Das zwantzigste Capitel.

Innhalt der obgemelten Nutzbarkeiten.

[995] Die erste Nutzbarkeit ist, daß durch die General Erforschung des Gewissens alle mangelhafte vorhergehende Erforschungen ersetzet werden. Die vollkommene Erkanntnus der Sünden ersetzet die mangelhafte; die vollkommene Reu und Vorsatz ersetzet allen Abgang der bißhero geschehenen Beichten; auch die auferlegte Buß ersetzet alle nachlässig verrichte oder unterlassene Bußwerck.


Die andere Nutzbarkeit ist die allertieffeste Demuth, welche geübet wird mit einem so tapferen Gemüth, in dem der Sünder als ein todter Hund, sich einem Priester zu Füssen wirft: und sich in Erkanntnus seiner selbsten überwindet, [995] indem er sich gleich schätzet einem Misthauffen, ja einem Abgrund aller Boßheit. Kraft dessen er reichlich von GOtt wird begnadet werden in allem Guten zu verharren.


Die dritte Nutzbarkeit ist die innbrünstige Liebe GOttes in Ansehung auf einer Seiten so viel der eignen Sünden, zur andern Seiten der grossen Gütigkeit des langmüthigen und gedultigen GOttes, da er auf unsere Buß gewartet, uns nicht dem teuflischen Gewalt überlassen, daß wir mit dem büssenden König David, wahrhaftig ihme dieses Lob-Lied singen müssen. Nisi quia Dominus adjuvit me, paulò minus habitasset in inferno anima mea: es sey dann daß der HERR mir hätte geholffen, so fehlet es nicht viel, daß meine Seel gewohnet hätte in der Höllen.


Die vierte Nutzbarkeit ist die grosse Gedult, welche überkommen wird die Widerwärtigkeiten auszustehen, dann indem man die vielmahl verdiente höllische Straf ansihet, schätzet man alle Schmertzen dieser Welt unvergleichlich gar gering und leydlich, gleichwie ein zu dem Strang und Galgen verdammter Sünder, die Verweisung des Lands auf ein Jahr mit Danck annehmet, also ein büssender Sünder gibt sich gern in die Gedult, weilen er der ewigen Straf entgangen.

Die fünfte Nutzbarkeit ist, da man eine Großmüthigkeit gefasset, alle böse Neigung abzutödten, die eingewurtzelte Sünden auszutilgen, und das muthige Fleisch mit Strengheit zu bändigen, aus Abgang dessen seynd die vorige Sünd geschehen.


Die sechste ist die Erneuerung des Lebens, und eine vollkommene Veränderung: dann gleichwie ein weiser Leib-Artzt denselben der gesund wird, gewisse Ordnung vorschreibet, damit er vor der Kranckheit gewarnet hinführo gesund lebe; also verordnet der Beichtvatter den Büssenden gewisse Mittel, daß er vor der Sünd, als vor der Seelen-Kranckheit gewarnet, Christlich ohne Sünd lebe, und in der Gnad GOttes verharre. Diese Mittelen seyn der öftere Gebrauch der HH. Sacramenten, die beständige Andacht gegen der heiligsten Jungfrauen und Mutter GOttes, die Flucht der Gelegenheit zu sündigen etc.


Die siebende ist die Ruhe des Gewissens, der grosse Fried und die Freud unserer Seelen, so wohl im Leben als im Tod ohne Bitterkeit und Unruhe des Hertzens. Von St. Eligio, welcher auch Aloi genennt wird, welcher seines Handwercks ein Goldschmid gewesen, erzählet Laurentius Surius in seiner Lebens-Beschreibung folgende Geschicht. Dieser Heil. Mann beichtet einmahl von gantzem seinem Leben, und nach vollendter Beicht knyet er vor einem Altar nieder, wolte sein Gebett verrichten, aber als er dieses thut, höret er eine himmlische Stimm, die zu ihm geredet, alle deine Sünden seynd dir [996] vergeben; und er empfindet auf seinem Haupt einen Tropfen eines lieblichen Balsams herab fliessen, empfienge also einen himmlischen Trost und Süssigkeit, damit er gantz und gar erfüllet worden.

