Fünfte Szene

[19] Baptista hat schon mehrmals verstohlen durch die Türe gesehn, endlich tritt er näher. Hinter ihm Lucentio und Hortensio.


BAPTISTA.

Nun, liebe Kinder, 's ist nur eure Schuld,

Wenn ich es wage euch zu stören.

Verzeiht des Vaterherzens Ungeduld!

Ihr ließet gar nichts von euch hören.

HORTENSIO für sich.

Wie mag's nur stehn? Fürwahr, ich bin gespannt.

Ist wohl besiegt ihr Widerstand?

LUCENTIO für sich.

Wenn er bei guter Laune sie getroffen,

So darf auch ich auf Bianca hoffen.

BAPTISTA.

So sprecht doch endlich, sagt mit freiem Mut:

Wie steht's mit eurer Werbung, eurem Frein?

PETRUCHIO.

Wie's damit steht? – Wie anders denn als gut;

Jetzt hat auch sie erfahren, wie die Liebe tut,

Und nächsten Montag soll die Hochzeit sein.

KATHARINE.

Kein Wort davon ist wahr, das geht zu weit,

Ihr krönet nur mit diesem frechen Lügen

Der tollen Werbung rohe Dreistigkeit.

PETRUCHIO.

Laß, Väterchen, vom Schein euch nicht betrügen!

Sie stellt sich nur so wild, so aufgebracht.

Wir haben unter uns so ausgemacht.

BAPTISTA.

Den Spaß beiseite, sagt mir kurz und schlicht:

Seid ihr nun einig, oder seid ihr's nicht?

PETRUCHIO.

Alles gut und alles richtig,

Nächsten Montag wird sie mein.

KATHARINE.

Alles falsch und alles nichtig!

Niemals, niemals werd ich sein.

LUCENTIO, HORTENSIO UND BAPTISTA.

Weh, o weh noch ist's nicht richtig.

Höret nur, sie sagt ja nein.[19]

PETRUCHIO.

Laßt vom Schein euch nicht betrügen!

KATHARINE.

Hört nun auf mit euren Lügen!

LUCENTIO UND HORTENSIO.

Sollte doch die Hoffnung trügen?

BAPTISTA.

Ist es Wahrheit, sind es Lügen?

PETRUCHIO.

Glaubt im Stillen ist sie mein.

KATHARINE.

Nie die eure will ich sein.

Hört nun auf mit euren Lügen!

LUCENTIO UND HORTENSIO.

Oder sind's nur Ziererein?

Sollte doch die Hoffnung trügen?

BAPTISTA.

Könnt ich endlich sicher sein!

Ist es Wahrheit, sind es Lügen?

PETRUCHIO nähert sich Katharine, sie zu umarmen. Sie weist ihn trotzig zurück.

Ei! Käthchen! Was ist das? So ganz verändert?

Sag's offen, Käthchen! Hast du Angst

Hast du Furcht vor mir?

KATHARINE.

Ich? Furcht? Vor wem? Vor euch? Armsel'ger Tor!

Dir täte Not, vor deinem Los zu zittern,

Würd ich die Deine. Fast gelüstet's mich,

Was du gewünscht, es kosten dich zu lassen

An dir, der dann mein Sklav,

Des Weibes Launen mutwillig auszulassen,

Dir die Herrin zu zeigen,

Die erbarmungslose Herrin

Von Morgens Scheine, bis zum späten Abend.

PETRUCHIO mit großer Befriedigung ihre Hand ergreifend, die er trotz ihres Widerstrebens nicht los läßt.

Recht brav! Mein Kind! Jetzt Vater euren Segen!

BAPTISTA.

Ich zittre noch. Mit Furcht nur kann ich segnen

Der wilden Herzen so trotzigen Verein.

Dort jene Herren mögen Zeuge sein!

PETRUCHIO.

Doch fürwahr, jetzt muß ich scheiden,

Komm am Montag erst zurück.

Dann nach kurzer Trennung Leiden

Blühet uns der Liebe Glück.

Ringe bring ich von Venedig,

Bauschger Kleider bunte Schau.

Küß mich Käthchen, bleib mir gnädig!

Montag bist du meine Frau.

KATHARINE.

Dreht sich alles mir im Kopfe?

Wie nur das noch enden wird!

LUCENTIO UND HORTENSIO.

Dieser faßt das Glück beim Schopfe,

Sei ihm bestens gratuliert!

PETRUCHIO.

Ja! Das Glück, ich halt's am Schopfe,

Montag sind wir copulirt.

BAPTISTA.

Ach! Mir armem alten Tropfe

Hat das Ding den Kopf verwirrt.[20]

Quelle:
Hermann Goetz: Der Widerspenstigen Zähmung, frei bearbeitet von Joseph Viktor Widmann, Zürich, Wien, München [ca. 1925], S. 19-21.
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