Jan Steen.

[98] Der Maler Jan Steen ist noch immer eine lebendige Person, so lange er auch todt ist. Er wandert mit seinem ewig lachenden Gesicht über den Markt, besucht die Wirthshäuser und kommt selbst in die Kinderstuben, wo alle Kinder ihren Jan Steen persönlich kennen und wissen, was für ein Vogel er gewesen. So sah ich in einer kleinen Gasse im Haag unter andern Bilderbogen für Kinder, welche vor dem Fenster einer Hökerfrau hingen, auch einen Bilderbogen mit Jan Steens lustigem Lebenslauf, wie man dergleichen in Niedersachsen von Till Eulenspiegel dem Rübezahl der Lüneburger Haide, verkauft. Wirklich spielt auch Jan Steen einigermaßen die Rolle des Eulenspiegels für das holländische Volk, das sonst keine ustige Person besitzt. Man hat den Eulenspiegel nach Holland verpflanzen wollen, allein er ist in schlechte Hände gefallen und machte daher kein[99] Glück. Er ist auch für die reinlicheren Holländer zu schmutzig. Nachdem ich Arnold Haubrakens Schilderbuch gelesen, bekanntlich eine Fortsetzung des Schilderbuchs von Karl van Mander, bin ich an die Quelle der saubern Geschichten gestoßen, die von Jan Steen in Umlauf sind. Ich bin kein Maler und weiß nicht, mit welchem Grad von Lockerheit das ausübende Künstlertalent verträglich ist. Was ich aber von Adrian Brauer lese, der selten nüchtern war, und der nach einem landstreicherischen Leben im Spital von Antwerpen verkam, macht mich glauben, daß ein Holländer ziemlich weit gehen darf. Mir scheint nun namentlich weder die Menge noch die Art der Jan Steenschen Stücke unverträglich zu sein mit dem Lebenswandel, welchen Jan Steen bei Haubraken führt. Die Menge nicht, denn man weiß, daß er malte, um zu leben; die Art nicht, denn man weiß, daß einerseits sehr viele Stücke von ihm nur leicht und locker, obwohl meisterhaft gemalt sind, andrerseits fast alle Stücke humoristischer, ja kreuzfideler Natur sind. Bäcker malte er lieber als Schütter, Quacksalber lieber als Bürgermeister, sein eignes Hausleben lieber als vornehme Gesellschaften. Man sieht es auch seinem Gesicht auf den ersten Blick an, selbst wenn er sich im ehrbaren Putz und Staat vorstellt, wie er auf dem Amsterdammer Museum hängt, daß[100] er ein derber, fröhlicher Gast war und in seinem Leben manchen Schluck über den Durst getrunken haben mag. Geschichtliche Bilder, vornehme Personen, Helden, Könige, Heilige, u.s.w. waren nicht sein Pferd. Wurde etwas dergleichen bei ihm bestellt, oder überkam ihn einmal selber ein Gelüste darnach, so brachte er lächerliche Parodien zur Welt. Lächeln und lachen muß man, was er auch beginnt. So hängt in der Kopenhagener Gallerie, einer der schönsten und reichsten in der Welt, Davids Triumph, unterzeichnet Jan Steen 1671. Außen vor der Pforte sieht man einen Altar aufgerichtet, mit einer Inschrift in holländischen Reimsprüchen. Auf dem Altar brennt ein Candelaber, rund herum stehen spielende und singende Personen, darunter seine zweite Frau oder Geliebte, Marietje Herkulens und er selbst mit einer Brille und einem Fuchsschwanz im Nacken. Am Fuße des Altars liegt Goliaths Haupt, über welchem ein kleines Mädchen, vermuthlich sein eigenes, die Trommel schlägt. Sauls Tochter, in weißen Atlas gekleidet, reicht ihre Hand dem kleinen lorbeergekrönten David, der Goliaths Riesenschwert mit allen Kräften nach sich schleppt u.s.w. Kurz, ich glaube, man kann annehmen, daß seine etwas eulenspiegelische Natur ihm eben so gut durch den Pelz geschlagen ist,[101] wie sie ihm durch die Leinewand schlug, und ich mache mir daher kein Gewissen daraus, einen der besagten Holzschnitte aus dem Schilderbuch – gleichsam mit dem Stock in der Hand – vor dem deutschen Publikum zu erläutern. Der Bogen, der vor mir liegt, kostet mich fünf Zentjes uncolorirt, der Schnitt ist artig, unter jedem Bilde steht ein Reimspruch. Folgender findet sich unter dem ersten:


Hier erft Jan Steen een Brouwerij

Hij trouwt sijn Lief, sijn beide blij.


