Erste Begebenheit.

Von einem alten, und reichen Wirth, den etliche Beutel-Schneider auf eine sehr listige Weis bestohlen haben.

[479] Dieser hatte bey seiner Wirthschaft viel Geld und Gut zusammen gebracht; gienge ihm auch von aller zeitlichen Wohlfahrt nichts ab, als seine liebe Hausfrau, die ihm durch den Tod unlängst entrissen worden. Weilen er nunmehr schon alt, und den einen Fuß (wie man pflegt zu reden) im Grab hatte, gedachte er seine übrige Jahr in Ruhe und Wittibstand zuzubringen, und die Wirthschaft samt allen Güteren seinen Kinderen, deren er eine ziemliche Anzahl hatte, aufzubehalten. Bey diesem alten Kautz dann nahmen einstens den Einkehr drey verwegene Gesellen, oder Beutel-Schneider; sprachen ihne um die Herberg an, und bitteten, er wollte ihnen ein eigenes Zimmer eingeben, dann sie wollten sich etliche Täg da aufhalten. Wie ihnen solches bewilliget worden, verlangten sie, man sollte ihnen nur wacker auftragen, und hergeben, was zu bekommen; dann an der Bezahlung wurde es nicht manglen: Wie sie dann auch gethan, und jede Mahlzeit mit Thaleren, und Ducaten ausgezahlt. Der Wirth dies sehend, gedachte bey sich selbst: O solche Gäst taugen für mich; sie müssen gewißlich vornehme Edelleut oder Grafen seyn, weil sie wohl gekleidet, und mit so guter Müntz versehen seynd. Er warthete ihnen demnach möglichist auf, liesse sich keine Mühe noch Fleiß reuen: Führte sie gantz höflich im gantzen Haus herum, von einem Gast-Zimmer ins andere, und zeigte ihnen alles, was zu sehen war. Sie aber, als abgeführte Kerls, gaben auf alles wohl acht; besichtigten des Alten seine Schlaf-Kammer, und Schatz-Kasten, wie auch die Kammer-Thür, wie solche verwahrt, mit Schloß und Banden versehen; wie, [479] und auf was Weis man hinein kommen, und den Alten überfallen möchte. Als sie demnach einstens zum Nacht-Essen giengen, liessen sie ihnen das Beste auftragen, und nur recht wohl seyn. Als aber der Wirth sich in die Ruhe begeben, trancken sie noch eine gute Weil, und waren rechtschaffen lustig. Stellten sich hernach, als wollten sie auch die Ruhe nehmen; und nachdem sie die Aufwarter abtretten lassen, unterredeten sie sich miteinander, wie sie den Alten überfallen, und den Schatz von ihm bekommen möchten. Wurden darauf eins, daß sie sich alle drey verkleiden wollten; wie sie dann auch gethan. Als nun der Wirth im besten Schlaf war, und starck schnarchete, giengen sie für sein Schlaf-Kam mer, und eröfneten die Thür. Der erste, mit Namen Andreas, hatte sich weiß angekleidet, und stellte sich, als wäre er der allgemeine Menschen-Fresser, der grimmige Tod, vor dem Gesicht habend eine Todten-Larve; über den gantzen Leib bis auf die Fuß-Sohlen hinab ein weisses Leilach: In der rechten Hand aber einen spitzigen Pfeil; und in der lincken ein Sand-Uhr. In diesem Aufzug gienge er für das Beth hin, und redete den Schlaffenden mit tieffer, und ernsthafter Stimm auf folgende Weis an: Wache auf: Richte dich zum Sterben: Dann die Stund ist vorhanden; die Uhr ist ausgeloffen. Auf auf! und mit mir davon. Dieses geredt, erschüttelte er die Bethstolle mit solchem Gewalt, daß der Schlaffende darüber erwacht, und in einander gefahren. So bald er die Augen nur ein wenig eröfnet, und den erschröcklichen Tod vor sich stehend gesehen, zitterte er am gantzen Leib; heulte, und bate um Fristung des Lebens, wenigst nur auf einen Tag. Allein der Tod schüttelte den Kopf darüber; spannte seinen Bogen, legte den Pfeil auf, und sagte mit voriger tieffer, und ernsthafter Stimm:


Kein Ries, kein Held auf dieser Welt

Ist mir bisher entgangen.

Meinst du, ich werd in meim Gezelt

Mit dir allein viel prangen?


