23. Die drei Schwestern.

[114] Es waren einmal drei Schwestern bei einer Stadt. Zwei derselben waren gar stolz und hochfahrend, die Jüngste war aber ein braves, stilles, bescheidenes Mädchen, das gerade deswegen von den zwei ältern Schwestern verachtet und gehaßt wurde. Das arme Kind hatte bei den zwei Obenhinaus ein gar schlimmes Leben, es mußte alle Arbeiten verrichten, die den zwei andern zu gemein waren, und wurde auf jede Weise herumgepudelt und geneckt. War irgendwo ein Ball oder eine andere Unterhaltung, so gingen die zwei in ihrem Putze und Staate dahin und die Jüngste mußte indessen das Haus hüten, die Zimmer kehren, die Küche scheuern und die schwersten Arbeiten verrichten.

Da war denn auch einmal ein großer, prächtiger Ball, den der König gab und der alles, was man bisher derartiges gesehen, übertreffen sollte. Die Geladenen strömten von fern und nah zum Königsschlosse, um dem Feste beizuwohnen, und auch die zwei Schwestern wollten ihn besuchen und schmückten sich mit aller erdenklichen Sorgfalt. Die dritte, die arme Magd, hätte wohl auch die Herrlichkeit im Königsschlosse sehen mögen; allein alles Bitten und Flehen war umsonst. Die zwei Schwestern verließen im schönsten Putze das Haus und das arme, verachtete Mädchen mußte im dünnen Wertagskleidchen daheim sitzen und arbeiten.[115]

Wie sie nun so traurig und verstimmt ihre Arbeit tat, kam plötzlich ein Engel vom Himmel, lächelte die arme, verachtete und zurückgestoßene Jungfrau an und gab ihr ein Sonnenkleid und allerlei Geschmeide, das aus dem schönsten Golde und den glänzendsten Edelsteinen verfertigt war. Das schüchterne Kind wußte nichts zu sagen und zu tun, denn es schämte sich vor dem Engel.

Der himmlische Bote begann aber, nachdem er eine Zeitlang das unschuldige Mädchen mit Wohlgefallen betrachtet hatte, also: »Kleide dich an und geh hin, wo deine Schwestern sind! Sobald aber der Morgen graut und der Tanz geendet, eile nach Hause und kleide dich um, damit niemand merkt, daß du im Königsschlosse gewesen seiest.«

»Aber meine Arbeit!« sprach nachdenkend das Mädchen, das indessen wieder Mut gewonnen hatte.

»Kümmere dich nicht darum, der das Sonnenkleid dir aus dem Himmel hergebracht hat, wird auch für die Arbeit sorgen«, erwiderte der glänzende Engel.

Das Mädchen folgte nun mit der größten Freude den Worten des Engels, tat das Sonnenkleid und das kostbare Geschmeide an und ging in die Königsburg. Wie sie im Saale erschien, waren aller Augen auf sie gerichtet, denn sie war die schönste unter allen. Der König selbst nahm sie bei dem Arm und tanzte mit ihr, und weil es die beste Tänzerin war, tanzte er mit keiner andern mehr. So ging es die ganze Nacht hindurch. Das Mädchen tanzte mit dem König und wurde von allen bewundert und von vielen beneidet, von niemand aber erkannt.

Als der Ball zu Ende ging und durch die großen Fenster des Saales schon der Morgen hereindämmerte, eilte die schöne Unbekannte plötzlich fort und niemand wußte wohin.[116]

Sie zog ihr Kleid und ihr Geschmeide ab, und wie sie es abgelegt, war Schmuck und Kleid verschwunden. Sie wollte sich nun an die Arbeit machen, allein wie staunte sie, als sie ihre Arbeit ganz und gar besorgt fand.

