50.
An Hippias.

[289] Ich bin wieder in Aegina, mein lieber Hippias – in einem der anmuthigsten Winkel der Erde, in der auserlesensten Gesellschaft, von allem umgeben, was feinern Sinnen schmeicheln, die Phantasie bezaubern, und die edelsten Bedürfnisse gebildeter Menschen befriedigen kann; um alles mit Einem Worte zu sagen, ich bin bei Lais. – Aber Athen liegt uns zu nah'! – Sokrates, den Giftbecher am Munde, mit ten unter seinen die Hände ringenden, in Thränen zerfließenden, oder den Ausbruch des bittersten Schmerzes aus Liebe zu ihm gewaltsam zurückhaltenden Freunden, stellt sich noch immer und überall zwischen uns und alles, was uns zur Freude einladen will. Unsrer schönen Freundin, der die Bilder der Tage und Stunden, die sie noch vor kurzem in seiner Gesellschaft zubrachte, wieder so lebendig vor den Augen schweben, daß ihr die Vergangenheit beinahe zur Gegenwart wird, ist es eben so zu Muthe wie mir – Wie wohlthätig, o Hippias, würde uns jetzt deine Gesellschaft seyn! – Aber so bleibt uns weiter kein anderes Mittel übrig, als uns von der verhaßten Scene so weit als möglich zu entfernen. Neue Ansichten, neue Men schen, neue Verbindungen, kurz eine neue Welt um uns her ist nöthig, unsrer dem Gefühl und der Erinnerung noch zu schwach entgegen wirkenden Vernunft zu Hülfe zu kommen; auch werden bereits Anstalten gemacht in zehn Tagen nach Milet abzureisen, wo Lais sich einige Zeit aufzuhalten[290] gedenkt, während ich eine Wanderung durch andere merkwürdige Städte von Ionien, Karien, Lydien und Phrygien unternehmen werde.

Findest du nicht auch, Hippias, daß man der Philosophie zu viel Ehre erweist, wenn man ihr die Macht zuschreibt, dem Gefühle der Einbildungskraft, und den Leidenschaften immer unumschränkt zu gebieten? Wahrscheinlich wird ihr vieles gut geschrieben, das auf Rechnung des Temperaments, einer natürlichen Apathie oder Schwäche des sympathetischen Gefühls und andrer solcher Ursachen zu setzen war. Nichts ist leichter als mit solchen Vortheilen (wenn sie ja diesen Namen verdienen) sich die Miene eines Weisen zu geben, und auf andere, die mit einem weichern Herzen, wärmerem Blute, zärtern Nerven und mehr Anlage zu Freundschaft und Liebe geboren sind, als auf schwache Seelen herabzusehen. Aber alles was die Weisheit von Menschen meiner Art in dergleichen Fällen fordern kann, ist, denke ich, daß wir uns nicht vorsetzlich selbst peinigen, und aus vermeinter Pflicht, oder, weil man etwas Schönes und Großes darein setzt, alles hartnäckig von uns weisen, wodurch das gestörte Gleichgewicht in unserm Innern wieder hergestellt, und das Gemüth für die Freude wieder empfänglich gemacht werden könnte. In diesem traurigen Falle befindet sich mein junger Freund, Kleombrot von Ambracien, den du, wenn du dich dessen noch erinnerst, mehr als einmal bei mir gesehen hast; einer von den jüngsten und eifrigsten Anhängern des Sokrates. Weder ich, noch Eurybates, dessen Gesellschafter und Hausgenosse er seit einiger Zeit ist, noch Lais, die ihn wohl leiden mag, noch die holde[291] Musarion selbst, mit deren Seele er schon Jahr und Tag in einem sonderbaren Liebesverständniß steht, vermögen etwas über die tiefe Schwermuth, die sich seiner seit dem unseligen Ereigniß zu Athen bemächtigt hat. Er wirft sich selbst vor, daß er seinen Meister verlassen habe, und nicht wenigstens auf die erste Nachricht von der Verschwörung seiner Feinde gegen ihn sogleich nach Athen zurückgeflogen sey. Der Gedanke tödte ihn, sagt er, daß er fähig gewesen sey sich sorglos einer wollüstigen Unthätigkeit zu überlassen, indessen der Anblick und die Gesellschaft seiner getreuen, bis in den Tod bei ihm ausharrenden Freunde das Einzige gewesen, was dem besten aller Menschen zur Erleichterung seines grausamen Schicksals übrig geblieben sey. Kurz, der arme Mensch kann sich selbst nicht verzeihen, daß Sokrates – ohne ihn sterben konnte; als ob seine Gegenwart etwas anders hätte helfen können, als seine ohnehin überspannte Einbildung bis zum gänzlichen Wahnsinn hinauf zu treiben. Er besteht nun darauf, nach Ambracien zurückzugehen, und da wir ihn nicht mit Gewalt zurückhalten können – noch wollen, wird er uns an einem der nächsten Tage verlassen. Mich dünkt selbst, es ist das Beste was er thun kann, und wir andern werden uns sehr dadurch erleichtert finden; denn ein Mensch, der, aller Vernunft zum Trotz, in der Traurigkeit als in seinem Elemente leben und weben will, paßt nicht wohl in eine Gesellschaft, die sich's zur Pflicht macht, dieser schlimmsten aller Krankheiten der Seele, so viel nur immer möglich, alle Nahrung zu entziehen.

