Fünftes Kapitel
Die Sache wird auf ein medicinisches
Gutachten ausgestellt
Der Senat läßt ein Schreiben
an den Hippokrates abgehen
Der Arzt kommt in Abdera an, erscheint vor Rat, wird vom Ratsherrn Thrasyllus zu einem Gastgebot gebeten, und hat – Langeweile
Ein Beispiel, daß ein Beutel voll Dariken nicht bei allen Leuten anschlägt

[225] So weit geht das Fragment; und wenn man von einem so kleinen Teile auf das Ganze schließen könnte: so hätte der Sykophant allerdings mehr als einen Korb voll Feigen von dem Ratsherrn Thrasyllus verdient. Seine Schuld war es wenigstens nicht, wenn der hohe Senat von Abdera unsern Philosophen nicht zu einem dunkeln Kämmerchen verurteilte. Aber Thrasyllus hatte Mißgönner im Senate; und Meister Pfrieme, der inzwischen Zunftmeister worden war, behauptete mit großem Eifer: daß es wider[225] die Freiheit von Abdera laufen würde, einen Bürger für wahnwitzig zu erklären, eh' er von einem unparteiischen Arzte so befunden worden sei. »Wohl, rief Thrasyllus, meinetwegen kann man den Hippokrates selbst über die Sache sprechen lassen! Ich bins wohl zufrieden.«

Sagten wir nicht oben, daß die Dummheit des Ratsherrn Thrasyllus seiner Bosheit die Waage gehalten habe? – Es war ein dummer Streich von ihm, sich in einer so mißlichen Sache auf den Hippokrates zu berufen. Aber freilich fiel es ihm auch nicht ein, daß man ihn beim Worte nehmen würde.

Hippokrates, sagte der Archon, ist allerdings der Mann, der uns am besten aus diesem bedenklichen Handel ziehen könnte. Zu gutem Glück befindet er sich eben zu Thasos; vielleicht läßt er sich bewegen, zu uns herüber zu kommen, wenn wir ihn im Namen der Republik einladen lassen.

Thrasyllus entfärbte sich ein wenig, da er hörte, daß man Ernst aus der Sache machen wollte. Aber die Mehrheit der Stimmen fiel dem Archon bei. Man schickte unverzüglich einen Deputierten mit einem Einladungsschreiben47 an den Arzt ab, und brachte den Rest der Session damit zu, sich über die Ehrenbezeugungen zu beratschlagen, womit man ihn empfangen wollte.

»Dies war doch so abderitisch nicht« – werden die Ärzte denken, die sich vielleicht unter unsern Lesern befinden. Aber wo sagten wir denn, daß die Abderiten gar nichts getan hätten, was auch einem vernünftigen Volke anständig sein würde? Indessen lag doch der wahre Grund, warum sie dem Hippokrates so viel Ehre erweisen wollten, keinesweges in der Hochachtung, die sie für ihn empfanden; sondern lediglich in der Eitelkeit, für Leute gehalten zu werden, die einen großen Mann zu schätzen wüßten. Und überdies, merkten wir nicht schon bei einer andern Gelegenheit an, daß sie von je her außerordentliche Liebhaber von Feierlichkeiten gewesen?

Die Abgeordneten hatten Befehl, dem Hippokrates nichts[226] weiter zu sagen, als daß der Senat von Abdera seiner Gegenwart und seines Ausspruchs in einer sehr wichtigen Angelegenheit vonnöten habe; und Hippokrates konnte sich, mit aller seiner Philosophie, nicht einbilden, was für eine wichtige Sache dies sein könnte. Denn wozu (dacht' er) haben sie nötig, ein Geheimnis daraus zu machen? Der Senat von Abdera kann doch schwerlich in Corpore mit einer Krankheit befallen sein, die man nicht gerne kund werden läßt?

