14.
An Ebendenselben.

[110] Diesen Morgen zog mich, ich weiß nicht was – oder vielmehr, ich wußte sehr wohl was – in das anmuthige Platanenwäldchen, das die Gränze zwischen dem Landgute meines Wirths und den Gärten der schönen Lais zieht. Es stände jetzt nur bei mir, lieber Kleonidas, dir weiß zu machen, daß ich so gut wie mein alter Sokrates einen kleinen Dämon in meinen Diensten habe, und das noch dazu mit dem Vorzuge, daß der meinige, anstatt mich (wie der Sokratische) bloß abzumahnen wenn ich etwas nicht thun soll, mir z.B. ganz vernehmlich zuflüsterte: wenn du in das Platanenwäldchen[110] gingest, würdest du einer schönen Nymphe begegnen, die vermuthlich so wenig vor dir davon liefe als du vor ihr. Ich will aber ehrlich mit dir verfahren, und nicht mehr aus mir machen als sich gebührt; und so kannst du dir die Sache, wenn du willst, ganz natürlich vorstellen. In beiden Fällen wird das Nämliche herauskommen. Denn kurz und gut, als ich auf meinem Spaziergange an die Gartenhecke unsrer Nachbarin kam, sah ich sie durch eine halb offne Thür, in einem zierlichen Morgenanzug, beschäftigt einige so eben aufbrechende Rosen im Gebüsch abzuschneiden, und dazu eines von Anakreons Liedern auf die Rose halb zu singen, halb zu sumsen, wie man zu singen pflegt, wenn man nur sich selbst zum Zuhörer hat. Sie erblickte mich sogleich, indem ich mit der dreisten Schüchternheit, die mir (wie die Mädchen sagen) so wohl ansteht – vermuthlich weil etwas Kunst dabei ist – gleichsam ungewiß, ob ich es wagen dürfe weiter zu gehen, in der Thür stehen blieb. Sie kam mir einige Schritte entgegen. Du scheinst, fiel sie mir ins Wort, da ich eine Entschuldigung zu stottern anfing, mit einer Gabe zu glücklichen Würfen geboren zu seyn, Aristipp. Wer hätte gedacht, daß wir uns in weniger als zwei Jahren zu Aegina wiedersehen würden? – Und das in einem so reizend aufblühenden Rosengebüsche, setzte dein Freund hinzu. – »Glaubst du auch an Vorbedeutungen?« – Wenn sie meinen Wünschen entgegenkommen, ja. – »Da du dich nun einmal (versetzte sie lächelnd) eben so unschuldig, wie ich glauben will, als ehmals zu Korinth, in mein Gebiet verirrt hast, würde mir's übel ziemen dich unbewirthet zu entlassen. Ich will das Frühstück in die Myrtenlaube[111] dort bringen lassen, und wir setzen uns zusammen und schwatzen die Morgenstunden vorbei, wenn du nichts Angenehmeres zu versäumen hast.«

Meine Antwort kannst du leicht errathen, Kleonidas; aber was du vielleicht nicht errathen hättest, war, daß es unvermerkt Mittag und Abend wurd, ohne daß wir eher ans Abschiednehmen dachten, bis uns die untergehende Sonne daran erinnerte. Das Benehmen meiner schönen Wirthin war munter, offen und absichtlos, immer anständig und edel, ohne Ziererei und Ansprüche, und doch zugleich so traulich, als ob wir nicht anders als Freunde seyn könnten. Mit Einem Worte, du kannst dir nichts Liebenswürdigeres denken als sie, und keinen glücklichern Sterblichen als mich, der, im Genuß des Gegenwärtigen gänzlich befriedigt, keinen Augenblick Zeit hatte zu denken daß noch viel zu wünschen übrig sey, und (was dir vielleicht unglaublich scheinen mag) auch nicht durch die leiseste Begierde daran erinnert wurde. Dieß ist, denke ich, die natürliche Wirkung der vollkommenen Schönheit, wenigstens auf einen Menschen meiner Sinnesart; und hätten die Grazien nicht so viel Reiz und Anmuthendes über alles was sie sagt und thut, bis auf die leiseste Bewegung der Falten an ihrem Gewand, ausgegossen, ich glaube ich könnte Jahre lang täglich um Lais gewesen seyn, ohne jemals aus dem süßen Schlummer, worin ihr Anschauen meine Sinne ließ, aufzuwachen. Seltsam wirst du sagen; aber so ist's! Oder vielmehr, so war und blieb es – rathe wie lange? – Beim Poseidon! Vier ganzer Sommertage lang; und ohne einen zufälligen Umstand, der dir die Sache zu gehöriger Zeit begreiflich[112] machen wird, dürften es vielleicht, Amor und Aphrodite verzeihen mir's! eben so viele Wochen oder Monate gewesen seyn.

Daß neu angehende Freunde, wovon der eine aus Cyrene und der andere aus der Pelopsinsel kommt, einander ihre Geschichte erzählen, versteht sich von selbst. Die meinige war bald abgethan, wiewohl Lais nicht glauben wollte, daß ich noch so sehr Neuling sey, als ich, mit völliger Wahrheit wie dir bekannt ist, zu seyn vorgab, oder vielmehr mit Bescheidenheit andeutete. Die ihrige war indessen nicht viel reicher an Abenteuern; und da du das Beste an ihrer Erzählung, den Zauberklang ihrer Stimme und den Geist ihrer Augen entbehren mußt, so will ich sie so kurz als möglich zusammenfassen.