In dieser Rücksicht kommt mir sehr zu Statten, daß ich[292] meinen geliebtesten Jugendfreund Kleonidas aus Cyrene mitgebracht habe, der einer von den Glücklichgebornen ist, die sich nur zeigen dürfen um überall geliebt zu werden. Hier stehen ihm bereits alle Herzen offen, und es ist mein Glück, daß Lais in seinen Augen zu sehr Göttin ist, als daß es einem Sterblichen geziemen könnte, Ansprüche an sie zu machen. Wie lange dieses religiöse Gefühl dauern wird, muß die Zeit lehren; genug daß Lais sich an der Abgötterei, die er mit ihr treibt, genügen läßt, und es ihm nicht übel zu nehmen scheint, wenn seine Augen auf den weniger blendenden, aber ein Herz, das nichts von ihnen besorgt, unvermerkt überschleichenden Reizen der kleinen Musarion mit einer besondern Anmuthung verweilen. Du würdest dich wundern, Hippias, zu was für einer zierlichen Nymphengestalt das Mädchen in der kurzen Zeit, seitdem du sie zu Korinth sahest, sich ausgebildet hat. Wenn ich nicht sehr irre, so ist sie der weinerlichen Rolle ziemlich überdrüssig, die sie, ihrem geistigen Liebhaber zu Gefallen, seit einigen Wochen spielen mußte; und ich wollte nicht dafür stehen, daß sie nicht in aller Unschuld, und ohne selbst zu wissen was in ihrem kleinen Herzen vorgeht, zwischen dem schönen, immer heitern, immer zur Freude gestimmten Schwärmer Kleonidas, und dem düstern, traurigen, gleich einem Schatten einherschleichenden, seufzenden und klagenden Schwärmer Kleombrotus, Vergleichungen anstellt, die nicht zum Nachtheil des erstern ausfallen; zumal da der letztere so tief in seinen Gram versunken ist, daß er von dem allen nichts gewahr zu werden scheint.

