Erster Abschnitt.

[33] Peregrin.


Parium, wo ich geboren wurde, war eine Römische Pflanzstadt in der Provinz Mysien auf der östlichen Küste des Hellesponts, die durch ihre Lage an einem kleinen Busen der Propontis, der ihr zum Hafen diente, und durch die Betriebsamkeit ihrer Einwohner zu einer der blühendsten Städte dieser Gegenden geworden war. Mein Vater war ein Kaufmann, den seine Geschäfte zu häufigen Reisen veranlaßten; und da er weder Zeit noch Lust hatte, sich meiner Erziehung selbst anzunehmen, willigte er desto lieber ein, mich, sobald ich die weiblichen Zimmer verließ, der Aufsicht und Pflege meines mütterlichen Großvaters Proteus zu überlassen, der sich gewöhnlich auf seinem nahe bei der Stadt gelegenen Landgut aufhielt.

Nach dem Tode meiner Mutter, die ich am Eintritt in meine Jünglingsjahre verlor, wurde ich von ihrem Vater, mit Bewilligung des meinigen, an Kindesstatt angenommen, und erhielt dadurch den Beinamen Proteus36; wiewohl ich mich in der Folge auf meinen Wanderungen, je nachdem es mir schicklicher war, bald des einen bald des andern Namens bediente.[34] Du siehest, lieber Lucian, daß ich wenigstens ziemlich unschuldig zu dem Namen gekommen bin, der dir zu einer mir nicht sehr rühmlichen Vergleichung meiner Wenigkeit mit Homers Aegyptischem Meergotte geholfen hat.


Lucian.


Desto besser, lieber Peregrinus Proteus, desto besser! Um so mehr habe ich Hoffnung, zu hören, daß du zu einigen andern noch weniger schmeichelhaften Beinamen, womit der Ruf deine Jugend angeschmutzt hat, eben so unschuldig gekommen bist.


Peregrin.


Du wirst – und kannst in der Lage, worin wir uns befinden – nichts als die reine Wahrheit von mir hören.


Lucian.


Das versteht sich. Also nur weiter, wenn ich bitten darf.


Peregrin.


Die Natur hatte mich zu einer glücklichen Gestalt und Gesichtsbildung mit einer sehr zarten Empfänglichkeit für sinnliche Eindrücke, und mit einer äußerst beweglichen, warmen und wirksamen Einbildungskraft beschenkt. Bei einer solchen Anlage konnte es wohl nicht anders seyn, als daß Homer, mit dessen Rhapsodien meine literarische Erziehung, der Gewohnheit nach, angefangen wurde, unbeschreiblich auf meine Imagination wirkte; vornehmlich alles Wunderbare, die Götterscenen auf dem Olymp und auf der Erde, und die Feerei der Odyssee. Mein Pädagog, der nichts als Wörter, Redensarten und Dialekte, grammatische und rhetorische Figuren, Mythologie, alte Geschichte und Geographie – und auch dieß alles[35] nur mit den Augen eines stumpfsinnigen Pedanten in dem Dichter sah, trug nichts dazu bei, die Art, wie dieser auf mich wirkte, zu begünstigen oder zu berichtigen, zu verstärken oder zu schwächen. Da er in meinem Gedächtniß alles fand, was seine stolzesten Erwartungen befriedigte, so pries er bei allen Gelegenheiten nur meine Gelehrigkeit an, und that sich nicht wenig darauf zu gut, daß ich eine Menge großer Stellen aus allen Gesängen, das ganze Verzeichniß der Schiffe, die Nekyomantie, den Tod der Freier und dergleichen, trotz einem Rhapsodisten von Profession herdeclamiren konnte, und nicht nur alle Trojaner, die von Diomedens oder Achillens Hand gefallen waren, mit Namen zu nennen, sondern sogar die Wunden, die jeder empfangen, so genau anzugeben wußte, als ob ich Feldarzt im Griechischen Lager gewesen wäre. Um alles Uebrige, und wie oder wodurch Homer zu viel oder zu wenig, zu meinem Vortheil oder Nachtheil, auf mich wirken möchte, blieb er um so unbekümmerter, da er von einem Schaden, den ich dadurch leiden könnte, eben so wenig als von der Behandlung, die in dem einen und andern Falle nöthig war, die leiseste Ahndung hatte.

Mein Großvater trug allzu viel zu der ersten Bildung meiner Seele bei, als daß ich mich überheben könnte, dich etwas genauer mit ihm bekannt zu machen. Er war einer von den eben so unschädlichen als unnützlichen Sterblichen, die, weil sie selbst wenig von der Welt fordern, sich berechtigt halten, noch etwas weniger für sie zu thun als sie von ihr erwarten. Im Genuß eines mäßigen aber seinen Aufwand noch immer übersteigenden Erbgutes hatte er binnen mehr[36] als siebzig Jahren, die er verlebte, oder, eigentlicher zu reden, verträumte, nie einen Finger gerührt es zu vergrößern, noch einen Augenblick dazu verwandt, eine Vergleichung zwischen ihm selbst und seinen reichern Nachbarn zum geringsten Nachtheil seiner Leibes- und Gemüthsruhe anzustellen. Er liebte zwar das Vergnügen, aber nur insofern es seiner Trägheit nicht zu viel kostete: und weil man, außer den Stunden der Mahlzeit und des Bades, doch nicht immer auf seinem Ruhebettchen oder an einer rieselnden Quelle schlummern, oder dem Lauf der Wolken und dem Tanz der Mücken in der Abendsonne zusehen kann; so hatte er sich zum Zeitvertreib eine Art von Philosophie und Literatur ausgewählt, die seiner Gemächlichkeit die zuträglichste war, und die Stelle dessen, was bei andern Menschen Beschäftigung des Geistes ist, bei ihm vertrat.

Der Zufall, der im menschlichen Leben so viel entscheidet, hatte ihn in seinen jüngern Jahren etlichemal mit dem berühmten Apollonius von Tyana37 zusammengebracht, und die Eindrücke, die dieser außerordentliche Mann auf sein Gemüth machte, waren stark genug gewesen, um sich bis ins hohe Alter beinahe in immer gleichem Grade der Lebhaftigkeit zu erhalten. Der einzige Mann, von dem ich ihn jemals mit einer Art von Begeisterung sprechen hörte, war Apollonius. Apollonius war ihm das höchste Ideal menschlicher oder vielmehr übermenschlicher Vollkommenheit; denn es war aus dem Tone, worin er von ihm sprach, leicht zu merken, daß er ihn für irgend einen Mensch gewordnen Gott oder Genius hielt; und in der That hatte es dieser neue Pythagoras bei[37] allen seinen Handlungen und Reden darauf angelegt, eine solche Meinung von sich zu erwecken und zu unterhalten.

Indessen fand doch mein Großvater keinen Beruf in sich, die Zahl der sieben Jünger zu vermehren, welche Apollonius vor seiner Reise nach Indien immer um sich zu haben pflegte. Alles was der vermeinte Gottmensch auf ihn wirkte, war, daß die Neugier für außerordentliche Dinge, die ein so wesentlicher Charakterzug aller trägen Menschen ist, eine bestimmtere Richtung bei ihm erhielt, und zu einer erklärten Liebhaberei für das wurde, was man in unsrer Zeit Pythagorische Philosophie nannte. Proteus, dessen Sache nicht war, in den Geist der Philosophie eines Pythagoras einzudringen, machte sich einen so weiten und willkürlichen Begriff von derselben, daß alles Aechte und Unächte Platz darin hatte, was dem Aegyptischen Hermes, dem Baktrianischen Zoroaster, dem Indischen Buddas, dem Hyperborischen Abaris, dem Thracischen Orpheus, und allen andern Wundermännern des Alterthums von der Sage zugeschrieben oder von verschmitzten Betrügern untergeschoben wurde. Er sammelte sich nach und nach einen ansehnlichen Schatz von großen und kleinen Büchern, theosophischen, astrologischen, traum- und zeichendeuterischen, magischen, mit Einem Worte, übernatürlichen Inhalts – auf Pergament, Aegyptischem und Serischem Papier, Palmblättern und Baumrinden geschrieben, – über Götter und Geister, – über die verschiednen Arten ihrer Erscheinungen und Einwirkungen, über ihre geheimen Namen und Signaturen, über die Mysterien, wodurch man sich die guten Geister gewogen und die bösen unterthänig machen könne – über die Kunst[38] Talismane und Zauberringe zu verfertigen, über den Stein der Weisen, die Sprache der Vögel – kurz über alle Schimären, womit Griechische und barbarische Beutelschneider38, sogenannte Chaldäer, herumziehende Bettelpriester der Isis oder der großen Göttermutter, und andere Schlauköpfe von diesem Schlage, die gern betrogene Leichtgläubigkeit müßiger Thoren zu unterhalten und zinsbar zu machen wußten. Je seltsamer, dunkler und räthselhafter diese Schriften klangen, desto höher stieg ihr Werth bei ihm; und waren sie vollends in lauter Hieroglyphen geschrieben, so glaubte er ein paar Blätter, zumal wenn sie etwas mufficht rochen und ein Ansehn von moderndem Alterthum hatten, um hundert und mehr Drachmen noch sehr wohlfeil bezahlt zu haben.