Lais wurde zu Hykkara in Sicilien geboren. Sie erinnerte sich, daß sie in einem großen Hause auferzogen wurde, und daß ihr zwei Sklavinnen zu ihrer Besorgung zugegeben waren. Sie war ungefähr sieben Jahr alt, als sie das Unglück hatte (ich nenn' es Glück, und du wirst mir's nicht verdenken), bei Eroberung und Zerstörung ihrer Vaterstadt durch den bekannten Athenischen Feldherrn Nikias, vermöge des barbarischen Rechts des Sieges, das unter unsern Völkern zu ihrer Schande noch immer gilt, in die Sklaverei zu gerathen, und mit andern Kindern ihres Alters an den Meistbietenden verkauft zu werden. Leontides, ein reicher Korinthischer Eupatride, kaufte sie, und bezahlte sie beinahe so theuer, als ein marmornes Mädchen von einem Polyklet oder Alkamenes. Dieser Leontides war immer ein großer Liebhaber aller schönen Dinge gewesen; und wiewohl er im Dienste der Paphischen[113] Göttin bereits grau zu werden begann, oder vielmehr eben deßwegen, kam er auf den Gedanken, sich an der kleinen Laidion Trost und Zeitvertreib für seine alten Tage zu erziehen. Er ließ ihr also Unterricht in allen Musenkünsten und überhaupt eine so liberale Erziehung geben, als ob sie seine Tochter gewesen wäre, ergötzte sich in der Stille an ihren schnellen Fortschritten, und belohnte sich selbst zu rechter Zeit für alles, was er auf sie gewandt hatte, so gut als Gicht, Podagra und Hüftweh es erlauben wollten. Dagegen betrug auch sie sich so gefällig und dankbar gegen ihn, und leistete ihm die Dienste einer Krankenwärterin etliche Jahre lang mit so viel Sorgfalt, Geschicklichkeit und gutem Willen, daß er ihr seine Erkenntlichkeit nicht stark genug beweisen zu können glaubte. Sie lebte in seinem Hause als ob sie seine Gemahlin wäre, schaltete nach Belieben über sein Vermögen, und durfte sich der Freiheit, die er ihr geschenkt hatte, um so unbeschränkter bedienen, da er Ursache zu haben glaubte, sich auf ihre Klugheit und Bescheidenheit zu verlassen. In dieser Lage befand sie sich, als ich, durch den bewußten Zufall, eine Art von Aktäon (wiewohl mit besserm Glück) bei ihr zu spielen berufen wurde; und der plötzliche Einfall, sich auf Unkosten eines zudringlichen Unbekannten eine kleine Lust zu machen, wobei sie selbst nichts zu wagen sicher war, hätte einer lebhaften jungen Sicilianerin, welche die schönste Blumenzeit ihres Lebens einem abgelebten gichtbrüchigen Liebhaber aufzuopfern sich gefallen ließ, von meinem runzligen Freunde Antisthenes selbst nicht übel gedeutet werden können. Bald nach dieser Begebenheit starb der alte Leontides, und hinterließ seiner schönen Wärterin die[114] Freiheit zu leben wie und wo sie wollte, nebst einer beträchtlichen Summe an baarem Gelde und dem zierlichen Landsitz zu Aegina, der zwar von keinem großen Ertrag, aber durch seine reizende Lage und die Schönheit der Gebäude und Gärten beinahe so einzig in seiner Art ist, als seine Besitzerin in der ihrigen.

Die schöne Wittwe des Korinthischen Eupatriden befindet sich nun, wie du siehest, in einer Lage, die derjenigen ziemlich ähnlich ist, in welche Prodikus seinen jungen Hercules auf dem Scheidewege80 setzt. Zwey Lebenswege liegen vor ihr, zwischen welchen sie, wie sie selbst glaubt, wählen muß. Soll sie, kann sie, bei diesem lebhaften Bewußtseyn einer Schönheit und einer Zaubermacht, die ihr, sobald sie will, alle Herzen und alle Begierden unterwirft, bei solchen Talenten und einem Triebe zur Unabhängigkeit, dessen ganze Stärke sie in ihrer vorigen Lage kennen zu lernen Gelegenheit hatte, sich entschließen, mit Aufopferung ihrer Freiheit und ihres ganzen Selbst an einen Einzigen, das ist, mit Gefahr einer ewigen Reue, sich in die venerable Gilde der Matronen einzukaufen? – oder soll sie, mit Verzicht auf diesen ehrenvollen Titel, sich auf immer der reizenden Freiheit versichern, nach ihrem eignen Gefallen glücklich zu seyn, und glücklich zu machen wen sie will.

Es müßte einem Paar hochweiser Zottelbärte komisch genug vorgekommen seyn, wenn sie, hinter unsrer Myrtenlaube verborgen, eine junge Dame wie Lais, und einen schwarzlockigen wohlgenährten Philosophen von zweiundzwanzig Jahren, mit einer zwischen Pythagorischer Sophrosyne81, Sokratischer Ironie,[115] und Aristophanischer Leichfertigkeit leise hin und her schwebenden Miene, in der ernstlichsten Conferenz über diese Frage hätten behorchen können. Nichts müßte ihnen lustiger vorgekommen seyn, als das anscheinende Vertrauen der jungen Schönen zu der Weisheit eines beinahe eben so jungen Freundes, dessen eigenes Interesse bei der Sache stark genug in die Augen fiel, um ihr seinen Rath auf jeden Fall verdächtig zu machen.

