Erste Szene

[13] Zimmer in Baptistas Hause. Katharine und Bianca mit der Morgentoilette beschäftigt. Eine Zofe.


KATHARINE zur Zofe.

Aus meinen Augen, ungeschicktes Ding!

Du raufst mich nur, statt mich zu kämmen,

Setzt mir die Schleife schief!

Hinaus! Ich wills!


Die Zofe ab.


BIANCA.

Ach Schwester, fängst du denn schon wieder an?

Am frühen Morgen?

KATHARINE.

Früh? 's ist spät genug!

Dich freilich dünkt es früh. Du bist verschlafen,

Die Serenaden lassen dich nicht ruhn.[13]

Ha! Wirst du rot? Ja, ja ich hört ihn wohl

Den frechen Herrn aus Pisa und den andern,

Den lächerlichen alten Geck.


Spöttisch.


Das singt und seufzt des Nachts um unser Haus,

Wie Kater, die im Mondschein promenieren.

Gelt nächstens schleichst du selber noch hinaus,

Und gehst mit ihnen Arm in Arm spazieren.

BIANCA.

Wie bitter du Beleidigungen häufest

KATHARINE.

Und du beleidigst alle Weiblichkeit.

Du! Ha! Und deinesgleichen sind nur schuld,

Daß bei den Männern wir die Schwachen heißen.

Natürlich, jedes Liedchen wirft euch um

Und eine Nachtmusik raubt euer Herzchen,

Daß ihr nicht anders könnt, ihr müßt ihn lieben.

O Schande! Immer tiefer sinken wir,

Sind nur der Spielball roher Männerlust.

Für wen steckst diese Rose du ins Haar?

Für wen pflegst du die Hand im feinen Handschuh?

Für wen besprengst du mit Duft die Kleider,

Und schmückst den weißen Arm mit goldner Spange?

Für Männer!

BIANCA.

Süße Triebe der Natur belehren uns,

Der Schönheit Reiz zu wahren.

KATHARINE.

Glaub mir's! Wir sind der Männer Puppe nur, wir!

Nein, nicht ich! Ich will mich wehren!


Mit Aufregung das Zimmer durchschreitend.


Die Laute nimm

Laß frisch die Saiten erklingen!

Mir liegt ein Lied im Sinn,

Das hör ich nicht auf, zu singen.


Lied der Katharine


Bianca hat eine Gitarre genommen und spielt.


Ich will mich keinem geben,

Es bringt nur schlechten Dank,

Als Mädchen will ich leben,

Will bleiben frei und frank.

Und wer mich will gewinnen,

Der steig nur erst hinauf,

Bis an des Himmels Zinnen

Und halt die Sonn im Lauf!

Und wer mich will zum Weibe,

Der steig erst in die Höll

Und hol zum Zeitvertreibe

Den Teufel mir zur Stell.

Ich will mich keinem geben,

Es bringt nur schlechten Dank,

Als Mädchen will ich leben,

Will leben frei und frank,[14]

LUCENTIO UND HORTENSIO.

Bravissimo!

PETRUCHIO.

Bravo! Amazone! Bravissimo! Da Capo!

KATHARINE.

Hörst du die Spötter? Es nahen Männertritte.

So sind sie alle, das ist ihre Sitte.

Du zögerst? Möchtest wohl die Fremden hier erwarten!

Fort! Sag ich dir! Hinab mit mir in den Garten!


Beide ab.


Quelle:
Hermann Goetz: Der Widerspenstigen Zähmung, frei bearbeitet von Joseph Viktor Widmann, Zürich, Wien, München [ca. 1925], S. 13-15.
Lizenz:
Kategorien:

Buchempfehlung

Schnitzler, Arthur

Flucht in die Finsternis

Flucht in die Finsternis

Robert ist krank und hält seinen gesunden Bruder für wahnsinnig. Die tragische Geschichte um Geisteskrankheit und Tod entstand 1917 unter dem Titel »Wahn« und trägt autobiografische Züge, die das schwierige Verhältnis Schnitzlers zu seinem Bruder Julius reflektieren. »Einer von uns beiden mußte ins Dunkel.«

74 Seiten, 3.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Geschichten aus dem Biedermeier III. Neun weitere Erzählungen

Geschichten aus dem Biedermeier III. Neun weitere Erzählungen

Biedermeier - das klingt in heutigen Ohren nach langweiligem Spießertum, nach geschmacklosen rosa Teetässchen in Wohnzimmern, die aussehen wie Puppenstuben und in denen es irgendwie nach »Omma« riecht. Zu Recht. Aber nicht nur. Biedermeier ist auch die Zeit einer zarten Literatur der Flucht ins Idyll, des Rückzuges ins private Glück und der Tugenden. Die Menschen im Europa nach Napoleon hatten die Nase voll von großen neuen Ideen, das aufstrebende Bürgertum forderte und entwickelte eine eigene Kunst und Kultur für sich, die unabhängig von feudaler Großmannssucht bestehen sollte. Für den dritten Band hat Michael Holzinger neun weitere Meistererzählungen aus dem Biedermeier zusammengefasst.

444 Seiten, 19.80 Euro

Ansehen bei Amazon