49. Der blinde König.

[274] Es war einmal ein König blind und keine Kunst der Ärzte konnte ihm das Licht der Augen wiederbringen. Zuletzt gab ihm ein Wahrsager den Bescheid, er würde nicht eher wieder sehend werden, als bis man ihm den Vogel Phönix brächte; nur dessen Gesang könnte das Wunder bewirken. Da machten sich die drei Söhne des Königs, einer nach dem andern auf den Weg, den Vogel Phönix zu suchen. Der Älteste kam in den ersten Tagen in eine große Stadt und sah da einen prächtig gebauten Palast, aus dessen Fenstern ihm ein schön gekleidetes Fräulein winkte. Auch hörte er allerlei lustige Weisen spielen. Da bedachte er sich nicht lange, sondern ging hinauf, kam aber nicht wieder herunter. Dasselbe Schicksal hatte auch der zweite Sohn. Nun war die Reihe an dem dritten; den wollte aber der Vater, dem er allein noch übrig war, lange Zeit nicht von sich lassen, zumal er ihn am Liebsten hatte. Zuletzt erhielt er doch Urlaub, bestieg sein Roß und trabte davon. Bald kam er auch in die große Stadt und an dem prächtigen Palast vorbei, wo so lustig gesungen und gejubelt wurde, und das schöne Fräulein ihm aus dem Fenster winkte. Der Lärm war ihm aber da zu laut; er gab seinem Pferde die Sporen und ritt in ein anderes Wirtshaus, wo er Nachtherberge nahm. Als er nun lag und schlief, weckte ihn ein Pochen an der Türe.[275] »Herein!« rief er und rieb sich lachend die Augen, weil er wohl wußte, daß niemand hereintreten würde, denn er hatte die Türe verriegelt. Da pochte es zum andern Male, und lachend rief er wieder »Herein!« und freute sich, daß der Narr an der Türe so lange stehen müsse. Aber noch zum dritten Mal pochte es, und er rief wieder »Herein!« Aber nun war es ihm nicht mehr um's Lachen, denn die Türe ging auf und eine lange bleiche Gestalt trat auf ihn zu. »Fürchte dich nicht«, redete sie den Prinzen an, »sondern erweise mir eine Wohltat, es soll dein Schade nicht sein. Ich mußte diesem Wirt einmal die Zeche schuldig bleiben: da fiel er über mich her und warf mich die Treppe herab, daß ich Arm und Bein zerbrach; zuletzt schlug er mich gar tot und zog meinen Leib dann in den Keller hinab und verscharrte ihn. Wenn du nun dem Wirte meine Schuld bezahlst und mich christlich begraben läßt, so werde ich erlöst sein und dir auch einmal helfen«. Darauf verschwand der Geist. Der Prinz aber, dem es eiskalt über dem Rücken gelaufen war, konnte nicht wieder einschlafen. Sobald der Hahn krähte, stand er auf und fragte den Wirt, ob er nicht etwas im Hause habe, das nicht hineingehöre, sondern auf den Friedhof. Der Wirt ward erst weiß, wie eine Mauer, dann aber fing er ganz gottlos zu schimpfen an über den Gast, der seine Zeche nicht bezahlt habe. Als er aber hörte, daß der Prinz diese Zeche bezahlen und den Toten ehrlich begraben lassen wolle, beruhigte er sich wieder und war dem Prinzen gerne behilflich die Leiche aus dem Keller zu schaffen. Als dem Toten sein Recht geschehen war, ritt der Prinz fort, den Vogel Phönix zu suchen. Da kam er durch einen großen dunkeln Wald, wo ihm plötzlich ein Wolf in den Weg lief. Da sprang der Prinz im ersten Schrecken vom Pferde und erstach es, damit der Wolf sich an dem Pferde ersättige und ihn ziehen ließe. Wie erschrak er aber, als der Wolf seinen Rachen auftat und ihn anredete: »Weh, warum[276] hast du das Pferd getötet? Wir hätten beide darauf sitzen können; so aber mußt du nun auf meinem Rücken reiten, denn ich will dein Reisegefährte sein.« Da der Wolf so schön reden konnte, setzte sich der Prinz auf seinen Rücken und das Tier lief über Stock und Pflock mit ihm davon. So kamen sie bald zu einem herrlichen Schloß in schöner Landschaft. »Siehst du« sagte der Wolf, »da ist das Zauberschloß: da mußt du nun hinaufgehen; da wirst du ein ganzes Zimmer voll schöner Vögel und Vogelkörbe sehen. Aber nimm ja keines davon, sondern ganz im Winkel nimm das schlechte Vogelhaus: darin ist der Vogel Phönix. Und neben ihm steht ein goldener Mann, den berühre ja nicht, sonst ist alles umsonst«. Der Königssohn gehorchte und fand alles so, wie es der Wolf beschrieben hatte; als er aber im Winkel den Vogel Phönix sah, mußte er lachen, denn das arme Ding schaute aus, wie eine gerupfte Henne. »Der Vogel gefällt mir nicht,« dachte der Prinz, »aber der goldene Mann desto besser: am besten ist, ich nehme sie beide«. Als er aber den goldenen Mann berührte, schrien alle Vögel durcheinander: »Dieb, Dieb, Dieb!