50.
Wie die junckfraw auß anweißung irer freünd die beyden ritter zů gast lůd, auch noch ein schöne junckfraw bei ir hat, welche meynt Reinharts huld zů erwerben.

[316] Als nun der junckfrawen freünd verstunden, das sie sich umbsunst arbeyteten gegen dem ritter, erdachten sie einen andren anschlag, dardurch sie den ritter behemmen meynten, Sie giengen mit einander zů der junckfrawen, zeygten ir an des künigs fürnemen, auch wie sie den ritter nit darzů bringen möchten, ein weib zů nemmen; so hetten sie dem künig verheyßen semlichs zů thůn; wo in dann an dem ort mißlingen solt, würden sie sich vor dem künig seer schammen müßen. Derhalb ir bitt an sie wer, das sie weg sind, damit sie den ritter zů ir lied; so wolten sie dann heymlich ston und warten; wann dann die nacht anbrech und sie also allein bei im ob tisch seß, wolten sie den ritter überfallen, erstmals gütlich an in můten, das er nach irem willen leben wolt; wo er sich sein aber ye widern wolt, sie in mit gwalt darzů nöten und bezwingen.

Auff solch anmůtung die junckfraw iren freünden antwort und sprach: ›Ir mein allerliebsten brüder und freünd, mich wundert, ob euch der ding, so ir an mich begeren, ernst sei, dieweil ir wol in euch selb bedencken mögen den nachtheil, so mir in allweg darauß entston möcht. Mit erst will mir als einer junckfrawen nit gebieren, ein solchen jungen ritter zů laden, dieweil ich vatter und můterloß bin; es würd[316] mirs auch der ritter zů grosser schand messen. Zům andren, das ir meynendt den ritter also zů bededigen, würt kein weg haben, dieweil ir so vil mit ihm versůcht hand. So will ich auch nit gestatten, in mit gwalt dahin zů dringen. Was gůter tag meynendt ir ich nach solchem zwang soll bei ihm haben? Würd fürwar kein anders, dann das ich stetig von im hören müßt, er wer gezwungen mich zů haben. Solchs mir dann ein schwere harte zeit sein würd. Darumb bitt ich euch all, wöllendt mich zůvor in disem anschlag bedencken. Dann welchen weg das loß fiel, so würd ich schwerlich darunder verdacht.‹

Als nun die junckfraw iren brüdern und freünden ihren willen gantz entdeckt hat, fiengendt sie an schwerlich über sie zů erzürnen, ir auch des künigs ungnad offt under augen schlůgen, mit vil worten ir trewten sie zů verlassen. Damit sie die junckfraw dahin brachten, das sie in verwilligt irem raht zů folgen und sprach: ›Damit ich nit also gantz in ungnaden gegen euch stand, so will ich mich in ewern willen begeben, wie groß ich meinen ungewinn damit thůn würd.‹ Des nun die freünd und brüder wol zůfriden waren, der junckfrawen befahlen, so sie den ritter geladen und im ein stund angesetzt hett, so solt sie es in zwissen thůn. Das alles sie in versprach.

Als nun ir freünd von ir gangen waren, schickt sie nach einer irer vertrawten gespilen, zeygt ir die meynung an. Derselben war baß damit dann ir; deßhalben sie ir rhiet dem also nachzůkummen, dieweil ir so vil trost und zůsagung von dem künig bescheh; derselb würd ir wol vor allem unrhat sein, so es darzů käm. In dem die junckfraw anhůb zů betrachten, wie sie der sach einen anfang geben wolt. O Philomena, du edle junckfraw, solt dir diser anschlag zů wissen sein, fürwar du würdest ein newes leyd überkommen haben!

Eins tags begab sich, das die junckfraw zů kirchen gewesen was mit sampt irer gspilen. Als sie nun wider zů hauß gon will, bekumpt ir Reinhard unnd Gabriotto. Die ritter die beiden junckfrawen züchtiglichen grüßten, sie in herwider mit züchtiger geberd danckten. Die junckfraw mit schamhafftem angesicht anhůb und sprach: ›Ir edlen zůchtigen[317] ritter, so ir mir mein red nit in übel auffnemmen wolten, wer mein will ein bitt an euch zů legen.‹ Antwort der ritter Gabriotto: ›Züchtige edle junckfraw, wie möcht ein ritter oder ander mann so hartes gemüts sein, das er einer semlichen schönen junckfrawen ir bitten abschlagen solt, ich geschweyg, die zů undanck anzůnemmen!‹

Die junckfraw anhůb: ›Dieweil ich dann, edler ritter, gnad bei euch funden hab, so ist mein bitt an euch, ir wöllen den mornigen tag beyd mit mir das mal essen, damit, so euch die fart wider in Engelandt tregt, das ir auch gůts von den frantzösischen junckfrawen sagen mögt.‹ Die beiden ritter sich ab der junckfrawen nit wenig verwundren thetten, yedoch in entlich fürnamen irem begeren nachzůkummen. Gabriotto anhůb und sprach: ›Jungfraw, wir bedancken uns der willigen ehrerbietung, dieweil mirs doch nymmer verdienen künden. Damit ir uns aber nit achten als ungütig jung unverstanden ritter, so seind wir willig bereyt, ewer gebott allzeit willig zů volbringen.‹ Damit sie es der junckfrawen in ir handt versprachen, von einander schieden.