Bei allem dem war es natürlich, daß die Indolenz des guten Proteus sich auch nach einer leichtern und verdaulichern Nahrung sehnte; und daher machten alle Arten von Wundergeschichten, Götter- und Heldenlegenden, Geistermährchen, Milesische Fabeln und dergleichen, keinen kleinen Theil seiner Bibliothek und seine gewöhnliche Erholung aus, wenn er sich an dem vergeblichen Versuch, in jenen geheimnißvollen Schriften klar zu sehen, ermüdet hatte. Glücklicherweise für ihn waren die Eindrücke, die diese Lesereien auf seine Einbildungskraft machten, flüchtig genug, daß er sie der Reihe nach zwanzigmal durchlesen konnte, und jedesmal wieder ungefähr eben so viel Reiz darin fand, als eine Seele wie die seinige nöthig hatte, um in diesen Mittelstand von Traum und Wachen versetzt zu werden, worin er seine einsamen Stunden am liebsten hinzubringen pflegte. Dieses[39] Mittel, sich selbst auf eine angenehme Art um seine Zeit zu betrügen, reichte um so eher zu, da in der That, ungeachtet er fast alle Gemeinschaft mit den Parianern abgebrochen hatte, wenige Tage oder Wochen im Jahre vergingen, wo er sich ganz allein gesehen hätte. Denn seine bald genug bekannt gewordene Neigung zu den geheimen Wissenschaften und Künsten zog ihm eine Menge Besuche von Fremden zu, die das Ihrige zu Befriedigung derselben beitragen wollten. Herumziehende Chaldäer und Magier, reisende Pythagoräer, und Leute, die mit der Art von Handschriften, auf die er so erpicht war, handelten, gingen bei ihm immer ab und zu; selten fehlte es ihm an dem einen oder andern Tischgenossen dieser Art, und es würde einem, der ihre Tischreden aufgeschrieben hätte, ein Leichtes gewesen seyn, in kurzer Zeit ganze Karren voll solcher Conversationen zusammen zu bringen, wie du eine in deinem Lügenfreunde verewiget hast. In den letzten Jahren seines Lebens ließ er sich von einem Hermetischen Adepten überreden, eine geheime Werkstätte in seinem Hause anzulegen, worin Tag und Nacht an dem großen Werke, das man in spätern Zeiten den Stein der Weisen nannte, gearbeitet wurde. Zu gutem Glücke starb er noch zeitig genug, um den Plan des Adepten zu vereiteln, der sich wahrscheinlich mit guter Art zum Erben des alten Mannes zu machen hoffte.

Du siehest leicht, lieber Lucian, was die Erziehung in dem Hause eines solchen Großvaters bei einem jungen Menschen mit einer Anlage wie die meinige natürlicherweise für Folgen haben mußte. Dazu kam noch, daß ich der Liebling[40] des alten Proteus war, und daß er sich eine eigne Freude daraus machte, mich so gut er konnte und wußte in den Geheimnissen seiner Philosophie zu iniziieren. Sein Museum stand mir immer offen; ich mußte ihm oft, wenn er auf seinem Ruhebette lag, vorlesen, und er fand großes Behagen daran, aus meiner Neugier für diese Dinge, und aus der Leichtigkeit womit ich mich in alles zu finden wußte, zu auguriren, daß dereinst (wie er sich ausdrückte) ein großer Mann aus mir werden würde. Das Einzige, was er nicht an mir bemerkte, war der Unterschied, der bei aller dieser anscheinenden Sympathie zwischen seiner und meiner Sinnesart vorwaltete. Ihm war das Wunderbare nichts als eine Puppe, womit seine immer kindisch bleibende Seele spielte; bei mir wurde es der Gegenstand der ganzen Energie meines Wesens. Was bei ihm Träumerei und Mährchen war, füllte mein Gemüth mit schwellenden Ahndungen und helldunkeln Gefühlen großer Realitäten, deren schwärmerische Verfolgung meine Gedanken Tag und Nacht beschäftigte. Er belustigte sich an philosophischen Bildern, Räthseln und Hieroglyphen, wie ein Kind an bunten Blumen oder Schmetterlingen Freude hat; ich bestrebte mich in ihren tiefsten Sinn einzudringen: kurz, er liebte das Außerordentliche, weil es den ewigen Schlummer seiner natürlichen Trägheit durch angenehme Träume unterbrach, und ich brannte schon als ein Mittelding von Knabe und Jüngling vor Begierde, diese außerordentlichen Dinge selbst zu erfahren und zu verrichten.


Lucian.


Oder, mit andern Worten, der Unterschied zwischen euch[41] war der: dein Großvater las die Geschichte der Abenteurer zum Zeitvertreib, und du machtest alle mögliche Anstalten selbst auf Abenteuer auszuziehen. Allerdings ein sehr wesentlicher Unterschied, und wovon du in deinem ganzen Leben die Folgen stark empfunden hast.


Peregrin.


Ohne mich jemals eine derselben gereuen zu lassen.


Lucian.


Um Verzeihung, daß ich dich unterbrochen habe! es soll ohne Noth nicht wieder geschehen. Fahre immer fort, ich bin lauter Ohr.


Peregrin.


In der Bibliothek meines Großvaters befand sich auch das Buch des Empedokles von der Natur, verschiedene Dialogen von Plato und einige kleine Schriften des Heraklitus. Weil es gerade die einzigen waren, die er nicht zu lesen pflegte, so mochten sie, dicht mit Staube bedeckt, hinter einem Vorhang von Spinneweben schon zwanzig oder dreißig Jahre ruhig gelegen haben, als ihm einst, da er um etwas Neues verlegen war, zufälligerweise Platons Gastmahl, als ein Werkchen, das sehr sinnreich und unterhaltend seyn sollte, vor die Stirne kam. Ich mußte es holen, und ihm, da er nach einer tüchtigen Mahlzeit aus dem Bade kam, an seinem Ruhebette vorlesen. So lange Phädrus, Pausanias, Eryximachus und Aristophanes ihre Meinungen von der Liebe vortrugen, ging es ziemlich gut; der letzte machte ihn sogar, mit seiner komischen Hypothese über die ursprüngliche Natur der Menschen und die wahre Ursache der verschiedenen Arten von Liebe, mehr[42] als einmal laut auflachen. Bei der eleganten Hymne, die der schöne Agathon dem Amor singt, fing er mitunter zu gähnen an: aber wie endlich Sokrates das Wort nimmt, und nach einer Disputation in seiner eignen Manier, die mein Alter sehr langweilig fand, der Gesellschaft den Unterricht mittheilt, den er ehemals von der Prophetin Diotima über die Liebe und die Kunst zu lieben empfangen zu haben vorgibt; schlief er unvermerkt so fest ein, daß ich Zeit hatte, diesen Theil des Symposions, der sich meiner ganzen Aufmerksamkeit bemächtigte, zwei-oder dreimal wieder zu lesen, bevor er wieder aufwachte. Ich selbst begab mich nicht eher zur Ruhe, bis ich noch in derselbigen Nacht diese Rede der Diotima heimlich abgeschrieben hatte; und als ich am folgenden Morgen, wie ich das Buch an seinen Ort zurücktrug, seine Mitverbannten in eben demselben Winkel liegen sah, und aus den bloßen Titeln und Namen der Verfasser von der Wichtigkeit des gefundenen Schatzes urtheilte, nahm ich sie alle mit, und verwandte von Stund' an keinen Augenblick, über den ich Meister war, auf etwas andres, als diese Schriften zu lesen, wieder zu lesen, zu durchdenken, zu vergleichen, und aus den Ideen, die sie in mir entwickelten, wo möglich ein Ganzes in mir selbst zu bilden. Mein bisheriges Leben schien mir dem Zustand eines Menschen zu gleichen, über dem, nachdem er lange bei schwachem Mondschein in einem dicht verwachsenen Walde herumtappte, die Morgendämmerung aufzugehen anfängt. Aber nun ward es auf einmal Tag und Sonnenschein in meiner Seele. Sie wurde anfangs dadurch geblendet, stärkte sich aber unvermerkt durch das Lichtbad selbst, worin[43] sie zu schwimmen glaubte, und erstaunte, sich auf einer Höhe zu finden, wo sie, von der reinsten Himmelsluft umflossen, in eine unermeßliche Welt voll Schönheit hinaus sah, und in dem Wonnegefühl ihrer eigenen Freiheit, Kraft und Größe sich wie vergöttert fühlte.


