43. Der Knabe und die Riesen.

[239] Vor langer Zeit trieb ein Riese sein Unwesen. Er war so stark, daß er die größten Bäume zu Wieden drehte und mächtige Felsstücke fernhin schleuderte. Diese Stärke machte ihn übermütig und er tat den Menschen Leides, wo er nur konnte. Deshalb suchte man ihn unschädlich zu machen, doch niemand wagte es, mit ihm zu kämpfen. Endlich kamen die Leute auf den Gedanken, ihn durch List zu fangen. Man grub nun in einem Garten, in dem er oft spazieren ging, eine große, große Grube und bedeckte sie mit Rasen und Gesträuch. Wirklich kam er bald darauf in den Garten, wandelte auf und ab und geriet endlich in die Falle. Da brüllte er vor Wut, daß Berge und Bäume zitterten. Als die Leute dies hörten, liefen sie herbei und banden ihn mit Zauberstricken, denn andere hätte er zerrissen wie einen dünnen Faden. So gefesselt wurde er nun in einen Keller gesperrt, wo er Hunger und Durst litt. Da erbarmte sich ein kleiner Knabe des wilden Mannes und brachte ihm täglich etwas zu essen, denn die Leute ließen den Kleinen gerne in den Keller hinunter, um den »Enzkerl« anzusehen. Da bat der Riese den Knaben, ihm die Stricke von den Händen loszumachen. Der Knabe wagte es aber nicht, weil er den Zorn der Leute fürchtete. Als aber der Riese immer von neuem bat und ihm allerlei Gutes versprach, dachte der Junge: »Was wird es schaden,[240] wenn ich ihm die Hände frei mache? Er hat ja seine Füße auch gebunden und kann doch nicht davonlaufen.« Mitleidig löste er die Handstricke auf, erschrak aber nicht wenig, als der Riese jetzt sich selbst die Fußbanden wegriß. Der Knabe weinte bitterlich, denn er fürchtete scharfe Strafe. Da sprach der Riese ihm Trost ein und sagte: »Weine nicht, dir soll es gut gehen. Ich will deinen Dienst belohnen. Geh gleich mit mir und du sollst die Königstochter gewinnen und Zepter und Krone.« Da besann sich der Junge nicht lange, denn er fürchtete die Schläge seines Vaters, und lief mit dem Riesen in den wilden Wald hinaus.

Hier weideten auf einem freien Platze, der rings von Tannen und Lärchen dicht umgeben war, zwölf Bären und zwölf Pferde. An der Spitze der letzteren graste eines, das ein goldenes Hinterteil hatte. Da sagte der Riese zum Knaben: »Hüte diese zwölf Bären und diese zwölf Pferde und fürchte dich nicht davor. Ich werde dir eine Harfe geben, und wenn du auf derselben spielst, werden dir die Tiere willig folgen und dir nachgehen wie Lämmer. Wenn aber dann ein Riese kommt und dich erschlagen will, so wehre dich. Und sobald er dich fassen will, rufe dreimal: ›Fall nieder!‹ und schlag ihn dann mit dem Stocke, den ich dir hier gebe, auf den Kopf, und er wird so gleich tot sein. Bald darauf wird ein anderer Riese kommen und sagen: ›Knabe, warum hast du meinen Bruder erschlagen? Wart du sollst es büßen‹, und er wird dich töten wollen. Da mache es aber ebenso wie bei dem ersten, und er wird dir kein Leid tun. Wenn der zweite tot ist, wird der dritte und der größte Riese daherlaufen und zu dir sagen: ›Lump, warum hast du meine zwei Brüder erschlagen? Wart, du sollst es mit dem Leben büßen.‹ Mit seiner Eisenstange wird er dich totschlagen wollen, sage aber nur sogleich dreimal: ›Falle nieder‹ – und er wird zu deinen Füßen liegen[241] und du tötest ihn. Sind alle drei erschlagen, dann nimm das Pferdchen mit dem goldenen Hinterteil und reite in die Königsstadt. Dort wirst du dein Glück machen und die schöne Prinzessin heiraten können.« Nachdem der Riese dies gesagt hatte, ging er fort und verschwand im Walde.

