Vierter Auftritt.

[18] Die Vorigen. Zoe wie schlafend, der Greis und Pausanias rechts und links hinter ihr, ohne sich zu regen; Apelles und Longinus kommen von rechts; in Waffen, Apelles eben in der Mannesblüte, Longinus noch ein Jüngling. Die leise Musik hört auf.


APELLES im Kommen.

Tritt her, Longinus.

LONGINUS.

Was befällt dich, Mann?

Die andern warten dein.

APELLES.

Laß sie nur gehn;

Sie wissen ja die Straße nach Palmyra

Auch ohne mich. Schau hinter dich. »Die Höhle

Des Lebens« nennen sie's.[18]

LONGINUS umherschauend.

Ein öder Ort.

APELLES auf die Felsbank deutend.

Siehst du den kahlen Block? Wer dort elschläft

Und träumt, so sagt man, der wird ewig leben.


Lächelnd.


Ich möcht's versuchen, Freund!

LONGINUS.

Ein Aberglaube

Des blöden Volks!

APELLES.

Wer weiß? – Du sagtest selbst,

Ein Wunder war's, daß diesen Morgen, im

Gewühl der Feinde, mich der Tod nicht fand!

»Du bist unsterblich!« riefst du.


Heiter.


Nun, so könnt' ich

Versuchen, ob dies Wort von Menschenlippen

Mir nicht ein Gott erfüllt!

LONGINUS.

Und möchtest du

Denn leben, fort und fort? – Dein Auge leuchtet

Vom Rausch des Siegs; dich liebt die sonnige Göttin

Des Glücks und schüttet Segen über dich;

Doch – bleibt sie treu, Apelles?

APELLES.

Glück! Was Glück!

Des Lebens Lasten kenn' ich. Hielt das Glück mir[19]

Doch nur die Leiter, die ich keuchend anstieg,

Langsam, geduldig, freudig: denn zu Mühsal

Geschaffen fühlt' ich mich, und segne sie,

Wie sie mich segnet. Arbeit und Genuß

Sind Zwillingsbrüder, eins im andern lebend;

Ich leb in beiden, und sie hüten mir

Die Lust des Daseins, wie mir Schlaf und Wachen

Des Daseins Form behüten. Nagen dran

Die schwarzen Mäuse, Sorg' und Kummer, – wohl,

Ich kenn' des Todes Knechte, hör' sie nagen;

Doch meine Wächte, meine Zwillingsfreunde

Sind treu und stark und scheuchen sie hinweg!

LONGINUS.

So möchtst du ewig leben?

APELLES.

Ewig – wenn

Des Geistes Kraft, das Mark des Arms mir bliebe,

Des Daseins Wert zu fühlen und zu halten!


Wieder lächelnd.


Und darum lockt's mich, hier zu ruhn –


Nähert sich der Felsbank. Die leise, geisterhafte Musik ertönt wieder. Apelles bleibt betroffen stehen.


Was gibt's?

Hörst du Musik?

LONGINUS.

Ich höre nichts.

APELLES.

Du nicht?

Und doch erklingt's; nicht fern, nicht nah; – hier innen,[20]

Und doch von außen. – – Zag' ich? Zaudr' ich? Nein;

Ich hab's gewollt und thu's.


Geht wieder auf die Felsbank zu; bleibt plötzlich wie gefesselt stehn.


Longinus!

LONGINUS.

Was?

APELLES mit einem Schauder kämpfend.

Ein Zauber; rätselhaft. – Vor meinem Aug'

Ist freie Luft, und doch – ein Riesenarm,

Vor meine Brust gelegt, hält mich zurück,

Läßt mich der Felsbank dot nicht nähe treten.


Sich ermannend, mit erhobener Stimme.


Wer bist du, unsichtbare Macht? Was hemmst du

Der Glieder Kraft, den Manneswillen mir,

Das Schicksal zu befragen und die Götter?

GREIS regungslos.

Was dich hemmt, es will dich warnen.

Frag dich, ob dein Manneswille

Nicht dein Unheil dir begehrt!

APELLES hat staunend und verwirrt gehorcht.

Mann! Longinus!

LONGINUS.

Was geschieht dir?

APELLES.

Hörst du sprechen?[21]

LONGINUS.

Ich?

APELLES.

Ja, du.

Eine Stimme – fern und nah –

LONGINUS.

Nichts vernehm' ich.

APELLES.

Ich vernahm's.

Worte hört' ich; doch sie klangen

Nur in meiner Ohren Höhle,

Flogen dann, wie nächt'ge Vögel,

Unverstanden mir davon.

Horch!

GREIS wie vorhin.

Apelles von Palmyra!

APELLES.

Deutlich hör' ich meinen Namen.

GREIS.

Hüte dich! Was du begehest,

Wird dir werden, dir dem Einen,

Nach des höchsten Willens Schluß,

Wenn du's forderst. Doch gib acht!

Leben ohne Ende kann

Reue werden ohne Ende.

Drum gib acht![22]

APELLES.

Ich höre dich,

Unsichtbare Warnerstimme;

Doch du warnst umsonst. Ein hohes

Gut kann nicht zum Uebel werden.

Nichts erschreckt mich; so auch nicht

Deine Mahnung. Ihr, die höchsten

Herren über Tod und Leben,

Gebt mir nur Gewißheit, daß

Leib und Geist mir nie ermatten,

Und ich drücke mir das Leben

Bäutlich, ewig, fest ans Herz!

