CAP. VI.

[37] Als die Kutsche in das Haus gebracht worden, stiegen drey alte Herren herauß. Einer hatte einen altväterischen Sammet-Peltz an, mit abscheulich grossen Knöpffen. Der ander hatte ein ledern Collet an, und trug den Arm in einer Binde. Der dritte hatte dicke dicke Strümpfe angezogen, als wann ihm Lunge und Leber in die Waden gefahren wären. Der Wirth führete sie in ein absonderlich Zimmer, und weil es ziemlich spät, trug er ihnen etwas von kalter Küche für, mit Versprechen, das Frühstück besser anzurichten. Gelanor fragte zwar den Wirth, was dieses vor Gäste wären; aber es wuste einer so viel als der ander, drumb giengen sie auch zu Bette. Auf den Morgen kam Florindo und weckte den Gelanor auf, mit Bitte, er solte doch hören, was die drey alten Herren in der Kammer darneben vor Gespräche führeten. Nun war die Wand an dem Orte ziemlich durchlöchert, und jene gebrauchten sich auch einer feinen männlichen Außsprache, daß man wenig Worte verhören durffte. Ach! sagte einer, bin ich nicht ein Narr gewesen, ich hatte meine köstlichen Mittel, davon ich herrlich leben kunte: Nun hab ich zehen Jahr in frembden Ländern zugebracht, liege auch schon zwanzig Jahr zu Hause, und sehe nicht, wer[37] mir vor mein Reisen einen Pfifferling giebt. Ach hätte ich die Cronen und die Ducaten wieder, die ich in Franckreich und Italien vor unnutze Comödien gegeben, oder die ich in den vornehmen Compagnien liederlich verthan habe. Anno 1627. hatte ich die Ehre, daß ich mit dem Hn. Claude de Mesme Abgesandten auß Franckreich nach Venedig, und von dar nach Rom gehen dürffte, da lernte ich viel Staatsgrieffe, welche zwischen Venedig und Spanien, ingleichem zwischen Venedig und dem Pabste vorgenommen wurden, aber ach hätte ich mein Geld wieder, das mir dabey zu schanden gieng. Mein Herr schickte mich endlich vor seiner Abreise wieder in Franckreich, da hieng ich mich an den Herrn Claude de Buillion, als er anno 1631. nach Beziers reisete, und den damahligen Hertzog von Orleans mit dem Könige vergleichen wolte; aber alles auf meinen Beutel, wie es in Franckreich zu gehen pflegt, da man solche Volontiers die ohne sonderliche Kosten den Staat vermehren, gar gerne leiden kan. Nachmahls reisete ich mit obgedachtem de Mesme in Holland, da gieng das Geld geben erst recht an, daß ich seit dieser Zeit offt gedacht, die Holländer müsten die Zehen Gebote in eines verwandelt haben, das heisse: gieb Geld her. Ferner gieng dieser Abgesandte Anno 1634. in Dennemarck, von dar in Schweden und Pohlen, den damahligen Stillstand Anno 1635. zu befördern. Endlich als die Wexel bey mir nicht zulangen wolten, und gleichwohl keine Fortun in Franckreich zu hoffen war, begab es sich, daß offterwehnter de mesme Anno 1637. zu den Præliminar Friedens-Tractaten in Teutschland geschickt ward, da danckte ich GOtt, daß ich Gelegenheit hatte in mein Vaterland zu kommen. Aber der schlechte Zustand, und die übergrosse Kriegs-Unruh verderbten mir alle Freude. Mein Geld, das ich bey gewissen Kauffleuten in Hamburg stehen hatte, war verzehrt; die geringen Feldgütergen erforderten mehr Unkosten, als ich davon nehmen kunte: und welches mich am meisten schmertzte, ich hatte nichts gelernet, davon Geld zu nehmen war. Meine gantze Kunst bestund in dem, daß ich von grossen Reisen, von Balletten, Comedien, Masqueraden, Banqueten und[38] ander Eitelkeiten auffschneiden kunte: und meine Bibliothec war von zehen Frantzösischen Liebes Büchern, sechs Italiänischen Comödien, zwey geschriebenen Büchern voller Lieder und Pasquille: Mehr durffte mir kein Mensch abfordern. Ich hatte Anschläge ansehnliche Hoffmeistereien anzutreten, aber zu meinem Unglück traffe ich lauter solche Leute, die ihre Söhne deßwegen in die Welt schickten, daß sie solten klüger werden, und also musten sie sich an meiner Person ärgern: Ich aber muste meinen Stab weiter setzen. Was ich nun vor Mühseligkeit, Noth und Verachtung außgestanden, werde ich die Zeit meines Lebens nicht erzehlen. Doch war Gottes Gnade so groß, daß endlich Friede ward. So habe ich meine Feld-Güter nach vermögen angerichtet, bringe mein Leben kümmerlich hin, wüste auch diese Stunde meinen Leiden keinen Rath, wenn nicht mein Bruder vor 6. Jahren gestorben, und mir etlich hundert Gülden Erbschafft verlassen hätte. Ach wer dreißig Jahr zurücke hätte, ach bin ich nicht ein Narr gewesen; Ach was vor ein gediegener Mann könte ich ietzund seyn, ach wie habe ich mir selbst im Liechte gestanden.