Lucian.


Deine Seele, lieber Peregrin, muß (mit der ehrwürdigen Prophetin Diotima zu reden) von einer ganz erstaunlichen Fruchtbarkeit gewesen seyn, da sie nur die Berührung eines Plato, Empedokles und Heraklitus nöthig hatte, um auf einmal von einer ganzen Welt voll Licht und Schönheit entbunden zu werden.


Peregrin.


Wenn dieß nicht Scherz wäre, Lucian, so würde ich sagen, die Einwirkung dieser Weisen auf mein Innerstes könnte eher mit einem Funken, den der Stahl aus einem Feuerstein schlägt, verglichen werden. Denn was sie in mir entzündeten, war im Grunde nur eine einzige aber unauslöschliche Flamme, die von diesem Augenblick an die Quelle alles Lichts und Lebens in mir wurde. Oder, um mich noch genauer auszudrücken, mir war, da diese Flamme in mir hervorbrach, als ob eine dunkle dichte Rinde, die mein Wesen bisher umschlossen hätte, plötzlich von mir abfiele; ich erblickte mich nicht mehr in einem Spiegel außer mir, sondern in mir selbst, erkannte mich selbst zum erstenmal , und bedurfte von diesem Augenblick an keines Pythagoras oder Platons mehr dazu; so wenig, als die Sonne einer fremden[44] Beleuchtung und Erhitzung bedarf, um lauter Licht und Feuer zu seyn.


Lucian.


Ich bekenne dir unverhohlen, Freund Peregrin, daß ich meines Orts noch einiges fremden Lichtes nöthig hätte, um zu verstehen was du mir hier offenbarest. Allem Ansehn nach muß mein Wesen seine alten Schalen und Rinden noch nicht alle durchbrochen haben.


Peregrin.


Das könnte leicht seyn, lieber Lucian. Doch vielleicht kann ich dir durch ein einziges Wort verständlicher werden. Du erinnerst dich vermuthlich, da du Platons Symposion gelesen hast, was Diotima von der Liebe als einem Dämon, das ist nach ihrer Erklärung, einem Mittelwesen zwischen der sterblichen und unsterblichen Natur, spricht. So einleuchtend mir diese Theorie war, die ich (wie beinahe alle Platonischen Begriffe) immer in mir geahndet zu haben glaubte, so sah ich doch anfangs diesen Dämon der Liebe noch außer mir; nur daß er mir, durch eine sonderbare Art von Täuschung, immer näher zu kommen, immer anschaulicher zu werden schien. Die Rinde, von der ich dir sagte, wurde immer dünner, und in eben diesem Maße ward es auch immer heller in meinem Inwendigen; kurz, sie wurde endlich so dünn, daß ein einziger Vers des Empedokles, der mir zufälliger Weise in die Augen fiel, genug war, sie ganz zu zersprengen. Nun fühlte ich mich gleichsam von mir selbst entbunden, fühlte, daß der Dämon der weisen Diotima in mir, oder vielmehr, daß ich selbst der Dämon sey, der keiner Vermittlung eines dritten,[45] sondern bloß des ihm eigenen ewigen Verlangens und Aufstrebens nach dem höchsten Schönen und Vollkommnen nöthig habe, um im Genuß desselben Eudämon, das ist, der reinsten Wonne, deren ein Dämon fähig ist, theilhaftig zu seyn, und im Genuß des Göttlichen sich selbst vergöttert zu fühlen.


Lucian.


Ich fange an zu besorgen, daß, um die erhabenen Dinge, die du mir sagst, zu fassen, ein eigener Sinn erfordert werde, womit die Natur mich zu versehen vergessen haben muß.


Peregrin.


Es ist nichts als die Rinde, die du noch nicht ganz durchbrochen hast, Lucian.


Lucian.


Wie es auch damit seyn mag, so muß ich dich bitten, wenn du in deiner Geschichte fortfahren willst, dich so nahe als dir immer möglich ist an meine Rinde zu halten, und eine Sprache mit mir zu reden die ich verstehe, wenn du willst daß es nicht eben so viel sey, als ob du bloß mit dir selbst sprächest.


Peregrin.


Was ich gesagt habe, schien mir die einfachste Sache von der Welt zu seyn. Aber sey ruhig, Lucian! es wird, so wie ich in meiner Erzählung fortfahre, immer heller um mich her werden, und ich bin nun nahe an einigen Begebenheiten meiner Jugend, die, wiewohl du sie ehemals in einem falschen Lichte gesehen hast, doch so beschaffen sind, daß man nur ein ganz gewöhnlicher Mensch zu seyn braucht, sowohl um solche[46] Abenteuer zu haben, als um zu begreifen wie es damit zuging.

Ich hatte kaum das achtzehnte Jahr zurückgelegt, als mein Großvater starb, nachdem er mich in seinem letzten Willen zum einzigen Erben seiner Verlassenschaft eingesetzt hatte. Ich sah mich nun im Besitz eines weit größern Vermögens, als ich brauchte um unabhängig zu leben; und mein erster Gedanke war, Parium zu verlassen, und mich auf Reisen zu begeben, nicht sowohl um das was man die Welt nennt zu sehen (die mich damals wenig kümmerte) als um Menschen zu suchen, die, wie ich, von der göttlichen Liebe der Vollkommenheit entbrannt, in dieser innigen Gemeinschaft und Vereinigung der Seelen mit mir leben könnten, die ich mir vermöge einer mir selbst unbekannten Vermischung des Instincts meines damaligen Alters mit dem Bedürfniß meines Herzens – als einen wesentlichen Theil der höchsten Eudämonie39 vorstellte. Aber die Geschäfte, die ich meiner Erbschaft halben vorher abzuthun hatte, hielten mich, wegen Abwesenheit meines Vaters, unter dessen Vormundschaft ich stand, noch ein ganzes Jahr in Parium zurück; und in diesem Zeitraume begegnete mir das Abenteuer, das dein Ungenannter in der schönen Lobrede, die er mir zu Elea hielt, so übel verunstaltet hat, daß ich, wofern mein Name nicht dabei genannt wäre, nie hätte vermuthen können der unglückliche Held dieses Mährchens zu seyn.

Während der ersten Jahre meines Lebens, die ich unter der Aufsicht meiner Mutter zubrachte, befand sich ein junges Mädchen in unserm Hause, die, als das einzige Kind einer[47] verstorbenen Schwester meines Vaters, unter seiner Vormundschaft von meiner Mutter erzogen wurde. Sie war nur ein Jahr älter als ich, und da sie eine Tochter vom Hause vorstellte, so wurden wir unvermerkt gewohnt, uns als Bruder und Schwester zu betrachten. Die kindische Liebe, die sich zwischen uns entspann, war um so unbedeutender, da ich mit dem siebenten Jahre in das Haus meines Großvaters versetzt wurde, und von dieser Zeit an nur selten in die Stadt kam.

