Das achte Capitel.

Ein Königliche Prinzeßin, wird wegen einer verschwiegenen Tod-Sünd verdammet.

[914] GOtt redet durch den Mund des gedultigen Job Cap. 4. v. 1. Daß die, welche Boßheit aussäen, werden nichts anders als Boßheit einsammlen, welchen Spruch Theophilactus auf die, so in der Beicht ihre Sünd verschweigen, ausleget. Gleich wie ein ausgesätes Körnlein, also verwehret sich hundertfältig ein verschwigene Tod-Sünd, weilen nach einer solchen Verschwiegenheit viel hundert ungültige Beichten und Communionen verrichtet werden. Aus folgender denckwürdigen Geschicht wird dieses genugsam erscheinen, Pater Franciscus Rodriquez aus der Gesellschaft JEsu erzählet, in seinem aus unterschiedlichen Geschicht-Schreibern zusammen getragnen Histori-Buch, was folgt.


Hugobertus ein König in Engelland hatte eine Tochter, welche inniglicher schöner Gestalt, und also hohes Verstands gewesen, daß sie ein Wunderwerck der Welt genennet worden. Unterschiedliche hohe Fürsten ersuchten diese zur Ehe, doch so oft als sie ihr Herr Vatter der König deßwegen gefragt, so oft er zeiget sie eine Unlust, [914] und Traurigkeit ihres Hertzens, das wohl abzunehmen gewesen, daß der Ehestand ihr zuwieder seye. Der König liesse derohalben ab sie der Zeit weiter zu betrüben; er sendet seine Bottschafter, und berichtet die Fürsten, welche um diese angehalten, daß die Königliche Prinzeßin seine Tochter in blühendem Alter etwas zu schwach seye, dahero er es für besser und rathsamer befinde, solche dißmahlen noch nicht zu verehelichen. Nach verflossenen etlichen wenig Jahren wurden abermahlen von jenen hohen Fürsten Bottschafter abgesendet, die Königliche Princeßin zu werben. Der König als Herr Vatter beredet zwar vielfältig die Prinzeßin seine Tochter, sie woll doch ihr belieben lassen den Ehestand einzugehen, sie habe die Wahl, und konnte einen aus diesen hohen Fürsten und Potentaten erkiesen; sie entgegen verbleibt fest in ihrem gefaßten Vorsatz, ihr Antwort ware, sie konnte in kein Ehe verwilligen, aus Ursach, weilen sie ihr ewige Jungfrauschaft dem himmlischen Bräutigam GOtt dem HErrn verlobet. Als der König dieses verstanden, hat er eine herrliche Gesandschaft zu dem höchsten Bischof der Christlichen Kirchen abgefertiget, der Pabst wolle aus wichtigen Ursachen in seinem hohen Gewalt diese Prinzeßin von ihrer Verlobung mit Gnaden entbinden; Ihro Päbstliche Heiligkeit dispensirten nach Begehren des Königs. Dahero der König seine Tochter die Prinzeßin wiederum ersuchet, demnach die Entbindung ihres Gelübds geschehen, sie wolle sich nun erklären, welchen sie ihr aus denen Fürsten zum Bräutigam auserwählet? sie aber verbliebe standhaftig bey ihrem einsmahl gefaßten Schluß, und sprach: Allergnädigster Herr Vatter, ich bitte ihro Majestät, sie tragen mir nicht auf den Ehelichen, dann ich hab mir den Jungfräulichen Stand auf ewig erwählet. Der König fraget sie, ob sie villeicht ein Clösterliches Leben zu führen gesinnet? sie antwortet: dieses verlange sie nicht, aber ihr Wunsch wäre abgesöndert zu leben, mit etlichen Hoch-Adelichen Fräulein ihre Jahr zuzubringen; dahero bittet sie demüthigst den König ihren Herrn Vatter, er wolle allergnädigst dieses erlauben, in einer gewissen Stadt eine taugliche Behausung darzu anschaffen, auch gewisse jährliche Einkommen zur Unterhaltung vermachen. Dieses verwundet erstlichen das Vätterliche Hertz, doch vermercket er nach und nach, daß dieses nur eine Wunden seye der Liebe, welche ihne also überwunden, daß er ihrem Begehren nichts versagen konnte, er schaffet ihr an gewisse Renten, eine stattliche Behausung, und ein auserlesenes Frauen-Zimmer von Hoch-Adelichen Tugend-liebenden Fräulein, auf daß sie nach ihrem H. Wunsch ihr Leben anstellen, und vollziehen möchte.

