Neunte Begebenheit.

Ein Calvinischer Prädicant will einen Propheten abgeben, den jüngsten Tag zu verkündigen.

[499] Im Hertzogthum Cleve war ein Calvinischer Prädicant, mit Namen Campanus, der wollte einen Propheten abgeben. Diesemnach, als er einstens in dem offenen Feld bey dem Fluß Rur das Bauren-Volck versammlet, und ein langes und breites von der Cantzel herunter geschwätzt, juckte ihn gehling die Haut, daß er in diese Wort herfür brache, O ihr arme Bauren, die ihr so oft meine Predigten angehört, was muß ich euch verkünden? Wisset, und seyd versichert, daß noch ein eintziger Monat übrig ist, so wird der jüngste Tag seyn. Indem er diß sagte, donnerte [499] es aus den Wolcken, mit welchen dazumahl wegen grosser Hitz der Himmel überzogen war. Dieser Gelegenheit gebrauchte er sich dann, und sagte: Hört, hört, diß Donneren ist ein Vorbott, daß die Welt nicht lang mehr stehen werde. Die arme Bauren dieses hörend, glaubten dem Prädicanten, fiengen vor Forcht an zu zitteren, schlugen die Händ ineinander, und schryen um Barmhertzigkeit gen Himmel. Der Prädicant aber, um die Erschrockene zu trösten, sagte zu ihnen: Meine liebe Bauren, förchtet euch nicht, trocknet euere Zäher ab, dann auf euch warthet eine unbeschreibliche Freud im Himmel. Wann ihr euch nur fest an Calvini Glauben haltet, kan euch der Himmel nicht fehlen. Ihr werdet mit Butz und Stihl hinein kommen. Wie die Bauren das gehört, fasseten sie wiederum Hertz, und glaubten eben dem Prädicanten, was er ihnen vorschwätzte; oder (besser zu reden) vorloge. Der Glaub nun, so die Bauren an den Prädicanten vermercken liessen, munterte ihn auf, daß er in seinem Geschwätz fortfuhre, und sagte: Ihr arme Bauren, wann der jungste Tag so nahe vor der Thür ist, was wollt ihr euch forthin mehr also plagen und abmatten? Was wolt ihr zu Acker fahren? Was wollt ihr säen? Was wollt ihr so viel sauren Schweiß vergiessen? Das Feur, so vom Himmel wird fallen, wird doch alles verzehren. Was wird euch alsdann euer Mühe und Arbeit, was euer Sinnen und Sorgen nutzen? Ey, warum lasset ihr euch nicht wohl seyn, weil ihr noch könnet? Gebt der Mühe und Arbeit Feyrabend: Ihr habt auf einen Monath hin noch genug zu essen und zu trincken. Die Bauren hörten diesem Zusprechen mit aufgesperrtem Maul zu: Also meisterlich wußte ihnen der Prädicant den Halm durch das Maul zu ziehen. Dessentwegen fuhre er weiters fort, und sagte: O ihr alte Tätel, die ihr über ein halb Pfund Blut in euerem Leib nicht mehr habt, lasset euch ein gutes Glaß mit Wein belieben, so bekommt ihr eine Kraft davon, und habt besseren Muth auf eueren letzten Hintritt. Und ihr alte Mütterlein, seyd wohl getröst, dann im Himmel werdet ihr goldene Kuncklen haben, an welchen ihr lauter goldene Fäden der Freuden spinnen werdet. Was aber anlangt euch andere Männer und Weiber, Jungesellen und Mägdlein; gehet zusammen, und macht euch lustig: Lasset Spielleut kommen, springet und tantzet freudig miteinander herum, ihr werdet auf Erden so bald nicht mehr zusammen kommen, dann der jüngste Tag ist vor der Thür. Wer meinem Rath folget, der gehe mit mir ins Wirthshaus; da wollen wir trincken und essen, lustig und fröhlich seyn, und also den jüngsten Tag unerschrocken erwarten. Wie? wollten wir die Schuncken, so im Camin hangen, Wein und Bier, mit welchen die Keller angefüllt seynd, im Feur, so vom Himmel fallen wird, lassen verzehrt werden? Ey? da müssen wir wohl Narren seyn. Lasset uns essen und [500] trincken, weil wir können; und mithin alle Forcht beyseits setzen; Dann so lang wir uns an Calvini Glauben halten, haben wir uns nichts zu förchten. Also versichert seynd wir, und haben den Himmel am Schnürlein. Lasset uns dann der Gelegenheit bedienen; dann der jüngste Tag ruckt immerzu näher herbey. Da war es des Zusprechens bey den Bauren nicht viel vonnöthen. Dann weil ihnen der Prädicant mit dem Exempel vorgienge, machte keiner Bedencken ihme nachzufolgen, als Schäflein ihrem Hirten. So nahme dann der Mann sein Weib, der junge Gesell sein Liebste an Arm, und lausten häufig denen Wirthshäusern zu. Da laßt man auftragen, was zu bekommen war; da schenckt man ein so wohl Wein als Bier, da bringt mans einander zu auf gut Glück hin, damit man mit Roß und Wagen möge in Himmel hinein fahren. Man singt, man pfeift, man jauchzet, man springt, man tantzt; In Summa, es gehet zu, als wann des Muthes-Heer in den Wirthshäusern das Lager aufgeschlagen hätte. Und wie mans angefangen, also triebe man es fort von einem Tag zum andern, damit man das Handwerck nicht etwan vergessen möchte. Und wann endlich die Nacht eingefallen, trümmelte da ein Paar, dort ein anders nach Haus, und legte sich zu Beth, wie (mit Gunst zu melden) ein Sau in die Streue. Die herum liegende Oerther, so von diesem Sausen und Brausen, Springen und Tantzen, Jauchzen und Schreyen nicht allein Wind bekommen, sondern mit eigenen Augen zugesehen, mußten über diese Unsinnigkeit theils lachen, theils Mitleyden tragen. Dann ob man schon die bethörte Leut abmahnte, sie sollten nicht so verschwenderisch alle auf einmahl verthun, sonst dörfte sie die spate Reu ankommen, so fuhren sie doch einen Weeg fort, wie den anderen, sagende: sie wußten schon, warum sie es thäten. Unterdessen gienge der halbe Monath vorbey, mithin aber wollte sich doch kein Zeichen am Himmel sehen lassen, des vor der Thür stehenden jüngsten Tags. Was sollte man dann anfangen? Der Seckel hatte nunmehr bey so langem Schlemmen und Demmen den Schwindel bekommen, und wollte nicht mehr klecken. So mußte man dann nothwendig das Haus-Geräth angreiffen, damit man Geld lösete; Und dahin ist es auch kommen. Dann da verkaufte einer einen Ehrinen Hafen, dort eine Meßine Pfannen; Da einen kupfernen Napf, dort eine zinnene Schüssel, ja so gar dem Saltz-Büchslein auf dem Tisch wurde nicht verschont. Alles mußte daran, was nur konnte verkauft werden; damit man also wiederum anknüpfte, wo man es gelassen hatte. So gienge es dann wiederum an Sauffen und Fressen, wie vorhin, in getröster Hofnung, der jüngste Tag werde nicht mehr lang ausbleiben; absonderlich da der Monath zu End gienge. Dann da lauften die Bauren Hauffenweis aus den Häuseren in das freye Feld hinaus, [501] und erwarteten allda einen gantzen Tag und halbe Nacht mit aufgesperrtem Maul, bis ein Zeichen am Himmel erscheinen wurde, des nunmehr vorhandenen jüngsten Tags. Weil es nun eben dazumahl eine warme Zeit war, und mithin an dem Himmel zu blitzen anfienge, da glaubten die Bauren, jetzt werde ihres Prädicanten Prophezeyhung erfüllet werden. Erhebten also ein grosses Geschrey, und Frolocken, daß einmahl die erwünschte Zeit ankommen, da sie mit Stiefeln und Sporen wurden in Himmel hinein rumplen. Allein weilen auf das Wetterleuchten weiters nichts erfolgte, mithin die Bauren sahen, daß sie betrogen wären, fiengen sie an zu murmelen, und nach dem Prädicanten zu fragen. Allein dieser hatte sich einen Tag vorher, nachdem er den Bauren das ihrige zu verzehren braf geholffen, auf und davon gemacht, förchtend, seine Betrügerey möchte ihm übel belohnt werden. Was bliebe nun den Bauren übrig? Nichts, als daß sie nach ihrer Schlemmerey müßten den Bettelstab in die Hand nehmen, und das Brod forthin im Land von Haus zu Haus heischen. Worüber sie dann denen Catholischen zum Gespött und Gelächter dienten; absonderlich, wann man hörte, was Gestalten sie über ihren Prädicanten fluchten, daß sie von ihm so schändlich betrogen worden, allein es ward ihnen darum nicht geholffen. Der Prädicant bliebe ein verlogener Prädicant, sie aber an Bettelstab gebrachte Bauren. Gazæus S.J. in piis Hil. ex Lindano lib. 1. cap. 9. de fugiendis Idolis.