Der Knabe begann nun die Saiten zu rühren und diese klangen so wunderschön, daß man auf Erden nichts Süßeres hören konnte. Selbst die Bären kamen herbei, legten sich dem Knaben zu Füßen und horchten zu. Die Pferde hielten im Grasen inne und standen wie angewurzelt und die Vöglein auf den Bäumen hörten auf zu singen, um den schmeichelnden Tönen zu lauschen. Da rauschte und prasselte es auf einmal in den Bäumen und ein fürchterlicher Riese sprang auf das Feld: »Knabe, warum hütest du meine Bären und meine Pferde? Wart, du sollst es büßen,« brüllte er und drehte zornig seine funkelnden Augen. Wie er aber auf ihn losspringen wollte, rief der Junge dreimal: »Fall nieder!«, und der lange Lümmel lag vor ihm hingestreckt wie ein gefällter Baum. Sogleich schlug der Knabe mit dem Stocke auf den Kopf des Waldmannes und im Augenblicke war er maustot.

Es dauerte nicht lange, da kam der zweite Riese und wollte den Knaben erschlagen, wie es vorausgesagt war. Allein der Junge fällte auch diesen, der noch größer und schrecklicher war als der erste. Endlich kam der dritte Waldmann herangebraust. Seine Augen funkelten vor Zorn wie zwei brennende Räder und schon von weitem brüllte er, daß die Bäume zitterten: »Lump, warum hast du meine zwei Brüder erschlagen? Wart, du sollst es mit dem Leben büßen!« schrie er und stürzte auf den Knaben los. Dieser war nicht faul, rief dreimal: »Fall nieder!«, und der fürchterliche Enzmann lag wie ein Stock vor ihm. Im Nu schlug der Junge ihn auf den Kopf[242] und der Waldmann tat keinen Schnaufer mehr. Da dachte sich der Knabe: »Jetzt habe ich alle drei Mordskerle erschlagen, jetzt muß ich doch nachsehen, was jeder bei sich trägt, denn das gehört mir.« Gedacht, getan. Er untersuchte den Sack des ersten, darin fand er ein eisernes Schlüsselchen. Im Sacke des zweiten traf er ein silbernes, in der Tasche des dritten lag aber ein goldenes. Da steckte er alle drei Schlüsselchen zu sich, nahm die wunderbare Harfe, schwang sich auf das Pferd mit dem goldenen Hinterteil und sprengte in den Wald der Gegend zu, von der die Riesen gekommen waren. Da[243] ritt er lange, lange und sah nichts als die alten Bäume und hörte nichts als hier und dort das Pfeifen eines Vogels.

Als er schon lange Zeit geritten war, lichtete sich endlich der Wald und er kam zu einem freien grünen Platze. Darauf stand ein prächtiges Schloß und hinter demselben breitete sich ein weiter Garten aus voll bunter, duftender Blumen und schöner Bäume, an denen die herrlichsten Früchte hingen. Darüber freute sich der Knabe, denn er war müde und hungrig und sehnte sich nach Ruhe, Speise und Trank. Er wollte in das Schloß, allein das einzige Tor war gesperrt und der Garten war mit einer Mauer, die man nicht übersteigen konnte, umgeben. Da dachte er sich, vielleicht öffnet ein Schlüssel die Burg. Er ging zum Tore und versuchte es mit dem goldenen Schlüsselchen zu öffnen, konnte aber damit nichts ausrichten. Da nahm er das silberne, allein auch dieses paßte nicht in das Schloß. Aber das dritte öffnete die Türe und er trat in eine hohe Halle, die von Gold und Silber strahlte. Eine solche Herrlichkeit hatte er sein Lebtag nicht gesehen. Eine weiße Marmorstiege führte ins erste Stockwerk. Er stieg hinan und kam zu einer geschlossenen Türe. Diese öffnete er mit dem silbernen Schlüsselchen. Er trat nun in die Küche und von dort in den dahinter gelegenen Speisesaal. Darin war eine große Tafel gedeckt und mit den besten Speisen beladen. Was nur jemand wünschen konnte, stand darauf: Fleisch und Fische, Braten und Torten, Früchte und Wein. Der hungrige Bursche setzte sich rasch hinzu und ließ sich all die Speisen herrlich schmecken, bis er satt war. Dann streckte er sich auf ein Faulbett hin und suchte Ruhe und neue Kraft im Schlafe.

