Der Rhein und ich.

[13] Ich ritt über eine Brücke, die nicht viel länger war, wie vom Kopf zum Schwanz meines Pferdes, hörte die Frösche quaken, die Sumpfblasen quirlen und ritt über den Rhein, über denselben Rhein, der das Juragebirge durchbrach, bei Schaffhausen vom Fels donnerte, bei Bingen dahinschoß wie Tells Pfeil und über Bonn dem langen Schatten des Drachenfels Raum gab, um sich auszubreiten über seinen Spiegel.

Und als ich hörte, daß es wirklich der alte Rhein war, ich ließ es mir sagen durch einen Fischer von Katwyk, der nach Leiden zu Markt ging – da band ich mein Pferd an einen Busch und setzte mich zu ihm ins Gras.

Weißt du es noch, rief ich, weißt du es noch, Vater, als wir uns zuletzt sahen. Es sind nun drei Jahre her, und ich glaube, es ist heut derselbe Tag. Ich nahm Abschied von dir, und du[14] nahmst Abschied von den Bergen und Reben an deinem Ufer. Laß mich dir erzählen, es erleichtert mein Herz und führt vielleicht einen schwachen Strahl der Erinnerung in deine verschüttete Brust zurück. Wir sind allein und geht auch ein Käsekind vorüber und sieht mich bei dir sitzen.

