[138] In allen Gassen

Er selbst nahm, wie gesagt, seinen Gang nach Lalenburg. Hier hatte das tausendzüngige Gerücht schon vor seiner Ankunft Kunde von seiner Verungnadigung gegeben. Sogleich nahm der wohlweise Rat den Schattenriß des Exordenskanzlers aus dem Versammlungssaal hinweg und faßte den Beschluß, künftig keinem Sterblichen bei dessen Lebzeiten mehr den Beinamen des Großen zu geben oder ihm Denkmale zu errichten, als da sind Obelisken, Bildsäulen, Silhouetten, Pyramiden und dergleichen. Nun wollte kein Lalenburger ihm je geschmeichelt haben; nun desavouierte der Stadtrat alle an denselben ergangenen Deputationen; nun schwur jeder, er habe nie mit ihm in freundschaftlichen Verhältnissen gestanden; nun machte man Schmähschriften und Spottgedichte auf den »exgroßen Mann«; nun hieß ihn jeder den kleinen Mann; ja viele fanden ihn so klein, daß sie sich gar nicht erinnerten, ihn recht gekannt zu haben.

Hans Dampf mußte wirklich selbst über das kurze Gedächtnis der Lalenburger erstaunen, als er in seiner Vaterstadt ankam und ihn jeder wie einen wildfremden Menschen angaffte und nichts von ihm wissen wollte. Das schreckte ihn aber nicht, besonders als er bemerkte, daß die Töchter sich seiner noch am besten erinnerten. Da sagte er jeder etwas Süßes und versprach jeder, sie müsse einmal Frau Bürgermeisterin werden, wenn er Bürgermeister würde. Dergleichen vergißt ein Mädchen so leicht nicht. Der Bürgermeisterschaft erwähnte er aber aus dem Grunde, weil der Amtsbürgermeister wenige Tage zuvor des nachts Hals und Bein gebrochen hatte, indem er in einen tiefen Graben gestürzt war, längs dessen Abhang der Magistrat versäumt [139] hatte, statt des verfaulten ein anderes Geländer zu setzen. Der Seligverstorbene hatte selbst kräftig gegen Wiederherstellung des Geländers gesprochen, teils aus Sparsamkeit, teils aus dem Grunde, weil seit Menschengedenken niemand in den Graben gefallen wäre.

Ohne Zweifel würde die Bürgermeisterwahl sogleich vor sich gegangen sein, wäre nicht das luchsensteinische Begehren um Verhaftung des Exordenskanzlers und Auslieferung der staatsverräterischen Perücke dazwischengekommen. Größerer Sicherheit willen schlug man den armen Hans Dampf in Ketten und Banden und ließ ihn Tag und Nacht von siebenundfünfzig Männern mit langen Spießen in seinem eigenen Hause bewachen, wo man immer je zwei oder drei vor ein Loch in der Mauer, z.B. Fenster, Türen, sogar Dach- und Kellerlöcher, stellte. Das war ein Einfall des Stadtschreibers Mucker gewesen. Es beschäftigte die gesamte ehrbare Bürgerschaft so sehr, das alles andere darüber vergessen ward.

Inzwischen hatte Fürst Nikodemus sich beim Anschauen der Perücke von der Unschuld des Exordenskanzlers vollkommen überzeugt. Die alte Zuneigung für denselben war wieder erwacht, und nicht nur sandte er demselben mit einem verbindlichen Schreiben die gewaltige, lockenreiche Kopfhaube zurück, sondern zur Entschädigung für die Gefangenschaft stellte er ihm auch frei, sich eine Gnade auszubitten.

Dies war zu Lalenburg kaum ruchbar geworden, als neuer Aufruhr entstand; denn nun besorgte jeder, Hans Dampf werde sich aus Rache wo nicht die Zerstörung von ganz Lalenburg, doch Kopf und Kragen derer ausbitten, die ihn so streng behandelt hatten. Die siebenundfünfzig Wächter liefen sogleich mit ihren Spießen davon; dagegen stürmten Schmiede, Schlossermeister, Spengler usw. mit Hämmern, Zangen, Brecheisen herbei, die ersten zu sein, welche die Ketten des Gefangenen lösten; fünfundzwanzig Jungfrauen erklärten ohne Hehl öffentlich, die verlobten Bräute des fürstlichen Günstlings zu sein; [140] Ratsdeputationen erschienen mit Entschuldigungen ihres Verfahrens; das Dekret wegen der großen Männer ward feierlich vernichtet und die Dampfsche Silhouette wieder im Ratssaal aufgehängt; und der Stadtschreiber Mucker, kräftig unterstützt vom Stadt- und Platzmajor Knoll, war der erste, welcher, um sich der Huld des großen Mannes zu empfehlen, ihn öffentlich zum Bürgermeistertum in Vorschlag brachte.

Der Wankelmut des Volks, das heute Hosianna, morgen Kreuzige ruft, war zu Lalenburg einheimisch wie in allen Zeiten bei allen andern Völkern. Er ist eine Wirkung der Unwissenheit bei den meisten, des Leichtsinns bei vielen, der Selbstsucht und des Eigennutzes da, wo der Sinn des Bessern noch nicht geboren oder schon erstorben ist. In der Republik Lalenburg, muß man gestehen, war weder ein griechisch-noch französisch-leichtsinniges Völkchen daheim, sondern ein altkluger, ehrbarer, steif und langsam denkender Menschenschlag. War die Rede vom Haben, Erwerben, Geldmachen und Rechnen, so mußte man den Lalenburgern nachsagen, sie waren, obgleich unwissend in allen übrigen, sehr klug in diesen Dingen. Eigennutz war also die Haupttriebfeder ihres Wankelmuts, was sonst bei andern zivilisierten Völkern nie der Fall zu sein pflegt, ihres Heldenmuts, ihres Hochmuts, ihres Übermuts, aber auch ihrer Demut und Feigheit.

Hans Dampf, der größte Mann seines Jahrhunderts in Lalenburg, weil er die größte Ausnahme von der Lalenburger Regel war, kannte sein Volk und wußte es zu behandeln. Er kannte die Herren des Rats, die in stillen Zeiten dick aufgeblasen, keinem Ochsen aus dem Weg traten und sich für Übernatürlichgeborene hielten, bei der geringsten Besorgnis von Gefahr aber Mücken für Elefanten ansahen und feig und kriechend auch das Niederträchtige taten, wenn es sich, wie sie zu sagen pflegten, mit Ehren tun ließ. Er kannte sie und nahm danach seine Maßregeln.

Quelle:
Heinrich Zschokke: Hans Dampf in allen Gassen. Frankfurt a.M. 11980, S. 138-140.
Lizenz:
Kategorien:
Empfehlungen
Zschokke, Heinrich
9,90 €


Zschokke, Heinrich
14,90 €

Zschokke, Heinrich
9,90 €

Zschokke, Heinrich
8,99 €
Bookmarks
delicious wong linkarena google