Das Kind des Sultans und das Kind des Häuptlings.1

[111] Es war einmal ein Sultan und ein Häuptling. Der Sultan hatte eine Tochter und der Häuptling hatte sieben Söhne. Letztere waren mit Ausnahme des Aeltesten alle verheiratet.

Der Sultan war in seiner Stadt ein grosser Fürst. Der Häuptling war der einzige Grosse in seinem Orte; Der Sultan liebte ihn und machte ihn zu seinem Vezier, So standen er und seine Kinder in Diensten des Sultans.

Der älteste Sohn des Häuptlings erfuhr nun, dass der Sultan eine Tochter namens Miza habe. Die Beschäftigung des jungen Mannes bestand darin, jeden Tag in den Wald zu gehen, um Vögel zu schiessen. Als er sich eines Tages in den Wald begab, kam er an eine Stelle, wo ein grosser Wasserteich war. Da fand er ein Haar, das sehr lang war, wohl an zwei Ellen lang, und er faltete es zusammen und nahm es mit sich. Als er mit demselben zu Hause ankam, begab er sich sofort ins Haus und legte sich schlafen.[111]

Seine Sklaven wunderten sich, dass ihr Herr heute so früh nach Hause zurückgekommen war; gewöhnlich kehrte er, wenn er Vögel schiessen ging, erst gegen Abend zurück, heute war er so früh heimgekehrt und hatte sich sofort schweigend hineinbegeben. Die Sklavinnen sprachen zu seinem Vater: »Der junge Herr ist dort drin, er ist früh hineingegangen, was fehlt ihm? sieh doch nach, gehe hin und frage ihn, Herr!«

Er begab sich hinein und fragte ihn: »Was fehlt Dir mein Sohn? Hast Du Kopfschmerzen, so wollen wir Dir ein Bananenblatt umbinden, hast Du Fieber, so wollen wir Kohlen herbeiholen, um Dich zu erwärmen.« Der junge Mann antwortete seinem Vater: »Ich habe keine Kopfschmerzen, noch habe ich Fieber. Ich ging dort spazieren und fand einen Korb mit Schönfärbemittel und doch waren es keine, noch waren es Granatäpfel! Verschafft mir die Miza und verheiratet mich mit ihr! Sie ist nicht zu haben, die Miza, ich soll sie nicht haben, die Thüren bei ihr sind geschlossen, mit Schwert und Schild in der Hand wird sie bewacht.«

Sein Vater verliess ihn und begab sich zu seiner Frau und sagte: »Hast Du die Angelegenheit unseres jungen Herrn vernommen? Er will die Tochter des Sultans heiraten, ich fürchte mich, ich kann nicht hingehen und um sie werben; ich fürchte mich, denn wir sind arm, der Sultan hingegen ist ein grosser Mann und ein reicher Fürst. Unser Sohn hat etwas Gefährliches im Sinne, geh und suche ihn auf.«

Des Häuptlings Sohn war sehr betrübt und verliess das Haus nicht. Jene Miza aber hatte erfahren, dass der Sohn des Häuptlings sich um sie bewarb. Sie konnte Koran lesen und kannte die Auslegung desselben. Auch von der weltlichen Wissenschaft hatte[112] sie Kenntnis und sie sah in ihrem Zauberwerk nach und fand, dass des Häuptlings Sohn sie zur Frau haben wollte. Dieser war sehr krank, so dass er nichts essen wollte wegen der Sultanstochter. »Ich muss sie besitzen, ich will sie heiraten«, sagte er.