Das Wahrste bei dieser Berathschlagung war indessen, daß die schöne Lais recht gut wußte, wozu sie sich bereits entschlossen hatte. Vermuthlich war es ihr mehr darum zu thun, mir ihre eigene Art über diese Dinge zu denken mitzutheilen, als sich in der Meinung, daß ich sie nicht anders als billigen könne, zu bestärken. Dieß glaubte ich in ihren Augen zu lesen, da sie, nachdem sie das Problem besagtermaßen gestellt hatte, sich auf einmal mit der treuherzigen Frage an mich wandte: was räthst du mir nun, Aristipp? – Sage mir deine Meinung ohne Zurückhaltung, und, wenn du die Forderung nicht unbillig findest, so unbefangen, als ob du der Mann im Monde wärest, und einer Bewohnerin des Hesperus rathen solltest.

Was du von mir verlangst, schöne Lais (antwortete ich ihr), ist eben nicht ganz so leicht als du zu glauben scheinst. Indessen wär' es mir wenig rühmlich, wenn ich schon zwei Jahre um den weisesten aller Menschen (mit der Delphischen Priesterin zu reden) gewesen wäre, und nicht wenigstens eine Hand voll brauchbarer Maximen auf die Seite gebracht hätte, womit ich mir und andern bei Gelegenheit aushelfen könnte. Eine dieser[116] Maximen ist: wenn ich um Rath gefragt werde, immer zu rathen was mir wirklich für die fragende Person das Beste scheint; aber zugleich ehrlich zu gestehen, daß, wofern ich selbst auf irgend eine Art dabei betroffen bin, immer auch, mit oder ohne klares Bewußtseyn, einige Rücksicht auf meine eigene Wenigkeit dabei genommen wird. So würde ich z.B. wenn ich dächte, daß eine geheime Vorliebe zu dem ehrsamen Matronenstande in deinem schönen Busen schlummere, und ich selbst etwa der Glückliche sey, mit dem du deine Freiheit in die Schanze zu schlagen Lust hättest, nicht umhin können dich vor mir zu warnen, weil in diesem Falle Zehn gegen Eins zu wetten wäre, daß es uns beide gereuen würde, mich dir gerathen, dich mir gefolgt zu haben. Eine andere meiner Lebensmaximen ist, meine Handlungen so wenig als möglich von den Meinungen andrer Leute abhangen zu lassen. Ich müßte mich sehr irren, wenn diese Regel nicht auch für dich gemacht wäre. Endlich ist auch bei mir festgesetzt, daß die Person den Stand, nicht der Stand die Person adeln muß. Ich sehe keine Unmöglichkeit, warum ein junges Frauenzimmer von deinen seltenen Vorzügen, in der unabhängigen Lage worein dich dein alter Patron gesetzt hat, unter dem Schutz der Grazien nicht so viel Freiheit, als ihr selbst zuträglich ist, mit einem gehörigen Betragen, dem die Welt ihren Beifall nie versagt, sollte vereinigen können. Mein Rath, schöne Freundin, wäre also – mit mehr oder weniger Rücksicht auf meine Maximen, wenn du willst, zu thun was dir dein Herz und deine Klugheit eingeben.