Als nun die Königliche Prinzeßin sich abgesondert, und in ein solches Leben, nach selbst eigenem Verlangen eingeschlossen, war ihr erster Gedancken, den sie zu Hertzen genommen, die baufällige GOttes-Häuser zu erheben [915] und neue zu erbauen, Clöster und Spitäler zu stiften, eines zwar nahend bey ihrer Behausung, in welchem sie den Armen und Krancken zu dienen pflegte. Ihr Leben, das sie geführet, war ein heller Glantz aller Tugenden. Ausgenommen den Sonntag fastet sie täglich durch den Verlauf des gantzen Jahrs, mit rauher häriner Kleydung war sie angethan, viele Stunden verharret sie in dem Gebett, ihren zarten Leib marteret sie mit strengen Bußwercken, in allen Tugenden wandlet sie also rühmlich, daß sie als ein Wunderwerck der Natur, nunmehr auch ein Wunderwerck der göttlichen Gnad zu seyn geachtet wurde. In Führung eines so heilig-scheinenden und auferbäulichen Lebens, wird sie vom Tod überfallen und stirbt. Eine edle Frau, welche durch etliche Jahr diese als obriste Hofmeisterin erzogen und bedienet, stunde in grossem Verlangen zu wissen, wie es mit ihr nach verlittener Sterblichkeit in jener Welt ergehe? sie bittet inständig, und auf das demüthigst, GOtt wolle ihr doch solches offenbahren, und ihr Gebett wurde erhöret, einsmahls da sie in ihrem Nacht-Gebett wachete, wird ungestümmig die Porten ihres Zimmers geöfnet, viele höllische Gespenster tretten herein, und in mitten unter diesen ersiht sie eine Seel in Gestalt einer Weibs-Person mit vielen feurigen Ketten gefangen, bekleidet mit lebendigen Scorpionen, aus welchen ein grösserer und grimmiger ihr Hertz heftig gequälet, mit unaussprechlicher Peyn, daß sie gantz wehemüthig und jämmerlich geheulet. Die fromme Frau erschrickt und entsetzet sich darüber gar sehr, aber die arme Seel ruffet die Frau mit Namen, und sprach ihr zu mit diesen Worten: entsetze dich nicht, du must wissen, ich bin die Tochter des Königs Hugobert, vor diesem deine gute Freundin; ob dieser Red erschrack sie noch heftiger, und wendet sich zu GOtt, sprechend: O HErr GOtt wo ist dein gerechtes Urtheil? wo ist deine unermessene Gütig- und Barmhertzigkeit? wie ist es möglich, daß ein so ehrbahres Leben also streng geurtheilet, eine so tugendliche Seel ewig verdammet werde? Ach GOtt! wer wird dann seelig werden? die Verstorbene wiederleget diese Wort, sprechend: Höre und wisse, alle Schuld der Verdammung ist mein, GOtt hat keine Schuld daran, sondern er befihlt mir, und zwar zu meiner Schand, andern aber zu einer Witzigung, daß ich allen Verlauf offenbahre.