Kallippe (so hieß die Nichte meines Vaters) erwuchs indessen nach und nach zu dem schönsten Mädchen in Parium. Ich sah sie bis zum Tode meiner Mutter von Zeit zu Zeit; aber wiewohl ich etwas für sie empfand, das der Anlage zu einer künftigen Leidenschaft ähnlich sah, so war ich doch noch viel zu jung, um recht zu wissen was ich fühlte, oder auch etwas andres für sie zu fühlen, als was unsrer nahen Verwandtschaft ganz anständig war; Kallippe hingegen, die um diese Zeit schon das funfzehnte Jahr angetreten, hatte mit demselben auch die Sinnesart eines Mädchens von diesem Alter angenommen, und betrachtete mich als einen Knaben, dem man ohne alle Gefahr liebkosen könne.

Bald darauf glaubte mein Vater dieses einzige Kind einer Schwester, die er sehr geliebt hatte, aufs glücklichste versorgt zu haben, indem er sie an einen der reichsten und angesehensten Männer in Parium verheirathete, ohne weder auf die Untugenden seiner Gemüthsart und Sitten, noch auf den großen Abstand seiner Jahre von den ihrigen die geringste Rücksicht zu nehmen. Von dieser Zeit an verlor sich meine Base Kallippe[48] unvermerkt aus meinem Gesichtskreise; ich bekam sie nicht mehr zu sehen, und bekümmerte mich, in der Meinung daß sie mit ihrem Loose zufrieden sey, nicht weiter um sie, bis nach meines Großvaters Tode die Angelegenheiten seiner Verlassenschaft mich nöthigten, einige Monate in der Stadt zuzubringen.

Hier hörte ich, daß mein Vater seine Absicht, Kallippen glücklich zu machen, nicht leicht ärger hätte verfehlen können. Jedermann sprach von ihr als einer Frau, welche die schönsten Jahre ihres Lebens unter dem Druck eines unempfindlichen, finstern, kargen und eifersüchtigen Tyrannen zu schmachten verurtheilt sey; jedermann bedauerte sie, und alle Stimmen waren gegen den Mann, der einer solchen Frau übel zu begegnen fähig sey. Ich kannte den Lauf der Welt zu wenig, um etwas von der Sache zu begreifen; ich sann hin und her, verwarf aber meine Anschläge immer wieder als unschicklich und unausführbar. Vor allem schien mir nöthig, sie selbst zu sprechen: aber die kaltsinnige Höflichkeit und argwöhnische Vorsicht des alten Menekrates wußte es immer so einzurichten, daß ich keine Gelegenheit dazu finden konnte.

Endlich erfuhr ich von einer jungen Sklavin, der einzigen auf deren Treue Kallippe ein unumschränktes Vertrauen setzte, daß ihre Gebieterin nichts sehnlicher wünsche als mich zu sprechen, indem sie mir Sachen von der größten Wichtigkeit zu entdecken hätte. Bei einer solchen Uebereinstimmung unsrer Wünsche war es nur noch um die Ausführung, nämlich um eine geheime Zusammenkunft zu thun , die aber, in der Lage worin sich Kallippe befand, nothwendig so behutsam veranstaltet werden mußte, daß weder ihr Mann, noch[49] die Nachbarn noch die übrigen Hausgenossen auch nur die leiseste Ahndung davon haben könnten. Auch hier fehlte es nicht an meinem guten Willen: aber wenn Kallippe und ihre Sklavin nicht erfindsamer oder dreister als ich gewesen wären, so möchte es wohl immer dabei geblieben seyn; denn selbst das Gewöhnlichste, was in solchen Fällen zu thun ist, kam mir gar nicht in den Sinn. Dafür ließ ich mich desto williger von der weiblichen Klugheit leiten; und so wurde endlich, nachdem verschiedene andere Vorschläge als gefährlich oder unthulich verworfen worden, beschlossen, daß man eine kurze Abwesenheit des Menekrates benutzen wollte, um mich in der Stille der Nacht durch eine kleine Gartenthür in ein Cabinet zu bringen, wo ich meine Base finden würde.


Lucian.


Natürlicherweise gewinnt die Sache unter allen diesen Umständen eine ganz andere Gestalt; und doch, wenn der Zufall gegen uns ist, nehmen weder die Gesetze noch die Welt auf solche Umstände Rücksicht.


Peregrin.


Nur zu wahr. Aber für mich gab es keine Gesetze; oder vielmehr, da ich mein Gesetz in mir selbst hatte, so dachte ich nicht an die Gesetze von Parium. Und was ist das Urtheil der Welt einem Menschen, der nach dem Beifall höherer Zeugen strebt, die seinem innern Auge so gegenwärtig sind, als ob sie auch dem äußern sichtbar wären! Ich dachte nichts als eine Pflicht zu erfüllen, und in der Wahl der Mittel mich bloß der Nothwendigkeit zu unterwerfen, der die Götter selbst unterthan sind.


[50] Lucian.


So weit begreife ich alles. Was mich wundert ist bloß, ob ich den Erfolg errathen habe oder nicht. Die Gelegenheit ist eine gefährliche Versucherin, und ich glaube aus Erfahrung zu wissen, was in solchen Fällen möglich oder unmöglich ist.


Peregrin.


Die Schlüsse, die man aus seinen eignen Erfahrungen auf das, was andere in ähnlichen Fällen gethan haben oder thun werden, macht, sind schon trüglich; wie sehr müssen es erst die seyn, die man von dem was meistens geschieht, auf das was möglich ist, macht! Indessen zweifle ich keinen Augenblick, lieber Lucian, daß ich mit einer Art von Gewißheit sagen könnte, wie du dich an meiner Stelle aus der Sache gezogen hättest: aber daß du dieß mit eben so vieler Gewißheit von mir sagen könntest, daran zweifle ich, mit deiner Erlaubniß.


Lucian.


Du hast Recht, Peregrin! Ich war immer nur ein gewöhnlicher Mensch, und von einem gewöhnlichen Menschen läßt sich freilich nicht auf einen Dämon schließen. Und doch sollte mich's nicht befremden, wenn auch einem Dämon (zumal einem dessen Natur Lieben ist) in dem Körper eines blühenden Jünglings von achtzehn Jahren, der sich mit einer schönen, zärtlichen und betrübten jungen Base von neunzehn in der Stille der Nacht in einem Gartencabinet eingeschlossen findet, unvermerkt eben so zu Muthe würde, als wenn er ein Mensch wie andere wäre.


[51] Peregrin.


Auch in meinen Augen würde es kein großes Wunder seyn. Höre also was sich zutrug. Unsre Zusammenkunft ging durch die schlaue Veranstaltung der getreuen Sklavin glücklich von Statten. Die erste Ueberraschung war auf beiden Seiten nicht gering, da ich Kallippen zum erstenmal in der vollen Reife der Schönheit und Jugend, und sie den Knaben von vierzehn, den sie vor vier Jahren zum letztenmale gesehen hatte, in einen hochaufgeschoss'nen Jüngling verwandelt sah, an dessen Blüthe noch kein Wurm genagt hatte, und dem ein sonderbares Gemisch von Sanftheit und Feuer, von Heiterkeit und Ernst, das Ansehen eines weit reifern Alters gab, ohne dem, was die Jugend Empfehlendes hat, nachtheilig zu seyn. Die einzige Lampe, die das Cabinet beleuchtete, trug wohl auch das Ihrige bei, daß unser mit so geheimnißvollen Umständen verbundenes Wiedersehen mehr das Schauerliche einer unverhofften Erscheinung, als das Freudige einer veranstalteten Zusammenkunft hatte. Indessen faßten wir uns bald wieder, und Kallippe fing die Unterredung mit Entschuldigung und Rechtfertigung des sonderbaren Schrittes, wozu sie sich gezwungen sähe, an. Natürlich führte dieß zu einer umständlichen Ausführung der großen Beschwerden, die sie über ihren Tyrannen zu führen hatte; wobei die schöne Klägerin weder Redefiguren noch Thränen sparte, um das Mitleiden des jungen Menschen zu gewinnen, den sie zum Richter ihrer Leiden machen wollte. Sie schien alle Fragen, die ich an sie thun könnte, vorausgesehen zu haben, mit so vieler Leichtigkeit antwortete sie auf alles; und sie beschloß endlich mit verschiedenen[52] geheimen Aufträgen, theils an meinen abwesenden Vater, theils gewisse Familienumstände, die eine Beziehung auf ihre eigenen hatten, betreffend, welche eine zweite und dritte Zusammenkunft vorbereiteten und ganz ungezwungen herbeibrachten.