Ich bin mit deinem Rath vollkommen zufrieden, weiser[117] Aristipp, versetzte sie mit einem Lächeln, wie die Augen der Liebesgöttin lächeln mögen, wenn ihr Blick von ungefähr in einen Spiegel fällt. Höre mich also an, mein Freund; denn ich will mich dir so unzurückhaltend erklären, wie Personen meines Geschlechts kaum mit sich selbst zu reden pflegen. Ich habe noch so wenig Gelegenheit gehabt die Stärke oder Schwäche meines Herzens aus Erfahrung kennen zu lernen, daß es Vermessenheit wäre, wenn ich, wie der Sohn der Amazone82 beim Euripides Amorn und seiner Mutter Trotz bieten wollte. So weit ich mich indessen kenne, scheint es nicht als ob die Leidenschaft, die der besagte Dichter an seiner Phädra so unübertrefflich schildert, jemals mehr Gewalt über mich erhalten werde, als ich ihr freiwillig einzuräumen für gut finde; und ich wünsche vor jeder andern Thorheit so sicher zu seyn, als vor dem lyrischen Einfall, aus Liebe zu irgend einem Phaon der schönen Sappho den Sprung vom Leukadischen Felsen nachzuthun. Bei allem dem gestehe ich gern, daß ich den Umgang mit Männern eben so sehr liebe, als mir die Unterhaltung mit den Griechischen Frauen vom gewöhnlichen Schlage unerträglich ist. Du weißt vermuthlich, wie wenig bei der Erziehung der Griechischen Töchter in Betrachtung kommt, daß sie auch eine Seele haben, und daß die Seele kein Geschlecht hat. Sie werden erzogen um so bald als möglich Ehfrauen zu werden; und der Grieche verlangt von seiner ehlichen Bettgenossin nicht mehr Geist, Talente und Kenntnisse, als sie nöthig hat, um (wo möglich) schöne Kinder zu gebären, ihre Mägde in der Zucht zu halten, und die Geschäfte des Spinnrockens und Webestuhls zu besorgen. Ist sie überdieß[118] sanft, keusch und eingezogen, trägt sie wie die Schnecke ihr Gynäceon83 immer auf dem Rücken, und verlangt von keinem andern Manne gesehen zu werden als von ihm, läßt sich an und von ihm alles gefallen, und glaubt in Demuth, daß es keinen schönern, klügern und bravern Mann in der Welt gebe als den ihrigen: so dankt er den Göttern, die ihn mit einem so frommen tugendsamen Weibe beschenkt haben, ist höchlich zufrieden, und hat wahrlich Ursache es zu seyn. Vor der langen Weile, die ihm eine so fromme und tugendreiche Hausfrau machen könnte, weiß er sich schon zu verwahren. Er sieht sie so wenig als möglich: und verlangt er einen angenehmern weiblichen Umgang, so hält er sich irgend eine liebenswürdige Gesellschafterin auf seinen eigenen Leib, oder bringt von Zeit zu Zeit einen Abend mit seinen Freunden in Gesellschaft von Hetären zu. Und wie könnt' es anders seyn, da unsre ehrbaren Frauen, von aller männlichen Gesellschaft zeitlebens ausgeschlossen und auf den Umgang mit ihren Mägden, Schwestern, Basen und Nachbarinnen eingeschränkt, aller Gelegenheit sich zu entwickeln, und die Eigenschaften, wodurch man gefällt und interessant wird, zu erwerben schlechterdings beraubt sind? – Was bleibt also einer jungen Person meines Geschlechts, wenn sie mit der Gabe zu gefallen und einem Geiste, der sich nicht in den engen Raum eines Frauengemachs einzwängen lassen will, von Mutter Natur ausgestattet worden ist, was bleibt ihr anders übrig, als entweder sich selbst und das ganze Glück ihres Lebens der leidigen Landessitte aufzuopfern; oder die Freiheit mit allen Arten gebildeter und liebenswürdiger Männer Umgang zu haben (als das einzige[119] Mittel wie sie selbst entwickelt und gebildet werden kann), dadurch zu erkaufen, daß sie sich gefallen läßt – zu einer Classe gerechnet zu werden, die der weise Solon zwar durch einen schonenden Namen gewissermaßen zu Ehren gezogen hat, die aber doch sowohl durch ihre Bestimmung als den Charakter und die Sitten des größten Theils ihrer Mitglieder von einem unheilbaren Vorurtheil gedrückt wird, und mit einem Flecken behaftet ist, den alle Vorzüge einer Korinna, Sappho und Aspasia nicht auszulöschen vermögen. Oder könntest du mir einen andern Weg, dem gemeinen Schicksal der frommen und tugendhaften Frauen und – der tödlichen Langweile ihres Umgangs zu entgehen, zeigen, Aristipp?

Ich. Wo wolltest du einen Gemahl finden, der dich für das unendliche Opfer, das du ihm bringen müßtest, entschädigen könnte, wenn er auch wollte, und von dem du gewiß wärest, er werde es immer wollen?

Sie. Wenigstens wirst du mir zugeben, daß ich einiges Recht hätte, auch von ihm ein größeres Gegenopfer zu verlangen, als er mir vermuthlich zu bringen geneigt wäre. Und gesetzt er wär' es, glaubst du wohl, selbst ein Gott und eine Göttin könnten, von jeder andern Gesellschaft entfernt, einander lange alles seyn? Ich wenigstens bin mir meines Unvermögens, eine solche Zweisiedlerei in die Länge auszuhalten, vollkommen bewußt. Gute Gesellschaft, oder was in Griechenland wenigstens eben so viel ist, Männergesellschaft, ist für mich ein unentbehrliches Bedürfniß. Ich habe zu wohl erfahren, was es ist, mit einem einzigen Manne und mit lauter Weibern zu leben, um das Experiment zum zweitenmale zu[120] machen! – Es ist also fest beschlossen, Aristipp, ich werde meine Freiheit behalten, und mein Haus wird allen offen stehen, die durch persönliche Eigenschaften oder Talente berechtigt sind eine gute Aufnahme zu erwarten.

Ich. Gegen diesen heroischen Entschluß kann niemand weniger einzuwenden haben als ich. Aber – freilich wirst du – wie du selbst sagtest – in der Welt –

Sie. Nur heraus mit dem Worte! – Für eine Hetäre passiren? Vermuthlich. Aber warum sollt' ich mich über das Vorurtheil, das auf diesem Namen liegt, nicht hinwegsetzen? Jeder Stand in der Gesellschaft hat gewisse Vorurtheile gegen sich. Unsre ehrbaren Matronen passiren, im Durchschnitt genommen, für Gänse und Elstern, oder, falls sie Verstand genug dazu haben, für Heuchlerinnen, die Tag und Nacht auf nichts als Ränke sinnen, wie sie ihre Männer hintergehen, und die Vortheile des Hetärenstandes mit der Achtung, die dem Frauenstande gebührt, zugleich nutznießen wollen; und wenn man die Komödiendichter hört, so ist noch die Frage, ob eine Person von Geist und feinem Gefühl nicht mehr Ehre davon habe, eine so seltne Hetäre wie Aspasia oder Thargelia84 zu seyn als eine Matrone, wie unter jedem Hundert, nach der gemeinen Meinung, wenigstens drei Fünftel sind. Hier oder nirgends tritt der Fall ein, mein Freund, wo ich sehr Unrecht hätte, meine Entschließung von der Meinung anderer Leute abhängen zu lassen. Ich liebe den Umgang mit Mannspersonen, aber als Männer sind sie mir gleichgültig. Ich kenne sie, denke ich, bereits genug, um die Stärke und den Umfang der Macht zu berechnen, die ich mir ohne Unbescheidenheit[121] über sie zutrauen darf. Ich weiß was sie bei mir suchen; und da es bloß von mir abhängt, sie durch so viele Umwege als mir beliebt im Labyrinth der Hoffnung herumzuführen, so verlass' dich darauf, daß keiner mehr finden soll, als ich ihn finden lassen will; und das wird für die meisten wenig genug seyn. Kurz, du sollst sehen, Aristipp, wie bald die allgemeine Sage unter den Griechen gehen wird, es sey leichter die Tugend der züchtigsten aller Matronen in Athen zu Falle zu bringen, als einer von denen zu seyn, zu deren Gunsten die Hetäre Lais (weil sie doch Hetäre heißen soll) sich das Recht Ausnahmen zu machen vorbehält.