«, und eine Schar Diener ergriff ihn und führte ihn vor den Schloßherrn. Da mußte er alles erzählen, wie es ihm ergangen sei, und warum er den Vogel habe nehmen wollen. Da sagte der Herr: »Weil die Sache so steht, will ich dich freilassen. Ich will dir auch, damit dein Vater sehend werde, den Vogel geben, wenn du mir das Roß verschaffst, das so schnell läuft, wie der Wind weht. Wenn du das bringst, so ist der Vogel dein!« So kam der Königssohn zurück zu dem Wolf, der ihn tüchtig ausschalt wegen seines Ungehorsams. »Wenn du mir gefolgt hättest, so wäre nun alles vorbei, und du könntest heimreiten. Nun mußt du dich wieder auf meinen Rücken setzen, bis wir das windschnelle Roß gefunden haben.« Der Prinz war froh, daß er mit Schelten davon kam, und setzte sich wieder dem Wolf auf den Rücken. Nach kurzer[277] Zeit kamen sie zu einem andern Schlosse, wo der Wolf stille stand und den Prinz absteigen hieß. »Du mußt nun hinter das Schloß gehen, bis du eine große Türe findest: wenn du da hinein gehst, wirst du viele schöne Pferde sehen. Nimm aber keines von den schönen, sondern das schlechteste und magerste von allen nimm, das ist das rechte.« Da ging der Prinz und fand alles so, wie der Wolf gesagt hatte. Als er aber unter vielen schönen Schimmeln das schlechte Pferd sah, sagte er halblaut »Himmel, das ist ein Klepper! daran könnt ich meinen Hut aufhängen; das Tier kann ja kaum stehen.« Da band er es los und wollte schon damit fort; aber noch unter der Türe kehrte er wieder um: »Auf dem Klepper kann ich ja nicht reiten: warum denn das Schlechteste nehmen, wo so viel Gutes ist?« Rasch hatte er schon ein anderes ergriffen und wollte damit fort; aber da entstand ein Höllenlärm: hundert Hunde packten ihn und fort ging's zum Schloßherrn. »Wer hat dich geheißen meine Pferde stehlen, du Landstreicher!« fuhr der ihn an. Da stand der Prinz wieder als Dieb da und mußte seine Geschichte erzählen, damit er nur davon käme. Da lachte ihn der Herr aus, und die Diener halfen dabei; zuletzt sprach aber jener: »Mir liegt nicht so viel an dem Roß und wollte, es dir schon geben, wenn du mir die schönste Frau, die auf der Welt zu finden, herbeibrächtest«. – »So einen folgsamen und klugen Prinzen wie du bist, wird man nicht leicht finden«, sagte der Wolf, als er ohne das Roß zu ihm zurückkam. Der Prinz wußte nicht, was er sagen sollte, und mußte sich nun wieder auf des Wolfes Rücken setzen. Über Stock und Stein ging es nun fort, bis sie nach drei Tagen wieder vor dem Thor eines schönen Schlosses hielten, wo der Prinz absteigen mußte. »Geh jetzt hinauf in's Schloß,« sprach der Wolf, »und durch alle Zimmer, bis du in eines kommst wo du zwei Frauen schlafend findest: eine ist schwarz wie die Nacht, die andere weiß[278] und schön wie der Tag. Die Schwarze mußt du nehmen, sonst helfe dir wer kann, ich kann's nimmer!« Da ging der Prinz auf das Schloß und kam durch viele Säle und Zimmer und fand auch endlich das, worin zwei Frauen schliefen. Die eine war schwarz wie die Nacht, die andere schön wie der Tag. Der Prinz wußte sich nicht zu helfen und stand lange unschlüssig. »Soll ich die Schwarze nehmen oder nicht? Pfui tausend! Aber wenn ich sie nicht nehme, ist's aus: was thut dann mein blinder Vater? Ja, ich nehme die Schwarze.« Sein Entschluß stand fest, er nahm die Schwarze bei der Hand: sie stand auf und folgte ihm. Als sie aber vor dem Schloßtor waren, wurde sie so schön wie der helle Tag, noch schöner als die andere gewesen war; sie dankte auch dem Prinzen, daß er sie erlöst habe. Nun trippelte auch der Wolf daher und sprach ihr zu, sich nicht zu fürchten, und den Prinzen lobte er, daß er diesmal die Probe bestanden habe. Dann nahm er sie beide auf den Rücken und trug sie zu dem Schlosse, wo das windschnelle Pferd war. Da ging der Prinz mit der Jungfrau zu dem Schloßherrn und sagte: »Hier ist die Schönste auf der Welt: jetzt halte dein Versprechen!