Dir ist nicht unbekannt, was massen ich mich von Jugend auf der Schriften und Bücherlesen hab ergeben? wann ich selbsten etwas müd worden, liesse ich mir von einem Edelknaben vorlesen, gegen diesem war ich etwas verliebt. Einsmahls nachdem er mir ein Zeitlang vorgelesen, begehrt er gantz demüthig und liebreich meine Hand zu küssen, welche ich ihme gern dargereicht; darauf zu andern Zeiten geschahe dieses zum öftern, und zwar drey oder viermahlen hab ich es zugelassen, und er küsset mir die Hand mit absonderlicher Liebs-Neigung, ja er [916] haltet und drucket mir diese länger, und weilen er gesehen, daß ich ihme dieses zugelassen, hat er ein mehreres gewaget, und da er meine Schwachheit und schlechten Widerstand vermerckt, bin ich mit ihme zum Fall kommen, und hab also den Schatz meiner Jungfrauschaft verlohren.

Nachdem ich diese Sünd vollbracht, hab ich meinem Beichtvatter mit diesen Worten gebeichtet: Ehrwürdiger Vatter, ich klage mich an, daß ich, weiß nicht was, ein Frechheit mit einem Edelknaben begangen: er fahret mich an mit Unbescheidenheit, was ist das? Ihro Durchlaucht, etwas solches? darauf bin ich schamroth worden, und ziehete meine Beicht zuruck, sprechend: ich hab es nur in Gedancken gehabt. Der Beichtvatter noch unbescheidner als zuvor, sprach wiederum: was vermeinen Ihro Durchlaucht? auch nicht in Gedancken; verzagt bin ich worden durch dieses, und hab bey mir beschlossen die Sünd zu verschweigen, ich sprach: es hat mir nur getraumet. Also hab ich meine Beicht ohne rechte Beicht verrichtet, ich bin von meinen Sünden loß, und dannoch nicht loß gesprochen, sondern mit einer viel grösseren Todsünd verbunden worden, als ich vorhero begangen. Folgends, damit mir GOtt meine Sünd gnädig verzeyhen solle, habe ich angefangen reiche Allmosen zu geben, viele strenge Bußwerck habe ich geübet, hoffend GOttes Barmhertzigkeit zu erwerben; GOtt der HErr aber belohnte mir alle meine gute Werck mit sehr beweglichen Einsprechungen und innerlichen Antrieb, daß ich doch einsmahls beichten solte jene verschwiegne Sünd. In meiner endlichen Kranckheit hat mir GOtt mit gütigen Worten zu Hertzen geredet, und mich ermahnet, daß diese Kranckheit die letzte seye, an der ich sterben wurde; Dahero solle ich eine gute Beicht verrichten, er seye willig mir alle meine Sünd gnädig zu vergeben. Alle Artzney-Gelehrte haben mir das Leben abgesprochen, ich hörte so gar eine Stimm von dem Himmel, welche mir zugeruffen: Beichte, es ist zwar spat, doch ist es annoch Zeit. Ein Beichtvatter liesse ich mir ruffen, deme fieng ich an zu beichten, und sprache: Ach! wie bin ich eine grosse Sünderin, der Beichtvatter antwortet mir, das seynd Anfechtungen des bösen Feinds, ich solte es nicht achten, bald darauf ist die Stund meines Abschieds kommen, und ich bin verschieden. In dem Augenblick, in dem ich verschieden, bin ich aus gerechtem Urtheil GOttes denen höllischen Geistern übergeben worden, welche mich in den Abgrund der grösten Peyn gestürtzet, in der ich leyde und ewig leyden werde. Nachdem sie dieses ausgeredet, ist sie plötzlich verschwunden in erschröcklichem Getümmel, gleich als ob die Welt solte übereinander fallen, sie erfüllet auch die Cammer mit unleydlichem Gestanck, welcher zur Zeugnus der Unglückseelig- und Häßlichkeit dieser von GOttes Angesicht verworffenen Seel viel Täg lang verblieben. Dessentwegen dann wurde die Obrist-Hofmeisterin [917] gantz tief betrübet, als wann alle Bitterkeit eines Meers über ihr Hertz wäre ausgegossen, in Verständnus, daß ihr so inniglich geliebte Frau in ein unaufhörliches Unglück gestürtzet, ewig sey verdammet worden.

