Prolog an deutsche Söhne und Töchter[241] 1

Dieweil ich jetzt, vor dem erwachten Volke,

Gereint mich habe durch ein frei Bekennen

Dessen, was ich an ihm verbrach und irrte;

Will ich mich noch vom Schreckgedichte trennen,

Das mir, bevor ich's sang, als Wetterwolke

Den düstern Sinn, den trunknen Geist verwirrte,

Und als ich sang es, schwirrte

Gleich Eulenflügeln! – Mög' es euch verkünden,

Was, habt ihr Reinen es auch nicht erlebet,

Doch tief im leichtgereizten Abgrund bebet;

Auf daß ihr euch bewahrt vor Todessünden

Und, wie der Urfeind jeden auch versuche,

Vor dem auf Erden immer regen Fluche! –


Ward dies Gedicht gleich in der Nacht gesponnen,

Als Nachhall gleichsam eines Sterberöcheln,

Das, leise zwar, ins Mark, das inn're, dröhnet:[241]

So dankt es sein Erscheinen doch dem Lächeln

Deß, den ich Helios, das Bild der Sonnen,

Zu nennen liebe, weil ihn Klarheit krönet,

Und weil, als unversöhnet

Ich irrte noch, mich hat sein Strahl erquicket!

Zwar muß mein Pfad von seinem streng sich trennen,

Doch macht sein Blick mich immer noch entbrennen,

Ob, ach, mein Aug' ihn gleich nicht mehr erblicket,

Und seinem Flammenauge nicht darf sagen:

Daß nie ein Herz ihm treuer hab' geschlagen! –


Auch ward dies Lied, das nächtliche, gesungen

Am heitern weinumkränzenden Gestade

Des Lemans, den die ros'gen Gletscher grenzen.

Ein fräulich Bildnis weilte dort der Gnade;

Doch seit der Freiheit Oriflamm' geschwungen,

Entwand es sich zertret'nen Alpenkränzen,

Dem freien Meer zu glänzen! –

Mein Helios, der nicht mir wird entrissen,

Und die Aspasia, wer edel, nannte,

Weib, deren Herz den Weltgeist übermannte,

Ihr zwei, mir mehr als alle, sollt es wissen,

Wie meiner Thränen Strom um euch, der reine,

Ringt, daß er, teuren, euch dem Quell vereine! –


Ihr aber, Söhne, Töchter von dem Lande,

Das Kern sein wird erfrischter Kraft und Wahrheit,

Ihr Wächter an der hohen Zukunft Hallen!

Seht ihr den Helios der deutschen Klarheit

Leuchten an untergangner Weltzeit Rande

Mit Majestät, so dankt ihm, ehrt sein Walten!

Hört ihr Drommeten schallen,

Triumphesschwangre, denkt, daß er's gewesen,

Der, in der Unzeit, die jetzt wird zu Spotte,

Den Blick euch rein wusch, der jetzt flammt zu Gotte:

»Im Anfang war die That!«2 Ihr habt's gelesen![242]

Der Obermeister zwar wird Meister meistern,

Doch darf sie Schülerwitz nicht überkleistern! –


Und Deutschlands fromme Söhne, sinn'ge Töchter,

Denkt ihr, daß Deutschland neu soll Deutschland werden,

Das heißt, das Deutungsland der Weltgeschichte:

So denkt des Weibes, die, auf fremder Erde

Geboren, doch geweckt hat unsre Wächter,

Und folget mir, der ich mit dem Berichte

Zum Danken euch verpflichte!

Aspasia, die den Leman hat geschmücket,

Dankbar ertön' ihr deutsches Lied vom Rheine,

Und sei ihr Bote von dem Gnadenscheine,

Der ab auf uns und sie die Strahlen drücket,

Und der, weil sie der frömmsten Töchter beste,

Sie nicht wird schließen aus vom Völkerfeste! –


Nachdem ich dieses hab' euch vorgehalten,

Will ich euch noch von meinem Werke sagen,

Aus welchem nackend euch entgegen schauert

Was, dem gerechten Feuerroß und Wagen,

Im ungerechten Frevelthun und Schalten

Den dauernden Verbrecher überdauert,

Und sicher ihn erlauert!

