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[50] Von feinerem Gefühl getrieben

Vertauschte mit dem Hirtenstand

Apollo den Olymp. Er stieg herab, und fand

Die Menschen, die man ihm bald gar zu gut beschrieben

Bald gar zu schlimm, wie's immer pflegt zu gehn,

Erträglich erst, und endlich gar zum Lieben.

Die Leutchen, mußt er sich gestehn,

Gewännen näher angesehn;

Und setzte man sich nur auf gleichen Fuß mit ihnen,

So wären sie doch ganz was andres, als sie schienen,

Da er aus seinen Wolkenhöhn

Wer weiß wie schief auf sie herunter schielte.

Mit Einem Wort: Apoll, so bald er Mensch sich fühlte,

Entdeckte – was er nie als Göttersohn gewußt –

Es schlage was in seiner linken Brust;

Und unvermerkt, mit lauter Scherz und Spielen,

Lernt Seine Gottheit auch für arme Menschlein fühlen,

Nimmt fröhlich Teil an ihrer Lust,

Entdeckt sogar, auch das sei wahre Lust,

Und von der besten Art, mit andern sich betrüben,

Kurz, schmeckt die Wollust da zu sein

Zum ersten Male ganz und rein,

Und merkt zuletzt – (was ihm bisher geheim geblieben)

Die Kunst von allem dem sei – Lieben.


Was von Thessaliens Volk Apoll

Nicht alles lernte! Tausend Sachen

Wovon euch Göttern nie ein Wörtchen träumen soll:

Den losen Scherz, das wohlgemute Lachen

Gedrückt von keinem Zwanggesetz,

Und ohne Absicht, ohne Schraube,

Das trauliche, gutlaunige Geschwätz

Beim Abendstern in einer Sommerlaube,[50]

Und, o! den großen Talisman,

Mehr freie Herzen zu gewinnen,

Als Mahmud oder Dschingiskan

Sich Sklaven durch sein Schwert gewann,

Den Zauber, den die Charitinnen

Cytherens Gürtel eingewebt,

Was jeden Mangel deckt und jeden Reiz erhebt,

Gefälligkeit. – Sei einer von uns allen,

Verlange nichts voraus, – wir werden dir gefallen

So wie du uns gefällst! – Die erste Schäferin,

Die, ohne daß sie auf ihn zielte,

In frohem Mut und dumpfem Sinn

Das Herz ihm aus dem Busen spielte,

Ward seine Sittenlehrerin.

»Ein bloßer Hirt – ist's möglich? – vorgezogen

Dem schönsten Gott?« – Das schrie um Rache! – Schon

Ergriff sein Zorn den mächtgen Pythonsbogen;

Zu gutem Glück entfloh der Senn ein sanfter Ton.

Er stutzt, und plötzlich kommt ein Einfall angeflogen,

Der seinen Eifer kühlt und bald zum Mittel wird

Das Ziel, wornach er lüstet, zu erreichen.

Halt! denkt er, bist du hier was anders als ein Hirt?

Was foderst du voraus vor deines gleichen?

Dem Hirten, der gefällt, muß Gott und Halbgott weichen

Der nicht gefällt! Versuch's, gewinne sie!

Das Herz ist frei und Lieb erzwingt sich nie.


Stracks geht er hin und macht aus seinem Bogen

Ein Werkzeug des Gefühls; der Dolmetsch süßer Pein,

Die neue Leier, liegt mit Saiten straff bezogen

In seinem Arm, und schwirret durch den Hain.

Herbei gelockt von ihren süßen Tönen

Versammeln sich um ihn die Hirten und die Schönen,

Ein jedes will des Wunders Zeuge sein.

Bald wirkt der Zauber, Arme schlingen

In Arme sich, den Füßen wachsen Schwingen,

Der ungelehrte Tanz dreht rasch sich um ihn her,

Und wer war glücklicher als er!
[51]

Wie lieben alle nun den Schöpfer ihrer Freuden!

Er ist, wiewohl in Schäfertracht,

Ein Gott für sie! Er hat sie glücklicher gemacht.

Wie freundlich nun ihm jede Hirtin lacht!

Wie drängt man sich, um nah an ihm zu weiden!

Und wenn am warmen Abendglanz

Im Rosenbusch, zu Chloens Füßen –

Indes die Holde manchen süßen

Verstohlnen Blick am halb geflochtnen Kranz

Herunter schlüpfen läßt – wenn dann die sanfte Leier

Der Liebe Schmerzen mit gedämpftem Klang

So zärtlich klagt, stets näher sein Gesang

Ans Herz sich schmiegt, das durch den leichten Schleier

Stets höher schlägt, und nun, wenn sich in vollem Feuer

Der Harmonienstrom ergießt,

In süßem Mitgefühl zerfließt:

O welche Wonne ist's – in diesem Augenblicke

Ein Mensch, und nur ein Mensch zu sein!

Wie wenig ist Genuß in ungeteiltem Glücke!

In ihren Freuden selbst sind Götter stets – allein.


Apoll behielt in seinem Hirtenstande

Vom Gott allein des Wohltuns edle Macht.

Mit jedem Tag erwacht

Das Volk am Peneusstrande

Zu neu geborener Lust.

Ein feineres Gefühl entfaltet sich ganz leise

In jeder Brust,

Man sieht und hört nicht mehr nach alter Weise,

Der Nebel fällt vom Antlitz der Natur,

Und o! wie schön, wie neu ist Wald und Flur!

Man fühlt sich selbst in allen Wesen leben,

Vom Blümchen, das der Erd entspringt,

Zum Vogel, der in hohen Wipfeln singt,

Scheint alles uns vom Seinen was zu geben,

Verwebt uns alles mit ins allgemeine Weben.

Der holde Geist der Eintracht schlingt

Sein goldnes Band um alle, stimmt die Herzen[52]

Zu sanften Freuden, süßen Schmerzen;

Die lange Weile flieht, und nur zu leicht beschwingt

Entfliehen itzt, man weiß nicht wie, die Stunden,

Die man vordem so drückend lang gefunden.

Quelle:
Christoph Martin Wieland: Werke. Band 4, München 1964 ff., S. 50-53.
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