1. Schwesterchen und Brüderchen.

Es war einmal ein Schwesterchen und ein Brüderchen. Das Schwesterchen war brav und folgsam und betete fleißig in der Kirche, das Brüderchen ging aber seine Wege, war störrisch und schnippisch und machte seinen Eltern nur Kummer und Verdruß. Einmal gingen beide in den dunkeln Wald hinaus Erdbeeren lesen, Sie kamen immer tiefer und tiefer in den Forst hinein. Das Brüderchen aß und aß voller Gier, ohne jemals an Gott oder an die Mutter zu denken das Mädchen hatte aber ein Körbchen mitgenommen und las die roten Beerlein in dasselbe hinein, um sie der lieben Mutter zu bringen. Wie sie so beisammen im Walde waren und Schwesterchen sammelte und Brüderchen aß, kam plötzlich ein schöne Frau. Ein wunderbares Licht umfloß sie und die Krone auf ihrem Haupte glänzte wie die Sonne. Das Schwesterchen ließ das Sammeln und stand ehrerbietig auf, als die schöne Frau kam, das Brüderchen rupfte aber in den Erdbeeren fort, ohne sich an etwas anderes zu kehren.

»Was machst du da, mein Kind?« sprach die schöne Frau lächelnd zum Mädchen.

»Ich pflücke Erdbeeren, um sie meiner lieben Mutter zu bringen« antworte das Schwesterchen errötend; denn es schämte sich vor der schönen Frau.

Die Frau lächelte wieder und drückte dem Schwesterchen ein Schächtelchen, das aus reinem Golde war, in die Hand und sprach: »Mein Kind sei brav! Wenn du das Schächtelchen öffnest, so gedenke meiner. Wir sehen uns einst wieder.« Lächelnd ging die Frau mit der funkelnden Krone weiter und kam zum Brüderchen, das in Hast und Wut Erdbeeren aß wie das liebe Vieh.

»Was machst du, Bübchen?« sprach die Frau ernst und doch milde.

»Schmeck1 es, wenn du es wissen willst«, erwiderte störrisch und trotzig der wilde Bursche. Der schönen Frau kugelten zwei Tränen über die feinen Wangen und betrübt gab sie dem ungezogenen Knaben ein schwarzes Kästchen. »Gedenke meiner, wenn du es öffnest«, sagte sie wehmütig und verschwand leuchtend hinter den Bäumen wie die Sonne, wenn sie hinter den Bäumen niedersinkt; die schöne Frau war aber die Gottesmutter.

Was mochte aber in dem Schächtelchen sein? Das wirst du gleich hören, mein Kind! Das Brüderchen riß gleich voll Neugierde den Deckel auf, und sieh – aus dem schwarzen Schächtelchen schlangen sich zwei schwarze, schwarze Würmer heraus und die wurden immer länger und länger, umwickelten endlich das Brüderchen und führten es immer weiter in den finstern, finstern Wald hinein, so daß es nie und nimmer gesehen wurde.

Das Schwesterchen dachte sich aber: »Bevor ich das Schächtelchen öffne, muß ich es der Mutter zeigen; oh, und die wird eine Freude haben!« In diesen Gedanken pflückte und pflückte es Erdbeeren, bis[2] das Körbchen voll war, und wollte dann zur Mutter heimkehren. Beim Weggehen wollte es aber auch das Brüderchen bei sich haben, obwohl es böse war. Schwesterchen rief aus voller Kehle, aber Brüderchen gab keine Antwort. Dann suchte das Mädchen rechts und links und links und rechts, aber nirgends fand es eine Spur vom Brüderchen, bis es anfing zu dunkeln und es im Walde unheimlich wurde.

»O, vielleicht ist das Brüderchen schon zu Hause oder es will mich nur necken,« dachte sich betrübt das Mädchen und ging mit dem vollen Körbchen und dem goldenen Kästchen dem Hüttchen zu, in dem die Mutter wohnte. Es fand aber nicht das Brüderchen zu Hause, und als dieses lange, lange nicht kam und Mutter und Schwesterchen darauf warteten, erzählte das Mädchen von der schönen Frau, die es gesehen, und zeigte der lieben Mutter das Kästchen. »Du tust es mir wohl aufbehalten, liebe Mutter!« bat das Kind. »Aber zuvor darf ich wohl schauen, was darinnen ist?« fragte das Mädchen und blickte forschend der Mutter ins blaue, treue Auge.

»O ja!« sprach die Mutter, und das Mädchen öffnete das Schächtelchen, und sieh! – zwei Engelein kamen heraus und wurden größer und größer, nahmen das brave Schwesterchen in ihre Mitte und flogen damit vor den Augen der Mutter immer höher und höher, bis sie am Himmel verschwanden. Die Mutter saß auf der Bank vor dem Hause, blickte nach und weinte vor Freude Tränen und dachte: »Du gehst voraus, ich hoffe dich aber einstens wieder zu finden, liebes Kind!«


Ganz Tirol.

1

Schmecken im Dialekt riechen.

Quelle:
Zingerle, Ignaz Vinc. und Josef: Kinder- und Hausmärchen aus Tirol. Innsbruck: Schwick, 1911, S. 2-3.
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