Hierauff fing der ander seine Klaglieder an. Ach sagte er, das ist noch eine schlechte Thorheit, ich bin erst ein Narr gewesen. Mein Vater war ein wolhabender Kauffmann, und hätte mich gern bey der Handlung erhalten, aber ich verliebte mich in das Soldaten Wesen, daß ich wieder meiner Eltern Wissen und Willen mit in den Krieg zog. Und ich abscheulicher Narr, hätte ich mich nur in Teutschland unterhalten lassen: so zog ich mit Frantzösischen Werbern fort, und meynte, nun würde ich in Schlaraffen-Land kommen, da würden mir die gebratenen Tauben ins Maul fliegen. Ich meyne aber, ja, ich hatte es wohlgetroffen. Ich muste mit vor Rochelle, da lagen wir über ein Jahr wie die Narren, und wusten nicht ob Krieg oder Friede war. Die Stadt solte außgehungert werden, und fürwar wir Soldaten im Läger halffen bißweilen weidlich hunger leiden, daß die in der Stadt desto eher fertig worden. Endlich übergab sich die Stadt, damit war der Krieg zu Ende, keine Beute wurde[39] gemacht, die Gage blieb zurücke, und ich war ein stattlicher Cavallier. Ach wie gerne wär ich darvon gewischt; aber weil ich sahe, wie der Galgen hinden nach schnappte, mochte ich meinen Hals auch nicht gern in dergleichen Ungelegenheit bringen, und ließ mir lieber den Tag zweymal prügelsuppe, und einmal zu fressen geben. Nun fieng der Cardinal Richelieu wunderliche Possen an, und wolte Mantua entsetzen, da solten die armen Soldaten über Hals über Kopff, durch Frost und Schnee die Schweitzer-Gebürge hinnan klettern. Alle Welt sagte es wäre unmüglich, die Soldaten würden nur auffgeopffert, und wüste man auß allen Exempeln, daß solche Anschläge wären zu Schanden worden. Aber der Starrkopff fragte nichts darnach, wir musten fort, und da hätte ich vor mein Leben nicht drey Heller gegeben. Etliche hundert musten voran, und den Schnee auf beyden Seiten weg schauffeln, darauff folgete die Armee. Doch war an etlichen Orten die Arbeit gantz vergebens, denn wir musten die Klippen hinauff klettern, als wann wir dem Monden wolten die Augen außgraben. Mancher dachte, er wäre bald hinauff, so verstarten ihm die Hände, daß er herunter portzelte, und der Schnee über ihm zusammen schlug. Wer sich nun nicht selber helfen kunte, der mochte sich zu Bette legen. Da war Elend. Und man dencke nur, mitten zwischen den höchsten Bergen, lag oben ein Schloß, das solten wir einnehmen. Nun hätten die thummen Kerlen uns mit Steinen oder mit Schneeballen abwenden können, daß wir des kletterns und des Einnehmens weiter nicht begehrt hätten. Aber ich weiß nicht, ob die Leute bezaubert, oder sonst verblend waren, daß sie uns hinein liessen, darauff hatten wir in Italien guten Fortgang. Doch werde ichs keinem Menschen sagen wie mich nach meines Vatern Küche verlangte. Ich dachte die Frantzosen wären Hungerleider; aber nun schien es, als wär ich zu Leuten kommen, die gar von der Lufft lebten. Ich halte auch nicht, daß ich dazumal auf meinem gantzen Leibe ein Pfund Fleisch hätte zusammen bracht, so sehr war ich außgepöckelt, darum freuete ich mich, wie die Kinder auf St. Martin, als wir in Franckreich zurück commendirt[40] wurden. Da überließ nun der König denen Schweden etliche Völcker, damit kam ich in Schwedische Dienste gleich zu der rechten Zeit, daß ich in der Schlacht vor Nördlingen die Schläge mit kriegte. Da hatte ich vollends des Krieges satt, denn eine Musqueten-Kugel