Auf die Belagerung und Eroberung der Reichs-Festung Kehl

[494] Herzog von Berwick:


Auf Ludewigs Befehl

Vor dem die Helden zittern,

Marschiert zur Festung Kehl,

Ihr Boden soll erschüttern.

Auf! rüstet euch zum Krieg,

Belagert diesen Ort,

Und kämpfet, daß der Sieg

Sey euer Losungs-Wort.


General von Phul:


Mein CARL läßt es geschehn

Nach diesem Ort zu reisen;

Doch siegend abzugehn

Wird sich nicht leichtlich weisen.

Wer kennt nicht CAROLS Glück?

Wer weis nicht seine Macht?

Drum Held! Ach! bleib zurück,

Sonst wirst du ausgelacht.


Herzog:


Mit meines Königs Macht

Und seinen Helden-Degen

Wird mancher umgebracht,

Der Sieg ist ihm zugegen.

Kein Ort, kein Schluß und Wall

Mag ihm zu feste seyn,

Er nimmt es durch den Knall

Der Feuer – Mörser ein.


General:


Komm Held mit deinem Heer!

Wir wollen uns besehen,[494]

Doch Dir wird nimmermehr

Der Sieg zur Seiten stehen.

Des fünften Carols Glück

Besitzt der Sechste auch:

O König denck zurück!

Sonst beist dich Dampf und Rauch.


Herzog:


Wer scheut nicht meinen Herrn,

Und zittert vor Franzosen?

Das Glück will nah und fern

Mit Ludewig liebkosen.

Mein Ludewig besitzt

Des Cäsars Macht und Ruhm;

Das Glück so jenen schützt',

Ist Ludwigs Eigenthum.


General:


Die Zeit verändert sich,

Und also auch das Glücke.

O König! Hüte Dich,

Und denke nur zurücke,

Was Carl des fünften Hand

Francisco angethan;

Was gilts? das Sieges-Band

Legt CARL der Sechste an.


Herzog:


Genug das Glücke küßt

Den König der Franzosen:

Es steht der Mars gerüst,

Und streut ihm Sieges-Rosen.

Auf! auf Du Martis Herr!

Beschieß die Festung Kehl,

Schau auf des Königs Ehr;

Sieht gleich der Kayser schehl.
[495]

General:


Stürmt zu! was fragen wir

Nach euren Bombardiren,

Wir lassen euch dafür

Die Gegen-Schüsse spühren.

Ihr meine Söhne! auf!

Der Ausfall ist erlaubt,

Verjagt der Feinde Hauf,

Und schlagt sie biß aufs Haupt.


Herzog:


Dein Ausfall schreckt mich nicht,

Mich schwächet nicht Dein schlagen.

Was gilts? Das Feuers-Licht

Versetzet Dich in Zagen:

Es soll die Festung Kehl,

Ein Aschenhaufen seyn.

Bereue deinen Fehl,

Und laß mich siegend ein.


General:


Ach! weh! die Festung brennt!

Laßt uns um Gnade fragen!

Kein Schuß sey mehr vergönnt,

Wir nun zum Frieden schlagen.

Steckt aus ein weises Tuch,

Komm Held, der Ort ist Dein,

Ich stelle den Versuch

Der groben Stücke ein.


Herzog:


Triumph! Victoria!

Mein König hat gesieget,

Die Ubergab ist da.

Ihr Helden seyd vergnüget![496]

Es lebe Ludewig,

Sein Arm sey stets beglückt!

Ihm folge lauter Sieg,

Wenn er den Degen zückt.


General:


Ja, hätte ich wie ihr

Bley, Pulver und Geschütze,

Und was zur Festungs-Zier,

Und zu dem Sturme nütze.

Wär diese Festung Kehl

Mit Volk, wie ihr versehn;

So schlügs euch warlich fehl,

Und wäre nicht geschehn.


Quelle:
Sidonia Hedwig Zäunemann: Poetische Rosen in Knospen, Erfurt 1738, S. 494-497.
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