Sobald die jungen ritter von den schönen junckfrawen kummen waren, allererst anhůben zů bedencken, warumb sie von den junckfrawen geladen weren. Gabriotto anhůb und sprach: ›Reinhart, mir falt erst ein, was das freündtlich erbieten der junckfrawen bedeüten will; dann mich warlich bedunckt, ein auffsatz darinn verborgen lig. Im sei aber wie im wöll, so will ich ye meinem verheyßen statt thůn. Understaht mir dann yemandts ettwas widerdrieß zůzůfügen, er soll mich warlich nit schlaffen finden.‹ Also die beyden ritter entlich miteinander beschlusszen, irem verheyßen ein genügen zů thůn.

Als nun die zeit kummen was und die junckfraw iren freünden die stund ernennt hat, die beiden ritter nach irer zůsagung kamen. Die junckfrawen sie freündtlich empfiengen, demnach die tisch köstlich zůbereyt warden. Mit freüden zů tisch saßen, die zeit mit vil kurtzweiliger schimpfflicher red vertreiben thetten. Wiewol sich die beyde ritter ettwas besorgten, noch thett ir keiner dergleich, damit sie die junckfrawen nit trawrig machten.[318]

Als nun die zeit kam, das der junckfrawen freund zeit daucht ihrem anschlag nachzůkummen, fügten sie sich heymlich in der junckfrawen hauß mit gewerter handt. Die ritter das heymlich gemürmel eins theils horten, sich auch glimpfflich in den handel schickten, von dem tisch auffstunden, in dem sal auff und ab giengen, mit unerschrocknem hertzen ire widerpart warteten. Die sich nit lang saumpten, mit einem grossen rumor in den sal trungen. Die zwen unverzagten ritter sich zůsamen an ein wandt stalten, beyde schwerter zů iren händen namen, also sprachen: ›Ir herren, warumb ir uns also mit einem rumor überlauffen, ist uns verborgen. Darumb begeren wir von euch zů wissen, was doch ewer fürnemmen sei.‹

Ein junger, welcher der junckfrawen brůder was, anhůb und sprach: ›Ir unverschampten ritter, uns befrembdt seer, wer euch also zů meiner schwester erlaubt hat zů gon. Und namlich du, Gabriotto, ich beger sunderlich von dir zů wissen, in welcher meynung du hinnen seyest, ob du meiner schwester zů ehren begerest oder nit. Dann wo wir ein anders von dir vernemen, es solt dir on zweiffel nimmer gůt thůn.‹ Gabriotto sich kurtz bedacht hat antwort zů geben und sagt: ›Junger gůter herr, ich bin deiner schwester weder zů schand noch zů laster nachgangen, so beger ich auch auff dißmal weder ir noch keiner junckfrawen zů den ehren. Mich würt auch dein stoltze red in kein weg dahin bewegen; darnach wissendt euch all zů richten! Welcher mich aber weiters treiben wolt, der müßt sich warlich mein erweren.‹

Als nun der junckfrawen freünd den ritter also horten reden, gedachten sie inen wol, das da kein anders sein würd, oder sie müßten aber mit grossen schanden weichen. Derhalben sie gemeynlich zů iren wehren griffen, auff die gůten jungen ritter schlůgen, so best sie mochten. Gabriotto und sein gsell sich auch nit lang saumpten, ire schwerter zů beden händen namen, sich so ritterlich werten, das sie bald iren zweyen ir köpff der massen zerhackten, also das sie kaum zů dem sal hinaußgesahen zů kummen. Die ander drey noch ein kleine zeit stunden, biß einer under in von Reinharten durch sein halß gehawen ward, das er todt zů der erden fiel. Da[319] das die letsten zwen ersahen, zůhant flucht gaben. Die junckfrawen in solchem rumor auß dem hauß flůhen.

Also gieng Reinhart und Gabriotto on alle irrung auß dem hauß zů irem wirt, bezalten dem alles, so sie bei im verzert hatten. Am morgen frü ritten sie on alles urlaub auß der statt Pariß den nechsten wider auff Engelandt zů; dann sie wol gedachten, irs bleibens in Franckreich nimmer sein würd. Als nun morgens der künig vernam, das sie hinweg waren, het er die ursach gern gewißt, die er aber erst nach langer zeit erfaren thett. Hiemit im der künig wol gedacht, der ritter keiner mehr in sein landt kummen würd.

Quelle:
Georg Wickram: Werke. Band 1, Tübingen 1903, S. 316-320.
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