hatte mich am dicken Beine gestreifft, daß mir die Haut einer Spanne lang abgegangen. Ins Fleisch konte sie nicht kommen, denn ich hatte keines. Nun war der Schaden nicht gefährlich: allein wie es brennte, und wie mir das Außreissen so sauer worden, laß ich dieselben urtheilen, die dergleichen Bockssprünge versucht haben. Hiermit eilte ich nach meinem Vater zu, und verhoffte, er werde sich wohl begütigen lassen, wann er nur mein außgestandenes Elend sehen und behertzigen solte. Aber ich kam zu langsam, er war vor acht Wochen gestorben, und hatte mich meines Ungehorsams halben außgeerbet bis auf hundert Gülden, was solte ich thun, der letzte Willen war nicht umbzustossen, meine zwey Schwäger wolten mir nichts einräumen, ich hatte nichts gelernet; drumb muste ich wieder an den Krieg gedencken. Und war dieß mein Trost, wenn ich mich von den 100. Gulden außmundirt hätte, so würde ich als ein Cavallier besser fort kommen. Ich begab mich unter die Bannirische Armee, gleich als sie in Meissen und Thüringen herum hausete. Und gewiß, dazumal gefiel mir das Wesen gar wohl, so lange wir Beute machten, und kein Mensch da war, der uns das unserige wieder nehmen wolte: Allein als Hatzfeld hinter uns drein war, und wir bey Zerbst stehen musten, da wer ich lieber im Qvartier vor Rochelle gewesen: ich wurde an unterschiedenen Orten gequetscht, muste auch mit meinem Schaden fortreiten biß nach Magdeburg. Da lag ich in einem wüsten Hause, davon im Brande die Küche war stehen blieben. Und diß war meine Herrligkeit alle. Letzlich kam ich zu meiner Gesundheit, daß ich wieder auf die Parthey gehen kunte. Aber ich sehnte mich nach keiner Beuthe, ich verlangte vielmehr eine Gelegenheit, da ich nieder geschossen würde, und der Marter loß käme. Diese Desperation ward von vielen vor eine sonderliche Courage außgeleget, daß ich endlich von einer [41] Charge zu der andern kam, biß ich Rittmeister ward. Wie nun der allgemeine Friede geschlossen war, hatte ich gleich zu meinem Glücke in Prag brav Beute gemacht, die nahm ich und kauffte ein wüst Gütgen vor 10000. Thaler, darauff hätt ich wohl außkommen können, doch war ich zum andernmahl so ein Narr, daß ich meynte, ich müste noch ein mahl versuchen, ob ich im Kriege 20000. Thaler darzu erwerben könte, und ließ mich in den Polnischen Krieg mit behandeln. Ich borgte auf mein Gütgen, so viel ich kriegen kunte, mundirte unterschiedene Soldaten auß, und gieng damit fort. Ich muß gestehn, daß ich so unangenehm nicht war, aber ich fand alsobald einen Knoten, daß in Polen keine Lust wäre, als in Teutschland. Es waren keine solche Dörffer die man exeqviren könte, und traff man ein Nest voll Bauren an, so waren die Schelmen so boßhafftig, daß sie sich eher das Hertz auß dem Leibe reissen liessen, ehe sie einem ehrlichen Manne etwas auf die Reise spendiret hätten. Doch daß ich es kurtz mache, so will ich mein hauptsächliches Unglück erzehlen. In Warschau wolte ich einmahl recht versuchen, wie die Thornische Pfefferkuchen zu dem Polnischen Brandtewein schmeckten, und mochte die Probe zu scharff gethan haben, daß ich gantz truncken worden. In solcher vollen Weise gerathe ich an einen Polnischen Edelman, der mit in Schwedischen Diensten war, der verstehts unrecht, und langt mir eines mit seinem Sebel über den rechten Arm, daß wenn mein Collet nicht etwas außgehalten hätte, ich unstreitig des Todes