38. Der Holzhacker.

[215] Es war einmal ein Holzhacker, der nicht viel zu beißen und zu brechen hatte, aber dafür ein frisches Blut und Freude zur Arbeit. Der ging eines Morgens wieder hinaus in den Wald, schnalzte mit den Fingern und pfiff ein Lied vor sich hin, als ob die ganze Welt ihm gehörte. Wie er so forttrollte, begegnete ihm ein altes Weiblein, das auf einer Krücke daherhinkte. »Guten Morgen,« rief ihn die Alte an, »auch schon auf den Beinen? Und du pfeifst ja und schnalzest und tust, als ob dir gar nichts abginge. Fehlt's aber ja doch manchmal am Geldbeutel und in der Küche und im Keller!« Wie der Holzhacker das hörte, machte er große Augen, denn es nahm ihn wunder, woher wohl die Alte, die er sein Lebtag nicht gesehen hatte, dies alles wissen könnte. Während er so dies Mütterchen groß anschaute, sprach es weiter: »Willst du's aber gut haben, mein lieber Holzhacker, so geh mit mir und werde mein Diener, bei mir sollst du ein Leben haben wie ein Fürst.«

»Warum nicht?« sagte der Holzhacker, denn er dachte sich: Zu Hause habe ich doch nichts als die liebe Not und die kann ich überall haben.

Er ging also mit dem krummen Mütterchen einen weiten, weiten Weg, bald durch pechschwarze Wälder, bald über struppige Haiden,[216] und er verwunderte sich nicht wenig, daß die Alte auf ihren Krücken die lange Wanderung aushielt. –

Am zwölften Tage endlich kamen sie zu einer Höhle und gingen auf diese los. »Siehst du,« sprach die Alte, »durch diese Höhle kommen wir in meinen Palast. Der Eingang könnte zwar etwas schöner sein, aber du wirst sehen, desto prächtiger ist's inwendig.« Sie gingen nun in die Höhle und kamen immer tiefer und tiefer hinein, bis sie endlich vor einer Türe anlangten, die von hellichtem Golde war. Die Alte zog einen goldenen Schlüssel aus dem Sacke und sperrte die Tür auf.

Sie traten nun in einen Saal, dessen Wände ganz mit Gold und Edelsteinen verziert waren. Der Holzhacker traute kaum seinen Augen, wie er all die Pracht sah und es kam ihm sonderbar vor, daß mitten in dem goldenen Gemach ein Löwe lag, der furchtbar heulte und winselte. Die Alte hinkte an dem Tiere vorbei, als ob sie es gar nicht sähe, und der Holzhacker hielt es auch für rätlicher zu schweigen.

Sie gingen nun aus dem prachtvollen Zimmer in ein anderes Gemach und von diesem wieder in ein anderes und so immer fort. In jedem Gemache aber war ein Löwe gelagert.

Endlich sprang auf den Wink der Alten eine Türe auf, durch welche sie in einen Saal traten, der ebenso prächtig war wie der erste. In der Mitte des Saales lag eine Löwin, die heulte und winselte und schaute den Holzhacker an, als ob sie ihm ihr Leid klagen wollte. Dem Manne ging ihr Laut und ihr Blick tief zu Herzen und er sprach zur Alten: »Die armen Tiere müssen einen Wolfshunger haben. Soll ich ihnen nicht etwas zu fressen vorwerfen?«

»Für das Fressen dieser Bestien hast du nicht zu sorgen,« schnarrte die Alte, »wohl aber dafür, daß sie täglich ihre Schläge bekommen. Siehst du, dort drüben hängt die Peitsche, mit der du die Bestien tagtäglich aus Leibeskräften abklopfen mußt. Geschieht es fleißig,[217] so wird dir dein Lohn nicht ausbleiben, bist du aber nachlässig im Dienste, so sollst du deine Strafe schon empfangen.«

Der Holzhacker sah wohl ein, daß es da nicht geraten sei zu widersprechen und versicherte, in allem pünktlich zu gehorchen.

Jetzt hieß die Alte den Holzhacker ein wenig warten, hinkte davon, so schleunig es gehen wollte, kam aber bald wieder.

»So, hier hast du dein gewöhnliches Frühstück,« sagte sie und stellte ihm einen Teller voll Obst vor.