Die dieses lesen, sollen erstlich beobachten, was daran gelegen, daß die liebe Jugend weislich unterrichtet werde, was massen vielmahl aus kleinem Anfang grosse Sünd erwachsen. Wohl sollen sie vermercken, daß nothwendig seye alle und jede Todsünd aufrichtig beichten. Wegen einer in der Beicht verschwiegenen Sünd hat diese Prinzeßin die grosse Anzahl vieler guten Werck, welche sie die Zeit ihres Lebens geübet, und was das mehriste und unerschätzlichiste ist, das Heyl ihrer Seelen auf ewig verlohren. Forderist aber ist wohl zu erwegen, wie viel es daran gelegen zu einem frommen und witzigen Beichtvatter gerathen, aus Mangel eines guten Seel-Sorgers ist diese Prinzeßin der Seeligkeit beraubt, und aus Ursach seiner Unbescheidenheit zur höllischen Peyn verdammet worden.

Es ist wahrhaftig sehr zu beweinen, für seine Reichshändel sucht jener Herr den erfahrnisten Rechtsgelehrten, für ihre Hochzeitliche Kleider suchet jene Frau den kunstreichisten Schneider, und zu Versorgung der Seel (welche das beste ist unter allen erschaffenen Sachen) sucht selten jemand einen aufrichtig sicher handlenden Beichtvatter, sondern oft ist man zufrieden mit einem, sey wer er da wolle, welcher an statt, daß er sie in das himmlische Vatterland, zum ewigen Erbtheil, zum ewigen Untergang und Verderben begleitet.

Quelle:
Wenz, Dominicus: Lehrreiches Exempelbuch [...] ein nutzlicher Zeitvertreib als ein Haus- und Les- Buch. Augsburg 1757, S. 914-918.
Lizenz:
Kategorien:

Buchempfehlung

Stifter, Adalbert

Der Waldbrunnen / Der Kuß von Sentze

Der Waldbrunnen / Der Kuß von Sentze

Der Waldbrunnen »Ich habe zu zwei verschiedenen Malen ein Menschenbild gesehen, von dem ich jedes Mal glaubte, es sei das schönste, was es auf Erden gibt«, beginnt der Erzähler. Das erste Male war es seine Frau, beim zweiten Mal ein hübsches 17-jähriges Romamädchen auf einer Reise. Dann kommt aber alles ganz anders. Der Kuß von Sentze Rupert empfindet die ihm von seinem Vater als Frau vorgeschlagene Hiltiburg als kalt und hochmütig und verweigert die Eheschließung. Am Vorabend seines darauffolgenden Abschieds in den Krieg küsst ihn in der Dunkelheit eine Unbekannte, die er nicht vergessen kann. Wer ist die Schöne? Wird er sie wiedersehen?

58 Seiten, 4.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Geschichten aus dem Biedermeier III. Neun weitere Erzählungen

Geschichten aus dem Biedermeier III. Neun weitere Erzählungen

Biedermeier - das klingt in heutigen Ohren nach langweiligem Spießertum, nach geschmacklosen rosa Teetässchen in Wohnzimmern, die aussehen wie Puppenstuben und in denen es irgendwie nach »Omma« riecht. Zu Recht. Aber nicht nur. Biedermeier ist auch die Zeit einer zarten Literatur der Flucht ins Idyll, des Rückzuges ins private Glück und der Tugenden. Die Menschen im Europa nach Napoleon hatten die Nase voll von großen neuen Ideen, das aufstrebende Bürgertum forderte und entwickelte eine eigene Kunst und Kultur für sich, die unabhängig von feudaler Großmannssucht bestehen sollte. Für den dritten Band hat Michael Holzinger neun weitere Meistererzählungen aus dem Biedermeier zusammengefasst.

444 Seiten, 19.80 Euro

Ansehen bei Amazon