29.
Wie Amelia von irer můter zů red gesetzt ward, ir gar ordenlichen erzalet, was sich in zeit der haushaltung junger leut, so die jar noch nit uff in haben, zůtragen thůt; auch von der gschwinden antwurt der junckfrawen.

[192] Des andren tags am morgen sehr früh stůnd die junckfraw Amelia von irem beth auff. Nůn hett ir die můter am abent fürgenummen, wie sie morgens mit ihrer tochter reden wolt. Amelia was gar eine kleine zeit auffgewesen, so kumpt die můter, klopffet an der kammerthüren an. Davon Amelia erstlich erschrack; dann sie nit gewon was, das sie yemants so frü überlauffen solt. Sie schlos eylents uff. Sobald sie aber die můter erblicket, gedacht sie wol, warumb es zů thůn was. Sie empfieng die můter gar mit früntlichen worten, sie dancket ir mit züchtigen worten, wunscht ir einen seligen tag.

Demnach sagt sie: ›Amelia, mein einige und allerliebste tochter, mein beger ist an dich, du wöllest dein gemach zůschliessen, damit wir von niemants überlauffen werden. Dann ich etwas nötigs mit dir zů reden hab, da ich nit gern wolt, das ander leut wissens darvon tragen solten.‹ Amelia was ihrer můter gehorsam, verriglet von stund an die kamerthür und[192] sagt: ›Ach mein hertzallerliebste můter, was ist dann das für ein heimliche sach? Nu bin ich ye nit an dir gewonet, das du mir solche heimliche reden fürbringest.‹

Die můter sagt: ›Amelia, mein liebe tochter, es kumpt deinem vatter und mir deßgleichen gantz glaublich für, wie das du und der jung Lasarus euch miteinander verredt haben sollen; des zů einem hafft habe er dir einen kostlichen ring geben, dergleichen habest du im auch etliches gewircks deiner arbeit zů einem gegenwurff und widergeltung seiner gaben zůhanden gestellt. Ist ihm also, so hast du dich warlich hoch gegen deinem vatter und mir, dergleich gegen dem großvatter und großmůter vergriffen, darumb du dann gott schwerlich antwurt geben můst. So wirt dir auch sunst alle welt übel darumb sprechen, das du ein einige tochter bist und also sunder deiner ältern wissen in hauffen greiffest und dir deines gefallens einen mann harauslisest, als wann deine älteren seumig an dir gewesen weren oder du der jaren gar veraltet werest, wiewol weder dein vatter noch ich mangel oder unwillen an dem Lasaro haben, allein das er noch zů gar jung ist zů der haushaltung. Zůdem so hatt er auch die fremde nie erkundiget, das dann an einem jungen hausman ein grosser mangel ist; dann er weder die fremden noch die haimischen nach gebür waißt zů halten. So sichst du auch täglichen, wo zwey menschen also gar jung züsamen kumen und kinder mit einander zeugen, was aus semlichen kinderen werden. Sie mügen weder har nach dar; das macht, das vatter unnd můter ir recht volkumen natürlich alter noch nit auff in haben. Nim dir zů einem spiegel unsern vierden nachbauren von disem haus gesessen, welcher von seiner großmůter ein groß gůt in rendten und gülten ererbet hatt! Als in aber seine vormünd gehn Salamanca gethon haben zů eim künstlichen schreiber und rechenmeister, ist er noch nit über sein zwölff jar gewesen, ein junger frecher ungesaltzner junger, hatt sich umb gar nicht verstanden, was im nutz oder schad gewesen sey; allein sind ihm alle seine gedancken nach einem weib gestanden, und gedacht, im mög an gůt gar nicht zerrinnen. Was ist beschehen? Sein schůlmeister het ein schöne tochter jung und můtig, die fieng dem jungen löffel an zů gefallen.[193] In summa es kam dahin, das sie einander die ehe geretten unnd versprachen. Was solten die vormünd thůn? Die sach hett sich zů weit yhngerissen, man kunds nit mer gewenden. Der kirchgang beschach, das gůt jung par völcklin kam miteinander in die haushaltung, gewannen kinder mit einander unnd fiengen an haus zů halten, gleich wie das haus ein gibel hett. Allen tag was sanct Gallentag; es můsten allen imbis gäst vorhanden sein, da was künig Artus hoff; bald man gass, was wirffel, karten, lauten und pfeiffen vorhanden. Das bestůnd aber, gleich wie es ein anfang und fundament het; dann es in kurtzen jaren dahin kam, das die fraw und kinder befögtet wurden, thailten mit dem mann ab. Zůletst nam die fraw die kinder, fůr mit in darvon wider gehn Salamanca zů irer früntschafft, da sie, wie ich bericht würd, auff disen tag umb einen lohn dienen můs. So sagt man, er pfeiff auch schon uff dem hindristen löchlin. Also, mein liebe tochter, geht es den jungen unverstanden ehleuten; wann sie yetzund der rhů zům basten bedürfften, habend sie das, so von ihren älteren erspart was, verthon und umb nassen zucker geben; so müssend sie dann ander leuten in die schüssel sehen. Diss wöllest du, mein hertzliebe tochter, zů hertzen nemen. Nit verlass dich uff deiner ältern gůt! Ob sein gleich ein grosser theil ist, mag es doch in einem kurtzen augenblick gar vergon, wie dann alles zeitlich uff der gantzen erdenkreis zergencklich ist und zů trimmeren gehn můs zů seiner bestimpten und geordneten stund. Darumb uns gleich so gros und hoch von nöten ist, das wir gott bitten, das er uns das zeitlich gůt bewaren und behüten wölle und uns das nit las zů lieb sein, damit wir nitt unser hertz und gedancken allein darauff setzen und das zů unser verdamnüs mißbrauchen. Du sihest auch, mein liebe Amelia, was grossen unrhů, zancks, hader und zwitracht in allen erbfällen gemeinlich entston, namlich wo der erben vil miteinander zů theilen haben. Des du dann, mein tochter, gar überhaben bist, dieweil du kein ander geschwistert noch miterben neben dir hast. Du bist deinem vatter und mir ein angenemes und liebes kind; das magst du wol abnemen an den grossen gefärlichen raisen, so er zů wasser und land fürnimpt, alles darumb das er dir ein gross gůt zůwegen[194] bringen mög. Das du in dann billich geniessen solt und nichts fürnemen, so im zůwider sein mag. Aber dem allen sey, wie im wölle, so bit ich dich, wöllest mir nicht verhalten, hast du dem Lasaro die ehe versprochen. Zeig mirs ingeheim an, so will ich mich fleissen, des vatters zorn zů milteren.‹

