Achtes Gespräch.

[459] Pfleg-Kind. Ich bin vergnügt mit dieser Begebenheit, aus welcher ich sattsam verstehe, daß Maria seye ein Trösterin der Betrübten. Aber mir fallt noch ein, daß sie genennt werde ein Zuflucht der Sünder. Solte sie sich dann auch dieser annehmen, nachdem ihr lieber Sohn von ihnen so oft, und schwerlich ist beleydiget worden?

Schutz-Engel. Ja auch dieser. Jedoch wann sie in sich selbsten gehen; ihre begangene Sünden hertzlich bereuen, und sich besseren wollen. Die aber in ihren Sünden boßhafter Weiß verharren wollen, wie könten sie hoffen, daß Maria wurde ihre Zuflucht seyn? vielmehr wurde sie selbige, als ihres Schutzes unwürdige, von ihrem sonst mildreichen Angesicht verstossen.

Pfleg-Kind. Billich. Dann was Vermessenheit ist dieses, bey dieser göttlichen Mutter Hülf suchen, da solche verbeinte Böswicht gleichsam das blutige Messer noch in der Hand haben, mit welchem sie den göttlichen Sohn dieser Mutter tödtlich verwundet, und selbigen zu verwunden noch nicht wollen aufhören?

[459] Schutz-Engel. Du sagst recht. Darum soll der Sünder bey Zeiten in sich selbsten gehen, und seine Bekehrung nicht von Tag zu Tag verschieben. Damit nun dieses geschehe, wird freylich darzu erfordert eine sonderbare, und kräftige Gnad GOttes, durch welche das Hertz des Sünders erweicht werde.

Pfleg-Kind. Wie wird aber der Sünder solche Gnad von dem erzörneten GOtt, der sein Richter ist, hoffen können?

Schutz-Engel. Durch Mariä Fürbitt. Dann ob schon der Sünder nicht würdig ist, von GOtt erhört zu werden, so siehet er doch nicht so sehr an dessen Unwürdigkeit, als die Fürbitt seiner Jungfräulichen Mutter, dero er nichts abschlagen kan.

Pfleg-Kind. O wie trostreich ist dieses! und wie soll sich der Sünder nicht saumen, seine Zuflucht zu Mariam zu nehmen!

Schutz-Engel. Freylich ja. Bevorab, weil sie sich auf eine Zeit gegen der Heil. Brigitta ihrer andächtigen Dienerin mit diesen Worten hat vernehmen lassen: ich bin eine Zuflucht der Sünder, die sich bekehren wollen.

Pfleg-Kind. Lasse dir belieben, von Mariä Willfährigkeit gegen den Sünderen, welche unter dem schweren Last ihrer Sünden seuftzen, und selbigen gern ablegen wolten, eine Begebenheit zu erzählen, aus welcher ich besser verstehen möge, wie billich sie eine Zuflucht der Sünder genennt werde.

Schutz-Engel. Folgende wird dir so viel zu verstehen geben, daß du dich darüber nicht wenig verwunderen wirst. Höre demnach:


Begebenheit.

Es ware eine junge Weibs-Person (aus Sicilien gebürtig, wir wollen ihr den Namen Lollia geben) schön zwar von Leibs-Gestalt; aber eines unzüchtigen Wandels-Dann, damit sie diesen freyer führen könte, begabe sie sich nach Venedig, allwo sie ihre Jugend viel Jahr in einem (mit Gunst zu melden) Huren-Haus zugebracht, und mithin von ihren Liebhaberen, denen sie ihren Leib feil gebotten, viel Geld, und Gelds-werth bekommen. Nachdem sie sich nun ziemlich besudlet hatte, kame ihr die Lust an, wiederum in ihr Vatterland zu kehren. Macht sich demnach eines Tags von Venedig hinweg mit einem wohlbekannten Kerl, der sich anerbotten hatte, ihr Weeg-Führer zu seyn, und sie an End und Ort zu bringen, wohin sie verlangte. Dannenhero er sich mit einem guten Degen wider die Strassen-Rauber aufs beste versehen hatte. Unter Weegs macht ihr Lollia über ihr bis dahin so lange Zeit geführtes sündige Leben allerhand schwermüthige Gedancken. Und weil das Gnaden-reiche [460] Ort Loreto (nemlich das H. Haus, in welchem, da es noch zu Nazareth im Land Juda gestanden, Maria gebohren worden) nicht gar weit ab dem Weeg ware, sagte sie zu ihrem Kerl, er solte sie nach gedachtem Ort führen: dann sie seye gesinnet, alldort gegen der Mutter GOttes ihre Andacht zu verrichten, und mithin eine Beicht von ihrem gantzen Leben abzulegen. Der Kerl sagte, es seye ihm ein Ding: er stehe ihr zu ihren Diensten. So gienge dann die Reise fort; und ist wohl zu glauben, Lollia werde unter Weegs nicht allein an Mariam gedacht; sondern auch über ihre begangene Sünden hertzlich geseuftzet haben.