Hätte ich damals schon die Menschenkenntniß haben können, die uns eine Erfahrung von dreißig oder vierzig Jahren verschafft, so könnte mir vielleicht das Betragen der schönen Kallippe einigen Argwohn gegeben haben; und wäre ich gesinnt gewesen, wie beinahe jeder andere in meinem damaligen Alter, so würde ich mich an allen Grazien zu versündigen geglaubt haben, wenn ich eine so gute Gelegenheit aus den Händen hätte schlüpfen lassen. Aber bei mir war weder das eine noch das andere möglich. Wie sichtbar auch die Schlingen waren, die meiner unerfahrnen Unschuld gelegt wurden, ich sah sie nicht, weil ich nicht mehr Begriff von Schlingen hatte als eine neu ausgebrüteter Vogel; und vor Nachstellungen von mir hätte die schöne Kallippe nicht sicherer seyn können, wenn sie eine Priesterin der Diana oder meine leibliche Schwester gewesen wäre. Jede Frau oder Jungfrau war in meinen Augen ein heiliges Gefäß im Tempel der Natur, desto heiliger und unverletzlicher, je schöner sie war. Wie sehr mußte es mir also die Gemahlin des Menekrates seyn, die durch Anverwandtschaft, Schönheit und Unglück ein dreifaches Recht an meine Theilnehmung, meine Ehrfurcht und meine Dienste hatte!


Lucian.


Wunderbarer Mensch!


[53] Peregrin.


Ich sehe, mit deiner Erlaubniß, hier nichts Wunderbares; vielmehr wär' es ein Wunder gewesen, wenn ich anders gedacht hätte. Meine Erziehung hatte meinen Leib und meine Seele vor aller Verderbniß, zumal vor allzu früher Erweckung und willkürlicher Reizung des Instincts, verwahrt. Meine Einbildung war so rein wie meine Sinne; und die Liebe des höchsten Schönen, die in dieser Epoche meines Lebens die Seele aller meiner Gedanken und Neigungen war, gab dem Eindruck, welchen schöne Gestalten auf mich machten, eine vom Gewöhnlichen, was andere Erdensöhne erfahren, so verschiedene Tinctur, daß auch die Wirkung desselben nothwendig sehr verschieden seyn mußte. Uebrigens bitte ich dich nicht zu vergessen, daß ich mir kein Verdienst daraus zu machen begehre, sondern die Sache bloß erzähle wie sie war. Als ich mich von Kallippen entfernte, folgte mir zwar ihr Bild, aber ohne mir eine andere Unruhe zu verursachen, als die Sorge, ihre Aufträge so gut mir möglich war auszurichten.


Lucian.


Alles Feuer in deiner Natur mußte sich damals in die höchste Region deiner Einbildungskraft hinauf gezogen haben.


Peregrin.


Doch nicht so ganz; denn ich läugne nicht, Kallippe wurde, mit jedem Male daß ich sie sah, schöner und liebenswürdiger in meinen Augen: aber ich setzte noch immer nicht den geringsten Argwohn weder in mich selbst noch in sie, und fand nichts natürlicher, als daß mein Wohlgefallen und meine[54] Theilnahme an ihr immer lebhafter wurde, je liebenswürdiger sie mir erschien. War die Liebe zum Schönen meiner dämonischen Natur nicht eben so eigenthümlich als meiner Brust das Athemholen? Daß auch Kallippe immer wärmer, und immer sinnreicher wurde neue Ursachen und Wege zu neuen geheimen Zusammenkünften auszudenken, bemerkte ich zwar, hielt es aber für eine so natürliche Folge der rechtmäßigen Zuneigung zu einem nahen Anverwandten, den sie von Kindheit an wie einen Bruder anzusehen gewohnt war, daß es mir gar nicht als etwas Mögliches einfiel, wie die Tadelsucht selbst etwas daran zu tadeln finden könnte. Und war es ihr, in einer so verlass'nen Lage als die ihrige, am Ende zu verdenken, wenn sie schwer daran ging sich des einzigen Trostes wieder zu berauben, der ihr einige Erleichterung ihres traurigen Zustandes verschaffte. – »Deine Gegenwart, deine Reden sind Nepenthe40 für mich, sagte sie mir einsmals beim Abschied, mit einer Stimme die wie Musengesang in meiner Seele widertönte. – Ich vergesse in diesen stillen Augenblicken der Freundschaft daß ich unglücklich bin: könntest du schon müde seyn, mir zuweilen eine Stunde zu schenken, die du nur dem Schlaf entziehest?« – Ich hätte mich für einen Barbaren gehalten, Lucian, wenn ich dessen fähig gewesen wäre.


Lucian.


Ich wahrlich auch! Aber gestehe, daß du um diese Zeit den unsichtbaren Pfeil schon in der Leber stecken hattest!


Peregrin.


Ich glaub' es selbst, Lucian; aber damals wußte, ahndete[55] ich sogar nichts davon: und was mich nothwendig sicher machen mußte, war, daß ich die Nacht, da wir uns wieder sehen sollten, immer mit eben so vieler Ruhe erwartete, als ich sie mit Vergnügen kommen sah.

Indessen darf ich einen neuen Umstand nicht unerwähnt lassen, der einige Veränderung in der Beschaffenheit unsrer Zusammenkünfte machen konnte. Weil Menekrates eine ziemliche Zeit lang nicht aus der Stadt kam, so wurde das Gartencabinet für unsern fernern Gebrauch zu gefährlich befunden. Nach langem Ueberlegen was zu thun sey, sagte endlich die Sklavin mit der Miene einer Person, die auf einmal das Wahre gefunden hat: ich weiß im ganzen Hause keinen Ort, wo wir so völlig vor jedem Ueberfalle sicher sind, als das Schlafzimmer meiner Gebieterin. – Da hast du Recht, versetzte Kallippe lächelnd; ich weiß nicht, warum es mir nicht sogleich in den Sinn kam! – Aber – sagte ich etwas betroffen, Menekrates? – O, der ist in Jahr und Tag mit keinem Fuße über die Schwelle gekommen, und – hat seine Ursachen dazu, sagte die Sklavin. Ich schwieg, und es blieb fürs nächstemal bei Kallippens Schlafzimmer.


Lucian.


Ein schöner und bequemer Ort, ohne Zweifel; aber, beim Jupiter! der schlüpfrigste, den dein Platonischer Dämon zwischen Himmel und Erde finden konnte!


Peregrin.


Du wirst mich auch gar zu unschuldig nennen, Lucian, – genug, mir fiel das nicht ein. Wäre Kallippe bei dem Vorschlage roth geworden, hätte sie einige Bedenklichkeit geäußert,[56] so möchte vielleicht auch in mir ein Zweifel über die Schicklichkeit der Sache rege geworden seyn: aber daß sie so unbefangen, so schnell und so ruhig ihren Beifall gab, ließ mich in meiner natürlichen Sicherheit. Ich liebte zwar Kallippen, aber mit einer so jungfräulichen Unwissenheit, daß ihr Schlafzimmer für mich nichts mehr war als jeder andere Ort. Und in der That hätte sie im innersten Heiligthum der Vesta nicht sichrer vor geheimen Absichten und Anschlägen auf ihre Unschuld von meiner Seite seyn können als in ihrem Schlafzimmer.


Lucian.


Was für ein schlauer kleiner Bube euer Dämon Amor ist, Peregrin! Wie er die guten arglosen Seelen durch seine kindisch unschuldige Miene zu locken weiß! Und doch wette ich, das Schlafzimmer war die Ursache alles Unheils.


Peregrin.


Höre nur. Beinahe hätte ich noch einen kleinen Umstand vergessen, der auch nicht ganz unwichtig war, wiewohl ich damals nicht auf ihn achtete. Die junge Sklavin war immer bei unsern Zusammenkünften gegenwärtig; anfangs ohne sich einen Augenblick ganz zu entfernen; bei der zweiten und dritten ging sie ab und zu; in der Folge blieb sie bald kürzer bald länger aus, oft eine halbe Stunde, auch noch länger: aber alles so ungezwungen und absichtlos, daß ich ihre Abwesenheit kaum gewahr wurde.


Lucian.


Die Spitzbübin!


[57] Peregrin.


Es vergingen mehrere Tage, ehe ich wieder den gewöhnlichen Wink von ihr erhielt.