Die Sultanstochter erhielt gewöhnlich Essen für einen ganzen Monat, sowie Brennholz und Wasser für einen Monat, überhaupt alles, und Zuthaten zu den Speisen gleichfalls für einen Monat. So blieb sie für gewöhnlich dort oben in ihrem Zimmer, ohne je herunter zu kommen. Eines Tages sagte sie zu ihrer Sklavin: »Geh zum Sohn jenes armen Häuptlings, sage ihm, er solle wieder mit Freuden sein Essen zu sich nehmen; wenn er mich zu sehen wünsche, so würde ich abends um die zweite Stunde kommen.«

Die Sklavin stand auf und ging hin, um die Nachricht dem jungen Manne, dem Sohne des Häuptlings, zu überbringen, und sie teilte es ihm so mit, wie es ihr ihre Herrin gesagt hatte. Dieser freute sich sehr und sprach zu ihr: »Ist es denn wahr, dass Deine Herrin heute kommen wird?« Sie sagte: »Sie wird kommen.« Da war seine Freude gross, und er wartete bis abends um die zweite Stunde. Die Sultanstochter liess sich in einem Korb oben vom Hause herab und stieg mit ihrer Sklavin herunter und trat in jenes Haus ein; der junge Mann war ausser sich vor Freude, So blieben sie zehn Tage beisammen.

Als der Sohn des Häuptlings mit seinem Vater zusammen traf, wunderte sich dieser und sprach: »Wie kommt es nur, dass mein Sohn so freudig gestimmt ist?« Am elften Tage jedoch nahm die Sultanstochter Abschied von ihm und sagte: »Ich gehe jetzt wieder, sei vernünftig, ich bin das Kind eines Sultans und[113] nicht Deinesgleichen. Du wirst mich nie zur Frau erhalten, wir haben so zusammen gelebt, aber zur Heirat bekommst Du mich nicht; es ist ein grosses Glück für Dich, dass ich zu Dir ins Haus gekommen bin. Jetzt aber werde ich fortgehen, lebe wohl.«

Um die vierte Stunde abends langte sie zu Hause an. Ihre Sklavinnen sahen ihre Herrin, liessen den Korb herab, in welchen sie einstieg, und sie zogen sie hoch bis sie oben ankam; dann liess sie sich dort wieder nieder. Ihr Vater dachte nicht anders als »mein Kind ist dort oben«, wo sollte sie auch hingehen? Am vierzehnten Tage kam sie, um ihren Vater unten zu besuchen, dann kehrte sie zurück und blieb daselbst.

Der junge Mann war wiederum in seinen Gram verfallen. Da sprach er zu seiner Mutter: »Mache mir Mundvorrat für die Reise zurecht.« Sie buck ihm viel Brot, dann sattelte er sein Pferd und bestieg dasselbe. Seinen Eltern sagte er beim Abschied: »Vater, lebe wohl, Mutter, lebe wohl, ich gehe meiner Wege, ich komme nicht wieder«.

So brach er auf und zog seiner Wege, bis er an einem grossen Baume anlangte, den er erkletterte, um zu sehen, wohin er sich wenden solle. Da sah er in weiter Ferne eine Stadt; in derselben waren keine Menschen, es waren alle gestorben, nur ein Ungeheuer hauste dort.

Der junge Mann ging weiter und gebrauchte sieben Tage, um durch dieses Land zu ziehen. Als er im Hofe des grossen Hauses, wo das Ungeheuer hauste, ankam, sprach dasselbe: »Wer bist Du?« Der junge Mann erwiderte: »Ich bins«. Das Ungeheuer sprach: »Komm und iss, damit Du gesättigt bist und ich Dich nachher verschlingen kann.« Der junge Mann erwiderte: »Wirst[114] Du mich verschlingen können?« »Ich werde Dich verschlingen«, sagte dieses, »lass Deine Unverschämtheiten, Du junger Mann, hier waren viele Leute in dieser Stadt, ich habe sie alle verschlungen. Da Du doch nur einer bist, wirst Du mich etwa besiegen können?« Er antwortete: »Komm her und verschlinge mich, wenn Du kannst!« Das Ungeheuer sprach: »Warte nur, ich komme, halte Dich bereit.«