Jan Steen sitzt in zärtlicher Stellung mit seinem Liebchen auf der Bank vor der Hausthür, drüben sieht man ein Gebäude mit der Ueberschrift Brouwerij. Das Mädchen stellt offenbar Grietje van Goysen vor, seine erste Frau, die Tochter eines Malers im Haag, bei dem Jan Steen in die Lehre ging. Der Vater sah sich genöthigt, sie so schnell als möglich seinem Lehrlinge in die Ehe zu geben, und da dieser sich noch nicht getraute, sie mit dem Pinsel zu ernähren, warf er sich in ein Braugegeschäft zu Delft, dazumal das Merseburg von Holland.


Hier wint Jan Steen als man de kost

Ist ijvrig in zijn Brouwers post.


Alles geht wohl, Bierfässer liegen am Boden, ein Knecht rührt den großen Braukessel und ein[102] andrer pumpt, und Jan Steen selbst eilt geschäftig nach der Thür, wovor ein Bierwagen hält.


Hier jaagt Jan Steen het door de kel

Denkt schier niet meer sijn Juveel.


Unter dem Juwel verstehe die Kunst. Er taumelt aus einem Weinhaus, der Wirth oder ein guter Freund begleiten ihn, die Wirthin sieht ihm nach, es ist spät in der Nacht, die Gassenlaterne brennt an der Ecke.


Hier raakt Jan Steen weer in de gunst

Begeeft sich ijvrig aan de kunst.


Jan Steen steht vor dem Schilderesel, Pinsel und Palette in der Hand, er ist fetter geworden und sieht sehr behaglich aus.


Hier maalt Jan Steen zijn levens rol

Zijn brein schijnt hier van schildren vol.


Er kommt in die Thür seiner Wohnstube und hält hoch in der Hand einen Beutel voll Geld, seine Frau sitzt lustig im Großvaterstuhl, seine Rangen werfen sich zu Boden, der Hund schlappt aus dem Kessel, die Katze läuft mit der Wurst davon, und als Krone der ganzen saubern Wirthschaft sitzt ein langschwänziger Affe auf dem Schrank und schneidet possierliche Gesichter; ähnliche Züge hat Jan Steen öfters in den Gemälden angebracht, in welchen er sein Hausleben schilderte.


[103] Hier raakt de kunst weer in de nijp

Jan Steen de drinkt en rookt sijn pijp.


Die Mütze auf einem Ohr sitzt er im Wirthshaus, ihm gegenüber ein Zechbruder, der aufmerksam zuhört, was er sagt.


Hier zegt sijn vrouw met veel geschrei

Maakt dat de Brouwrij levend zij.


Hände und Beine übereinandergeschlagen, wie einer, der sich gegen eine Strafpredigt verhärtet, sitzt er am Fenster, seine Frau halt schluchzend die Schürze vors Gesicht und beklagt sich, daß die Brauerei todt ist.


Jan Steen vindt hier ferstond een list

Koopt Eenden dat zijn vrouw niet wist.


Er kauft einen Korb lebendiger Enten von einer Hökerfrau auf dem Markt.


En laat se in de Brouwerij

Rondvliegen, ze is niet doot zegt hij.


Man sieht hier, wie er die Enten in seiner Brauerei herumjagt, und dadurch gegen seine lachende Frau den Beweis führt, daß die Brauerei nicht todt ist. –

Nun verändert sich die Scene, statt in Delft sieht man ihn von jetzt an in Leiden, wo er geboren ward, die längste Zeit lebte und starb. Reisen außer Holland hat er nie gemacht.


