Der Haushalt einer würdevollen Frau

[53] Am andern Morgen zog er weiter. »Nun, wohin geht denn die Reise?« fragte der alte Herr, der ihn ein Stück Wegs begleitete. »Nach S., ich will zunächst bei der Frau Oberregierungsrätin einsprechen, und dann unsre Minna besuchen.« – »Geh mit Gott, mein guter Wilhelm! Es wird ihr wohl tun.«

Er traf Mathilde, die Frau Oberregierungsrätin, in einem recht ansehnlichen, gut eingerichteten Hause, wenn es auch etwas von der Heimatlosigkeit der meisten Stadtwohnungen hatte. Sie empfing den alten Jugendfreund mit herzlicher Freude und stellte ihm mit mütterlichem Stolz ihr aufblühendes Töchterlein Lina vor; die Söhne waren im Gymnasium. »Und wie geht's denn Ihnen, lieber Wilhelm, gut, recht gut? – was macht unser Rikchen? – immer geschäftig, immer rastlos?« – »Ja wohl,« erwiderte Wilhelm heiter, »sie ist ein emsiges Hausmütterchen und fast immer gesund, und wir haben drei prächtige Kinder. – Es gibt Leute, die wir um keinen Preis der Welt einen Schatten in unserm häuslichen Glück ahnen ließen.« – »Nun, das freut mich, wir wollen recht von den alten Zeiten plaudern. Lina, sorge für ein Glas Wein!« – »Von dem roten?« fragte Lina flüsternd. – »Nein, nein, den muß man für den Vater allein aufheben; laß lieber holen!«

»Linchen, Liebe,« rief sie der abgehenden Tochter nach, »rüste doch zuvor des Vaters Sachen! Der Herr Pfarrer nimmt's nicht übel. Sie wissen,« sagte sie entschuldigend zu diesem, »Geschäftsmänner lieben alles zu bestimmten Stunden; mein Mann nimmt gegen vier Uhr ein kleines Gouté ein, das rüste ich gewöhnlich, eh' er kommt.« Innerlich lächelnd bemerkte Wilhelm, mit welcher Ängstlichkeit sie den Zurüstungen des Töchterleins zusah, die den Tisch deckte; kalten Braten, huilière, Brotkörbchen und Salzfaß nebst einem Kuvert auflegte, wie sorgsam sie nachhalf, bis alles in Ordnung war. »Nun aber sorge auch für unsern lieben Gast! Sie entschuldigen gewiß,« sagte sie nochmals zu diesem, »mein Mann ist immer so sehr beschäftigt, da ist es ihm Bedürfnis, sich etwas[53] zu erfrischen.« Der Gast wurde auch versorgt und saß wieder in traulichem Gespräch bei der Hausfrau, als die Hausklingel tönte. »Geschwind, Linchen,« rief sie halblaut mit einiger Ängstlichkeit, »sieh nach, ob das Gangfenster nicht offen ist! Du weißt, das ärgert den Vater, und stelle deinen Stickrahmen ins Kabinett, der Vater liebt solche Arbeiten nicht, und die Scheuerfrau soll lieber etwas beiseite gehen, bis der Vater fort ist; weißt ja, daß er sie nicht recht leiden kann, und doch mußte ich diesmal eine nehmen.« Der gebietende Herr trat ein, noch ehe alle Befehle hatten ausgeführt werden können. Er war in seiner Art so wohl erhalten wie seine Frau, nur noch etwas gerundeter als bei jener Wasserfahrt. Den Gast, den ihm seine Frau vorstellte, begrüßte er sehr höflich, wenn auch etwas steif. »Eine Meldung hier?« fragte er. – »Nein, Herr Oberregierungsrat, wir sind vorderhand noch zufrieden, meine Frau würde einen Umzug sehr schwer nehmen; meine Reise hat nur den Zweck, Verwandte und alte Bekannte zu besuchen.« – »Schön, schön,« sagte der Hausherr, wirklich freundlich, nun er sah, daß seine Protektion und Verwendung nicht beansprucht wurde, »haben ganz recht.« Wilhelm mußte sich zu ihm setzen, der Hausherr wurde in seiner Weise ganz herzlich und ließ sich von dem Pfarrer unterhalten. Er hätte gewiß seiner Oberregierungsratswürde gern vergessen, wenn ihm dies möglich gewesen wäre; ja er schenkte ihm zuletzt von seinem eigenen roten Wein ein und bot ihm von seinem Braten an statt der Wurst, die ihm Lina vorgesetzt hatte, über welchen Edelmut sich die Mutter und Lina gerührte und verwunderte Blicke zuwarfen.

Das »Gouté« war beendigt, und an dem Oberregierungsrat zeigten sich einige Zeichen von Unbehagen, er stand auf und ging etlichemal aus und ein. »Lieber Wilhelm,« sagte Mathilde, etwas verlegen, »Sie nehmen gewiß den Abend mit mir vorlieb; mein Mann hat seinen Klub, eine geschlossene Gesellschaft, wo er gewohnt ist seine Abende zuzubringen, er würde wohl sehr gern ...« – »Bitte, liebe Frau Mathilde, machen Sie nicht so viele Umstände mit einem alten Bekannten,«[54] sagte lächelnd Wilhelm, es versteht sich von selbst, daß Ihr Gemahl seine Tagesordnung nicht ändert; ich wollte mich ohnehin empfehlen, um Minna noch aufzusuchen und einige kleine Geschäfte zu besorgen.« – »Ach, die arme Minna! Die können Sie heut nimmer aufsuchen; sie wohnen jetzt in Hasental, eine halbe Stunde von hier, und Sie tun besser, sie erst morgen zu besuchen; auf Gäste sind sie kaum eingerichtet. Bleiben Sie bei uns! Ich habe so viel in unserm lieben Amthause gelernt, daß ich der Residenzsitte zum Trotze ein hübsches Gastzimmerchen eingerichtet habe, und Fürst hat da gar nichts dawider.«

Wilhelm nahm die Einladung an; eben ertönte aus der Nebenstube ein etwas gebieterischer Ruf: »Frau!« Mathilde flog zu ihrem Gebieter, um Hut, Stock, Handschuhe, alle erdenklichen Sachen zum Ausgang herbeizuholen. Der Oberregierungsrat wiederholte sogar die Einladung seiner Frau und empfahl sich.