GREIS.

Wohl! Dir wird, was du begehrst.

Dich erhört der Herr des Lebens,

Hält dich fest auf dieser Erde –

APELLES.

Heller! Lauter! Wie von ferne

Hör' ich un versteh' dich nicht.

GREIS.

An der Stirn gezeichnet wirst du

Wachen ohne Schlaf des Todes

ZOE wie im Traum wiederholend.

Wachen ohne Schlaf des Todes –

APELLES.

Worte! Worte! nicht zu fassen![23]

GREIS.

Allen Kindern dieser Erde

Du ein Bildnis, du ein Beispiel,

Das des Todes Lehre predigt,

Das des Lebens Rätsel lichtet.

Und von dieses Segens Fluch

Wirst du nicht Erlösung finden,

Bis die Seele – –


Verstummt.


ZOE wie vorhin.

Bis die Seele –

GREIS.

Schweigend schläft das dunkle Wort.

Geh und lebe!

PAUSANIAS.

Geh und lebe!

APELLES nach einer Weile.

Alles still. – Du hörtest nichts?

LONGINUS.

Nichts. – Du träumst.

APELLES sich über die Stirn streichend, wie erwachend.

Ein toller Traum.

Wie Verheißung klang's – doch düster – –

Ich vernahm's und faßt' es nicht.

»Geh und lebe!« klang's am Ende;[24]

»Geh und lebe!« klang es wieder.


Mit erzwungenem Lächeln, sich aufraffend.


Wohl, so gehn wir! Gehn wir denn!

AURELIUS hinter der Scene links, ruft.

Freund Apelles!

SEPTIMIUS desgleichen.

Mann! wo bleibst du!

LONGINUS.

Horch, sie rufen.

APELLES.

Ja; die Freunde. –

Fahr denn wohl, du Wunderhöhle;

»Gehn und leben!« ist das Wort.


Lächelnd.


Wohl, ich hört' es und befolg' es.

Nach Palmyra, Freund Longinus!


Zieht Longinus mit fort; beide links ab.


ZOE im Traum.

Nach Palmyra –

GREIS zu Zoe, feierlich.

Folg ihm nach!

Deinen Todesweg zu wandeln,

Ihm zu künden sein Geschick.

Doch die du so leicht das Leben

Hingibst für den Traum des Himmel:

Dich, im Namen des Allmächt'gen,

Ruf' ich auf zu hohen Wundern,[25]

Werkzeug du des ewigen Willens.

Wiederkehren wirst du! nicht

So, doch anders; Abbild des

Ewig neu geformten Lebens,

Den zu fühnen, zu belehren,

Der in sich verharren will.

Wandre du von Form zu Form,

Strebend leichtbeschwingte Seele!

Irre wandelnd, vorwärts schreitend,

Und in jeder deiner Formen

Ihm begegnend, neu und fremd,

Unbewußt dem Unbewußten –

Bis sich Gottes Werk vollendet.


Nimmt seinen Schleier von Zoes Antlitz.


Aug', erwache; Traum, vergehe.

Nur in schicksalsschwerer Stunde

Ahne träumend diesen Traum! –

Irre gingst du in der Wüste;


Hinausdeutend.


Folg den Männern nach Palmyra.

Geh zu sterben!

PAUSANIAS.

Geh zu sterben!


Der Greis und Pausanias verschwinden; die Musik verstummt.


ZOE murmelnd.

Geh zu sterben –


Erwacht plötzlich; fährt auf, starrt nach allen Seiten umher.


Lag ich hier?

Schlief ich? Träumt' ich? – Ja, ich träumte.


Sich erinnernd.


Von Apelles – meiner Seele – –


Starrt wie hilflos ins Weite, greift an ihre Stirn.
[26]

Fort ist alles. – Heller Tag

Um mich her – hier innen Dunkel.


Wie träumend.


»Folg den Männern nach Palmyra« – –

Welchen Männern? Sprach's der Alte?


Macht einige Schritte, nimmt ihr Bündel von der Felsbank.


Doch wie stark die müden Glieder;

Kehl' und Seele mogenfrisch.

Habe Dank, du liebe Ruhstatt; –

Fahret wohl, ihr bunten Träume!


Trompeten und Hörner links in weiter Ferne. Zoe blickt hinaus.


Ja, dort ziehn sie. – »Folg den Männern

Nach Palmyra« – – Wohl, ich folge,

Herr, und dir egeb' ich mich!


Links ab.


Offene Verwandlung.


Freier Platz in Palmyra. Links das Haus des Apelles, fast im Profil gesehen; eine steinerne Ruhebank vor der Thür. Rechts in Vordergrund ein kleiner Olivenhain, auf derselben Seite rückwärts das hochragende Eingangsthor einer sich in die Kulissen verlierenden Säulenhalle. Im Hintergrund einige Palmen auf einer geringen Erhöhung, zu welcher Stufen hinaufführen; dahinter ist, entfernter, ein Teil der Stadtmauer sichtbar, und darüber hinweg kahles, mäßig hohes Gebirg.


Quelle:
Adolf Wilbrandt: Der Meister von Palmyra. Stuttgart 61896, S. 18-27.
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