»Schönen Dank,« erwiderte der Holzhacker und griff wacker zu. »Es ist doch schöner,« dachte er bei sich, »wenn in der Frühe eine Schüssel voll Pfirsiche und Feigen vor einem steht, als wenn man morgens vor der Arbeit gar nichts zu beißen hat.« Während er sich so seine Gedanken machte, waren die schönen Früchte allmählich zu Ende gegangen und der Holzhacker freute sich des Frühstücks wegen schon wieder auf den folgenden Morgen.

Was er dann den ganzen Tag hindurch getan hat, das weiß der Erzähler nicht zu sagen. Abends führte ihn die Alte in ein schönes Zimmer, worin ein Bett für ihn hergerichtet war. Er sagte nun der Alten »Gute Nacht,« legte sich in sein Bett und schlief bald ein. Er hatte noch nicht lange geschlafen, da wurde er durch ein Klopfen an die Zimmertür geweckt. Neugierig sprang er aus dem Bette, zündete sein Licht an und schaute zur Türe hinaus, was es gebe. Und wer war draußen? Der Löwe war's, den er im ersten Saale gesehen hatte, und deutete durch klägliches Gewinsel an, daß er zu dem Holzhacker hinein wolle. Dieser war voll Mitleiden mit dem armen Tiere und ließ dasselbe ungehindert hereingehen. Wie der Löwe drinnen war, fing er an zu reden wie ein Mensch und sprach zum Holzhacker: »Du hast dich vielleicht schon lange über die sonderbaren Bewohner dieser prachtvollen Gemächer verwundert. So wisse denn, daß ich[218] selbst ein verzauberter Prinz bin, und daß alle Löwen und Löwinnen, die du in dem Palast sahest, meine verzauberte Dienerschaft sind. Die Löwin aber, die du in dem letzten Saale erblicktest, ist meine Verlobte und die Alte, die dich hiehergeführt hat, ist ihre Mutter. Diese wollte unsere Verbindung hintertreiben und hat uns deswegen in so abscheuliche Bestien verwandelt. Du bist der einzige, der uns befreien kann. Die Alte schläft ja wie eine Ratte und du hast jetzt die beste Gelegenheit, ihr den Garaus zu machen. Uns allen aber mußt du die Halsbänder lösen und der Zauber hat ein Ende.«[219]

Der Holzhacker war wie vom Himmel gefallen, als er dies hörte, und versprach hoch und teuer, alles zu tun, was zu ihrer Rettung notwendig wäre.

Der Löwe ging wieder aus dem Zimmer, der Holzhacker aber griff nach seiner Hacke und schlich sich auf den Zehen in das Schlafgemach der Alten. Er trat zum Bette hin und schaute ihr recht scharf ins runzlige Angesicht, um sich zu überzeugen, ob sie wohl schlafe. Wie er sah, daß sie keine Miene veränderte und die Augen fest zugeschlossen hatte, nahm er sich ein Herz, faßte die Hacke und tat einen so kräftigen Schlag auf den Kopf der Alten, daß sie nur noch einen Schrei ausstieß und dann maustot war.

Er ließ die Alte in ihrem Blute liegen und ging zu den Löwen herum, löste allen nacheinander die Halsbänder, zuerst dem verzauberten Prinzen, dann der Prinzessin und dann der Dienerschaft, und in kurzem wimmelte es um ihn her vor lauter Leuten, die ihm für die Befreiung vom Zauber zu danken nicht aufhören wollten.

Prinz und Prinzessin machten sich nun mit ihrer Dienerschaft und dem Holzhacker auf die Reise und in sechs Tagen kamen sie wieder in ihrem Königreiche an, das sie so lange nicht mehr gesehen hatten. Sie fanden alle Leute wegen ihrer langen Abwesenheit in der größten Bestürzung, denn niemand wußte, wo sie eigentlich hingekommen waren. Allein als sie erkannt wurden und sich die Nachricht von ihrer Zurückkunft verbreitete, da war eine Freude im ganzen Königreiche, als ob sie vom Grabe auferstanden wären.

In wenigen Tagen wurde die Hochzeit gehalten und dabei ging es so lustig her, daß man noch in späten Zeiten von der schönen Feierlichkeit erzählte.

Und der Holzhacker? Der Holzhacker blieb am Hofe so lange er lebte und hatte alles, was er sich nur wünschen mochte, in Hülle und Fülle.


(Bozen.)

Quelle:
Zingerle, Ignaz Vinc. und Josef: Kinder- und Hausmärchen aus Tirol. Innsbruck: Schwick, 1911, S. 215-220.
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