58.
Wie Reinhart und Gabriotto zů iren junckfrawen in Laureta gemach kummen, inen ir leyd klagten, und wie Gabriotto urlaub von seiner liebsten Philomena begeret.

[335] Mit grossem verlangen Philomena ires allerliebsten ritters warten thett; Rosamunda nit minder dann Philomena ires allerliebsten Reinharten wartet, damit sie von inen vernemmen möchten die ursach ihres trawrens. Nit lang stund, Gabriotto und Reinhart mit einander kamen, sich aber nit frölich wie andre mal erzeygten, das sie zůhandt zů trawren thet bewegen.

Philomena die junckfraw nit lenger beyten mocht. Nachdem sie iren allerliebsten ritter empfangen hatt, hůb sie an und sprach: ›Ach mein allerliebster ritter, ich bitt, mir anzeygen wöllest, was doch dich zů semlichem trawren bewegen thůt. Dann ich an deiner gestalt abnimm und erkenn, das dir nit alles nach deinem willen und gefallen goht.‹

Der ritter der junckfrawen mit einem schweren seüfftzen antwort und sprach: ›O mein allerliebste junckfraw, die ursach meines trawrens nit wol ärger sein möcht; dann nichts uff erden mich zů solchem ellendt bewegen künd, dann so ich gewiß bin, euch, mein allerliebste junckfraw, zů verlassen. Nun mag es ye nun zůmal nit mehr andre weg haben, dann das wir uns gäntzlich müßen scheyden. Das mir dann mein hertz dermassen zů trawren bewegen thůt, das ich meinem leben gantz feind worden bin. Gott wolt, das ich mich an dem rechten sächer rechen möcht, der mich also fälschlich umb mein leben understat zů bringen. Das ich alles nit so seer klag, als das ich euch, mein allerliebste, meyden můß.‹[335]

Als nun Philomena den ernst von irem ritter vernam, fieng sie an bitterlichen zů weynen also kläglich, das Laureta und Rosamunda auch zů weynen und klagen bewegen thet. Gabriotto und Reinhart, so best sye mochten, sie trösten thetten. Nach langem klagen und weynen die junckfraw Philomena anhůb und sprach: ›Ach mein allerliebster ritter, wie hast du mir mein hertz mit deinen worten so gantz bekümmert, dieweil ich dich willens vernimb von mir zů scheyden. Die ursach aber, warumb das geschicht, mir gantz verborgen ist. Gott wöll, der, so schuldt daran hatt, frölicher zeit nymmer erleb, dann ich yetzundt an meinem hertzen trag!‹

Gabriotto der junckfrawen alle ding nach der lenge erzalen thet, auch wie in der knab so trewlich vor dem schandtlichen narren gewarnt hat. Er erzalet ihr auch, was er mit ihm selbs hett beschlossen. ›Dann sobald‹, sprach Gabriotto, mir der verrähter den apffel bieten und geben meynt, ›will ich in mit außgezogenem schwert dahin dringen, das er den vergifften apfel selb essen můß, demnach mich gott dem allmechtigen in seinen schirm ergeben, von land scheyden. Wo mich dann der weg hintregt, will ich mein narung und wonung sůchen und dann mein zeit in trawren und klagen biß an mein end verzeren. Darumb, allerliebste junckfraw, ich ein gnädig urlaub von euch beger, bitt euch, mein im allerbesten allzeit gedencken und nit meynen, darumb das ich mit leib von euch scheyd, das darumb mein hertz ewiglich von euch scheyden werd. Lond mich meines hinwegscheydens nit entgelten, dieweil ir doch sehen mich nit schuld daran tragen!‹

Die junckfraw von des ritters worten also grossen schmertzen empfahen thett, das sie ihm auff seine wort kein antwort geben kundt, anders nichts thett dann ire schneeweiße händ winden und kläglichen weynen. Kein trost an ir nichts verfahen noch helffen wolt, als sie da keiner andren zůversicht mer warten was dann ihren allerliebsten ritter zů verlassen. ›O gott‹, sprach sye zůletst, ›mein außerwölter ritter, ich bitt, on mich von hinnen nit scheyden wöllest, sunder mich dir ein getrewe nachfolgerin in deinem ellendt sein lassen. Dann mir nit müglich sein wirt on dich hie zů bleiben.‹[336]