Wie halt die Calvinische ein Glauben haben, also haben sie auch Propheten. Was Wunders? Ein böser Baum kan keine gute Früchten bringen. Wie sie aber Propheten haben, also haben sie auch Lehrer. Dann wie sollten diejenige können die Wahrheit lehren, welche in ihrer Lehr weichen von jener Kirchen, die nach Zeugnus des Apostels Pauli ein Saul und Grundvest der Wahrheit ist. 1. Tim. 3. Nun ist diese allein die Catholische Kirch: Dann diese, und kein andere wird laut der Zusag Christi Joh. 16. von dem H. Geist gelehrt alle Wahrheit. Wer also ausser der Catholischen Kirchen ist, kan die wahre Lehr nicht haben. Bedaurens würdige Schäflein, denen solche Lehrer zu Theil werden, von welchen der Apostel sagt, daß sie widerstehen der Wahrheit: seyen Menschen eines verkehrten Sinns, und vom Glauben verworffen. 2. Tim. 3. Also seynd beschaffen alle diejenige, so es mit Calvin, Luther, und anderen Ertz-Ketzeren halten. O daß GOtt sich ihrer erbarme, und ihnen das Liecht des wahren Catholischen, und allein seeligmachenden Glaubens aufgehen lasse.

Quelle:
Wenz, Dominicus: Lehrreiches Exempelbuch [...] ein nutzlicher Zeitvertreib als ein Haus- und Les- Buch. Augsburg 1757, S. 499-502.
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