Als er wieder die Augen öffnete, glänzte schon der Morgen durch die hohen Fenster. Er sprang vom Lager, nahm einen Imbiß und besichtigte alsdann das Schloß. Da kam er zu einer Türe, die[244] ganz von Golde, jedoch gesperrt war. Da nahm er das goldene Schlüsselein und öffnete sie. Welch eine Pracht blendete da seine Augen! Alle Wände schimmerten von rotem Golde und blitzenden Edelsteinen und alles Geräte war aus denselben kostbaren Stoffen gefertigt. Anfangs konnte sich der Junge vor all dieser Herrlichkeit nicht fassen. Er stand regungslos da, als ob er versteinert sei. Als er sich satt gesehen hatte, musterte er die einzelnen Gegenstände, Stück für Stück. Da fand er ein goldenes Gewand, das wie die Sonne glänzte. Dies wäre ein Kleid für dich, dachte er und probierte dasselbe an. Da saß es ihm so gut, als ob es ihm angegossen wäre, und jubelnd besah er sich in dem goldumrahmten großen Spiegel, der an einer Wand hing. Wie er dann im Zimmer herumstolzierte, sah er zu seiner größten Freude einen goldenen Sattel. »Ha, der paßt für mein Pferd,« rief er und nahm ihn zu sich. Flugs eilte der Junge in den Hof hinunter, wo das Pferd stand, sattelte es, schwang sich hinauf und flog schnell wie der Wind von dannen. Er ritt geraden Weges der Königsstadt zu. Als er dort ankam, lief ihm groß und klein nach, denn einen so schönen Reiter hatte noch niemand gesehen. Bei einem Gasthause machte der Junge Halt und blieb dort über Nacht. Er tat, als ob er ein fahrender Harfner wäre, und spielte den Leuten allerlei Stücke vor. Da war das Staunen über seine Kunst noch größer als das über seine Schönheit, und jung und alt wurde von seiner Musik bezaubert. Der Ruf vom schönen Spielmanne flog durch die Stadt und drang bis zu Hofe. Nun bat die Prinzessin ihren Vater, er möchte doch den fremden Spielmann in die Burg kommen lassen, damit sie seine Weisen höre. Der Vater widerstand den Bitten seiner einzigen Tochter nicht und hieß den Harfner herbeiholen. Er kam und sein ganzes Wesen gewann die Herzen aller. Als er aber in die Saiten griff, da glaubte[245] man, die Musik der Engel zu hören, und jeder vergaß sein Weh und Ach und das Herz der schönen Königstochter schmolz wie der Schnee im Frühlinge. Sie glaubte ohne den wundersamen Spielmann des Lebens nicht mehr froh werden zu können, so sehr liebte sie ihn. Der König hieß ihn aber am Hofe bleiben und hielt ihn in hohen Ehren. Es dauerte nicht lange und er hatte durch seine Kunst und Tapferkeit so sehr die Herzen aller gewonnen, daß ihm der König seine Tochter zur Frau gab. Da ward eine Hochzeit gefeiert, so reich und prächtig, daß man nie eine schönere sah. Auch seine armen Eltern hatte er dazu eingeladen, die das Glück ihres Kindes nicht begreifen konnten, bis er ihnen die Geschichte mit den Riesen haarklein erzählt hatte. Nachdem das Fest zu Ende war, zog er mit seiner Braut auf die herrliche Riesenburg im Walde, wo er die glücklichsten Tage verlebte, bis ihm der alte König Krone und Reich abtrat.


(Sarnthal.)

Quelle:
Zingerle, Ignaz Vinc. und Josef: Kinder- und Hausmärchen aus Tirol. Innsbruck: Schwick, 1911, S. 239-246.
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