Lucian.


Auch das vielleicht nicht ohne Absicht – Aber du merktest immer nichts?


Peregrin.


Gewiß nicht, außer daß mir die Zeit doch länger vorkam als ich ungefähr gerechnet hatte. Ich fing an für Kallippen unruhig zu werden, als die Sklavin mir durch den gewöhnlichen Weg das zwischen uns abgeredete Zeichen gab. Es war eine ziemlich dunkele Nacht, und alles im Hause lag in tiefem Schlafe begraben, als ich durch den Garten zu einem niedrigen Fenster in das Haus herein gelassen wurde. Ich konnte mir selbst nicht recht sagen warum, aber zum erstenmale war mir's, als ob ich um diese Zeit nicht in diesem Hause seyn sollte. Diese kleine Unruhe verschwand zwar in dem Augenblicke, da mir die schöne Kallippe in ihrem Zimmer mit Augen voll Dank und Liebe entgegen kam; doch kehrte sie von Zeit zu Zeit wieder, wiewohl ich sie zu unterdrücken suchte. Kallippe ward es endlich gewahr. Sie fragte mich nach der Ursache einer Unruhe, die sie noch nie an mir bemerkt hatte, und ich gestand ihr, daß ich sie und mich weder in diesen Mauern noch in diesem Zimmer für sicher halten könne. – Ohne Zweifel schlagen unsre Herzen auch hier sympathetisch, sagte sie; du irrest dich nur in der Ursache. Auch mir, fuhr sie fort (und mit einem zärtlich wehmüthigen Tone, der alle meine Nerven in antwortende Schwingungen setzte), auch mir ahndet daß wir uns zum letztenmale[58] sehen. Nicht als ob wir hier das Mindeste zu befürchten hätten. Ich, liebster Proteus, zittre vor einer ganz andern Gefahr, der einzigen, die ich zu befürchten habe – ich darf, ich kann dich nicht länger sehen. Frage mich nicht nach der Ursache – denn du bist unter allen Sterblichen der letzte, der sie wissen darf.

Diese mir ganz neue Sprache setzte mich in Erstaunen: aber Kallippe ließ mir keine Zeit zu mir selbst zu kommen. Sie sagte mir, mit einem Ausdruck von Wahrheit und zugleich mit einer Sanftheit, die ihren Worten einen unbeschreiblichen Zauber gab, das Zärtlichste was die erste Liebe einem gefühlvollen jungen Weibe eingeben kann; und das Ende davon war die Wiederholung, daß wir uns zum letztenmal gesehen hätten. Wir müssen scheiden, rief sie mit erstickter Stimme, indem sie ihre schönen Arme um meinen Hals wand – Lebe wohl, Proteus! und erinnere dich zuweilen – der Unglücklichen, die dich deiner und ihrer Tugend aufopfert! – Lebe wohl!

Ein so unvermutheter Sturm, auf mein Herz und meine Sinne zugleich, war zu stark um seine Wirkung zu verfehlen; aber es kam noch ein Umstand hinzu, der den Sieg der schönen Kallippe über den unerfahrnen Neuling entscheidend machen mußte. Sie war bei allen unsern Zusammenkünften immer äußerst anständig gekleidet gewesen. Dieß war sie, dem ersten Anblick nach, auch jetzt; nur für die heftigen Bewegungen des Schmerzes und der Liebe, denen sie sich in diesen Augenblicken des Scheidens überließ, zu leicht. Freilich war es eine sehr warme Sommernacht: aber für eine so zärtliche Abschiedsscene war eine Tunica, die ein einziger Seidenwurm[59] hätte gesponnen haben können, gar zu dünn; und als die zärtliche Kallippe ihre Arme um meinen Nacken wand, und in einem Augenblicke, wo der Gedanke eines ewigen Scheidens sie außer sich setzte, ihren Busen etwas zu heftig an den meinigen drückte, kam natürlicherweise eine so duftartige Hülle in eine Unordnung, die in einem solchen Moment ihren Reizen ein zu großes Uebergewicht über meine unverwahrten Sinne gab.

Was in diesem Augenblick in mir vorging, ist schwer zu beschreiben. Ein allgemeines Zittern überfiel mich, mir ward schwindlig und dunkel vor den Augen, und ich wäre, glaube ich, zu Boden getaumelt, wenn mich Kallippe nicht in ihren Armen aufgehalten, und zu ihrem Ruhebette geführt hätte, wo ich in kurzem wieder zu mir selber kam, indessen sie, den rechten Arm noch immer um meinen Leib geschlungen, Augen auf mich heftete, die alles Feuer der Liebe in mich zu ergießen schienen. Die Sklavin war bei dieser Scene nicht zugegen; Kallippe mußte meinen Zufall nicht für gefährlich genug gehalten haben, sie um Hülfe zu rufen.

Die Götter mögen wissen, wie das alles sich geendigt hätte, wenn nicht in diesem Augenblick ein großer Lärm im Hause uns auf einmal aus unserm Taumel gerissen und genöthigt hätte, auf das, was außer uns vorging, Acht zu geben. Wir sind verrathen, rief die bestürzte Kallippe, indem das Getümmel immer näher kam, und die donnernde Stimme des Menekrates sich bereits deutlich unterscheiden ließ. Ich sprang auf, und brauchte mich nicht einen Augenblick zu besinnen,[60] daß außer meinem plötzlichen Verschwinden kein Mittel sey die Dame und mich zu retten.


Lucian.


In solchen Fällen haben die Dämonen ohne Körper ein beneidenswürdiges Vorrecht.


Peregrin.


Ich lief an das Fenster, das in den Garten ging: aber, außerdem daß die Höhe für einen Sprung zu gefährlich war, sah ich den Garten von verschiedenen mit Knütteln und Stangen bewaffneten Sklaven besetzt, in deren Hände zu fallen noch gefährlicher schien. Ein anderes Fenster ging in einen kleinen Hof, der zu einem Holzbehältniß zugerichtet und mit einem Schindeldache versehen war, das nahe an Kallippens Fenster reichte, und von welchem es nicht unmöglich schien, durch einen Sprung auf das ziemlich flache Dach des niedrigen Seitengebäudes eines benachbarten Hauses zu kommen. Das Weitere mußte dem Zu fall überlassen werden. Menekrates pochte inzwischen, mit einem so lauten und herrischen Befehl aufzumachen, an der verschloss'nen Thür des Schlafzimmers, daß Kallippe, ohne den Verdacht zu vergrößern, nicht länger verziehen konnte sie zu öffnen. Ich wagte also den entscheidenden Sprung. Ich gelangte glücklich auf das benachbarte Dach, und von diesem in einen kleinen Garten, wo es mir nicht schwer fiel, über eine niedrige und baufällige Mauer in ein enges Gäßchen herabzuglitschen, an dessen Ausgang ich mich vor der Hinterthür meines eigenen Hauses, und einen Augenblick darauf in der Freiheit befand, von einer Gefahr, deren bloßer Gedanke alle meine Haare emporrichtete,[61] wieder zu Athem zu kommen. Allerdings war es viel Glück, daß ich meine so oft wiederholte Unvorsichtigkeit mit der bloßen Angst, noch immer wohlfeil genug, bezahlte: indessen verhielt sich die ganze Sache wie ich dir erzählt habe; die Prügel und der Rettig waren bloße Verzierungen womit dein Ungenannter das Geschichtchen seinen Zuhörern interessanter zu machen hoffte.


Lucian.


Wahrscheinlich wartete beides auf dich, wenn dir dein guter Dämon nicht noch so glücklich durchgeholfen hätte. Uebrigens sind diese Verzierungen, wie du wissen wirst, bei Geschichten dieser Art, wovon das Publicum meistens etwas, aber selten die wahren Umstände erfährt, zu gewöhnlich, als daß man dem Ungenannten ein großes Verbrechen daraus machen könnte, sie, vielleicht ohne historischen Grund, der bloßen Wahrscheinlichkeit zu Ehren hinzu gedichtet zu haben. – Aber wie erging es der armen Kallippe? Denn, wiewohl ich gestehe, daß sie mir in dieser ganzen Sache bei weitem nicht der unschuldigste Theil zu seyn scheint, so kann ich doch nicht umhin zu wünschen, daß sie nicht zu hart für eine so verzeihliche Schwachheit gebüßt haben möchte.


