12. Mädchen und Bübchen.

[58] Es lebte einmal nahe bei einem dichten Walde ein Holzhauer, der hatte ein böses Weib und zwei nette Kindlein: ein Mädchen und ein Bübchen. Der Holzhauer aber war sehr arm und hatte kaum Brot genug, um sich und den Seinigen den Hunger zu stillen. Eines Tages war der Vater wieder in den Wald gegangen und die böse Mutter war allein in der niedrigen Hütte zurückgeblieben. Da sagte die böse Mutter zu den Kindern: »Nun geht hinaus in den Wald Holz sammeln, und wer zuerst von euch heimkehrt, bekommt einen recht schönen Apfel.«

Mädchen und Bübchen sind nun in den Wald hinausgegangen, um Holz zu sammeln, und beeilten sich, bis sie zwei Bündel Reisig beisammen hatten. Und als sie das Holz gelesen hatten, gingen sie raschen Schrittes nach Hause. Aber je näher sie zur Hütte kamen, desto seltsamer wurde ihnen zumute und es war ihnen gerade, als ob ein Stein auf ihren Herzen lastete. Während des Gehens brach dem Bübchen das Achselband, und da bat es das Schwesterchen: »Warte mir, mir ist das Achselband gebrochen und ich muß es zusammenbinden.«

Das Mädchen dachte aber an den schönen Apfel, den ihr die Mutter versprochen hatte, und eilte vor wärts. Kaum war aber das Mädchen eine Strecke Wegs gegangen, da brach auch ihm das Achselband und der Knabe kam ihm nachgelaufen und keuchte unter der schweren Holzbürde. Das Mädchen bat ihn nun: »Warte mir, es[59] ist mein Achselband gebrochen; ich muß es mir zusammenbinden.« Das Bübchen hatte aber keine Ohren für das Bitten seines Schwesterleins und erwiderte: »Du hast mir auch nicht gewartet; jetzt bekomme ich den Apfel.« – Der Knabe lief und lief und kam endlich nach Hause und bat die Mutter um den versprochenen Apfel und warf das Bündel Holz in die leere Küche hinein. – »Gehe nur hinauf in die Kammer, dort sind die Äpfel in der Truhe, davon kannst du dir drei heraussuchen«, sprach die Mutter. – Das Büblein wollte mit diesem Bescheid nicht zufrieden sein und bat die Mutter, es möchte doch sie die Äpfel heraussuchen und ihm geben, wie andere Male. – Die Mutter gab endlich den Bitten des Bübchens nach und sie gingen nun beide in die Kammer und zur Truhe, in der die Äpfel waren. Der Knabe war voll Freude und konnte sich an den Äpfeln, die da lagen, nicht satt sehen und bückte sich in die Truhe hinein, um sich die Äpfel herauszuholen. Wie er freudig so hineinsah, schlug die böse Mutter plötzlich den Deckel zu, daß der Kopf des armen Bübchens in die Tiefe der Truhe hineinkugelte, der Leib aber auf dem Boden leblos dalag. Die böse Mutter nahm den Leichnam und hängte ihn hinter der Kammertüre auf einen Nagel. Indessen war das Mädchen, das sich das zerbrochene Achselband zurecht gerichtet hatte, mit seinem Holzbündel gekommen, leerte diesen in der Küche ab und bat die Mutter auch um einen Apfel. Die Mutter war sehr freundlich, nickte ihr zu und gab ihr einen roten Apfel. Das Mädchen biß in den Apfel und die Mutter ging zum Herde, um für den Vater, der im Walde Holz haute, das Mittagessen zu bereiten. »Geh in die Kammer hinauf und hole mir Mehl und Schmalz,« sagte die Mutter zum Mädchen, »schaue aber ja nicht hinter die Türe hinein.«