Sie sagte dieß mit einem so reizenden Ausdruck von Selbstbewußtseyn und Muthwillen, daß es mir beinahe unmöglich war, nicht auf der Stelle die Probe zu machen, ob ich vielleicht unter diese Ausnahmen gehören könnte: aber die Furcht, durch ein zu rasches Wagestück mein Spiel auf immer zu verderben, zog mich noch stark genug zurück, daß ich Meister von mir selber blieb. Solltest du, sagte ich, indem ich eine ihrer Lilienhände, die in diesem Augenblick auf ihrem Schooße lag, etwas wärmer als der bloßen Freundschaft zukommt, mit der meinigen drückte, solltest du wirklich hartherzig genug seyn, ein so grausames Spiel mit uns Armen zu treiben, als du dir jetzt einzubilden Belieben trägst? – Hartherzig? versetzte sie mit spottendem Lächeln, ihre Hand schnell unter der meinigen wegziehend, indem sie sich eben so schnell von der Bank, wo wir saßen, aufschwang und wie eine Göttin vor mir stand; zum Beweise, daß ich es wenigstens nicht für dich bin, lass' dir ein für allemal rathen, Freund Aristipp, keine Kunstgriffe[122] bei mir zu versuchen. Unser Verhältniß ist von einer sehr zarten Art; ich erlaube dir den Augenblick zu belauschen, aber hüte dich, ihm zuvorzukommen! Beinahe sollt' ich denken, schöne Lais (erwiederte ich), du seyst bei dem weisen Sokrates in die Schule gegangen – »Wie so?« – Weil die Lehre oder Warnung, die du mir so eben gibst, die nämliche ist, die ich ihn einst einer jungen Hetäre zu Athen geben hörte. – »Du scherzest, Aristipp; wie käm' ein Mann wie Sokrates dazu, sich mit dem Unterricht einer Hetäre abzugeben?« – Du kennest ihn noch wenig, schöne Lais, wie ich sehe. Kein Sterblicher ist freier von Vorurtheilen als er, und das Geschäft seines Lebens ist, allen Arten von Personen, unbegehrt und ohne auf ihren Dank zu rechnen, Unterricht und guten Rath zu geben. Er lehrt einen Gerber besseres Leder machen, einen Tänzer gefälliger tanzen, einen Maler geistreicher malen, einen Hipparchen seine Reiter und Pferde besser abrichten: warum sollte er nicht auch eine unerfahrne aber schöne und lehrbegierige junge Hetäre zur Virtuosin in ihrer Kunst zu machen suchen? – »Du erregst meine Neugier; wolltest du mir wohl das Vergnügen machen, mir alles zu erzählen, was du von dieser sonderbaren Begebenheit noch im Gedächtniß hast?« – Sehr gern; ich erinnere mich noch eines jeden Wortes, wiewohl es schon über Jahr und Tag ist, daß sie sich zugetragen hat. Einer von den Unsrigen, Kleombrotos von Ambracien, ein junger Schwärmer, wenn je einer war, erzählte uns, er habe so eben durch einen glücklichen Zufall Gelegenheit gehabt, das schönste Mädchen in Athen zu sehen, und zwar, wie nicht jedermann sie zu sehen bekomme; denn sie sitze eben einem[123] Maler als Modell. Da er nicht aufhören konnte, von der Schönheit dieser jungen Person als einer unaussprechlichen Sache zu reden, sagte Sokrates endlich lächelnd: wenn das ist, so könntest du uns den ganzen Tag davon sprechen, ohne daß wir ein Wort mehr wüßten als zuvor; denn von einer unaussprechlichen Sache einen Begriff durchs Ohr zu bekommen, ist unmöglich. Da wäre also, sagte dein naseweiser Freund Aristipp, kein andres Mittel uns zu überzeugen, daß Kleombrotos nicht zu viel gesagt habe, wiewohl er eigentlich nichts gesagt hat, als daß wir selbst hingingen und mit eignen Augen sähen. So gehen wir denn, sagte Sokrates. Kleombrotos führte uns also alle, so viel unser gerade um den Meister waren, nach der Wohnung der schönen Theodota, mit welcher er durch seinen Freund, den Maler, schon bekannt war; wir wurden gefällig empfangen, stellten uns in bescheidener Entfernung um den Künstler her, und sahen – was zu sehen war. – War das Mädchen wirklich so schön? unterbrach mich Lais im Ton der vollkommensten Gleichgültigkeit – In der That, antwortete ich in eben dem Ton, schön genug, daß sie mit allen Ehren die Stelle einer von deinen drei Grazien einnehmen könnte. Schmeichler! sagte sie, indem sie mir einen leichten Schlag auf die Schulter gab; ich unterbreche dich nicht wieder.