Hieraus entspriesset die endliche Nutzbarkeit, wel che ist der Gewalt und Sieg über alle höllische Geister. Eben dieses ist abzunehmen von dem, was von einem Jüngling in dem Leben des H. Basilii des Grossen wird erzählet. Dieser ware innbrünstig verliebt in ein Jungfräulein, welches als ein wohl erzognes Kind in sein unzimliches Begehren nicht verwilligen wolte. Er nahm derowegen seine Zuflucht bey einem Schwartz-Künstler, diesen ersuchte er, er solle ihme zu seinem Vorhaben dienen: es geschieht, der Schwartz-Künstler beruft mit seiner Kunst den Teufel, der Teufel kommet und verspricht gar bald die Vollziehung mit diesem Beding, wann gemelter Jüngling willig ist eine Verschreibung seiner Seelen, mit eignem Blut und Handschrift aufzurichten; der blind liebende, und gar zu thorecht handlende Jüngling gibt seinen Willen darein, verschreibet sich mit seinem Blut dem Teufel zu einem Eigenthum, wann er ihm zuwegen bringe, was er verlange.

Den folgenden Tag entzündet der Teufel eine solche Innbrunst in dem Hertzen derselbigen Jungfrau, daß sie vor Lieb gleichsam unsinnig worden, sie beredet ihren Herrn Vatter, sprach sie: dieser Jüngling hat mein Hertz eingenommen, ihn und keinen andern verlang ich zu heyrathen, geschieht es nicht, so kan ich nicht leben, dann die Lieb zerbricht mir mein Hertz; der Vatter konnte nicht anderst, verwilliget in diesen Heyrath, welche ihren Fortgang schleunig genommen. Nach geschehener Hochzeit, etliche wenig Freuden-Täg verkehrten sich bald in Leyd, dann den Jüngling truckte kein Schuh, sondern das Gewissen also heftig, daß er in grosse Verzweiflung gerathen, das Betten und Fasten ließ er fahren, keinem Gottesdienst wolte er beywohnen, alle christliche Tugendwerk und Wandel waren ihm gleich wie Gift und Gallen. Seine fromme Ehefrau mit ihrer feinen Weis zu handlen, locket von ihm alles heraus, was sich zugetragen, und berichtet dessen den H. Vatter Basilium, der H. Bischof wohl ein guter Hirt, verweilet nicht, ruft gar bald zu sich diesen jungen unglückseeligen Ehmann, er wolte dieses Schäflein aus dem Rachen des höllischen Löwens reissen, und auf die gute und heylsame Weyde führen; Dahero rathet er ihm eine General-Beicht zu verrichten, er beweiset ihm auch, wie grün und schön die Hofnung seye auf die weit und breite Barmhertzigkeit GOttes, die niemand zu Schanden machet, wer sich dahin vertrauet. Wunder seltsam war das, was sich darauf zugetragen; indem er nun sein Gewissen erforschet, liessen sich die höllische Teufels-Gesichter sehen, weiseten ihm die Zettul, die er ohne Dinten mit eignem Blut geschrieben, er aber liesse sich nicht verhindern, richtet sich auf das Beste zur General-Beicht, und verrichtet diese mit grösser Reu über seine [997] Sünden. Es war diese Sach kundbar unter dem Volck, dahero vermahnet der H. Basilius das Volck, welches in der Kirch zugegen war, andächtig zu betten, und beschwöhret die Teufel unverzüglich den Zettel zuruck zu geben, und sammentlich alle sahen die Zettel im Luft daher fliegen, daß also dieser von der teuflischen Dienstbarkeit, und Seel-und Leib-Eigenschaft der Höllen erlöset worden. Alles Volck frolocket darüber, mit hellem Ruffen, O barmhertziger GOtt! dir sey Lob, Ehr und Danck.

Laßt uns auch mit gebognen Knyen vor dem gecreutzigten HErrn unserm Heyland ruffen, O barmhertzig gütigster GOtt, eröfne die Gnadenfliessende Brunquellen, und deine erquickende Barmhertzigkeit giesse über uns aus! unsere vielfältige grosse Schuld-Brief unserer Sünden legen wir ab zu deinen Füssen, diese haben zwar gehabt in ihren Händen unsere ewig abgesagte Feind, die teuflische Geister, bezwinge sie aber in deinen Gewalt, auf daß zuschanden werden die, welche uns hassen, und vernichte alle unsere Schuld in der Reinigkeit deines göttlichen Bluts.

