18.
Lasarus wirt von einem riffiener auff ein türckisch schiff verkaufft, hart in eysenen banden verwart; auch wie Richhart so traurig was.

[164] In diser zeit wolt danocht das glück nicht gar für und für mit disen zweien gůten gesellen sein, sunder inen auch etwas überzwerchs under die füss legen. Es was ein öder schalck, ein riffiener, der het Richarten etlich tag geholffen haußrhat und anders zů marckt füren umb sein besoldung.

Der schalck nam mit fleiss war, was Lasarus für ein mann was, auch das er ein frembdling inn Hispanien was, sich der sprach gar nit verstůnd; er aber, der schalck, mer dann einer sprachen kündig was. Als nůn Reichart seine sachen gar zům end gericht und yetz nit mer dann auff ein schiff warten thet, haben sie ir zeit mit spatzieren und ander kurtzweil vertriben. Es ist aber der riffiener stet umb sie gewesen; dann sie in für einen frummen mann achteten.

Eines morgens stůnd der gůt Lasarus uff, dann er mocht nit schlaffen, nam im für hinaus an die schiffporten zů spatzieren. Als er nůn auff dem weg was, begegnet im der gedacht riffiener. Des sich dann Lasarus erfrewet; dann er ihm ein spatziergesellen meinet ersehen haben. Er sagt ihm gleich sein fürnemen. Bald hett der verreter sein anschlag gemachet und sagt, er wolt ein gesellen geben und mit an das port spatzieren gehn. Des der gůt frumb Lasarus wol zůfriden was. Also zugen sie mit einander hienaus.

Das port stůnd allenthalben voll nauen unnd galeen, so das es anzůsehen was, als wann ein statt dahin gebawen were. Der verreter, so zůvor mer mit semlichen bößwichtstucken was umbgangen, fügt sich zů einem türckischen schiffpatronen, zeigt im an, wie er abermals einen starcken jungen mann vorhanden hett. Also machet er geschwind ein kauff mit dem patronen uff dem schiff umb zwentzig ducaten; die er[165] im versprach für den Lasarum zů geben, sobald er im den auff das schiff gelüfert het. Saumet sich der schalck nit lang, gieng hinaus zů dem Lasaro, zeiget ihm an, wie ein kauffman auff dem schiff were, so ein gross gůt von edlem gestein aus der Türckey mitbracht hett, begert die zů verkauffen; so wer noch kein kauffman ob solchen steinen gewesen; wann er die begert zů sehen, wolt er im wol darzů künden beholffen sein. Lasarus als ein begiriger batt den schalck freundtlich, im auff das schiff zů helffen.

Also fůrt er in darauff und macht sein verreterey auff türckisch, das der gůt Lasarus gar nit verston kund. Also fůrt in der patron unden in das schiff. Da ward er gleich von den knechten angriffen unnd fast hart in eysen geschlagen. Des er dann über die mass sehr erschrack, wol abnemen kund, das er von dem schantlichen bößwicht verraten was. Der empfieng sein gelt und macht sich damit inn die statt.

Lasarus als er yetz den ernst befand, ward er innigklichen weinen; dann es was niemandts umb in, so mit im reden kunt. Er klagt gott sein ellend und trübsal und bat in, das er im aus seinen grossen nöten helffen wolt. ›O mein allerliebster brůder Richarde,‹ sagt er, ›wann du wissen soltest, wie meine sachen yetzund so geforlich stünden, dir würd gewisslichen kein schlaff mehr zů lieb sein, du würdest eylends meinem heil nachtrachten und mich von diser ewigen gefangenschafft erlösen. Ach was grossen jamer und kümmerniss wirt dich umbgeben, wann du mich erfaren wirst also verloren sein! Was grossen leids wirstu mit dir zů haus füren, wann du zů meiner lieben gemahel kummen würst und mich nit mit dir bringest! So kanst du auch gar nit sagen noch anzeigung geben, war ich kumen sey, ob ich in dem meer ertruncken oder von bösen bůben erschlagen worden. Ach got mir armen Lasaro! In disen banden můs ich meine jungen tag und starcken leib verzeren mit grosser harten viehischen arbeit. Und so ich zůr arbeit nit mer tauglich binn, wirt mir anders nichts volgen, dann das man mich also lebendig in das grausam und wüttend meer werffen wirt. O ir trutzigen riffiener, warumb habt ir mich nicht zů Lisabona bey der nacht erschlagen, als ich Reicharten von euch erlösen und mit gewaltiger[166] hand erretten můst! Jetzund wer meiner schon vergessen, und bewegt kein ursach mer, umb mich zů trawren. Meine freundt hettend mich damalen zů der erden bestattet. Wer wirt mich yetz zů meiner begrebd beleiten! Wehe mir, das ich von den schnöden Türcken also gefangen sein můs und auch zůletst den tod von in leiden, ich geschweig der harten streich, so meinem rucken schon bereit sind.‹ Dise und deren gleichen klag fůrt Lasarus mit solchen kläglichen geberden, das es einen stein solt erbarmet haben.