Der ritter mit seiner allerliebsten junckfrawen groß mitleiden und erbermbd tragen thett, wiewol er sie in keinen weg trösten kundt. Noch dannocht ward er bedencken, was grosser gferlichkeyt inen beyden daruff stünde, so er die junckfraw also mit ihm underston solt hinwegzůfüren, anhůb also mit ir zů reden: ›Mein allerliebste junckfraw, ich bitt euch, wöllendt selbs bedencken die grosse geferligkeyt, so uns darauß erwachsen würd, so wir mit einander understünden von hinnen, zů scheyden. Wer wolt uns doch vor dem gewalt ewers brůders entschütten! Dann er zůhandt alle weg und straßen verlegen würd. So mögendt wir auch auß disem künigreich nit kummen dann zů wasser. An welche porten des mörs wolten wir uns dann wagen, da wir nit gwißlich ewers brůders volck finden werden! Wie möchten wir dann von in kummen, das sie uns nit beyd gefencklich für den künig fůrten, der uns dann sunder zweiffel fast schwerlichen straffen würd! Darumb, allerliebste junckfraw, folgendt meinem raht und geben mir ein freündtlich urlaub! So will ich an meiner statt hie lassen meinen vatter, auch meinen allerliebsten gsellen und brůder Reinharten mit der hoffnung, das glück werd sich schier über uns erbarmen, also das wir on alle sorg umb und bei einander wonen mögen. Was sich dann hiezwischen zůtregt, mag mir allweg durch sie zů embotten werden. Darumb, mein allerliebste junckfraw, mein nit vergessen wöllendt, dieweil ich mit leib nit bei euch wonen mag; dann mein hertz dannocht nymmermehr von euch scheyden würt. Damit aber ihr, mein allerliebste junckfraw, dannocht wissen mögen, wo mein meynung hin sei zů reyßen, so wissen, das ich willens bin mich in dem künigreich Portugal niderzůlassen und daselb in trawren mein zeit zů vertreiben, so lang mir wider von dem glück verleihen würt, bei euch, mein allerliebsten junckfrawen, zů wonen. Ich will auch, sobald ich ymmer in Portugal kumm, euch embieten, wie es umb mich stand, es sei doch in welchen weg es wöll. Wer es dann sach, das ich euch disen ring schickt, so seind gewiß, das ich mit todt abgangen bin. Aber dieweil ich leb, soll und würt er von meiner handt nit kummen. Nun aber mag ich nit gründtlich wissen, wann die zeit kummen würt, das ich von hinnen scheyden můß. Darumb, allerliebste[337] junckfraw, ich nun zůmal meinen abscheyd mit euch machen will. Gott gesegen euch, mein freüd, mein hoffnung und all mein trost, darzů ein auffenthalterin meiner armen seelen! Verflůcht můß der sein, so ein ursach ist an meinem kummer und leiden. Ich winsch, das er nymmer frölicher stund und tag erleben mög, dann er mir nun zůmal schaffen thůt. Wee mir, das ich mich nit nach meinem willen an im rechen soll! Verflůcht sei der tag und stund, an welchem diser falsch anschlag über uns erdacht ward!‹

Mit solcher kläglicher red der ritter sein allerliebste junckfraw dermassen von newem zů trawren unnd leyd bewegt, also das sie vor in allen in grosse omacht fallen thett. All die, so umb sie waren, bitterlichen ob ir stunden weynen und klagen. Als nun die junckfraw wider zů ihr selb kummen was, hůb sie an vor inen allen zů reden und sprach: ›O du mein allerliebster ritter, der du bist ein kron in meinem hertzen, ein ursacher aller meiner freüden, ein hoffnung meines lebens, wie mag ich ymmer frölich werden, dieweil ich deines lieblichen angesichts beraubt werden soll! O du unbarmhertziger brůder, der du mir, deiner einigen schwester, in kurtzer zeit ir leben nemmen würst, verflůcht sei die stund, in deren ich dein schwester worden bin. Gott wolt, ich eines armen ritters tochter wer, damit ich nit also von meinen freünden in hůt gehalten würd! O mein allerliebster ritter, ich behalt dir bei meiner seel, wo ich nit deines lebens besorgen můßt, es solt mich in disem Engelandt kein mensch behalten; ehe wolt ich in einer bilgerin weiß auß disem künigreich ziehen. Aber ich hoff, gott werd an unserem leyd bald ein verniegen haben unnd uns unsern trübsal in grosse freüd verkeren.‹

Das kläglich klagen und weynen der zweyer lieben nun lang zeit geweret hatt. Mit vil erbermblichen worten ir leyd klagten, zůletst urlaub von einander namen, mit grossem schmertzen iren letsten abscheyd machten; dann keins dem andren nymmermehr zů gesicht kam. Gabriotto seim vertrawten gsellen Reinharten sein allerliebste junckfraw befehlen thett, in freündtlich batt, das er sie nach seinem abscheyd trösten solt. Damit von einander schieden. Der ritter sich von stund an zůrüst, ein barschafft zůsamen macht, nyemandts[338] dann seinem knecht davon sagen thett, des angeschlagnen jagens mit grossem trawren erwartet.

Quelle:
Georg Wickram: Werke. Band 1, Tübingen 1903, S. 335-339.
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