gewesen wäre. Da lag ich nun vor einen todten Mann, und ließ mich endlich nach Thoren führen, da ich durch einen Kauffmann einen Wechsel nach dem andern zahlen ließ, biß mein Gütgen hin war. Ich kam zwar wieder auf: doch ist mir die Hand geschwunden, und wenn schwere Monat kommen, so fühle ich grosse Schmertzen oben in der Achsel. Nun placke ich mich herumb und muß von blossen Gnadengeldern kümmerlich und elend gnug meinen Leib ernehren. Ach bin ich nicht ein Narr gewesen, ach hätte ich meinen Eltern gefolgt; Ach wäre ich das andermahl zu Hause blieben, ach solte ich ietzt die viertzig[42] Jahr noch einmahl leben, ach ich wolte kein solcher Narr seyn.

Der Dritte hatte gedultig zugehöret, nun traff ihn die Reih, daß er reden solte, der sagte: ach ihr Herren, nehmet mich auch mit in eure Gesellschafft, ich bin ja so ein grosser Narr gewesen, als vielleicht keiner von euch. Mein Vater war ein vornehmer Advocat, der dachte, weil ich sein eintzig Kind wäre, müste er mich in sonderlicher Wartung halten, daß ich nicht etwan stürbe, und der Welt so eine angelegene Person entziehen möchte. Ich that was ich wolte, kein Nachbars Kind war vor mir sicher, ich schlug es an den Hals, die Informatores sassen wie Schaubhütgen vor mir, das Gesinde muste meinen Willen thun, er selbst der Vater muste sich von mir regieren lassen: Ich war kaum drey Jahr, so hatte ich einen Degen an der Seite: Im achten Jahre kauffte mir der Vater ein Pferdgen, etwan so groß als ein Windhund, das lernte ich nach aller Hertzens-Lust tummeln: Im zehenden Jahr hatte ich schon ein seiden Ehren-Kleid, darinn ich konte zur Hochzeit gehen. Im zwölfften Jahre dachte ich, es wäre eine Schande, wann ich keine Liebste hätte. Aber in der gantzen Zeit durffte ich nichts lernen oder vornehmen. Ein Præceptor muste deshalben von uns fort, daß er mich mit dem Catechismo so sehr gebrühet. Ein ander kriegte den Abschied, weil er behaupten wollen, ich müste in dem zehenden Jahre Mensa conjugiren können. Wieder ein ander ward mit der Thür vor den Hindersten geschlagen, weil er vorgab, ich solte nicht mehr bey der jungen Magd im Bette liegen, bey welcher ich doch von langer Zeit gewohnt war. Mit einem Worte viel zu begreiffen, wer mich anrührete, der tastete meines Vaters Augapffel an. Endlich schämte ich mich einen Præceptor zu haben, da kriegt ich einen Hoffmeister, der hieß mich Monsieur, der nahm mich mit zum Schmause, und perfectionirte mich, daß ich pro hic & nunc ein vollkommener Juncker war. Im 18. Jahre starb mein Vater, da war Herrligkeit. Sie wolten mir einen Curator setzen, aber ich fieng Händel mit ihm an, und schlug ihm ein paar Pistolen um den Kopff. Ich dachte, ich wäre[43] ὑπὲρklug, meinen Stand außzuführen. Nun war es nicht ohne, mein Vater hatte so viel Causen gemacht, daß ich von den Capitalien wohl hätte leben können. Aber ich meinte, ich müste dreymahl prächtiger leben als er, ungeacht ich nicht den zehenden Theil erwerben konte. Da fanden sich viel gute Freunde, die mir einen Schmauß nach dem andern außführten, und ich hatte alle Freude daran; ja ich ließ michs verdriessen, wann mir einen Abend weniger als 10. Thaler auffgingen. Alles gieng vom besten, wenn mir der Weinschencke 3. Nössel sechs Groschen Wein schickte, hätte ich mich geschämt, daß ich ihm nicht vor zwey Kannen zehen Groschen Wein bezahlet hätte; die Lerchen aß ich nicht