Das Ungeheuer kam heraus und ging auf ihn zu, und es hatte sieben Köpfe, sieben Füsse und sieben Hände. Als es auf ihn los sprang, zog der junge Mann sein Schwert und schlug ihm zwei Köpfe und zwei Hände ab. Das Ungeheuer sprach: »Du hast zwei Köpfe und zwei Hände abgehauen, aber es sind noch fünf Köpfe und fünf Hände da«. Er erwiderte: »So komm heran«. Das Ungeheuer sprang wieder auf ihn los und er schlug ihm weitere zwei Köpfe und zwei Hände ab und liess sie herunterfallen; es blieben noch drei Köpfe und drei Hände übrig. Da sagte es: »Ah, was hast Du gemacht, warte, ich komme schon.« »Heute wirst Du noch sterben, Du Ungeheuer«, erwiderte der junge Mann. Als es wieder auf ihn eindrang, schlug er ihm alle drei Köpfe und Hände ab und das Ungeheuer fiel zu Boden.

Er selbst war müde geworden und hatte einigen Schaden gelitten, so dass ihm das Bewusstsein schwand und auch er zu Boden sank. Erst um die elfte Stunde, als es kühl geworden, kam er wieder zu sich. Dann stand er auf, nahm sein Schwert und schlug das Ungeheuer, das bereits tot war; er schlug drauf los, da es ihn hatte töten wollen. Als er so draufschlug, kam ein Mann nach dem andern aus dem Ungeheuer heraus, eine Menge Leute krochen aus dem Bauche des[115] Ungeheuers hervor; die Leute aus jener Stadt kamen alle wieder zu Tage. Sogar ihr Sultan und seine Kinder sowie Ziegen, Rinder und Esel stiegen aus dem Ungeheuer hervor.

Schliesslich kroch ein Comore2 heraus, als er auf das Ungeheuer schlug. Beim Herauskriechen hatte ihm das Schwert etwas vom kleinen Finger abgehauen; das ärgerte den Comoren sehr und er sagte: »Was hast Du mich zu hauen? ich werde Dir dasselbe abschlagen!« Die anwesenden Leute sprachen: »Seht doch den an! Dieser hat uns alle errettet, wir wären sonst im Leibe des Ungeheuers umgekommen, aber er hat uns herausgezogen! Wenn Du ihn schlagen willst, so schlage uns lieber, schlage wen Du willst, selbst den Sultan, aber diesen schlage nicht.« Der Comore erwiderte: »Ich will nicht, ich werde gerade den hier schlagen.« »Lasst ihn nur los, damit er mich schlage«, erwiderte der junge Mann, »aber wenn wir hier kämpfen, wirst Du ein Mann des Todes sein, gehen wir lieber in den Wald unsere Sache ausfechten«. »Gut, gehen wir.« Sie begaben sich zum Walde.

Jener junge Mann aber sprach zu dem Comoren: »Lass uns nicht mit dem Schwerte kämpfen, nehmen wir den Stock zur Hand«. »So sei es«, erwiderte der Comore. Sie kämpften miteinander und der Comore bekam fürchterliche Hiebe, so dass sich der Stock bog; und er fiel hin und verlor die Besinnung.

Als der junge Mann zur Stadt zurückkehrte, wurde er gefragt: »Wo ist der Comore?« Er sprach: »Ich[116] habe ihn getötet«. »Das wussten wir schon lange, dass es um ihn geschehen sei«, erwiderten die Leute. Dann kehrte der Jüngling zum Walde zurück, nahm seine Zauber-Besprechungen an dem Comoren vor und brachte ihn wieder zu sich. Da sprach jener: »Herr, ich bereue es!« »Gut, so gehe Deiner Wege, meine Erlaubnis hast Du«, erwiderte jener.