[104] Hier ist Jan Steen een Kastelijn

En schilder echter grof en fijn.


Er ist Wirth und bedient einen Gast, Teller und Glas in der einen, Palette und Pinsel in der andern Hand. Nach dem Tode feines Vaters erbte er nämlich dessen Haus, und soll darin eine Herberge oder vielmehr eine Schenke eingerichtet haben. Er legte Wein und Bier auf, hing einen Kranz aus über der Thür und bewirthete seine guten Freunde, die ihn aber nicht bezahlten. Als seine vornehmsten Gäste nennt das Schilderbuch Franz Mieris, Ari de Vois, Jan Livensze und einige andere Zierden der holländischen Malerschule, denn es gab damals in Leiden und ganz Holland eben so viel und mehr berühmte Maler, wie gegenwärtig gemeine Thürpinsler sich finden möchten. Diese Kunden besuchten ihn sowohl bei Tag als bei Nacht; er schloß niemals seine Hausthür zum Zeichen seines ruhigen Gemüths. Wenn die Tonnen und Flaschen geleert waren, so holte er seinen Kranz wieder ein und setzte sich eifrig ans Malen. Hatte er ein paar Stücke fertig, so beorderte er seinen ältesten Sohn Kees damit zum Weinhändler und Brauer, die ihm dann aufs neue Wein und Bier in den Keller lieferten, worauf er den Kranz wieder aushing, bis kein Tropfen Naß in allen Pinten mehr übrig war. Der[105] Maler Jan Lievensze, erzählt Karl van Maaeder, donnerte einmal in später Nacht an das Kastell von Jan Steen, und da die Thür nach alter Gewohnheit nur auf der Klinke stand, schritt er ohne Weiteres ins Haus. Wer da? rief Jan Steen, der durch den Lärm aus dem Schlaf gefahren war und Jan Lievensze, der wieder zu viel genippt und gekippt hatte, antwortete mit faselnder Stimme, ich bin's Bruderlieb, ich will Dich setzen auf ein paar leckere Küken, Dinger, sag ich Dir, so fett wie Braunschweiger Mumme und so zart wie ein Fasan. Sind sie gebraten oder gesotten? fragte Jan Steen, und Jan Lievensze versetzte, nein, König der Welt, sie sind roh, aber ich habe an verschiedenen Höfen die hohe Kochkunst studirt, und darum bitte ich Dich, steh auf und dann sollst Du sehen, was ich leisten kann. Der fromme Jan zündete die Lampe an und weckte seinen erstgebornen Sohn Kees, und befahl ihm, hurtig aufzustehn und Feuer anzumachen, Alles so schnell wie möglich. Kees war kein ungehorsamer Sohn, stand sogleich auf und machte Feuer an. Aber da gebrachen noch sehr viele Dinge am irdischen Glück der beiden Künstler, und unter den minder nöthigen die allernöthigsten, Wein und Tabak. Daher nahm Jan Steen all sein väterliches Ansehn zusammen und befahl dem Knaben Kees, ohne auf sein saures Gesicht und[106] seine Einwendungen zu achten, erstens so schnell als möglich nach dem Weinhändler Goskens hinzulaufen. Sag ihm, rief er, ob er mir nicht noch einmal und zum letztenmal zu Willen sein will mit ein paar Kannen Wein, er könne sich darauf verlassen, daß ich ihm mit dem Pinsel gehörig bezahlen werde. Hat er Dir Wein gegeben, so halte Dich nicht länger auf und jage nach Geertje van der Laan, und bitte ihn, mir noch diesmal den einzigen Gefallen zu thun und Dir für einen halben Stüver Blättertabak und ein paar kurze Pfeifen mitzugeben, und versichere ihn im Namen Deines Vaters, Jan Steen, ich würde ihm diesen besondern Freundschaftsdienst sehr hoch anschlagen, und bei allen vorkommenden Gelegenheiten könne er auf mich rechnen. Während nun der Knabe dieser beiden wichtigen Botschaften sich entledigte, war Jan Lievensze nicht faul, seine hohe Kochkunst zu bewahrheiten, er bestreute die beiden Küken mit Pfeffer und Salz, legte sie auf den Rost, welchen er vorher sorgfältig aus dem Torfmull hervorgegraben und gesäubert hatte, machte eine Sauce von Butter, Pfeffer, Senf und Essig, und dann ging das Paar, nachdem die Thierchen von außen ganz schwarz gebrannt und inwendig halb gar waren, seelenvergnügt zu Tische und ließ es sich so gut schmecken, daß der Abgesandte Kornelis bei seiner[107] Zurückkunft nur anderthalb Köpfchen und drei pechschwarze Pfötchen in der Schüssel fand. Er war aber mit der Hülle und Fülle von Wein und Tabak angelangt und die beiden Kannen und das Briefchen Tabak wurden nachträglich verzehrt unter einem Gespräch über die schöne Malerkunst, denn so locker und los er auch lebte, so fest saß er im Sattel seiner Kunst, und es war eine Lust, ihn zu hören, wenn er über die Eigenschaften derselben sich ausließ. So saßen sie die liebe Nacht und waren lustig und guter Dinge, und gegen Morgen gingen sie außen vor dem Kuhthor spatzieren, um die Verdauung zu befördern.