Indessen entschloß er sich um so williger zu dieser Reise, weil er schon lange gewünscht hatte, unsern Philosophen persönlich kennen zu lernen. Aber wie groß war sein Erstaunen, da ihm nachdem er mit großem Gepränge eingeholt, und vor den versammelten Rat geführt worden war, – von dem regierenden Archon in einer wohlgesetzten Rede zu wissen gemacht wurde: »daß man ihn bloß darum nach Abdera berufen habe, um die Wahnsinnigkeit ihres Mitbürgers Demokritus zu untersuchen, und gutächtlich zu berichten, ob ihm noch geholfen werden könne, oder ob es nicht schon so weit mit ihm gekommen sei, daß man ihn ohne Bedenken für bürgerlich tot erklären könne?« –

Dies muß ein andrer Demokritus sein, dachte der Arzt Anfangs. Aber die Herren von Abdera ließen ihn nicht lange in Zweifel. Gut, gut, sprach er bei sich selbst: bin ich nicht in Abdera? Wie man auch so was vergessen kann!

Hippokrates ließ ihnen nichts von seinem Erstaunen merken. Er begnügte sich, den Senat und das Volk von Abdera zu loben, daß sie eine so große Empfindung von dem Wert eines Mitbürgers, wie Demokritus, hätten, um seine Gesundheit als eine Sache, woran dem gemeinen Wesen gelegen sei, anzusehen. »Wahnwitz (sagte er mit großer Ernsthaftigkeit) ist ein Punkt, worin die größten Geister und die größten Schöpse zuweilen zusammentreffen. Wir wollen sehen!«

Thrasyllus lud den Arzt zur Tafel ein, und hatte die Höflichkeit, ihm die feinsten Herren und die schönsten Frauen in der Stadt zur Gesellschaft zu gehen. Aber Hippokrates, der ein kurzes Gesicht und keine Lorgnette48 hatte, wurde nicht gewahr, daß[227] die Damen schön waren; und so kam es denn (ohne Schuld der guten Geschöpfe, die sich, zum Überfluß, in die Wette herausgeputzt hatten), daß sie nicht völlig den Eindruck auf ihn machten, den sie sich sonst versprechen konnten. Es war wirklich Schade, daß er nicht besser sah. Für einen Mann von Verstande ist der Anblick einer schönen Frau allemal etwas sehr unterhaltendes. Und wofern die schöne Frau etwas dummes sagt, (welches den schönen Frauen zuweilen so gut begegnen soll als den häßlichen,) macht es einen merklichen Unterschied, ob man sie nur hört, oder ob man sie zugleich sieht. Denn im letzten Falle ist man immer geneigt, alles, was sie sagen kann, vernünftig, oder artig, oder wenigstens erträglich zu finden. Da die Abderitinnen diesen Vorteil bei dem kurzsichtigen Fremden verloren; da er genötiget war, von ihrer Schönheit durch den Eindruck, den sie auf seine Ohren machten, zu urteilen: so war freilich nichts natürlicher, als daß der Begriff, den er dadurch von ihnen bekam, demjenigen ziemlich ähnlich war, den sich ein Tauber mittelst eines Paars gesunder Augen von einem Concerte machen würde. –

»Wer ist die Dame, die itzt mit dem witzigen Herrn sprach?« fragte er den Thrasyllus leise. – Man nannte ihm die Gemahlin eines Matadors der Republik. – Er betrachtete sie nun mit neuer Aufmerksamkeit. Verzweifelt! (dacht er bei sich selbst,) daß ich mir die verwünschte Austerfrau nicht aus dem Kopfe bringen kann, die ich neulich vor meinem Hause zu Larissa mit einem molossischen Eseltreiber scherzen hörte.

Thrasyllus hatte geheime Absichten auf unsern Aeskulap. Seine Tafel war gut, sein Wein verführerisch, und zum Überfluß ließ er milesische Tänzerinnen kommen. Aber Hippokrates aß wenig, trank Wasser, und hatte in Aspasiens Hause zu Athen weit schönere Tänzerinnen gesehen. Es wollte alles nichts verfangen. Dem weisen Manne begegnete etwas, das ihm vielleicht in vielen Jahren nicht begegnet war: er hatte Langeweile, und es schien ihm nicht der Mühe wert, es den Abderiten zu verbergen.