Nach einer Stunde kamen auch die Schwestern und erzählten von der Pracht des Balles, daß der Jüngsten hätte der Mund vor Lust und Neugierde wässern müssen, wenn sie nicht selbst dabei gewesen wäre. Sie erzählten auch, wie eine schöne unbekannte Dame gekommen sei und sich durch ihre Liebenswürdigkeit, durch ihre Kleidung und ihren Tanz so ausgezeichnet habe, daß der König mit keiner andern mehr tanzen mochte. Das Mädchen lachte im Herzen zu dieser Redseligkeit der Schwestern und ließ von seiner Anwesenheit nicht im mindesten etwas merken.

Der König hatte aber seit diesem Balle keine ruhige Stunde mehr. Die schöne Tänzerin hatte sein Herz mitgenommen und er wußte nicht, wer und wo sie sei. Als er so nachdachte, wie er von ihr Kunde erhalten könnte, kam er auf den Gedanken, wieder einen Ball zu veranstalten. »Vielleicht,« dachte er, »erscheint die Unbekannte wieder« – Er veranstaltete nun wieder einen Ball, der viel glänzender als der frühere werden sollte, und lud dazu aus fern und nah alle Edlen ein.

Die beiden Schwestern putzten und schmückten sich wieder zum Tanze und gingen auf das Königsschloß. Die Jüngste mußte aber wieder zu Hause bleiben und ihre Arbeit tun.

Wie sie wieder so traurig dasaß und für ihre Schwestern Strümpfe stopfte, erschien wieder der Engel und brachte der Verachteten ein Mondkleid und herrliches Geschmeide. Sie dankte dafür, zog sich an und ging auf das Königsschloß.

Als sie im Saale eintrat, erstaunten alle ob ihrer Schönheit und der König verhüpfte fast vor Liebe und Freude. Er ging gleich auf[117] sie zu, bewillkommte sie und tanzte mit der schönen Prinzessin, wie man sie nannte, die ganze Nacht. Heute gefiel sie ihm noch besser als das vorige Mal, denn das blaßgelbe Mondkleid stund dem bescheidenen Kinde gar so schön.

Als aber der Tanz zu Ende ging und im Tale schon der Morgen graute, war die Geliebte des Königs plötzlich verschwunden und niemand wußte wohin.

Sie war aber nach Hause geeilt, zog das Kleid aus, und als die zwei Schwestern nachkamen und von der schönen Dame im Mondkleid erzählten, saß diese schon in ihrem grauen Werktagkleidchen bei ihrer Arbeit.

Der König hatte nach diesem zweiten Balle noch weniger Ruhe als nach dem ersten und konnte selbst nachts nicht schlafen, denn die wunderschöne Tänzerin stund bei Tag und Nacht vor seinem Geiste. Er wußte kein anderes Mittel, um sie wieder zu sehen, als einen Ball zu veranstalten. »Diesmal soll mir der Vogel nicht aus der Schlinge kommen,« dachte er bei sich, »ich will ihm den Namen und den Stand schon herauslocken«.

Er veranstaltete also wieder ein Fest, das an Pracht und Herrlichkeit alle früheren verdunkeln sollte. Aus nah und fern eilten die Gäste herbei und strömten durch das reichbekränzte Schloßtor in den prächtig geschmückten Burgsaal, der so beleuchtet war, daß es darin heller als bei Tage war.

Die zwei Schwestern gingen wieder geschmückt auf das Schloß des Königs, die verachtete dritte mußte aber zu Hause bleiben und arbeiten.

Wie sie so traurig und sinnend dasaß, kam abermals der Engel und brachte ihr ein Sternenkleid und einen Beutel voll Geld, damit sie es, wenn ihr Diener des Königs folgen würden, auswerfen könnte.[118] Sie dankte, zog das Sternenkleid an, nahm das Geld zu sich und eilte dem Tanzsaale zu, aus dem ihr ein Strahlenmeer und die herrlichste Musik entgegenströmte. Wie sie auf der Schwelle des Saales erschien, eilte ihr der König schon entgegen und bewillkommte sie. Er führte sie zum Throne und dort mußte sie sich an seine Seite setzen und er gab ihr allerlei verfängliche Fragen, um ihr den Namen und den Wohnort zu entlocken. Das Mädchen war aber viel zu klug und gab dem Könige solche Antworten, daß er am Ende beinahe noch weniger wußte als anfangs. Als die Musik zu einem neuen Reigen lud, nahm der König die Fremde im Sternenkleide an die Rechte und tanzte mit ihr, daß alle über das schöne Paar und die Leichtigkeit, mit der sie den Reigen schlangen, staunten. Der König konnte sich an der fremden Prinzeß nicht satt sehen; denn so schön wie im Sternenkleide war sie noch nie gewesen, und es schwoll sein Herz vor Liebe und Sehnsucht.