Damals umgaben uns nicht Sandhügel, sondern zerrissenen Gipfel des Siebengebirgs. Der Tag neigte sich, wie er sich jetzt neigt. Der lange Thurm von Godesberg lag schon im Dunkel, nur auf den Ruinen des Drachenfels blühte noch das Abendroth. Ich lag zum letztenmal unter einer Rebe und benetzte ihre grünen Blätter mit meinen Thränen, denn ich hatte viele Stachel im Herzen und dachte, daß meine Lebenslust vorüber war und meine Jugend und alles Glück der Täuschung. Ich legte mich hinterüber und versank in trostlose Gedanken. Ich weiß nicht, wie lange ich so lag, als mir plötzlich Wasser übers Gesicht gesprengt wurde. Wie ich die Augen aufschlug, stand der Mond hoch am Himmel, die Rebenstöcke, unter denen ich saß, waren in voller Unruhe, eben so die Wellen zu meinen Füßen und ich sah daraus mit großem Erstaunen die allerschönsten Mädchengesichter herauslachen. Sie hatten ihren Schleier zurückgeschlagen, und die Eine streckte ihren schneeweißen Arm nach mir aus, als[15] wollte sie sich mir als die Thäterin zu erkennen geben. Ich wußte nicht, ob ich wachte oder träumte, ich rieb mir die Augen, aber an den Augen lag die Schuld nicht allein, denn zu gleicher Zeit schlugen Töne an mein Ohr, wie sie nur der arme Fischer gehört hat, von dem Goethe singt. Ich sprang auf. Gleich fühlte ich, daß der Boden unter mir bebte, so daß ich nur mit Mühe das Stehen behielt. Ich versuchte aber einige Schritt weiter ans Ufer zu kommen, wo eine alte hohle Weide stand, an die ich mit beiden Armen mich festklammerte. Aus der Ferne hörte ich den Nachtwächter von Oberwinter ganz geruhig blasen, woraus ich den Schluß zog, daß er von Allem, was in der Natur um mich her vorging, nichts sehen und merken mußte. Dieser Umstand überzeugte mich noch mehr, daß ich bezaubert war. Da ich nun damals den Kopf voll von Rheinmährchen hatte, so dachte ich gleich an deine Nixen, Vater. Ich glaubte, sie hätten mich mit magischem Wasser besprengt, und mir dadurch zu meinen fünf natürlichen Sinnen, fünf übernatürliche gegeben. Wie es auch damit war, ich hatte nur den Anfang der erstaunlichen Scene erlebt, die vor meinen Augen vorging. Statt des Nachtwächterhorns hörte ich von Oberwinter her einen entsetzlichen Lärm von Becken, Trommeln und kreischenden[16] Weiberstimmen, als wenn die Winzerinnen es auf der Hochzeit allzutoll machen. Das Getöse lief an den Bergen entlang, verlor sich zuweilen in die Schluchten, kam aber dann jedesmal näher und näher. Zuletzt wurde ich springende Gestalten ansichtig, die etwas Weißes in der Luft hin und herschwenkten. Bei diesem Anblick dachte ich bei mir selbst, sind es nicht wirklich Mänaden, so sehen sie wenigstens so aus und das weiße in ihren Händen kann auch sehr gut den Thyrsusstab vorstellen, auf dessen Blätter und Rebengewinde der weiße Mondschein fällt. Wie sie näher kamen, bemerkte ich, daß sie Alle nackt waren, ihre Haare flatterten im Winde und sie mutheten ihren schlanken Leibern die halsbrechendsten Schwenkungen an. Der Zug ging nahe an mir vorüber, ich hatte mich zur Vorsicht in die hohle Weide hineingepreßt, so tief ich nur konnte. Hinter ihnen her stürmte ein junger Mann, bei dessen Anblick ich wieder Athem schöpfte, denn die besessenen Weiber hatten mir ein wenig Angst gemacht. Er war schön wie der Tag, und hatte einen Kranz von Epheu und Weinlaub in den Haaren, und seine Haare fielen ihm vorn in zwei großen Locken auf den Hals. Im besten Rennen hielt er sich an und schien über etwas stutzig zu werden. Er fühlte sich an die Stirn und ich bemerkte, daß[17] seine Glieder frostig zitterten. Darauf hielt er die flache Hand gegen den Wind, welcher den ganzen Tag, wie ich wußte, aus Süden geweht hatte und eben jetzt sich in Nordwest umsetzte. Er drehte sich um, und sagte zu einem alten Mann, der ihm zu Esel nachgeritten war, wie geht's dir, Alter? Dieser machte ein weinsaures verdrießliches Gesicht und grunzte, wie es mir geht? welche Frage, so geht es mir, und mit diesen Worten schleuderte er einen großen gelben Weinkrug, der am Sattel hin, mit solcher Gewalt über den Rhein, daß er am andern Ufer in Plitterdorf niederfiel, unweit der Capelle. Basta, fügte er trotzig hinzu, weiter geht meine Gefälligkeit nicht, und hätte ich nicht noch einen kleinen Nachgeschmack von Mosel und Bleichert auf der Zunge gehabt, ich wäre nicht einmal bis hierher dir nachgeritten. Mag diesen sauren Landwein trinken wer da will, ich nicht, und ich weiß, daß es genug katholische Pfarrer, preußische Lieutenants und bonner Studenten gibt, die mir Dank wissen dafür. Aber um den Krug thut es mir jetzt leid, und ich bereue, daß ich ihn weggeworfen habe in der ersten Hitze. Es war kein gemeiner Krug, er hielt dicht, er hatte einen schönen tiefen Resonanzboden, und wenn er ein wenig voll wurde und in Schwung gerieth, gurgelte er die schönsten und verrücktesten Weinlieder[18] und nicht etwa so traurig hohles Zeug, wie der rothe leipziger Krug. Dionys, Dionys, zu welcher schnöden Aufwallung verleitest du mich in meinen alten Tagen. Ich bitte dich, kehr um und laß den Rhein laufen, wohin er will. Merkst du denn nicht, daß dies die letzten Berge sind.

Der Jüngling hörte nicht auf sein Geplauder. Er sah in die mondhelle Fluth, er sah wie die Nixen ihm zuwinkten und wie sie verschwanden, Eine nach der Andern immer tiefer den Strom hinab. Seine Brust hob sich vor Sehnsucht und schon setzte er einen Fuß an, um dem Zuge der Wellen, der Fische, der Nixen und seines eignen Herzens zu folgen, als ein neuer Windstoß durch seine Locken fuhr, der noch mehr, als der erste, verrieth, daß er aus dem rauhen Norden kam. Zugleich ließ sich der Alte mit etlichen Kernflüchen vernehmen, und der Esel stieß aus Sympathie mit seinem Reiter einen gellenden Schrei aus.