Eisernes Schicksal nannten es die Heiden;

Allein seit dem hat Christus aufgeschlossen

Der Höllen Eisenthor den Kampfgenossen,

So schafft das Schicksal weder Lust noch Leiden

Den Weisen, die, mag Hölle blinken, blitzen,

In treuer Brust des Glaubens Schild besitzen!


Jedoch wir andern, die wir uns noch wollen,

Nicht Gott allein, sind leicht im Netz bestricket,

Und leicht des wilden Jägers arme Beute;

Und daß ihr seine Jagd von fern erblicket,

Den stets gespannten Bogen, immer vollen[243]

Köcher des Erzfeinds, drum biet' ich euch heute

Dies Lied, das nie mich reute.

Heut' biet' ich's euch; wer will die Völker retten,

Wie ihr es wollt und, weil ihr's recht wollt, könnet,

Der, eh' dies Heilandtum ihm wird vergönnet,

Muß ab sich reißen erst des Frevels Kletten,


Und heute muß er das, dieweil das Morgen

Uns allen, heut zumal, hält Nacht verborgen!

Und heute kann er's; denn die alte Kunde

Vom Fluch, gottlob, ist uns ein Märlein worden;

Ein Kind, ein Christenkind, kann drüber spotten,

Und welcher ist getreten in den Orden

Des Herrn, der für uns litt die Todeswunde,

Kann aus den Fluch und alle Sünden rotten,

Mit einer Thräne rotten!

Drum unverzagt, ihr meine Schmerzgesellen!

Macht solcher Thränen Strom3 mein Lied euch weinen,

Heil euch und mir, dann eilt das Land zu reinen,

Dann ist's nicht Nacht mehr, dann in eurem hellen,

Gereinten Blick leuchtet der Morgen wieder

Befruchtend auf das deutsche Land hernieder!


Doch ihr, die, längst belastet vom Verbrechen,

Und schon gewohnt, die Centnerlast zu tragen,

Euch selbst belüget, daß ihr nicht sie fühlet;

Ihr, die ihr: »bist du thöricht?« sprecht zum Zagen,

Und wagt's, den Eumeniden Hohn zu sprechen,

Da doch ihr Schlangenheer schon in euch wühlet!

Weil euch der Quell noch kühlet,

Die Luft noch labt, noch süße Lichter scheinen,

Eilt, eh' die Nacht euch ewig hält gebunden,

Eilt, knieend fleh' ich's, eilt zu Jesu Wunden,

Gleich! eh' zu spät ist euer reuig Weinen!!! –

O Thoren, mögt ihr mich für thöricht halten,

Nur flieht (ich kenne sie!) die Nachtgewalten! –


Und endlich ihr, die ihr im stillen Frieden

Des Hauses, oder auch des Kampfgefildes,[244]

(Denn überall ist er den Seinen eigen!)

Bewahrt euch habt ein treues, reines, mildes,

Schuldloses Herz; (auch mir ward's einst beschieden,

Doch ich verlor's im wilden Lebensreigen!)

Ihr, die ihr frei euch zeigen

Vor Gott und Menschen dürft, noch nicht gedrücket

Durch Schuld, und wenn ihr redlich habt gestritten,

Heimkehren könnt noch in des Hauses Mitten

An Mutterbrust, die euch mit Segen schmücket;

Bleibt, Söhne, Töchter, bleibt ihr treu vereinet!

So spricht, der unbehaus't und unbeweinet! –


Lebt alle wohl! – Ein Lied hab' ich gesungen

Dir, Volk, ein heidnisch noch vom alten Fluche,

Doch dürfte bald die Zeit, die hohe, kommen,

Die (rasseln hört man schon vom Schicksalsbuche

Die Blätter!) wo, wenn erst die That gelungen,

Das Lied auch wieder neu wird angeglommen,

Ich meine das im frommen

Christlichen Glauben blüh'nde Lied vom Segen!