So oft ein neuer Tanz begann, schwebte das schöne Paar voran, und schwieg die Musik, so mußte das Mädchen neben dem Könige sitzen, dessen Fragen es aber immer klug auswich.

So wechselte es die ganze Nacht durch, bis der Morgenwind in den Baumzweigen draußen spielte und an die Fenster klopfte. Als der letzte Tanz vollendet war, wollte Else zur Doppeltür hinaus und nach Hause eilen; allein kaum hatte sie den Saal verlassen, so eilten ihr schon auf den Wink des Königs die Diener nach, um ihre Fährte zu verfolgen. Sie langte nun nach den Geldstücken und warf sie aus und da stürzten die Diener auf das Geld und folgten der Frau im Sternenkleide nicht länger. Nur einer ließ sich durch das Geld nicht irremachen und wollte die Wohnung der Prinzeß entdecken, möge es kosten, was es wolle. Da wußte sich das Mädchen nicht anders mehr zu helfen und ließ im Laufe einen der goldenen Schuhe zurück;[119] denn sie dachte: vielleicht findet er es der Mühe wert, den Schuh aufzuheben, und indessen enthusche ich und komme in die Heimat.

Kaum hatte der Diener den goldenen Schuh bemerkt, bückte er sich und hob die schimmernde Fußbekleidung auf. Voll Freude über diesen unerwarteten Fund eilte er wie im Triumphe in die Burg zurück und brachte dem König die seltene Gabe.

Der König lächelte, als er den Schuh sah, und meinte, wenn nun erst der Schuh da sei, werde sich die Trägerin desselben schon finden lassen. Er stellte dem Diener den Schuh wieder zurück und sandte ihn in der ganzen Stadt herum mit dem Geheiße, er solle jedem Mädchen den Schuh anmessen, und wenn einem der Schuh anpassen würde, so solle man es als die Königin des Balles ansehen und in die Burg führen.

Der Diener ging nun dem Auftrage des Königs gemäß stadtauf, stadtab, hausein, hausaus und maß und maß die Füße aller Schönen, konnte aber lange keine finden, welcher der goldene Schuh anpaßte. Endlich kam er auch in das Haus der drei Schwestern. Die beiden ältern hatten die größte Freude und dachten, wir lassen den Schuh nicht mehr weg. Soll der Schuh nicht dem Fuße anpassen, so wird der Fuß dem Schuh nachgeben müssen.

Kaum war der Diener in das Zimmer getreten und hatte seinen Auftrag entrichtet, nahm die Älteste den Schuh und ging damit in das Nebenzimmer. Wie sie aber den Schuh besichtigte, sah sie zu ihrem größten Verdrusse, daß er für ihren Fuß zu klein sei. »Ha, dem läßt sich schon helfen,« dachte sie, nahm das Messer und schnitt sich drei Zehen fort. Nun legte sie den Schuh an, und obwohl ihr der Schmerz das Wasser in die Augen trieb, ging sie doch scheinbar wohlgemut in die Stube. Der Diener hatte die größte Freude, daß er die Gesuchte endlich gefunden hatte, und bat sie, gleich zum Könige aufs Schloß zu kommen.[120]

Sie willfuhr mit größter Freude dieser Bitte und ging stolz und triumphierend durch die Stadt und der Diener folgte ihr in bescheidener Entfernung. Sie hatte schon ein gutes Stück des Weges zurückgelegt, als sie auf den Stadtplatz kam. Dort saß aber auf der alten Linde, unter der die Altvordern tagten, ein rotes Vögelein und sang:


»Königin Eisenhut,

Der Schuh ist voller Blut.«


Wie dies der Diener hörte, schaute er dem Fräulein auf die Füße und sah das Blut aus dem goldenen Schuh quellen. »Du bist nicht der rechte Vogel,« dachte er und hieß sie wieder nach Hause kehren, wohin er sie auch begleitete. Dort nahm er der Falschen den goldenen Schuh, reinigte ihn vom Blute und gab ihn dann der Zweiten. Diese nahm ihn und ging damit auf ihr Zimmer. Als sie ihn aber anziehen wollte, da sah sie, daß er für ihren Fuß zu groß sei. »Lieber zu groß als zu klein,« dachte sie sich, nahm alte Lappen und stopfte so viele hinein, daß ihr der Schuh fest ansaß. Als sie in das Zimmer trat, hatte der Diener die größte Freude, denn er wähnte die Gesuchte gefunden zu haben. Sie gingen nun aus dem Hause und eilten der königlichen Burg zu. Als sie aber über den Stadtplatz gingen, saß wieder das rote Vögelchen auf einem Lindenzweige und sang:


»Königin Eisenschnuder,

Der Schuh ist voller Huder.«


Da blickte der Diener der Vorausstolzierenden auf die Füße und sah, wie ein Lumpen aus dem Schuh emporstieg. »Du bist auch nicht der rechte Vogel,« dachte er bei sich und hieß die Falsche wieder umkehren und begleitete sie in ihr Haus zurück.

Nun war nur mehr die Jüngste übrig. Der königliche Diener wollte ihr den Schuh geben, damit sie ihn probieren möchte, allein[121] die zwei älteren Schwestern wollten es durchaus nicht zulassen und schmähten und schimpften das arme Kind wie einen Wechselbalg. Der Diener ließ sich dadurch nicht im mindesten irremachen und Else mußte den goldenen Schuh anmessen. – Und siehe da, ihr Füßchen schlüpfte hinein so leicht und frisch wie ein Pfeifer ins Wirtshaus und der Schuh stand ihr wie angegossen. »Das ist die Rechte,« dachte sich der Diener und wollte das Mädchen mit sich auf die Burg nehmen, allein es hatte ein gar so armes Kleidchen an und mußte sich deshalb zuvor umkleiden. Als sie ihr Festtagskleid angezogen, da gingen sie nun durch die Stadt der Burg zu, das Mädchen voraus, der Diener drei Schritte hintendrein. Sie kamen auf ihrem Wege auch auf den Stadtplatz und zur alten Linde, da sang das rote Vögelein auf einem Lindenzweige gar fröhlich:


»Königin Eisenknecht,

Der Schuh geht eben recht.«


Wie sie auf das Schloß kamen, eilte der König ihnen schon entgegen und bewillkommte sie; denn kaum hatte er von ferne die Schöne gesehen, so hatte er sie schon als seine Tänzerin im Sternenkleide erkannt. Er war fast außer sich vor Freude und ließ am folgenden Tage ein großes Fest feiern. Und wie alle im hohen Saale saßen und guter Dinge waren, trat ein Herold auf und gebot Schweigen, und als alles still war, stund der König auf und erklärte die schöne Jungfrau als seine Königin. – Es folgten dann Paukenwirbel und Trompetenstöße, und als die Nacht folgte, wurde der Tanz begonnen und dauerte bis morgens.

Die verachtete Schwester war nun Königin und lebte mit dem Könige recht lange vergnügt und glücklich. Und diese Geschichte ist buchstäblich wahr; denn der sie erzählte, hat den Mund noch warm.


(Bozen.)

Quelle:
Zingerle, Ignaz Vinc. und Josef: Kinder- und Hausmärchen aus Tirol. Innsbruck: Schwick, 1911, S. 114-122.
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