Wilhelm verlebte den Abend recht behaglich im Kreis der[55] kleinen Familie, die sich nach und nach einfand und in der er nur den Vater vermißte. »Ich darf nicht erst fragen, ob Sie in angenehmen Verhältnissen hier leben,« sagte er zu Mathilde, als sie zusammen ausgingen, um die Geschenke für Friederike und die Kinder zu kaufen. »Sie haben natürlich auch ansprechenden Umgang?«

»O ja, das heißt, ich gehe nicht eben viel aus; Fürst liebt mich anzutreffen, wenn er nach Hause kommt, und wenn er auswärts ist, so ist es ihm auch lieb, wenn er mich zu Hause weiß.«

»Lesen Sie noch gern?« – »O ja, doch ist mein Mann kein besonderer Freund davon, er sieht lieber, wenn ich mich häuslich beschäftige.« Sie bemerkte Wilhelms unterdrücktes Lächeln und sagte, plötzlich rot werdend: »Oh, ich weiß, Sie denken an damals und an meinen Mädchenübermut; nun ja, die Zeiten sind anders, und ich könnte kaum sagen, wie es so gekommen; ich glaube, mein Mann hat mich mit lauter Stillschweigen erzogen. Aber er ist ein so braver Mann, ein so vorzüglicher und rechtlicher Beamter und ein so guter Vater, da kann ich ja wohl des lieben Friedens wegen seinen kleinen Eigenheiten nachgeben ...«

»Ei,« sprach Wilhelm lächelnd, »warum sich so viel Mühe geben, zu entschuldigen, daß Sie eine gehorsame Frau sind? Mag sein, daß Sie den Herrn Gemahl etwas verwöhnen, aber das ist ein liebenswürdiger Fehler von seiten der Frau.« – »Und Sie denken gewiß nicht, daß ich mich herabwürdige?« fragte sie mit einiger Ängstlichkeit. – »Gewiß nicht, ich habe im Selbstvergessen nie eine Herabwürdigung gefunden; nur eins, liebe Frau Mathilde, wenn Sie einem Pfarrer ein bißchen Predigen zugute halten wollen ...« – »Und das wäre?« – »Sind Sie in Ihrer Nachgiebigkeit immer auch ganz wahr? Wollen Sie nicht, vielleicht aus Liebe zum Frieden, nur den Schein des Gehorsams retten?« Mathilde wurde dunkelrot. »Sehen Sie,« begann sie zögernd, »es gibt solche Eigenheiten, in denen sich die Männer durchaus nicht vernünftig berichten lassen, da ist dann ein bißchen Frauenlist gewiß nicht Unwahrheit.«[56] Wilhelm schüttelte den Kopf: »Ich habe nie etwas auf die unschuldige List gehalten; es kann sein, daß durch solche unschuldige List hie und da ein Verhältnis ungestörter bleibt, edler aber bleibt es gewiß in Wahrheit und Klarheit auch im kleinsten.«

Mathilde ließ das Gespräch fallen, das sie sehr nachdenklich machte.

Die Hausfrau war am andern Morgen schon früh wach; auch noch eine löbliche Erinnerung ans alte Amthaus. »Lina,« hörte Wilhelm sie sagen, »schick doch den Kleinen mit der Geldschachtel zum Vater, ich habe keinen Heller mehr.« – »Aber, Mama, warum hast du's ihm nicht selbst gesagt, ehe er in sein Zimmer ging?« – »Du weißt ja, wie verdrießlich er wird, wenn man Geld fordert! Ich kann unmöglich schon wieder verlangen.«

»Aber so sag ihm doch, Mama, wozu wir's gebraucht haben! Es ist ja natürlich, daß keins mehr da ist.«

»Weißt wohl, daß mir der Vater keine Rechnung durchsieht, er pruttelt nur ins allgemeine; mach nur und schick den Alfred hinauf, über den wird er nicht ärgerlich.« – »Mama, wenn ich einmal heirate, so mußt du mir einen großen Sack voll Geld mitgeben, daß ich von meinem Mann keines fordern darf, sonst heirate ich gar nicht.«

»Einfältiges Kind!« sagte lachend die Mutter, »das ist vom Vater nicht schlimm gemeint.« – »O tempora,« lächelte Wilhelm für sich. Die Kasse mußte aber gefüllt worden sein, denn der Frühstückstisch war sehr anständig besetzt; auch war der Herr Oberregierungsrat in guter Laune und verabschiedete sich ganz herzlich von Wilhelm, bemerkte sogar nach seinem Abschied gegen seine Frau: »Recht vernünftiger Mann, habe gar nichts gegen einen ordentlichen Pfarrer; im Gegenteil.«

Und Wilhelm schritt dem weitern Ziel seiner Reise, dem Aufenthalt Minnas zu, den ihm Mathilde bezeichnete.

Quelle:
Ottilie Wildermuth: Ausgewählte Werke. Band 2, Stuttgart, Berlin und Leipzig 1924, S. 53-57.
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