Das arme Schwesterchen ging nun in die Kammer hinauf und schaute doch hinter die Türe hinein und da sah es sein armes, totes[60] Brüderchen hängen. Das Mädchen weinte nun so bitterlich, daß es hätte einen Stein erbarmen mögen und Zähren auf den Boden tropften. Endlich mußte es doch zur Mutter hinunter und brachte ihr weinend das verlangte Mehl und das Schmalz. »Hast du wohl nicht hinter die Türe hineingeschaut?« fragte die böse Mutter das weinende Mädchen. »O nein«, erwiderte das arme Kind und weinte noch heftiger und hielt das blaue, zerlumpte Fürtuch vor das Antlitz. Die Mutter war der Antwort zufrieden und schickte das schluchzende Kind mit dem Mittagessen für den Vater hinaus in den dunkeln Wald. Das Mädchen hatte heute keine Freude an den Eichkätzchen, die auf den Fichten herumkletterten und ihre Männchen machten, noch an den Tannenzapfen und Feldblumen, sondern ging still und weinend seiner Wege. Endlich kam es zum Vater und dieser nahm die Suppe hastig, denn es hungerte ihn. Er war aber ganz erstaunt, als er Fleisch in der Suppe sah, denn er hatte seit langer Zeit kein Stückchen mehr gesehen, noch viel weniger in den Mund gebracht. Er setzte sich unter eine große, schöne Buche und begann zu essen. Er hatte aber gerade das erste Stückchen Fleisch auf dem beinernen Löffel und wollte es zum Munde führen, als ein Vögelchen auf dem Baume zu singen anfing:


Zwie zwei, meine Mutter ist a znicht's Weib,

Meine Mutter hat mich abg'schlagen,

Meine Schwester hat mich 'nausg'tragen,

Mein Vater hat die Beinlein abg'nagen,

Zwie zwei, meine Mutter ist a znicht's Weib.


Dem Holzhauer kam alles so wunderlich vor und das Vögelein ließ ihm keine Ruhe und sang und sang immer aufs neue:


Zwie zwei, meine Mutter ist a znicht's Weib,

Meine Mutter hat mich abg'schlagen,

Meine Schwester hat mich 'nausg'tragen,

Mein Vater hat die Beinlein abg'nagen,

Zwie zwei, meine Mutter ist a znicht's Weib.
[61]

Da wurde es dem Vater immer unheimlicher, so daß ihn selbst das Rascheln der Blätter erschreckte, und er ging mit dem armen Mädchen, das recht traurig war und kein Wort redete, nach Hause.

Unterdessen war die böse Mutter vollauf beschäftigt, den toten Knaben zu verbergen und zu verpacken; allein da kamen viele, viele Vögelchen, flatterten um sie herum, ließen ihr keine Ruhe und sangen in gar wehmütigem Tone:


Zwie zwei, meine Mutter ist a znicht's Weib,

Meine Mutter hat mich abg'schlagen,

Meine Schwester hat mich 'nausg'tragen,

Mein Vater hat die Beinlein abg'nagen,

Zwie zwei, meine Mutter ist a znicht's Weib.


Sie wollte nun die unschuldigen Tierlein verjagen; wie sie aber dieselben durch die Stubentüre hinausscheuchte und ihnen nacheilte, fiel die schwere Stubentüre zu und schlug der bösen Mutter den Kopf entzwei. Der Vater kam nach Hause, darin war alles stille, nur die Vögel sangen:


Zwie zwei, meine Mutter ist a znicht's Weib,

Meine Mutter hat mich abg'schlagen,

Meine Schwester hat mich 'nausg'tragen,

Mein Vater hat die Beinlein abg'nagen,

Zwie zwei, meine Mutter ist a znicht's Weib.


Der Vater ging nun die Stiege hinauf und in die Stube, und wie er die Türe öffnete, fand er sein böses Weib und sein armes Söhnchen tot auf dem Boden liegen.


Und das Märlein ist aus,

Drum geht nun nach Haus!

Oder soll ich euch noch was erzählen

Von den Erbsen und den Fisälen?1


(Bozen.)

1

Fisälen = Bohnen.

Quelle:
Zingerle, Ignaz Vinc. und Josef: Kinder- und Hausmärchen aus Tirol. Innsbruck: Schwick, 1911, S. 58-62.
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