Reicharten waren dise ding gar verborgen; dann, wie ir oben gehört, so was Lasarus gantz frü von ihm uffgestanden und hinausgangen. Als nůn sein zeit kam, stůnd er auch uff, legt sich an; dann im kein böser gedanck nie ynkam. Es meinet den Lasarum unden in dem sal zů finden, aber er war niendart vorhanden. Das nam Richharten sehr frembd, dann er sein nit an im gewonet was; sein brauch was sunst allen morgen auff Reicharten zů warten. Also ging Reichart eylends in die kirchen und meinet, den Lasarum entlich darinn zů finden; das aber war auch umbsunst. Er eylet bald auff den marckt, da sich dann allen morgen die kaufleut versamletten; von Lasaro aber kund er gar nichts hören noch sehen. Das macht in also angsthafft, das er gantz verdacht stůnd, nit wußt, wes er sich weiters halten solt.

Wie er nůn also in einem semlichen trächter stoth, kumpt zů im ein kauffman, dem er seer wol bekant was. Derselbig sah wol, das die sach nit nach seinem willen stůnd; darumb er in dann fragen ward, was im doch angelegen wer, das er so gantz schwermütig wer. ›Ach mein gůter herr,‹ sagt Reichart, ›ich hab ein sehr schwere sach, so mich bekümmert. Dann ich ein lieben freundt und brůder, so mit mir aus Portugal har geschiffet ist, heut morgen verloren. Den ich yetz- und an allen orten gesůcht, da er gewon was des morgens am ersten zů gon, kan in aber weder erkunden noch erfragen. Semlichs mir mein hertz nicht wenig bekümmert. Dann ich stand in grossen sorgen, die riffiener haben in etwan under ein eys bracht und ermördet. Wo ein semlichs zůgangen und beschehen wer, so sag ich, das mir nit grösser laid zůhanden möcht gangen sein.‹[167]

Der ander kauffman sagt: ›Fürwar, herr Reichart, mir falt yetzund ein sehr wunderbarlicher gedancken zů. Als ich mich heut morgen gantz frü auffmundret, etlicher geschefften halben hinaus an das port ging mit einem meinem diener, alda sahe ich einen feinen geradnen jungen mann, euch mit der kleidung fast gleich beklaidet, mit einem bösen bůben gon, das ich mich schon darob verwundret. Dann derselbig arg vogel lang im růff gewesen ist, er hab sein sunder verreterey uff den türckischen schiffen, also das gar vil durch in verraten und den Türcken verkaufft werden. Da mügt ir wol nachgedenckens haben, was euch hierinn gůt bedunckt. Dann ich die beiden mit einander uff einem türckischen schiff heut morgen sehr früh gesehen hab.‹

Reicharten von semlichen worten sein hertz zittern ward. Er sagt zů dem kauffman: ›Ach mein allerliebster herr und freundt, ich bit euch umb ein getrewen rhat, wes ich mich doch in diser sachen halten soll. Dann es saget mir mein eygen hertz, mein liebster brůder seye also verraten worden.‹

Darauff sagt der kauffherr: ›Wann die sach mich berůrt als euch, so fügt ich mich onverzogenlich zů dem obersten gubernator, so von dem künig über das port gesetzt ist, zeigt im die sach von anfang an und begert, das er mir etlich diener zůgeben wolt, die mir die türckischen schiff hülffen ersůchen. Ir werdet einen gůten bescheid bey im finden. So es euch dann gefallen, wolt ich nach dem morgenymbiss mit euch an das port gon und das schiff anzeigen, auff welchem ich die zwen heut morgen gesehen hab.‹ – ›Des sind auffs freüntlichst gebetten,‹ sagt Reichart; ›wo ichs ewiglichen umb euch vergelten kan, solt ir mich gantz willig finden.‹

Also machten sie iren bescheid, wo sie nach dem morgenymbis zůsamenkumen wolten. Demnach gieng Richart eylends zů dem herren des ports, zeigt ihm alle handlung an. Der im etlich diener zůgab, die mit im auff ein bestimpte stund hinausgon solten. Also zog Reichart in sein herberg, da er den Lasarum auch meint zů finden; aber umbsunst was.

Quelle:
Georg Wickram: Werke. Band 2, Tübingen 1903, S. 164-168.
Lizenz:
Kategorien:

Buchempfehlung

Schnitzler, Arthur

Therese. Chronik eines Frauenlebens

Therese. Chronik eines Frauenlebens

Therese gibt sich nach dem frühen Verfall ihrer Familie beliebigen Liebschaften hin, bekommt ungewollt einen Sohn, den sie in Pflege gibt. Als der später als junger Mann Geld von ihr fordert, kommt es zur Trgödie in diesem Beziehungsroman aus der versunkenen Welt des Fin de siècle.

226 Seiten, 8.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Romantische Geschichten II. Zehn Erzählungen

Romantische Geschichten II. Zehn Erzählungen

Romantik! Das ist auch – aber eben nicht nur – eine Epoche. Wenn wir heute etwas romantisch finden oder nennen, schwingt darin die Sehnsucht und die Leidenschaft der jungen Autoren, die seit dem Ausklang des 18. Jahrhundert ihre Gefühlswelt gegen die von der Aufklärung geforderte Vernunft verteidigt haben. So sind vor 200 Jahren wundervolle Erzählungen entstanden. Sie handeln von der Suche nach einer verlorengegangenen Welt des Wunderbaren, sind melancholisch oder mythisch oder märchenhaft, jedenfalls aber romantisch - damals wie heute. Michael Holzinger hat für den zweiten Band eine weitere Sammlung von zehn romantischen Meistererzählungen zusammengestellt.

428 Seiten, 16.80 Euro

Ansehen bei Amazon