Fünfter Auftritt

[321] Ein fränkischer Edler kommt aus dem Hintergrunde, winkt Matfried zu sich heran und flüstert ihm einige Worte zu, dann kommt Matfried in den Vordergrund.


MATFRIED.

Höchst sonderbar –

LOTHAR.

Was ist's? Was bringt Ihr uns?

MATFRIED.

Mir wird gemeldet, daß am Rand des Lagers

Ein Reiter hält, auf schaumbedecktem Roß,

Der Einlaß zu den Königen begehrt.[321]

LOTHAR.

Nannt' er sich nicht?

MATFRIED.

Er wollte sich nicht nennen,

Und mit dem Mantel barg er das Gesicht.

Doch – fast unglaublich – nach dem Klang der Stimme

Glaubt man, es sei –

LOTHAR.

Wer?

MATFRIED.

Euer Bruder Karl.

LOTHAR.

Ah! Judiths Brut! Läufst du in unsre Hände?

Fort – laßt ihn ein.


Matfried will abgehn.


LUDWIG tritt ihm in den Weg.

Halt da – hier bin noch ich. –


Zu Lothar.


Was hast du mit ihm vor?

LOTHAR.

Das wird sich zeigen,

Wenn wir ihn haben. Fort, noch einmal.

LUDWIG.

Nein.

Er soll nicht kommen, eh' du nicht geschworen,

Daß er frei bleiben soll und ungefährdet.

LOTHAR.

O hört des frommen Ludwigs frommen Sohn!

WALA.

Den Segen Gottes, König Ludwig, Euch.

Lothar – 's ist Euer Bruder.

LOTHAR.

Was, mein Bruder!

Der Schößling aus dem Blute, das ich hasse –

Des abgefeimten Weibs dummdreister Sohn –[322]

LUDWIG.

Ist er dein Bruder nicht, so ist's der meine

Und unsres Vaters vielgeliebter Sohn!

Schwörst du ihm Sicherheit?

LOTHAR.

Schwachherz'ge Torheit!

Wenn wir ihn halten, schreiben wir dem Kaiser

Jede Bedingung vor, die uns gefällt.

LUDWIG.

Fühlloser Wucherer! Du sollst mir nicht

Die Hand auf meines Vaters Kehle setzen!

Und dir Gewinn aus seinem Jammer ziehn!

LOTHAR zu der Umgebung.

Entscheiden diese Herren – sollen wir

So großen Vorteil aus den Händen lassen,

Weil's dem weichmüt'gen Manne dort gefällt?

ALLE dumpf murrend.

Wie König Ludwig sagt, so soll es sein.

LOTHAR giftig lachend.

So soll es sein. –


Winkt Matfried, dieser ab durch den Hintergrund.


Ich merk', es kommt die Zeit,

Wo Klugheit Frevel wird und Dummheit Tugend.

Nun will ich mein Gesicht in Falten ziehn

Und Liebe heucheln.


Quelle:
Ernst von Wildenbruch: Gesammelte Werke. Band 7, Berlin 1911–1918, S. 321-323.
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