Nach langem eitlen Thun und Spiel und Reden

Wird wecken Gott den christlichen Tragöden,

Der dir, o Volk, wird tragen das entgegen

Im freud'gen Spiel, was mir muß mißgelingen:

Ein reiner Sänger wird's mit Gott vollbringen! –


Bis dahin unverdrossen

Ringe, mein Volk, das Possenspiel zu enden,

Das, schon seit vielen Jahren angefangen,

Mit blut'gen Fratzen hat die Welt behangen;

Dazu thut euch der Herr, ihr Deutschen, senden!

Euch, mir und meinem Bußgesange geben

Mög' er – (nein, nicht dem letzten!!!) – ew'ges Leben!


Geschrieben am Abend des Tages des heiligen

Apostels Matthias, 1814.[245]

Fußnoten

1 Prolog. Es wird zum Verständnisse dieses Prologs bemerkt, daß meine demselben beigefügte Tragödie, im Februar 1809 unter den Auspicien Seiner Excellenz des Herrn Geheimen Rats von Goethe zu Tage gefördert, von diesem größten Kunstkenner und Musageten Deutschlands und Europas einer huldvollen Aufnahme gewürdigt, ja sogar unter seiner Leitung und auf eine seiner würdige, nämlich vollkommen und durchaus meisterhafte Weise späterhin zu Weimar dargestellt worden ist. Auch hat meine tragische Erscheinung auf einer Bühne zu Coppet, unter gütiger Mitwirkung eines hochverehrten Meisters und teurer Kunstfreunde, das Glück genossen, der Frau Baronin von Stael-Holstein, dieser an Geist und Herz gleich großen Mitbefreierin Deutschlands und Europas, kostbare Thränen zu entlocken, als sie (es war im Spätjahr 1809) noch nicht nach England verscheucht die Ufer des Genfersees noch zum Asyl würdiger Freude machte. – Übrigens darf ich, zur Steuer der Wahrheit, hinzufügen, daß, den Titel und wesentlichsten Umstand meiner Tragödie ausgenommen, die Katastrophe derselben, gottlob, erdichtet, und muß ich auch, um den unschuldigen Ort (wo ich sie, des zu ihr sehr passenden und von mir treu geschilderten Lo kals wegen, vorgehen lasse) nicht zu verleumden, bemerken, daß sie dorthin von mir nur versetzt ist.


2 Aus Goethes Faust. Eine Parallelstelle zu dieser lautet folgendergestalt:


»Wer Großes will, muß sich zusammenraffen,

In der Beschränkung zeigt sich erst der Meister,

Und das Gesetz nur kann uns Freiheit geben!«


Welche drei Verse für jeden, insofern er nur die darin enthaltenen allerwichtigsten Substantiva nicht mißversteht, und überhaupt (was lange äußerst selten gewesen ist) wollen kann, goldene Worte sind, die wir Deutschen zumal uns bei jedem Morgen- und Abendgebete überhören sollten! Freilich: »Im Anfange war das Wort«; und weil der Anfang ewig und das Ende überhaupt eine Lüge ist, so ist und bleibt das Wort auch ewig »im Anfange«! Das beginnt aber für den Einzelnen mit dem Willen, und für eine Gesamtheit, z.B. für ein Volk, mit der (aus dem Zusammenraffen aller Einzelnen entspringenden) That. Daher ist allerdings und bedingter Weise »im Anfange die That«; und deshalb ist, anderer Sachen nicht zu erwähnen, unser deutsches Volk z.B. (so gern man so etwas auch, wenn eben der Himmel voller Geigen hängt, vergessen möchte) gegenwärtig, gottlob (für Viele dürfte es auch Gott sei's geklagt heißen), im Anfange!


3 Jeremias, der Prophet, nennt einen solchen Strom einen Felsenstrom (deduc quasi torrentem lacrymas, Thren. 2. v. 18), weil er sein Wasser von oben her erhalten muß!



Quelle:
Das Schicksalsdrama. Herausgegeben von Jakob Minor, Berlin und Stuttgart [o.J.], S. 246.
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