Als der Maler aufgehört, und die schöne Theodota sich in ein Nebengemach begeben hatte, um ihren Anzug wieder in die gewöhnliche Ordnung bringen zu lassen, warf Sokrates, in einem ihm ganz eigenen unnachahmlichen Mittelton zwischen Scherz und Ernst, die Frage auf: ob wir, die Zuschauer, der[124] schönen Theodota für die Erlaubniß ihre Schönheiten in einen so genauen Augenschein zu nehmen, oder Theodota nicht vielmehr uns für die Beschauung, Dank schuldig sey? und entschied sie, nach Maßgabe des ihr oder ihnen wahrscheinlich daraus zuwachsenden Vortheils oder Nachtheils, zu Gunsten der Zuschauer. Immittelst hatte er, seiner Gewohnheit nach, mit seinen weit hervorragenden scharf blickenden Augen das Innere des ganzen Hauswesens ausgekundschaftet; und als Theodota wieder sichtbar ward, machte er ihr sein Compliment über den reichen und glänzenden Fuß, auf welchem alles bei ihr eingerichtet sey. Das alles setzte er hinzu, muß dich viel Geld kosten, und ein so großer Aufwand setzt ein großes Vermögen voraus. Du hast ohne Zweifel ein schönes Landgut? – Keine Erdscholle, antwortete Theodota etwas schnippisch. – »Also vermuthlich ein Haus, das dir ansehnliche Renten abwirft?« – Auch das nicht, erwiederte sie, indem sie ein paar große Augen an den Mann machte, der einer Unbekannten so sonderbare Fragen vorlegte, und ihr dennoch, seines schlechten Aufzugs ungeachtet, Ehrfurcht und Zutrauen einzuflößen schien. – »Aha! Nun versteh ich; du bist Eigenthümerin einer großen Fabrik, worin eine Menge geschickter Arbeiter Geld für dich verdienen?« – Ich? ich besitze nichts dergleichen. – »Wovon kannst du denn einen solchen Aufwand machen?« – Die Freigebigkeit meiner guten Freunde, erwiederte sie erröthend, und hielt inne – »Gute Freunde? Das gesteh' ich! Da hast du allerdings ein großes Besitzthum. Ein Rudel Freunde ist freilich ein ganz andrer Reichthum als eine Heerde Rinder, Schafe und Ziegen! Aber wie fängst du es an, schöne Theodota,[125] daß du so gute Freunde bekommst? Läßt du es auf den Zufall ankommen, ob sich so ein Freund, wie eine Fliege, von ungefähr an dich setzt, oder gebrauchst du etwas Kunst dazu?« – Ich verstehe dich nicht; wie käme ich zu einer solchen Kunst? »Wenigstens so leicht als eine Spinne. Du weißt doch wie sie es machen, um sich ihren Unterhalt zu verschaffen? Sie weben eine Art feiner Netze; die Mücken verfangen sich darin, und dienen ihnen zur Speise.« – Ich soll also auch so ein Netz weben, meinst du? – »Warum nicht? Du wirst dir doch nicht einbilden, daß ein so köstliches Wildbret, als gute Freunde sind, dir so ohne alle List und Mühe, mir nichts dir nichts, in die Küche laufen werde? Siehst du nicht, wie mancherlei Anstalten die Jäger machen, um nur einen schlechten Hasen zu erhaschen? Weil der Hase immer bei Nacht auf die Weide geht, schaffen sie sich Hunde an, die bei Nacht jagen; und weil er ihnen bei Tage entlaufen würde, halten sie Spürhunde, die, wenn er von der Atzung in sein Lager zurückgeht, seiner Fährte folgen und ihn dort zu fangen wissen. Weil er so schnellfüßig ist, daß er ihnen im Freien gar bald aus den Augen kommt, haben sie Windspiele bei der Hand, die ihn im Laufen fangen; und da er ihnen auch so vielleicht noch entrinnen könnte, stellen sie überall, wohin er seinen Lauf nehmen könnte, Jagdnetze auf, worein er sich verwickeln muß.« – Das alles mag zur Hasenjagd sehr dienlich seyn, sagte Theodota mit einem kleinen spöttischen Naserümpfen; nur sehe ich nicht, welches von diesen Mitteln mir dienen könnte um Freunde zu erjagen. – »Was meinst du, Theodota, wenn du dir statt eines Spürhundes jemand[126] anschaffen könntest, der die Gabe hätte dir die reichen Dilettanten auszuriechen und in deine Netze zu jagen?« – In meine Netze? Was für Netze hätte ich denn? – »Das fragst du, schöne Theodota? Eines wenigstens gewiß, das auf alle Fälle schon weit reicht, und von der Natur selbst gar zierlich gestrickt wurde; und wie kannst du vergessen, daß du in diesem schönen Leibe eine Seele hast, die dich lehren könnte, wie du die Augen brauchen mußt um die Männer durch deine Blicke zu bezaubern; was du reden mußt um sie aufgeräumt und fröhlich zu machen; wie du den, der dich ernstlich liebt, durch die Anmuth deines Betragens fest halten, und den Lüstling, der nur in deinen Reizen schwelgen will, abschrecken und entfernen sollst. Und hast du nicht auch ein Gemüth, das dich an deinem Freunde Antheil nehmen macht? Das dich antreibt die zärtlichste Sorgfalt an ihn zu verschwenden wenn er krank ist; ihm die lebhafteste Theilnehmung zu zeigen wenn er irgend etwas Rühmliches gethan hat, und mit ganzer Seele an ihm zu hangen, wenn er dir Beweise gibt, daß auch er es recht herzlich mit dir meine? Ich zweifle nicht, du kannst mehr als nur liebkosen, du kannst auch lieben; und du machst dir ein Geschäft daraus, die Gewalt, die du über die Gemüther deiner Freunde hast, dazu anzuwenden, sie zu den edelsten und besten Menschen zu machen.