Der Sultan gab nun bekannt, dass alle Leute sich versammeln sollten. Auch jener Jüngling kam. Als er angekommen war, sprach der Sultan: »Du bist der Mächtige, Du bist jetzt Sultan, es giebt keinen andern Sultan ausser Dir, ich bin nur wie jeder erwachsene Mann und unterstehe Dir.« Er weigerte sich jedoch und sprach: »Ich kann die Sultanswürde nicht annehmen.« Aber alle Leute in der Stadt sagten: »Du bist unser Herr, Du bist unser Sultan.« Der Jüngling fand keinen Ausweg mehr es abzulehnen. So blieb er denn. Nach Verlauf von einem Monat gab ihm der Sultan seine Tochter zur Frau und er heiratete sie. Und jener Sultan gab einen Teil seines Landes seiner Tochter, den andern seinem Schwiegersohne.

So übte er sechs Monate lang die Herrschaft aus, dann sagte er: »Ich will in meine Heimat zurück, mein Schwiegervater.« »So gehe«, erwiderte dieser. Er nahm hundert Soldaten mit auf die Reise, ferner seinen Esel und sein Pferd und zehn Sklavinnen und zwanzig junge Sklaven; auch seine Frau nahm zehn Sklavinnen mit. So zogen der junge Mann und seine Frau aus, um seinen Vater und seine Mutter aufzusuchen.

Als sie sich der Stadt näherten, schössen sie ihre Flinten ab. Der Sultan dieser Stadt war überrascht und schickte seine Soldaten aus: »Schaut, was das[117] Schiessen bedeutet?« Der Sohn des Häuptlings, der seiner Zeit aus dieser Stadt ausgezogen war, sprach: »Ich, des Häuptlings Sohn, bin gekommen, um meinen Vater zu besuchen.« Die Soldaten kehrten zurück, um dem Sultan die Antwort zu bringen, und sagten: »Der Sohn des Häuptlings ist gekommen, um seinen Vater zu besuchen«. Vater und Mutter freuten sich sehr, dass ihr Sohn zurückgekommen war.

Auch die Tochter des Sultans, Miza, erfuhr, dass des Häuptlings Sohn zurückgekommen und sie sprach zu ihrem Vater: »Vater, ich will des Häuptlings Sohn zum Manne, einen anderen Mann will ich auf keinen Fall«. »Es ist gut«, erwiderte er. Es wurde jemand zum Häuptling geschickt, um ihn herbeizurufen. Als er kam, sprach der Sultan zu ihm: »Willst Du, dass meine Tochter Deinen Sohn heirate? Sage Deine Meinung, bist Du einverstanden?« Der Häuptling erwiderte: »Ich willige ein, Sultan.«

Dann ging der Vater zu seinem Sohne und sprach: »Der Sultan will Dir seine Tochter zur Frau geben, nämlich jene, die Du früher begehrt hast.« Der junge Mann bezwang sich und sagte: »Jetzt will ich sie nicht mehr, ich habe eine hübsche Frau dort bekommen und die Sultansherrschaft und viel Vermögen dazu, ich mag sie nicht mehr.« Sein Vater setzte ihm aber so lange zu, bis er schliesslich einwilligte.

Er verheiratete sich mit jener Sültanstochter Miza und so wurde des Häuptlings Sohn ihr Mann. Sie verweilten lange Zeit dort, dann nahm er Abschied, um dorthin, wo er die Sultansherrschaft erhalten hatte, zurückzukehren. Daselbst liess er sich mit seinen Frauen nieder und sie schenkten ihm Mädchen und Knaben und sie lebten in Ruhe und Frieden.

1

Diese Erzählung hat in ihrem Anfang Aehnlichkeit mit »Kibwana und die junge Herrin«.

2

Bewohner der Comoren-Inseln, die in Ostafrika als Diener zahlreich vertreten und im allgemeinen bei den Suaheli wenig beliebt sind.

Quelle:
Velten, C[arl]: Märchen und Erzählungen der Suaheli. Stuttgart/Berlin: W. Spemann, 1898, S. 111-118.
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