Die Abderitinnen bemerkten also, ohne großen Aufwand von Beobachtungskraft, was er ihnen deutlich genug sehen ließ; und natürlicher Weise waren die Glossen, so sie darüber machten, nicht zu seinem Vorteil. Er soll sehr gelehrt sein, flisterten sie[228] einander zu. Schade, daß er nicht mehr Welt hat! – Was ich gewiß weiß, ist dies, daß mir der Einfall nie kommen wird, ihm zu Liebe krank zu werden, sagte die schöne Thryallis.

Thrasyllus machte inzwischen Betrachtungen von einer andern Art. So ein großer Mann dieser Hippokrates sein mag, dacht' er, so muß er doch seine schwache Seite haben. Aus den Ehrenbezeugungen, womit ihn der Senat überhäufte, schien er sich nicht viel zu machen. Das Vergnügen liebt er auch nicht. Aber ich wette, daß ihm ein Beutel voll neuer funkelnder Dariken diese sauertöpfische Miene vertreiben soll!

So bald die Tafel aufgehoben war, schritt Thrasyllus zum Werke. Er nahm den Arzt auf die Seite, und bemühte sich (unter Bezeugung des großen Anteils, den er an dem unglücklichen Zustande seines Verwandten nehme,) ihn zu überzeugen: daß die Zerrüttung seines Gehirns eine so kundbare und ausgemachte Sache sei, daß nichts, als die Pflicht, allen Formalitäten der Gesetze genug zu tun, den Senat bewogen habe, eine Tatsache, woran niemand zweifle, noch zum Überfluß durch den Ausspruch eines auswärtigen Arztes bestätigen zu lassen. »Da man Sie aber gleich wohl in die Mühe gesetzt hat, eine Reise zu uns zu tun, die Sie vermutlich ohne diese Veranlassung nicht unternommen haben würden: so ist nichts billiger, als daß derjenige, den die Sache am nächsten angeht, Sie wegen des Verlustes, den Sie durch Verabsäumung Ihrer Geschäfte dabei erleiden, in etwas schadlos halte. Nehmen Sie diese Kleinigkeit als ein Unterpfand einer Dankbarkeit an, von welcher ich Ihnen stärkere Beweise zu geben hoffe –«

Ein ziemlich runder Beutel, den Thrasyllus bei diesen Worten dem Arzt in die Hand drückte, brachte diesen aus der Zerstreuung zurück, womit er die Rede des Ratsherrn angehört hatte. »Was wollen Sie, daß ich mit diesem Beutel machen soll?« fragte Hippokrates mit einem Phlegma, welches den Abderiten völlig aus der Fassung setzte – »Sie wollten ihn vermutlich ihrem Haushofmeister geben. Sind Ihnen solche Zerstreuungen gewöhnlich, Wenn dies wäre, so wollt' ich Ihnen raten, Ihrem Arzte davon zu sagen – Aber Sie erinnerten mich vorhin an die Ursach, warum ich hier bin. Ich danke Ihnen dafür. Mein Aufenthalt kann nur sehr kurz sein; und ich darf den Besuch nicht länger[229] aufschieben, den ich, wie Sie wissen, dem Demokritus schuldig bin.« Mit diesen Worten machte der Aeskulap seine Verbeugung, und verschwand.

Der Ratmann hatte in seinem Leben nie so dumm ausgesehen als in diesem Augenblick. – Wie hätte sich aber auch ein abderitischer Ratsherr einfallen lassen sollen, daß ihm so etwas begegnen könnte? Dies sind doch keine Zufälle, auf die man sich gefaßt hält!

47

Es befindet sich noch etwas unter dieser Rubrik in den Ausgaben der Werke des Hippokrates. Es ist aber ohne allen Zweifel untergeschoben, und die Arbeit irgend eines schalen Gräculus späterer Zeiten; so wie die ganze Erzählung von der Zusammenkunft dieses Arztes mit dem Demokritus in einem der unechten Briefe, die den Namen des erstern führen.

48

Denen, welche sich etwan hierüber verwundern möchten, dienet zur Nachricht, daß die Lorgnetten damals noch nicht erfunden waren.

Quelle:
Christoph Martin Wieland: Werke. Band 2, München 1964 ff., S. 225-230.
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