« – Ich versichre dich (sagte Theodota, indem sie den Mund mehr als nöthig war aufthat, um uns zwei Reihen der schönsten Perlenzähne zu weisen), von dem allen ist mir nie etwas in den Sinn gekommen. – »Das ist mir leid für dich; denn es ist nichts weniger als gleichgültig, ob man den Menschen gehörig und seiner Natur[127] gemäß behandelt, oder nicht. Mit Gewalt wirst du wahrlich keinen Freund weder bekommen noch behalten; das ist ein Wild, das sich nicht anders fangen und an die Krippe gewöhnen läßt, als daß man ihm wohl begegnet und Vergnügen macht. Das erste also, worauf du zu sehen hast, ist, daß du von deinen Liebhabern nichts verlangest als was sie dir leicht und mit dem wenigsten Aufwand gewähren können; das zweite, daß du ihnen in eben dieser Art keine Gefälligkeit schuldig bleibest. Dieß ist ein unfehlbares Mittel zu machen, daß sie dich immer lieber gewinnen, dich desto länger lieben und desto freigebiger gegen dich sind. Du weißt, warum es ihnen eigentlich bei dir zu thun ist; und es ist wohl nicht deine Meinung die Tyrannin mit ihnen zu spielen. Das, wovor du dich hüten mußt, ist also bloß, vor lauter Gefälligkeit, dem Guten nicht zu viel zu thun. Du siehest daß die leckerhaftesten Gerichte dem, der keine Lust zum Essen hat, nicht schmecken wollen, und dem Satten sogar Ekel erwecken: kannst du hingegen deinem Gaste Hunger machen, so wird ihm auch gemeine Kost willkommen seyn.« – Was müßt' ich denn thun (sagte Theodota mit der schafmäßigsten Miene in einem der schönsten Gesichter), um denen die mich besuchen Hunger zu machen? – »Vor allen Dingen dich wohl in Acht nehmen, ihnen wenn sie satt sind nichts weiter vorzusetzen, geschweige sie noch gar nöthigen zu wollen. Lässest du ihnen Zeit, so wird der Appetit von selbst wiederkommen; wenn du aber siehest, daß dieß der Fall ist, so übereile dich ja nicht; locke sie durch die artigsten Manieren, die feinsten Liebkosungen: sey lebhaft, reizend, sogar muthwillig; aber entschlüpfe ihnen immer wieder wenn sie[128] dich zu haben meinen, und ergib dich nicht eher, bis du gewiß bist daß sie den höchsten Werth auf deine Gefälligkeit legen.« – Diese Lehre schien der jungen Person einzuleuchten. Wenn nur du, sagte sie und lächelte den alten Herrn so holdselig an als ihr möglich war, wenn nur du mir Freunde jagen helfen wolltest? – »Warum nicht, wenn du mich dazu bereden kannst?« – Das möchte ich wohl gern, wenn du mir nur sagen wolltest, wie ich es machen muß. – »Das ist deine Sache; du mußt eine Seite ausfindig machen, wo du mir beikommen kannst.« – So besuche mich nur recht fleißig, lieber Sokrates! – Ich habe nur nicht viel übrige Zeit, meine gute Theodota, erwiederte Sokrates, der des Scherzens mit der albernen Puppe überdrüssig zu werden anfing; meine häuslichen und öffentlichen Geschäfte lassen mir wenig müßige Augenblicke. Auch habe ich eine hübsche Anzahl guter Freundinnen, die mich Tag und Nacht nicht von sich lassen wollen, weil ich sie gar wirksame Liebestränke und Zauberlieder lehre. – Ei, was du sagst! Verstehst du dich auch auf solche Dinge, Sokrates? – »Wie sollt' ich nicht? Meinst du der Apollodor und der Antisthenes hier gehen mir um nichts und wieder nichts nie von der Seite? Oder Cebes und Simmias kommen ohne ihre guten Ursachen bloß meinetwegen bis von Theben hergelaufen? Du begreifst doch daß so was nicht ohne Hexerei und Liebestränke und Zauberschnüre möglich ist.« – So sey so gut und leihe mir eine solche Schnur, damit ich sie gleich auf dich werfen kann. – »Ich will aber nicht zu dir gezogen seyn, sagte Sokrates lächelnd, du sollst zu mir[129] kommen.« – Von Herzen gern, wenn du mich nur annehmen willst. – »Das will ich wohl, es wäre denn daß eben eine bei mir wäre die ich lieber habe.« – Hier endigte sich dieser in seiner Art einzige Sokratische Dialog;85 wir empfahlen uns und gingen lachend unsres Weges. Schade, sagte Lais, daß so viel Witz und Laune an so ein Attisches Hühnchen verschwendet wurde! Ich hätte mir nie vorgestellt, daß es eine so erzeinfältige Hetäre in einer Stadt wie Athen geben könnte. – Das macht, sie ist eine geborne Athenerin, eines ehrsamen Bürgers Tochter, so wohl erzogen wie du vorhin sagtest daß die Griechischen Töchter beinahe alle erzogen würden, und bloß durch Armuth und Hang zum Müßiggang und zur Ueppigkeit verleitet, sich in eine Profession zu werfen, worin sie, ungeachtet aller Mühe, die sich Sokrates selbst mit ihr gegeben, schwerlich jemals eine Virtuosin zu werden die Miene hat.

