müh. Kaufft er solches vor sein Geld, so solte man ihm einen Curatorem furiosi oder prodigi, wolt ich sagen, bestellen, der ihm die Regulas parsimoniæ etwas beybrächte: ist er aber allen Leuten schuldig, so solte man seine Laus Deo die er zu hause liegen hat, mit unter die Favörgen hefften, daß das Frauenzimmer wüste, was vor Sorgen und Ungelegenheit er ihrentwegen einfressen müste. Reinlich und nett soll ein junger Mensch gehen, denn an den Federn erkennet man den Vogel, an den Kleidern das Gemüthe. Allein es ist ein Unterscheid unter erbaren und närrischen Kleidern. Æstimirt man doch einen fahlen Papagoy höher, als einen bundscheckigten. Drumb ist es nicht die Meynung, wenn man solche Kleider verspricht, als möchten sie nun kein Hemde mehr waschen lassen, die Hosen möchten hinden und forn offen stehn, und alle Grobianismi möchten nun frey practicirt werden. Sondern gleich wie der sündiget, der in der Sache zu wenig thut, also ist ein ander in gleichem Verdamniß, der sich der Sache zu übermässig annimmt. Hierauff spatzirte der Teutsche Frantzose die Gasse hin, und ließ die Augen an alle Fenster fliegen, sahe sich auch bißweilen um, ob iemand oben oder unten sich über den schönen Herrn verwunderte. Gelanor sagte, wir wollen eine kleine Thorheit begehen, und dem Kerlen nachfolgen, er wird ohn Zweifel in solchem Ornat an einem vornehmen Ort erscheinen sollen. Nun gieng er so langsam und gravitätisch, als wäre er darzu gedingt, daß er die Fenster und die Dachziegel zehlen solte, und in Warheit, hätte man ihm einen Besem hinden hinein gesteckt, so hätte ein Ehrnvester Rath derselben Stadt etliche Gassenkehrer ersparen können. Wann[33] sich etwas an einem Fenster regte, es möchte gleich eine Muhme mit dem Kinde, oder ein weisser Blumen-Topff, oder gar eine bunte Katze seyn, so muste der Hut vom Kopffe, und hätte er noch so fest gestanden. Und solches geschah mit einer unbeschreiblichen Höffligkeit, daß man nicht wuste, ob er sich auf die Erde legen, oder ob er sich sonsten seiner Bequemligkeit nach, ein bißgen außdehnen wolte. Nach vielen weitläufftigen Umschweiffen kam er wieder vor das Haus, darauß er gegangen war, und Gelanor, als ein Unbekanter selbiges Orts, kam vor sein Wirtshaus, ehe er es war inne worden. Sie wunderten sich, wie es zugienge, und hätten sich leicht bereden lassen ein Wirtshaus wäre dem andern ähnlich, wann nicht der arme Mahler in dem Hause auf einem Steine gesessen, und die Sorgenseule unter den Kopff gestützet hätte.

Quelle:
Christian Weise: Die drei ärgsten Erznarren in der ganzen Welt. Halle an der Saale 1878, S. 29-34.
Lizenz:
Kategorien:

Buchempfehlung

Goldoni, Carlo

Der Diener zweier Herren. (Il servitore di due padroni)

Der Diener zweier Herren. (Il servitore di due padroni)

Die Prosakomödie um das Doppelspiel des Dieners Truffaldino, der »dumm und schlau zugleich« ist, ist Goldonis erfolgreichstes Bühnenwerk und darf als Höhepunkt der Commedia dell’arte gelten.

44 Seiten, 3.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Geschichten aus dem Biedermeier. Neun Erzählungen

Geschichten aus dem Biedermeier. Neun Erzählungen

Biedermeier - das klingt in heutigen Ohren nach langweiligem Spießertum, nach geschmacklosen rosa Teetässchen in Wohnzimmern, die aussehen wie Puppenstuben und in denen es irgendwie nach »Omma« riecht. Zu Recht. Aber nicht nur. Biedermeier ist auch die Zeit einer zarten Literatur der Flucht ins Idyll, des Rückzuges ins private Glück und der Tugenden. Die Menschen im Europa nach Napoleon hatten die Nase voll von großen neuen Ideen, das aufstrebende Bürgertum forderte und entwickelte eine eigene Kunst und Kultur für sich, die unabhängig von feudaler Großmannssucht bestehen sollte. Dass das gelungen ist, zeigt Michael Holzingers Auswahl von neun Meistererzählungen aus der sogenannten Biedermeierzeit.

434 Seiten, 19.80 Euro

Ansehen bei Amazon