eher, als biß eine Mandel im Weinkeller 20. Groschen galt, die Gänse schmackten mir ümb Pfingsten vor einen halben Thaler am besten, und ich weiß wohl eh, daß ich vor einen gebratenen Hasen 2. Gülden bezahlet habe. Ich wolte mich einmahl mit dem Gastwirthe schlagen, daß er vor mich und vier Gäste 9. Thal. forderte, da ich die guten Freunde gern vor 18. Thal. tractirt hätte. In Kleidern hielt ich mich polit, die daffete Wämser und Kappen ließ ich nicht füttern, es hätte sonst ein Töpffgen-Stutzer gemeynt, ich wolte es mit der Zeit wenden lassen. Wann das Band etwas zusammen gelauffen war, mochte es mein Famulus abtrennen. Dann der Kauffmann creditirte schon aufs neue, und was der Eitelkeiten mehr seyn. Das wuste die gantze Stadt, daß ich ein perfecter Narr war, und ich werde es meine Lebtage nicht vergessen, was mein Beichtvater zu mir sagte: Ach Hänsgen, sprach er, wie will das ablauffen, ach bestellt den Bettelstab, weil ihr Geld habt, sonst werdet ihr einen Knittel von der ersten Weide abschneiden müssen. Ja wohl, ich habe ihn gar zu offt abschneiden müssen. Dann ob sich zwar die Obrigkeit ins Mittel schlug, und mir als einem verthulichen Menschen nichts folgen ließ, war es doch zu lang geharret, und ich hatte doch nichts anders gelernet, als böses thun. Uber diß kunten sie mir meine nothdürfftige Unterhaltung nicht wehren, daß ich also mein gantzes Reichthum durchbracht, biß auf 200. Gülden, ehe ich 23.[44] Jahr alt war, darauff solte ich nun in der Welt fort kommen, und wohl gar eine Frau nehmen. Auf die letzt trat mich zwar die schwartze Kuh, aber zu spät, ich wuste nicht wohin, meine Freunde hätten mich gern befördert, aber ich hätte lieber einen Dienst gehabt, da ich einen Sammetpeltz alle Tage anziehen, und in sechs Tagen kaum eine Stunde arbeiten dörffen. Gewiß ich wunderte mich von Hertzen, daß so wenig Leute waren, welche Müßiggänger brauchten. Zwar ich begunt es allmehlig näher zu geben. Und wie die liebe Noth gar zu groß ward, ließ ich mich bey einem von Adel in Dienste ein. Er sagte zwar, ich solte sein Secretarius heissen, aber wann ich vom Pferde fiel, so stund ein Schreiber und Tafeldecker wieder auf, da ward mir wieder eingeschenckt, was ich an meinem Vater verschuldet hatte. Die Frau schickte mich bald da bald dorthin, die Kinder begossen mich mit Wasser, das Gesinde setzte mir Eselsohren auf, kurtz von der Sache zu reden, ich war der Narr von Hauß. Es that mir zwar unerhört bange: Aber was solt ich thun, ich wuste nirgend hin, ohne Unterhalt konte ich nicht leben, also hieß es mit mir lieber ein Narr, als Hungers gestorben. Doch daß ich auf meine rechte Thorheit komme, so hatte der von Adel 2. Pfarrs-Töchter bey sich, derer Eltern gestorben waren. Eine zwar ziemlich bey Jahren, zum wenigsten auf einer Seite 18. biß 19. Jahr, und allem Ansehen nach, mochte sie wohl wissen, was für ein Unterscheid zwischen einem gemeinen und einem Edelmann wäre. Die andere war kaum 16. Jahr alt, und hatte so ein niedlich Gesichte, und so freundliche Minen, daß auch ein steinern Hertze sich nur durch ihre Freundligkeit bewegen lassen. Weil ich nun des courtoisirens schon lang gewohnt war, dacht ich, da würde auch ein Füttergen unter mein Beltzgen seyn. Ich fieng erstlich von weitläufftigen Sachen an zu reden, und gedachte, sie würde mit mir gewohnt werden, daß ich sie umb was anders desto kühner