Peregrin.


Es war ein Glück für sie, daß ihre Sklavin die Geliebte eines Freigelass'nen war, welcher alles über den alten Menekrates vermochte, und sie, indem er sich für ihre Unschuld verbürgte, von der angedrohten Tortur rettete, die ihr ohne Zweifel das Geständniß der Wahrheit ausgepreßt haben würde. Kallippe, vielleicht nicht so unvorbereitet auf solche Scenen[62] als ich ihr zutraute, war Meisterin genug über sich selbst, um die Unwissende zu spielen; und da sich nichts fand, was gegen sie hätte zeugen können, so blieb sie am Ende noch berechtiget, Genugthuung von ihrem Unholde zu verlangen, dessen unzeitige Eifersucht ihren sanften Schlummer gestört und ihre unbefleckte Ehre angeschmitzt hatte. Zu gutem Glücke war mein Vater eben wieder nach Hause gekommen. Ich entdeckte ihm den ganzen Hergang; er nahm sich seiner beleidigten Nichte an: und da beide Theile ihre Ursachen hatten, die Sachen nicht aufs äußerste zu treiben und dem Gelispel der Parianer je eher je lieber ein Ende zu machen; so überließ Menekrates seiner Gemahlin die Freiheit, über sein Haus in der Stadt und über ihre Tugend nach eigenem Gutdünken zu schalten, und zog sich bald nachher auf eines seiner Landgüter zurück, während ich in aller Stille Anstalten traf, an eben demselben Tage nach Athen abzureisen.

Das sonderbare Vorgefühl, womit ich in die ehrwürdige Minervenstadt eintrat, – die Meinung von ihrem hohen Alterthume, das sich bis in die Götterzeit verlor, – die Heiligkeit eines Ortes, wo man keinen Schritt thun kann, ohne dem Denkmal eines Gottes oder Hero's oder merkwürdigen Menschen zu begegnen – die Erinnerung an ihren ehemaligen Glanz, an alles was sie einst war, und was Griechenland, und durch dieses die ganze Welt ihr zu danken hat, – im Gegensatz mit ihrer jetzigen Stille und Ruhe, stimmte in den ersten Tagen meines Aufenthalts zu Athen meine vorhin schon wunderbar genug gestimmte Seele in einen Ton von Melancholie und Feierlichkeit, der mit dem leichten[63] muntern Geiste der Athener einen starken Mißklang machte. Wenig um diese letztern und um alles Unbedeutende was sie thaten, da sie nichts Bedeutendes mehr zu thun hatten, bekümmert, entzog ich mich beinahe aller Gesellschaft, hielt mich immer an den einsamsten Orten auf, besuchte den Keramikus41, die Akademie, die Pökile, das Lykeion, nur in den frühen oder nächtlichen Stunden, wenn sonst niemand da zu sehen war: kurz, anstatt wie andere Leute in dem wirklichen Athen zu leben, schwebte ich bloß wie ein abgeschiedener Geist über dem Grabe des großen und herrlichen Athen, das – nicht mehr war.

Die Schulen der Philosophen hatten damals keinen aufzuweisen, der sich über das Gewöhnliche merklich erhoben hätte. Sogar unter denen, die sich mit dem Pythagorischen und Platonischen Costum decorirten, fand ich nicht Einen, von dem ich mich im geringsten angezogen gefühlt hätte. Da die Stadt, ihrer Größe ungeachtet, nur sehr mittelmäßig, wie du weißt, bevölkert war, und die Athener alle mögliche Muße hatten, sich um alles zu bekümmern was sie nichts anging: so beschäftigte ich eine Zeit lang ihre Aufmerksamkeit und ihren Witz, und sie ließen es nicht an Epigrammen fehlen, zumal da ihnen meine Lebensweise mit meiner Jugend und Gestalt sehr lächerlich abzustechen schien. Weil ich aber, ohne darauf zu achten, bei meiner Weise blieb, und nach Verlauf weniger Wochen in einem der nächst gelegenen Flecken ein Landhaus miethete, hörte ich bald auf, etwas Neues für sie zu seyn; und so wie ich ihnen aus den Augen kam, kümmerte sich niemand mehr um mein Daseyn, bis ein kleines[64] Abenteuer, das dein Ungenannter zu Elea nicht vorbeigelassen, aber eben so übel zugerichtet hat wie die Liebesgeschichte mit Kallippen, mich auf eine sehr unangenehme Art wieder in Erinnerung bei ihnen brachte.

Der Zufall ließ mich einst in einem Gehölz am Fuße des Pentelikus einen Knaben von vierzehn bis funfzehn Jahren finden, der dürres Reisig zusammenlas, und dessen ungewöhnliche Schönheit meine ganze Aufmerksamkeit an sich zog. Ich ließ mich in ein Gespräch mit ihm ein, und bewunderte die Offenheit und Lebhaftigkeit seiner Antworten. Auf einmal fiel mir die Anekdote von der ersten Bekanntschaft ein, welche Sokrates einst mit einem eben so schönen Knaben in einem engen Gäßchen von Athen gemacht hatte, und daß unter der Leitung des Weisen und seines Genius aus diesem Knaben der berühmte Xenophon geworden war. Mein Waldknabe schien mir ein nicht weniger glückliches Naturell zu versprechen; ich beschloß an ihm zu thun was Sokrates an dem jungen Xenophon gethan hatte, vergaß aber unglücklicherweise, daß Sokrates damals ein Mann von funfzig Jahren war, und ich kaum zwanzig zählte. Die Reinheit meiner Seele und die Unschuld meiner Absichten ließen mich an diesen Unterschied nicht denken; und es fiel mir – mir, der das Urtheil anderer Leute nie in Anschlag brachte – so wenig ein, daß jemand an meinem guten Willen für diesen Knaben etwas Tadelhaftes finden könnte, als wenn ich einen Vogel aus dem Walde mit nach Hause gebracht hätte, um ihn singen zu lehren. Ich hing damals, ohne daß mich meine kleine Erfahrung mit der schönen Kallippe behutsamer über diesen[65] Punkt gemacht hätte, noch sehr stark an dem Platonischen Glauben, daß die äußere Schönheit ein Widerschein der innern sey; und meine rasche Einbildung weissagte sich in meinem jungen Xenophon vielleicht einen künftigen zweiten Pythagoras oder Apollonius, ohne es nur für möglich zu halten, daß es eben so wohl ein Alcibiades42 oder Kallias seyn könnte. Aber außer dem Verdienste, das ich mir durch die Pflege einer so schönen Pflanze um die Menschheit zu machen hoffte, hatte ich noch die besondere Absicht, mir in ihm einen künftigen Gehülfen in den Mysterien der hohen Magie zu erziehen, die damals das große Ziel meiner Wünsche und Gedanken war, und wozu ich die Pythagorische und Platonische Philosophie, welcher ich seit einiger Zeit mit großem Fleiß obgelegen hatte, als eine Vorbereitung ansah. Die Schönheit und Unschuld des jungen Gabrias war eine sehr wesentliche Bedingung zu meinen Absichten, so wie seine Unwissenheit kein Hinderniß derselben war. Denn je reiner ich seine Seele von erkünstelten Begriffen und falscher Wissenschaft fand, desto geschickter war sie, die Ideen aufzufassen, zu welchen ich sie nach und nach zu erheben hoffte.

Die Neigung, die den Knaben gleich anfangs zu mir zu ziehen schien, verwandelte sich ziemlich schnell in eine so große Anhänglichkeit, daß er mich bat, ihn als einen Menschen zu betrachten der mir gänzlich angehöre. Von dieser Zeit an lebte er einige Wochen beständig mit mir in dem vorerwähnten kleinen Landhause. Es zeigte sich indessen immer mehr, daß meine Hoffnungen von der Anlage des jungen Gabrias zu voreilig gewesen waren. Seine Lebhaftigkeit war mit einem[66] Leichtsinn und einem Hang zum Muthwillen und zur Sinnlichkeit verbunden, der ihn zum untauglichsten aller Menschen machte, in Mysterien eingeweiht zu werden, deren erste Stufe die Reinigung der Seele von allen thierischen Neigungen ist.