Siehest du diesen spitzigen Pfeil? Mit diesem hab ich schon viel tausenden den Garaus gemacht. Ich verschone keinem; auch König und Kayser nicht. Arm, oder Reich; ist mir alles gleich, alle müssen daran. Fort mit dir: Nimm hin den Tupf, und letzten Schupf: Aus ist es mit deinem Leben. Kaum hatte der verstellte Tod dieses ausgeredt, da kame der andere Beutelschneider, Matthias genannt, der die Person und Gestalt des leidigen Teufels an sich genommen. Der rauschete, und rasselte mit einer dicken und langen Ketten daher, und fragte mit rauhen Worten: Wo ist der alte Kautz? Wo ist er? Huj auf! und mit mir davon: Kein Stund ist mehr übrig. Der Ofen ist schon geheitzt: Da kanst du dich wärmen. Fort mit dir ins höllische Feuer: Du hast nichts anders [480] verdient mit deinem sündhaften Leben. Wie viel Geld hast du zusammen geschachert? Wie vielen das ihrige abgedruckt, und mit Unrecht eingenommen? Wie oft das Wein-Faß mit der Wasserstang heimgesucht? Wie oft doppelte Kreiden gebraucht? Wo gehören dergleichen anderst hin, als in die Höll? Dieses geredt, ergriffe er den erschrockenen, und halb todten Mann mit seinen Klauen, und wollte ihn zu sich reissen. Der Wirth schreyet; ruft GOTT, und alle Heilige um Hilf an: Verspricht, alles Geld und Gut da und dort in die Kirchen, und unter die arme Leut auszutheilen, wann er nur diesmahl aus der Gefahr komme. Dies alles hatte Conradus, der dritte Gesell, wohl vorgesehen; deswegen vor der Thür draussen Achtung geben, die Gestalt und Kleidung des Schutz-Engels an sich genommen; darauf die Kammer-Thür eröfnet, sich mit freundlichem Angesicht für das Beth des Alten gestellt, mithin den verstellten Tod und Teufel weggejagt, und den Alten auf alle Weis getröstet. Als solches der Tod-schwache gesehen, weinte er vor lauter Freuden; bate den Schutz-Engel, er wollte ihn doch in dieser äusseristen Noth nicht verlassen; er wolle gern thun, was er ihm befehlen werde. Conradus, der verstellte Schutz-Engel, täschelte den Alten mit freundlichen Gebärden auf die Achsel; gabe ihm mit sanften Worten einen kleinen Verweiß, daß er dem Zeitlichen zu viel nachgestrebt: Fragte ihn darauf, ob er aber Willens seye, sich zu besseren, und das ungerechte Gut wieder heimzustellen? Und als der Alte solches bejahet, zugleich die Schlüssel zu allen Kästen und Schatz-Truchen von sich geben, und dem verstellten Engel eingehändiget, wendete sich dieser gegen seinen Cameraden, dem verstellten Tod und Teufel, sagend, sie sollten sich aus der Kammer fort packen: Der gute Mann habe zwar viel Sünden, und ungerechtes Gut auf sich gehabt; habe sich aber gebessert, und werde nicht allein das ungerechte Geld wiederum zuruck geben, sondern noch über das ein reichliches Allmosen für die Arme herschiessen, und damit seine Sünden abzahlen. Der verstellte Teufel und Tod wollten nicht weichen, sondern schryen: Es ist umsonst: Er wird solches in Ewigkeit nicht thun: Es ist ihm gleichsam angewachsen: Er wird keinen Heller zuruck geben: Darum wollen wir ihm den Garaus machen. Ey ja wohl! sagte der verstellte Schutz-Engel: Er wird solches gleich jetzt thun in Gegenwart meiner. Und damit ihr sehet, daß ihm Ernst seye, so will ich mit denen Schlüßlen, die er mir zu diesem End übergeben, die Schatz-Truchen aufsperren; alles und jedes wieder zuruck geben. Dieses geredt, gienge er mit Einwilligung des Alten hin, sperrte alle Schlösser auf, und nahme heraus, was er von Gold und Silber angetroffen, so viel er ertragen konte. Desgleichen thaten auch der verstellte Tod und Teufel; renneten in der Finstere hin und her, [481] und raften beynebens alles Geld zusammen: Mit welchem sie hernach zur Kammer hinaus witschten, und sich aus dem Staub machten. Der Alte merckte unterdessen wohl, was vorbey gienge; weil er aber voller Schröcken, und der gäntzlichen Meinung war, das seye eine Schickung von GOtt, der ihn auf solche Weis zur Buß anmahnen wollen, liesse er alles gelten, und war froh, daß er mit dem Leben davon kommen. Bidermann S.J. in Utopia. l. 5.

Wann halt der Tod kommt, verliehrt man nicht allein Geld und Gute so ungerechter Weis zusammen gescharret worden; gemäß jenem, was Sophar sagt im Buch Job am 20. Cap. Er wird die Reichthum die er gefressen hat, wiederum aus speynen; sondern auch die See. Dann es bleibt bey dem Ausspruch des Heil. Augustini: So lang man das ungerechte Gut nicht zuruck gibt, wird die Sünd nicht nach gelassen. O harter Bissen, an den schon mancher erstickt ist!

Quelle:
Wenz, Dominicus: Lehrreiches Exempelbuch [...] ein nutzlicher Zeitvertreib als ein Haus- und Les- Buch. Augsburg 1757, S. 479-482.
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