ansprechen dürffte, doch weiß ich nicht, wie sie so kaltsinnig gegen mir war. Endlich nach 9. oder 10. Wochen merckte ich daß sie lustiger ward. Sie grüste mich freundlich, sie brachte mir wohl ein[45] Sträußgen, und fragte mich, wie mir es gienge. Ja was noch mehr ist, als ich sie küssen wolte, sagte sie, ich solte sie ietzt mit frieden lassen, ich wüste wohl wo die Possen hingehörten. Damit war ich gefangen, ich præsentirte meinen Dienst mit der gantzen Schule an, und befand, daß ich bey dem Mädgen noch weiter von solchen Sachen reden möchte. Kurtz, wir bestellten einander auf den Abend umb 10. in eine Gastkammer, und damit war es richtig. Ich versäumte die Zeit nicht, fand auch die Liebste schon in der Kammer, doch ohne Licht, dann sie gab vor, es möchte iemand des ungewöhnlichen Lichtes an dem Fenster gewahr werden. Und darzu bat sie mich, wir möchten nicht zu viel reden, weil der Schall leicht könte von übel paßionirten Personen auffgefangen werden. Ich ließ mir alles gefallen, und stelle es einem iedweden zu reiffem Nachdencken anheim, was darnach mag vorgelauffen seyn: Aber die Lust währete nicht lange, so kam der Edelmann mit mehr als 20. Mann in die Kammer hinein, und wolte wissen, was ich hier zu schaffen hätte: Ich war von Erschrecken eingenommen, daß ich nicht achtung gab, wer bey mir läge. Doch kont ich mit stillschweigen wenig ausrichten, weil der Juncker mit dem blossen Degen mir auf den Leib kam, da erschrack ich vor dem kalten Eysen, und wolte ein bißgen Trost bey meiner Liebsten schöpffen: sieh da so war es nicht das junge artige Mädgen, sondern die alte garstige Emerentze, die lachte mich über einen Zahn so freundlich an, daß man alle eylffe davon sehen kunte. Ey, ey, wer war elender als ich: Und fürwar, es hat mich offt getauert, daß ich mich nicht habe todt stechen lassen. Doch dazumahl war mir das Leben lieb, daß ich, alles Unglück zu vermeiden, mich gefangen gab, und auch in die Trauung einwilligte. Da saß ich nun mit meiner Gemahlin, und hätte mich gern zu frieden gegeben, wann ich nur, wie Jacob die Junge auch noch hohlen dürffen. So merckte ich, daß es mit mir hieß, O ho Bauer! laß die Rößlein stahn, sie gehören für einen Edelmann. Was solte ich aber für Nahrung anfangen, graben mocht ich nicht, so schämte ich mich zu betteln, drum muste ich mit einem geringen[46] Verwalterdienstgen vorlieb nehmen, von welchem diß accidens war, daß ich die Mahlzeit bey Hofe mit haben solte. Ich ließ es gut seyn, und legte mich mit meiner alten Schachtel alle Abend zu Bette, als hätte ich die Junge nie lieb gehabt. Doch war diß meine Plage, daß ich allen Gästen Gesellschafft leisten muste, dann wer Lust zu sauffen hatte, dem solte ich zu Gefallen das Tannzapffen-Bier in den Leib giessen, davon ward ich endlich so ungesund, daß ich meinem Leibe keinen Rath wuste, zu grossen Glücke kam eine Rechts Sache zu Ende, davon ich 2000. Thl. participirte, und meine alte Kachel starb in Kindesnöthen. Also ward ich wieder frey, und behelffe mich nunmehr auf mein Geld so gut ich kan. Aber ach! bin ich nicht ein Narr gewesen, ach hätt ich einen Curator angenommen, ach hätte ich was rechtes gelernet, ach könte ich ietzt dreissig Jahr jünger werden!

Quelle:
Christian Weise: Die drei ärgsten Erznarren in der ganzen Welt. Halle an der Saale 1878, S. 37-47.
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