« Da hieß der Herr das Pferd in den Schloßhof führen; der Prinz aber stellte sich als traue er ihm nicht recht und sagte: »Wer weiß, ob das der windschnelle Schimmel ist; ich will ihn erst probieren.« Alsbald schwang er sich mit der Jungfrau auf und das Roß ward nun schön und groß und im nämlichen Augenblicke standen sie vor dem Schlosse, wo der Vogel Phönix war. Als er hier einritt, stand der Schloßherr gerade am Fenster. »Hier ist das Roß, das du verlangt hast,« rief ihm der Prinz hinauf, »jetzt gib mir den Vogel.« Da kam der Herr hinab mit dem Vogel und hieß den Prinzen absteigen. »Nein,« sagte er, »das thu' ich nicht, du könntest Roß und Vogel für dich behalten. Das ist ja wohl auch nicht der rechte Phönix, laß sehen.«[279] Der Herr reichte ihm den Vogel. »Ja, das ist schon der rechte; schönen Dank!« und spornstreichs war der Königssohn mit Roß und Jungfrau und Vogel davon. Sie ritten oder vielmehr flogen nun fort, bis sie in den Wald kamen, wo der Wolf dem Königssohn begegnet war. »Hier bleib ich zurück,« sagte der Wolf, »weißt du, wer ich bin?« »Wie könnt ich das wissen?« »Ich bin der Geist des Toten, den du losgekauft und jetzt erlöst hast. Siehst du nun, daß es dein Schade nicht war? Wenn du nun bald in die Stadt kommst, so laß dir ja nicht einfallen, Galgenfleisch zu kaufen.« »Wo denkst du hin, Wolf? wie würd' ich das wohl?« »Kauf kein Fleisch vom Galgen! das sag ich dir,« rief der Wolf noch einmal und verschwand. Da ritt der Prinz nach der Stadt und wie er an das Tor kam, sah er eine große Menge Menschen und hörte, da sollten zwei Lumpen, gar nasse Brüder, hingerichtet werden, die alles verjubelt hätten. Als der Wagen herbei kam, worauf die Missetäter saßen, gruselte es dem Prinzen vom Kopf bis zu den Zehen, denn er erkannte seine beiden Brüder. Da war es sein erstes, sie loszukaufen und neu zu kleiden; dann setzte er sich mit ihnen auf das windschnelle Roß und ritt nach der Heimat. Unterwegs stieß der eine Bruder den andern an und flüsterte ihm zu: »Wir müssen uns schämen vor dem Vater, daß unser jüngster Bruder alles gewonnen hat und wir nichts, das wird uns Reich und Thron kosten. Du bist der Älteste, dir gebührt es. Geh, wir schneiden dem Jungen den Hals ab und verbergen ihn dort unter dem Laubhaufen; dann bringen wir dem Vater den Vogel und nehmen Roß und Jungfrau für uns.« »Das ist wahr,« sagte der ältere, »der Milchbart darf nicht König werden!« Da schnitten sie dem Jüngern, der sich nichts Böses versah, in den Hals und warfen ihn unter den Laubhaufen. Als sie nun in die Hauptstadt kamen und dem blinden König den Wundervogel brachten, freute er[280] sich sehr; aber seine Freude war bald in Trauer verkehrt, weil der jüngste Sohn nicht mitgekommen war und der Phönix nicht singen wollte und so zerrupft im Käfig saß. Unterdes hatte der treue Wolf den jüngsten Bruder unter dem Laube hervorgescharrt; er war auch noch nicht todt und als der Wolf seine Halswunde beleckt hatte, stand er gesund wieder auf. »Gelt! wieder nicht gefolgt,« sagte der Wolf, »mußtest du doch Galgenfleisch kaufen! Jetzt geh nur schnell heim, daß dein Vater wieder sehend werde; deine Brüder aber laß nur gleich an den Galgen hängen, denn dahin gehören sie.« Der Prinz dankte dem Wolf und ging ganz traurig auf die Hauptstadt zu und in das Schloß seines Vaters, und als er die Zimmertüre öffnete, fing der Phönix wunderschön zu singen an und war auch wieder so schön, als er gewesen war. Im nämlichen Augenblick erhielt auch der König sein Augenlicht wieder. Als sie den Vogel singen hörten, sprangen auch die beiden Brüder herein; aber sie erblaßten, als sie den jüngsten wieder sahen und hatten auch Grund dazu, denn als durch die Erzählung des Prinzen ihre Schuld an den Tag kam, ließ der König sie hinrichten. Dann hielt der Prinz Hochzeit mit der erlösten Jungfrau; und dabei hätten wir auch wohl sein mögen, nicht wahr? Ja, bei der Hochzeit schon; aber bei der Hinrichtung nicht!


(Meran.)

Quelle:
Zingerle, Ignaz Vinc. und Josef: Kinder- und Hausmärchen aus Tirol. Innsbruck: Schwick, 1911, S. 274-281.
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