Verfahre mit uns O GOtt, gleich wie Friederich in Aragonia mit seinen treulosen Untergebnen verfahren ist, dero Gemüther absonderlich des mißtrauenden Adels zu gewinnen, und sie dermahlen zu schuldigem Gehorsam zu bringen. Er ließ aufrichten einen Schild, darinn ware zu sehen ein Rait-Buch, aus dessen Blättern Feuer-Flammen heraus geschlagen, mit dieser Ueberschrift, Recedant vetera. Es welche das Alte. General Pardon, oder vollkommenen Ablaß aller bißhero geschehenen sündlichen Schulden. Der gecreutzigte König aller Ehren Christus hat nunmehro zerrissen das Urtheil unserer Verdammnus: und er spricht uns zu, wir sollen die Rait-Bücher unser Schulden, das ist: alle unsere Sünden zu seinen Füssen demüthig niederlegen, die Flammen seiner göttlichen Lieb, und das Feuer unserer Bußfertigkeit werden diese verbrennen, und es wird heissen, Recedant vetera, fort mit allen alten Verschuldungen, vollkommene Verzeyhung und Vergebung aller vorigen Sünden ist vorhanden, auf ein neues wollen wir ein frommes Leben anfangen.

Auf vorgetragene Ursachen und Nutzbarkeiten bin ich tröstlicher Hofnung, daß niemand, der diese gelesen, unterlassen werde eine General-Beicht, so er sie nie gemacht, anzustellen. Darzu dienlich seyn werden ein wohlerfahrner Beichtvatter, und ein taugliches Büchel. Zum Schluß bitte ich alle Beichtvätter durch die heilsame Wunden JEsu, und durch das mütterliche Hertz Mariä, daß sie diese Mühewaltung GOtt zu lieb auf sich nehmen, und wann etwann ihnen die Zeit manglet, solche General-Beichten anzuhören, so wollen sie doch alle darzu aufmuntern, und mit gegebener Gelegenheit bestermassen darzu unterrichten; wann es gleich geschehen sollte, daß sie nicht ihnen, sondern andern wolten beichten, dann auch deßwegen werden sie reichlich belohnet werden. Amen.

Quelle:
Wenz, Dominicus: Lehrreiches Exempelbuch [...] ein nutzlicher Zeitvertreib als ein Haus- und Les- Buch. Augsburg 1757, S. 995-998.
Lizenz:
Kategorien:

Buchempfehlung

Chamisso, Adelbert von

Peter Schlemihls wundersame Geschichte

Peter Schlemihls wundersame Geschichte

In elf Briefen erzählt Peter Schlemihl die wundersame Geschichte wie er einem Mann begegnet, der ihm für viel Geld seinen Schatten abkauft. Erst als es zu spät ist, bemerkt Peter wie wichtig ihm der nutzlos geglaubte Schatten in der Gesellschaft ist. Er verliert sein Ansehen und seine Liebe trotz seines vielen Geldes. Doch Fortuna wendet sich ihm wieder zu.

56 Seiten, 3.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Geschichten aus dem Biedermeier III. Neun weitere Erzählungen

Geschichten aus dem Biedermeier III. Neun weitere Erzählungen

Biedermeier - das klingt in heutigen Ohren nach langweiligem Spießertum, nach geschmacklosen rosa Teetässchen in Wohnzimmern, die aussehen wie Puppenstuben und in denen es irgendwie nach »Omma« riecht. Zu Recht. Aber nicht nur. Biedermeier ist auch die Zeit einer zarten Literatur der Flucht ins Idyll, des Rückzuges ins private Glück und der Tugenden. Die Menschen im Europa nach Napoleon hatten die Nase voll von großen neuen Ideen, das aufstrebende Bürgertum forderte und entwickelte eine eigene Kunst und Kultur für sich, die unabhängig von feudaler Großmannssucht bestehen sollte. Für den dritten Band hat Michael Holzinger neun weitere Meistererzählungen aus dem Biedermeier zusammengefasst.

444 Seiten, 19.80 Euro

Ansehen bei Amazon