Hier schildert Jan zijn vrouwtje wonder

Ein maalt er schapekoppen onder.


Seine Frau sieht fertig gemalt auf der Leinewand und er pinselt ihr noch, um das Bild zu vollenden, ein paar Schafsköpfe unter den Arm. Diese ist seine zweite Frau, Mariken Herkulens. Mit seinen Frauen weiß man nicht recht, woran man ist, es hat fast den Schein, als hätte er zwei auf einmal im Hause gehabt, wie er denn nicht selten sich selbst an der Seite zweier Frauen abgebildet hat. Wahrscheinlich hat er aber nach dem Tode seiner ersten Frau sich mit Mariken Herkulens verbunden, um seinen Hausstand und seine Kinder besser zu berathen. Diese, seine Frau[108] oder Geliebte, hatte, ehe sie zu ihm ins Haus zog, Schafsköpfe und ähnliche Leckereien verkauft, und auf diesen Umstand und folgende Anekdote bezieht sich der Holzschnitt. Der Ritter Karl de Moor traf einmal Mariken Herkulens bei einem Besuch in Jan Steens Hause allein an, und fand sie in übler Laune. Sie klagte dem Ritter, daß Jan Steen sie allerdings oft genug male, aber immer als ein gemeines Vorbild, bald als Kupplerin, bald als trunkenes, bald als unzüchtiges Weib, sie wolle aber abconterfeit sein als eine ehrbare Frau in ihrem rothen Sonntagswams, mit ihrem seidenen Schleier, ihren goldenen Bummeln in den Ohren und dergleichen. De Moor machte ihr das Vergnügen und malte sie so, wie sie's wünschte, worüber Marietje nicht wenig vergnügt war. Als Jan Steen zu Hause kam, zeigte sie ihm das Bild, und die ser rühmte es ungemein. Er fand es vollkommen ähnlich, bis auf eine Kleinigkeit, wie er sagte. Das könne er aber leicht nachholen, worauf er den Pinsel nahm und ihr mit lachendem Gesicht einen Korb mit Schafsköpfen unter den Arm malte. Nun werde es die ganze Nachbarschaft auf den ersten Blick erkennen. Uebrigens werden seine Kinder nicht übel zufrieden mit dieser Freierei ihres Vaters gewesen sein. Oft hing er ihnen einen ganzen Kessel voll Schafsköpfe[109] und Lammspfoten über Feuer, und wenn sie gar gekocht waren, gab er sie ihnen zum Besten, und wenn sie dann jauchzten und schmausten, so sah er das Spiel mit fröhlichen Augen an und rief: Herr Gott, mit wie wenig ist doch die Natur zufrieden.


Jan Steen word ziek, legt't leven af,

Zijn kunstbroers dragen hem naar het graf.


Jan Steen wurde geboren 1636 und starb 1689.

Quelle:
Ludolf Wienbarg: Holland in den Jahren 1831 und 1832. Erster und Zweiter Theil, Hamburg 1833, S. 98-110.
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