Wohl, sagte der Gott – denn dies schien mir eines Gottes würdig, sich über einen Esel in Geduld zu fassen – wohl, bis hierher und nicht weiter.

Nun gab es einen so wirren und wilden Lärm, daß mir noch jedesmal der Kopf schwirrt, wenn ich daran denke. Die Weiber waren zurückgekehrt und der Ausspruch des Jünglings brachte[19] den wüthendsten Freudentaumel unter ihnen zuwege. Sie packten sich um den Leib und sprangen baumhoch in die Höhe, die Berge sprangen, der Esel tanzte, und der Alte schrie, wie besessen, das ist der Abschiedsball, den der Weinkönig dem Rheinkönig gibt.

Du hast Recht, alter Trunkenbold, sagte der Jüngling, weiter will ich auf meinem Zug von Indien in den nordischen Himmel nicht vordringen. Darauf breitete er seine Arme aus nach den krystallnen Fluthen und sang ein Lied von der ewigen Jugend der Götter und des Weins, und wie er stand und sang küßten sich die Nixen, die Fische begatteten sich, die Vögel in der Luft feierten ihre Hochzeit und die Wellen schmiegten sich stummselig an die goldenen Sandalen des Gottes.

Einer aber war traurig und das warst du, Vater Rhein. Du hobst dein Haupt aus den Wellen und sprachst, singe nicht so schön! singe nicht so schön, denn nun du mich verlässest, verläßt mich meine Jugend. Reißt mir das letzte grüne Blatt aus den Haaren, es verspottet mich durch seine Erinnerungen. Ich will vergessen, wer ich war, ich will nicht denken, wohin ich gehe. Ich will vergessen, daß ich über Wolken geboren bin, vergessen, daß ich als Knabe schon mit kühnen Thaten spielte, daß ich mit schäumender Begeisterung[20] ins Leben stürzte, ich will meine Jugend, dein Lied vergessen. Fort mit den Bergen, fort mit den Gesängen, fort mit den Reben, weg mit euch Nixen. Leb wohl Dionys und grüß' die andern Götter. Goldne Gemeinheit, nimm mich auf, flache Gesichter, von nun an bin ich euer Bruder. Ich von Götter Gnaden in Poesie empfangen und geboren will sterben und verderben in eurer Prosa.


Und als du diese Worte gesprochen, Vater Rhein, da wandte sich ab der blühende Jüngling und eine dunkle Wolke flog über seine Stirn, über den Mond und todesmuthig warf ich mich zu dir in's Wasser und rief: nimm mich mit, Vater, ich will sterben und verderben mit dir; denn auch für mich sind deine Kränze zerrissen und für mein Volk, und unsere Geschichte spiegelt sich in deinen Wellen, und das Reich und unsere Größe ist mit dir stromab gefahren und in Schmach verloren und untergegangen. Philister über uns, Vater! Deutschland verräth seinen Strom und seine Jugend und die einst die Alpen überströmt und die Pyrenäen durchbrochen und die Trümmer der Welt in ihren Strudel rissen, sie schleichen jetzt träge, ohnmächtig, vertheilt, abgestochen und eingedämmt durch die Welt und sind zu nichts mehr gut, als[21] um die Heerden ihrer Könige zu tränken und deren Felder und Aecker zu bewässern.

Vater, da hobst du mit starken Armen mich übers Wasser und sprachst: Jüngling, verzweifle nicht. Verzweifle nicht, es kommt der Tag, wo wir uns wiedersehn.

Und nun, Vater, der Tag ist da und wir haben uns wieder gesehn.

Philister über uns! murmelte eine sterbende Stimme aus der Tiefe und ich jagte des Weges weiter, immer tiefer in die Dünen hinein.

Quelle:
Ludolf Wienbarg: Holland in den Jahren 1831 und 1832. Erster und Zweiter Theil, Hamburg 1833, S. 13-22.
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