Darauff saget die junckfraw: ›O du mein geliebte můter, womitt habe ich doch in allen meinen tagen semlichs verschuldet, das mein vatter und du mir ein solchs übel vertrawen, so das ich on ewer wissen und willen mich solt verheuraten! Ach sag mir doch, mein liebe můter, welchen drit bin ich doch in allen meinen tagen wider eweren willen für ein thür hinausgangen, das ich euch nit darumb befragt het? Wo habe ich einiche gespilschafft mit mir harein gefürt ohn euwer vorwissen, das doch ein geringes gewesen were, und solt mich yetzunder an einem so grossen übersehen! Ich aber sol und müs geston, das ich dem jüngling Lasaro aus grund meines hertzen günstig bin, doch anderst nit, dann was zucht und ehr ertragen mag. So wais ich auch, das ich keiner anderen gestalt von im lieb gehabt würd. Das ich einen schönen ring von ihm empfangen, müs ich bekennen. Ich bin aber des gewiss, das er denselbigen weder seinem vatter noch niemand anders enttragen, sunder hat den selber gemacht aus etlichem gold, so im sein vatter gern darzů bewilligt hatt. So hat im auch den saphier unser vatter darzů geschenckt. Das ich in auch mit etlicher meiner arbeit dargegen begabt hab, leugne ich gar nit, dieweil ich all meine tag gehört hab, das under allen lasteren kein grössers nit funden werd dann undanckbarkeit. Was möcht ich im dann für billicheren danck bewisen haben, dieweil er mich mit künstlicher seiner eygnen arbeit begabt, dann das ich im mit meiner arbeit widergolten hett, wie ich dann auch geton hab! Das aber bekenn ich zum überflus, wann es got also wolt fügen, das wir in ehlichen stand zůsamenkumen, ich warlichen des künigs sůn aus Engeland nit für in haben noch erkiesen wolt, so es mit ewer aller gůten willen besche. Dem allen ist nit anderst, mein hertzliebe můter, dann wie ich dir hie bekant hab. Yedoch solt du mir gäntzlichen vertrawen, das ich versprechens[195] halben sein und aller welt ledig bin.‹ Damit beschlos Amelia ir red.

Als nůn die můter der tochter meinung und willen verstanden, ist sie nit wenig davon erfrewet worden und fieng weiter an mit ir zů reden. ›Amelia‹, sagt sie, ›du solt entlichen von mir vertröst sein, das dir Lasarus zů einem gemahel erkorn ist von deinem vatter auch mit bewilligung seiner beiden älteren. Das aber můs zůvor und ehe beschehen, das er ein zeitlang auch andre fremde land und ort erkundigen můs, damit er wiss, wie man sich mit kind und gesind halten sol. Also haben schon beide vätter die ding abgerett. Ich gedenck auch, Lasarus wirt auch schon als wol als du zů red gesetzt worden sein, damit wir ewer beder willen und gemüt erkundigen. Wo aber die reden nit gleich zůstimmen, werden beide älteren einen grossen argwon daraus schöpffen.‹ – ›Des bin ich on sorg‹, sagt die tochter, ›dieweil ich wais, das Lasarus warhafft ist, wirt er nicht anders künnen anzeigen, dann wie du mich gehört hast.‹ Damit nam die můter urlop von der tochter.

In der zeit was auch Lucia an iren sůn Lasarum gericht gewesen, der gantz gleichförmig mit Amelien zůsaget, wie er dann geschrifftlichen bericht von ihr empfangen het. Als er aber vernam, das er wanderen můst, was im das můs gar versaltzen. Jedoch wolt er nit viel mit der můter daraus handelen, erwartet des vatters meinung.

Quelle:
Georg Wickram: Werke. Band 2, Tübingen 1903, S. 192-196.
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