Aber weißt du, sagte Lais, daß ich ganz verliebt in deinen Sokrates bin, und große Lust habe, dich nach Athen zu begleiten und seine Schülerin zu werden? – Beim Anubis! fuhr ich etwas unbesonnen heraus, ich traue dir Muthwillen genug zu, einen solchen Einfall, wenn er dich anwandelt, auszuführen. Niemand kann eine größere Meinung von deiner Zaubermacht haben als ich; ich glaube daß dir – alles mögliche möglich ist; und doch wollte ich dir nicht rathen, diese Probe an dem kaltblütigsten Achtundsechziger, den vermuthlich der Erdboden trägt, zu machen – falls es dich etwa verdrießen könnte wenn sie fehl schlüge. – Reize mich nicht, Aristipp! versetzte sie; wer weiß wie weit ich es, trotz[130] seiner achtundsechzig Jahre und seiner Kaltblütigkeit, mit Hülfe seiner eigenen Theorie, bei ihm bringen könnte?

Ich schmeichle mir, Freund Kleonidas, durch die großmüthige Vertraulichkeit, womit ich dich an meinem neuen Verhältniß und der schönen Lais Theil nehmen lasse, einigen Dank von dir zu verdienen; und in dieser gerechten Voraussetzung könnt' ich mich leicht zu der angenehmen Arbeit entschließen, eine Art von Tagebuch über alles Merkwürdige, was während meines Aufenthalts in Aegina vermuthlich noch begegnen wird, für dich zu halten. Freilich werd' ich wenig Zeit zum Schreiben haben, und große Arbeitsamkeit ist leider auch keine meiner glänzendsten Tugenden. Ich will mich also zu nichts anheischig gemacht haben. Ich überlasse mich, wie du weißt, am liebsten den Eingebungen des Augenblicks, und so thue ich oft mehr als ich mir selbst zugetraut hatte.

Mein Wirth Eurybates, der sonst mit Sokratischen Tugenden eben nicht schwer beladen ist, besitzt wenigstens Eine, und gerade die, wodurch er sich jetzt am meisten um mich verdient machen kann, in einem hohen Grade; und das ist die edle Tugend, seinen Freunden nicht durch übermäßige Dienstgeflissenheit lästig zu seyn, und sie ihrer Wege gehen zu lassen, wenn er merkt daß ihnen ein Gefallen damit geschieht. Ich gestehe daß mir anfangs ein wenig bange war, ich möchte ihn bei der schönen Lais in meinem Wege finden. Aber nichts weniger! man sieht ihn nie in ihrem Hause als wenn sie große Gesellschaft hat, und auch dann ist er eine ziemlich seltene Erscheinung, und oft schon wieder verschwunden,[131] ehe man seine Gegenwart recht gewahr wurde. Auch zeigt er nicht die geringste Neugier, von meinem Verhältniß gegen sie mehr zu wissen als andere. Kurz, es ist etwas ganz Exemplarisches, wie wenig wir einander mit unsrer Freundschaft beschwerlich sind. – Ohne Zweifel wundert dich eine solche Gleichgültigkeit gegen eine Nachbarin, wie es keine andere in der Welt gibt? Es ging mir wie dir; ich erkundigte mich unter der Hand ein wenig nach seinem Thun und Lassen, und es entdeckte sich, als ein neues Beispiel der Unlauterkeit aller menschlichen Tugenden, daß – mein Freund Eurybates bis über die Ohren in Liebe zu einer – Dame in Aegina, der Frau eines dasigen Rathsherrn, befangen ist, die ihn so künstlich bei der Nase herumzuführen weiß, daß er sich ihr für das Opfer ihrer Tugend zu gränzenloser Erkenntlichkeit verbunden glaubt, während die gleißnerische Spitzbübin einen geheimen Plan mit ihrem ehrenfesten und wohlweisen Gemahl angelegt hat, ihm ihre besagte Tugend so theuer zu verkaufen, daß er sich für das, was sie ihn kostet, das schönste Haus, die schönsten Gemälde und Statuen, die schönsten Pferde und Hunde, und ein Halbduzend der schönsten Tänzerinnen und Flötenspielerinnen im ganzen Achaja hätte anschaffen können; wiewohl noch viel fehlt, daß sie die schönste Frau auch nur in Aegina wäre. So spielt »der Götter und der Menschen Herrscher Amor« einem Abkömmling des großen Kodrus mit, mein Freund.

Quelle:
Christoph Martin Wieland: Sämmtliche Werke. Band 22, Leipzig 1839, S. 110-132.
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