Sobald ich mich hiervon überzeugt hielt, verging mir alle Lust mich weiter mit ihm abzugeben. Hätte ich keine andern Zwecke mit ihm gehabt, als ihn zu einem leidlichen Bürger von Athen zu bilden, so war freilich die Hoffnung dazu nichts weniger als verloren; er konnte sogar werden was seine Landsleute einen liebenswürdigen Menschen hießen; denn er war der angenehmste Plauderer von der Welt, hatte Witz und drollige Einfälle, machte auf einen Blick das Lächerliche an einer Person oder Sache ausfindig, und besaß die Gabe, anderer Leute Stimme, Gebärden, Gang und übrige Eigenheiten nachzuahmen, in einem ungewöhnlichen Grade: aber für meine Absichten war er unverbesserlich, und ich suchte mich also je eher je lieber von ihm loszumachen. Dennoch wußte er mich zwei- oder dreimal durch seine außerordentliche Liebe zu mir, die er meisterlich spielte und mit den zärtlichsten Liebkosungen begleitete, wieder dahin zu bringen, daß ich ihn noch länger bei mir duldete: bis endlich sein Betragen (welches einem weniger Unerfahrnen schon lange hätte verdächtig seyn müssen) keinen Zweifel mehr übrig ließ, daß er sich an mir eben so sehr betrogen habe als ich mich an ihm.

Er wurde noch an demselben Tage aus dem Hause geworfen; aber auch an demselben Tage meldete sich ein alter schlecht gekleideter Mann mit einer Miene von böser Vorbedeutung,[67] als Vater des jungen Gabrias, bei mir, beklagte sich mit großer Heftigkeit, daß ich seinen Sohn – das unschuldigste Kind von der Welt, eh' er in meine Hände gefallen sey – verführt hätte, und forderte Genugthuung deßwegen, wenn ich nicht wollte, daß er seine Klage gegen mich noch in dieser Nacht im Areopagus laut erschallen ließe. Ich merkte bald genug, daß ich einen Mann vor mir habe, dem es nicht um Versicherungen oder Beweise meiner Unschuld, sondern um mein Geld zu thun war; und alle Standhaftigkeit, die ich ihm entgegen setzte, wurde zum Schweigen gebracht, da er mir sagte, daß Gabrias bereit wäre, über Gewalt gegen mich zu klagen. – Wie schlecht diese Leute auch waren, so war ich ein Fremder, ohne Freunde, und konnte darauf rechnen, ganz Athen, vornehmlich die ganze Zunft der Philosophen, die sich eine falsche Rechnung auf mich gemacht hatten, wider mich zu haben. Aber auch ohne diese Rücksichten hätte ich lieber mein ganzes Vermögen hingegeben, ehe ich in einem solchen Handel vor Gericht erschienen wäre. Ich bequemte mich also, dem alten Bösewicht die Summe worauf er bestand, und die in der That nicht gering war, zu bezahlen, wie ich mich bequemt haben würde, mein Leben oder meine Freiheit von einem Seeräuber loszukaufen.

Dieser Zufall, der wie ein Blitz bei hellem Wetter auf mich herabstürzte, unterbrach das innere Geschäfte meiner Seele auf eine höchst schmerzliche Weise. Der Aufenthalt zu Athen wurde mir durch den Gedanken, was für Leute meinen guten Namen in ihrer Gewalt hätten, unerträglich; ich konnte mich nicht schnell und weit genug von Menschen[68] entfernen, die mir zu meinem Zwecke so wenig halfen, und unter welchen man solchen Bübereien ausgesetzt war. Ich packte also meine Sachen zusammen, und begab mich schon am dritten Tage nach dieser verhaßten Begebenheit an Bord eines Schiffes, das nach Smyrna abzugehen begriffen war.


Lucian.


Was du thatest um dir dieses Gesindel vom Halse zu schaffen, würde ich, und vermuthlich ein jeder anderer, an deinem Platze auch gethan haben; wiewohl vielleicht wenige seyn mögen, die zu einem so schlimmen Handel so unverschuldet gekommen wären wie du. Der Verfasser der Liebesgötter43, zu denen ich eben so unschuldig Vater seyn muß, würde gesagt haben, du hättest deine Strafe durch deine Unschuld verdient: aber, meiner Meinung nach, verdientest du sie durch die Unvorsichtigkeit, dich mit einem dir unbekannten Athenischen Knaben – wenn er auch schöner als Ganymed und Adonis gewesen wäre – in einen Umgang einzulassen, der einen jungen Menschen von deinem Alter nothwendig verdächtig machen mußte; zumal da du den Vorwurf gegen dich hattest, ein Sonderling und ein Verächter der besten Gesellschaft zu seyn die vielleicht in der ganzen Welt zu finden war; denn dafür galten die Athener unsrer Zeit, und nicht ohne Grund, däucht mich. Uebrigens ist es sehr möglich, daß der Alte so ganz Unrecht nicht hatte, sich zu beschweren daß du seinen Sohn verführt habest.


Peregrin.


Wie so?


[69] Lucian.


Der Junge konnte wirklich, da du ihn im Walde antrafst, noch unschuldig und ohne die Sokratische Liebe die du so plötzlich auf ihn warfst, es noch lange geblieben seyn. Vermuthlich erzählte er zu Hause, was ihm mit dem schönen fremden Herrn im Walde begegnet sey. Sein Vater, ein dürftiger, schlecht denkender, und wo es auf Gewinn ankam wenig bedenklicher Mann, machte seine Glossen darüber. Natürlicherweise hatte er von einer so geistigen uninteressierten Liebe zu schönen Bübchen oder Mädchen, wie die deinige war, nicht die geringste Vorstellung noch Ahndung; er erkundigte sich vermuthlich nach dir, erfuhr daß etwas bei dem fremden Herrn zu gewinnen sey, machte nun seinen kleinen Plan auf den einen oder den andern Fall, und unterrichtete den Jungen wie er sich zu benehmen habe. Die Hoffnung eines namhaften Gewinns ist für Leute von diesem Schlag eine unwiderstehliche Verführung; und so hättest du dich denn doch, mit aller deiner Unschuld, als den Verführer des jungen Gabrias anzusehen.


Peregrin.


In diesem Sinne allerdings. Indessen war der weise Sokrates selbst, nach dem unverwerflichen Zeugnisse, welches ihm der schöne Alcibiades in ziemlich großer Gesellschaft darüber ertheilte, nicht reiner von diesem seinem Liebling, als ich von dem jungen Gabrias; wiewohl ich dich versichern kann, daß der berüchtigte Günstling Hadrians44 ihm den Vorzug der Schönheit kaum hätte streitig machen können. Wäre ich gesinnt gewesen wie zehntausend andere, so hätte alles den gewöhnlichen[70] Gang genommen, und dein Unbekannter zu Elea würde wahrscheinlicherweise eine Verleumdung weniger gegen mich vorzubringen gehabt haben. Ich bezahlte also meine Tugend mit dreitausend Drachmen und einer Verwundung meiner Ehre, wovon ich die Narbe bis an meinen Tod behielt.


Lucian.


Deine Tugend, und – deinen Mangel an Klugheit, bitte ich hinzuzusetzen. Wer, ohne sich den Gesetzen dieser letztern, welche die große Tugend des gesellschaftlichen Lebens ist, zu unterwerfen, in seinem Betragen gegen andere bloß von seinem Herzen und von einer idealischen Vorstellungsart geleitet wird, läuft immer Gefahr ähnliche Erfahrungen zu machen.


Peregrin.


Diese Klugheit war freilich nie meine Tugend. Durch sie allein würde mein ganzes Leben eine andere Gestalt gewonnen haben, alle Abenteuer, woraus es zusammengeflochten ist, würden unterblieben, und Peregrin –


Lucian.


– würde, mit Einem Worte, nicht Peregrin gewesen seyn – welches, nach dem ewigen Beschluß der großen Pepromene45, oder, wenn du lieber willst, vermöge der Natur der Dinge, eben so wenig möglich war, als daß Lucian unschuldiger Weise hätte in den Fall kommen können, aus dem Fenster des alten Rathsherrn Menekrates zu springen, oder einem Athenischen Sackträger dreitausend Drachmen dafür zu bezahlen, daß er seinem Jungen einen Kuß auf die Stirne gegeben hätte.

Quelle:
Christoph Martin Wieland: Sämmtliche Werke. Band 16, Leipzig 1839, S. 33-71.
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