Kleonidas ist aus Gunst der Natur und der Musen zugleich[293] Dichter und Maler, beides mit einem nicht gemeinen Talent, wiewohl ohne Anspruch auf eine Stelle unter den Meistern dieser Künste. Was ich ihm zu Cyrene von der schönen Lais sagte, brachte ihn auf den Einfall, seine Idee, wie diese Dame nach meiner Beschreibung aussehen müßte, in einem Bilde der Hebe, mit einer einzigen Farbe in der Manier des Zeuxis gemalt, darzustellen. Du vermuthest leicht, daß dieß Nachbild einer bloßen Idee, neben unsre Schönheitsgöttin selbst gestellt, der Divinationskraft des Malers keine sonderliche Ehre machte; auch konnt' ich ihn, sobald er die letztere selbst gesehen hatte, nur mit Gewalt abhalten, sein Bild ins Feuer zu werfen: aber, was uns alle in Erstaunen setzte, war, daß die kleine Musarion – der Hebe meines Freundes so ähnlich sah, als ob sie ihm dazu gesessen hätte. Natürlich veranlaßte dieß mancherlei Scherze, wobei die beiden betroffenen Personen die Miene hatten, als ob sie nicht übel Lust hätten Ernst daraus zu machen. Immer ist dieses Spiel des Zufalls, das einer sympathetischen Ahnung so ähnlich sieht, sonderbar genug. Verzeihe, Hippias, daß ich dich so lange bei einem Unbekannten aufhalte, der dich wenig interessiren kann. Aber ich hoffe, du wirst ihn persönlich kennen lernen, und es mir dann eher danken als übel nehmen, daß ich euch schon in voraus in Bekanntschaft mit einander gesetzt habe. Weniger gleichgültig wird dir auf alle Fälle seyn, zu hören, daß unser edler Freund Eurybates glücklich aus den Klauen seiner Lamia139 herausgerissen worden ist; wenigstens noch zeitig genug, um nicht ganz von ihr aufgezehrt zu werden. Wirklich waren wir, Lais und ich, in sehr ernstlichen[294] Berathschlagungen begriffen, wie wir dabei zu Werke gehen wollten, ohne daß sie sich zu mehr, als sie Willens ist, verbindlich zu machen scheinen möchte: als ein abermaliger Zufall, oder vielmehr Eros, der wirklich ein ganz besonderes Spiel mit uns Aegineten treibt, uns auf einmal aller weitern Mühe überhob, die Sache zu einem glücklichen Ende zu bringen. Du erinnerst dich ohne Zweifel noch der schönen Droso, einer von den drei Grazien unsrer Freundin, – wie wir ihre drei gewöhnlichen Aufwärterinnen zu nennen pflegen, seitdem sie von mir zu dieser Würde erhoben wurden. An einem dieser letzten Abende führte uns Lais an das Ufer einer stillen kleinen Bucht, die an einen Theil ihrer Gärten anspült, um uns das Vergnügen des Fischens mit der Angel zu verschaffen. Eurybates war auch dabei. Zufälliger Weise hatte sich die schöne Droso mit ihrer Angelruthe auf einer unsichern Stelle zu weit hinaus gewagt; der Fuß glitschte ihr aus, sie verlor das Gleichgewicht, und fiel ins Wasser. Eurybates, der es zuerst gewahr wurde, und, wie die meisten Athener, ein guter Schwimmer ist, springt ihr augenblicklich nach, er faßt sie beim ersten Auftauchen mit beiden Armen, und bringt sie glücklich ans Land. Der Schrecken des Falls und die Schamröthe, in nassem Gewande140 von dem tapfern Eurybates auf das dichtbegraste Ufer gelegt worden zu seyn, war, nebst den Scherzen, welche das arme Mädchen von ihren Gespielen beim Umkleiden auszuhalten hatte, das Schlimmste, was dieser Zufall nach sich zog. Das Beste davon ward ihrem edeln Retter zu Theil; denn seit diesem Augenblick machte sich die holde Droso zur Beherrscherin seines Herzens, und von Lysandra war so[295] wenig mehr die Rede, als ob sie nie in der Welt gewesen sey. Kleombrot ist in dieser Nacht verschwunden. Der Tag unserer Abreise nach Milet rückt heran. Ich begleite Lais, Kleonidas begleitet mich. Eurybates hat glücklicherweise Geschäfte zu Milet. Daß Musarion und die drei Grazien von der Partie sind, versteht sich.

Mache mir die Freude, lieber Hippias, recht bald Nachricht von dir und dem schönen Syrakus zu erhalten, und von euerm Tyrannen, den ich ohne Bedenken zum Selbstherrscher aller eurer Demokratien und Oligarchien krönen würde, wenn König Jupiter, dessen Statthalter (nach Homer) die bescepterten Herren auf Erden sind, mir seine Machtvollkommenheit nur auf eine halbe Stunde überlassen wollte.

Quelle:
Christoph Martin Wieland: Sämmtliche Werke. Band 22, Leipzig 1839, S. 289-296.
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