Indem sie also fort reisen, kommen sie zu einem grossen Wald, welcher nicht weit von Loreto ligt, und den sie zu passieren hatten. Als sie in dessen Mitte hinein kommen, und der Kerl wohl gewußt, daß Lollia einen reichen Geld-Schatz mit sich führte: er auch gesehen, daß um und um niemand, sondern sie beyde gantz allein wären, da gabe ihm der böse Feind diese Gedancken ein: siehe! was für eine Gelegenheit hab ich da, bald reich zu werden? wer wird es sehen? kein Hahn wird darnach krähen. Ziehet also hinterrucks den Degen aus, und führt schon den Streich. Lollia, als sie dieses vermerckt, schreyt überlaut: Heilige Maria von Loreto, komme mir zu Hülf. Allein der Mörder hauet dessen ungeachtet zu, und verwundet sie so hart, daß sie von dem Maul-Esel, auf dem sie gesessen, herunter auf die Erden fiele. Richtete sich aber geschwind auf, und laufte in ein Gestäud hinein, sich darin zu verbergen. Der Böswicht nicht faul, lauft ihr nach; Lollia aber schrye zum öfteren: Heilige Maria von Loreto komme, ach! komme mir zu Hülf. So viel sie aber schrye, so viel Wunden versetzte ihr der Mörder, bis sie endlich zur Erden fiele. Weil er nun sahe, daß sie noch ein wenig athmete, hauete er sie vornen in den Hals; und wie er vermeint, daß sie nunmehr todt wäre, sagte er: da hast du den Rest gar: du wirst wohl nicht mehr aufstehen. Laßt sie also liegen: ziehet ihr die kostbare Kleydung aus, und nimmt zu sich alles Geld, und Gelds-werth, das sie bey ihr hatte, und lauft damit davon.


O arme Lollia! in was unglückseeligem Stand bist du? da schwimmest du in deinem Blut. Die Seel ligt allbereit auf der Zungen. Und weil du mit viel tausend Sünden beladen, wirst du den graden Weeg in die Höll hinunter fahren. Aber, O unverhoftes Glück! dann siehe! in dieser äussersten Gefahr der ewigen Verdammnuß laßt sich sehen mit himmlischen Glantz umgeben, und in einem Schnee-weissen Kleyd die Himmels-Königin. Diese sagt zu der Lollia: Habe gut Hertz, es wird bald besser werden. Setzt sich darauf (O Gnad! O Liebe!) neben ihr nieder, umfangt sie freundlich, und nimmt die halb-sterbende in ihre[461] Schoos; berührt mithin ein Wunden nach der andern; heylet in einem Augenblick alle insgesamt, und erfüllet sie zugleich innerlich mit himmlischem Trost. Auf dieses hin steht die Himmels-Königin von ihr auf, und sagt: Siehe! jetzt bist du geheylet, gehe nun deine Strassen fort, und sündige künstighin nicht mehr; damit dir nichts ärgero widerfahre. Nach welchen Worten sie augenblicklich verschwunden. Ach! wer ware getröster, als Lollia? sie vermerckte, daß alle Wunden an ihrem gantzen Leib geheylet, und völlig zugewachsen, fallt derowegen auf ihre Knye nieder, und danckt Mariä ihrer barmhertzigen Nothhelfferin, aus gantzem Hertzen. Darnach aber kratzte sie am Kopf, und sagte: Ich bin zwar geheylet, wie will ich aber nach Loreto kommen, es hat mir ja der Mörder nichts als mein Unterröcklein überlassen. Ach! hätte ich nur ein Kleydlein, wie schlecht es immer seyn möchte, daß ich auch ehrlichen Leuten dörfte unter die Augen kommen.


Indem sie sich also beklagt, und jammeret, siehe, da kommen durch den Wald daher etliche Maul-Esel-Treiber, und finden Lolliam an dem Weeg sitzen. Und weil sie um ihren Hals herum einen Blutrothen Ring sahen, fragten sie, was dieser bedeute, und was sie hier im Wald mache? und als sie ihnen den gantzen Verlauf erzählet, warffen sie ihr aus Mitleyden eine Sattel-Decke zu, mit welcher sie sich bedeckt. Setzten sie auf einen ihrer Maul-Eselen, bis sie zu der nächsten Stadt kommen, allwo Lollia etliche schlechte Weiber-Kleyder erbettlet; alsdann ihren Weeg weiter nach Loreto fortgesetzt, alldort von ihrem gantzen Leben eine reumüthige Beicht abgelegt, und das Wunder, so mit ihr geschehen, aller Orthen ausgebreitet hat.


Sie aber hatte keinen Lust mehr in ihr Vatterland zuruck zu kehren, sondern verharrete alldort aus Liebe gegen GOtt und Mariam die übrige Zeit ihres Lebens in aller Andacht. Hat auch so wohl durch ihren gottseeligen Wandel, als Erzählung obgedachter Erscheinung viel Leut zu grösserer Andacht gegen der Mutter GOttes, und Hofnung auf ihren Schutz, den sie allen Sünderen, dafern sie sich besseren wollen, willfährig anerbietet, nicht wenig aufgemuntert. Bisselius S.J. in Phænom. Historicis, & Turselinus ejusdem Soc. in historic. Lauret.

Pfleg-Kind. O mit was Vergnügen und Zuversicht auf Mariam, als einer Zuflucht der Sünderen, hab ich diese Begebenheit angehört.

Quelle:
Wenz, Dominicus: Lehrreiches Exempelbuch [...] ein nutzlicher Zeitvertreib als ein Haus- und Les- Buch. Augsburg 1757, S. 459-462.
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