Kibwana1 und die junge Herrin.

[54] In einem Lande wohnte ein armer Mann mit seiner Frau und sie gebar ihm einen Sohn. In demselben Lande war auch ein Sultan, dessen Frau eine Tochter geboren hatte.

Sie lebten viele Tage, Monate und Jahre, bis der Knabe herangewachsen und ein junger Mann geworden war. Auch die Tochter des Sultans war zur Jungfrau herangereift und ein Jahr darauf völlig erwachsen. Alle ihre Sklavinnen waren des Lobes voll, so schön wie die Tochter ihres Herrn war keine andere.

Der Sohn jenes Armen hiess Kibwana. Genug, jene Sklavinnen pflegten jeden Tag zu sagen: »Wenn doch unsere junge Herrin einen solch schmucken Mann bekommen würde wie den Kibwana, den Sohn des Armen.« Er war nämlich ein sehr schmucker junger Mann.

Eines Tages sprachen jene Sklavenmädchen zu ihrer Herrin: »Herrin, dort ist ein sehr schöner junger Mann.« Sie sagte: »Wo wohnt er?« Sie erwiderten: »Herrin, er wohnt hier in der Stadt und ist der Sohn eines Armen.«

Und jener Kibwana verweigerte, seit er diese junge Herrin gesehen, jegliche Nahrung. Seine Mutter und[54] sein Vater fragten ihn: »Kibwana, was fehlt Dir? Hast Du Kopfschmerzen? Hast Du Fieber?« Kibwana antwortete ihnen: »Ich habe weder Fieber noch Kopfschmerzen, aber dort ist ein sehr schönes Mädchen, das ich liebe.« So sprach Kibwana jeden Tag. Sein Vater pflegte ihm dann zu sagen: »O mein Sohn, wirst Du Vernunft annehmen? Sie werden Dich fortschleppen und töten, dieses Kind ist die Tochter eines Sultans, mach Dich nicht zum Spotte anderer.«

Des Sultans Tochter hatte erfahren, dass der Sohn des Armen sich nach ihr sehne und sie heiraten wolle. In ihrem Herzen liebte auch sie ihn, aber wie würde sie ihn heiraten können?

Sie bekam für gewöhnlich was sie an Essen zu ihrem Lebensunterhalt bedurfte sowie die Zuthaten2 dazu und Brennholz, Wasser und Reis, überhaupt jeglichen Vorrat an Verbrauchsgegenständen auf sechzig Tage im voraus. Dann schloss sie sich für einen vollen Monat ein; ihr Vater fragte nicht weiter nach ihr.

In diesen Tagen ging sie nun aus, um ihren Vater zu begrüssen und erbat sich ihren Vorrat in gleicher Weise für zwei Monate. Sie bekam alles, ging nach Hause und schloss sich oben in ihrer Wohnung ein.

Eines Tages liessen die Sklavenmädchen ihre Herrin in einem Korbe herab und sie stieg aus und begab sich zu dem Hause jenes jungen Mannes und rief hodi3. Er antwortete ihr und öffnete die Thüre. Da trat sie ein, näherte sich ihm und setzte sich.

Der junge Mann freute sich sehr, als er sie sah. Sie verbrachten nun anderthalb Monate zusammen.[55] Eines Tages aber sprach die junge Herrin zu ihm: »Ich bin nicht Deinesgleichen, ich bin nur gekommen, um Dich zu besuchen. Beschäftige Dich nicht zu sehr in Deinem Herzen mit mir, denn ich bin die Tochter des Sultans; wenn er dergleichen von Dir hören wird, wird er Dich töten.«

Sie verliess ihn und ging nach Hause. Als die Sklavenmädchen ihre Herrin kommen sahen, liessen sie den Korb herunter. Sobald dies geschehen, setzte sie sich in den Korb und sie zogen sie wieder in die Höhe.

Kibwana verweilte noch längere Zeit im Orte, Eines Tages jedoch nach reiflicher Ueberlegung sprach er zu seiner Mutter: »Mache mir Brote für die Reise zurecht, morgen, so Gott will, muss ich aufbrechen.« Er stand auf und begab sich nach seinem Hause. Es waren sechs Tage verflossen, seit das junge Mädchen ihn verlassen hatte.

Kibwana zog seines Weges, bis er an einen grossen Baum gelangte; dort liess er sich nieder, um auszuruhen. Später kletterte er auf den Baum und entdeckte an einem fernliegenden Orte eine Frau, welche in der Nähe eines Wasserteiches stand. Die Frau war alt; sie hatte sich hingesetzt, da sie müde war. Kibwana begab sich zu ihr hin. Als sie ihn sah, sprach sie: »Wozu bist Du hierher gekommen?« Er antwortete: »O Mütterchen Du, Du kennst mein Leid! Was fragst Du mich noch?« Sie erwiderte: »Du wirst wieder gesund werden, so Gott will.«

Genug, sie zogen nun beide weiter, bis sie in der Ferne eine Stadt erblickten. Dort angekommen, liessen sie sich nieder und lebten viele Tage in der Stadt. Eines Tages sagte die Alte zu ihm: »Ich werde zurückkehren.« Er erwiderte: »Wenn Du jetzt zurückgehst,[56] werde ich Dich nie wieder treffen, gieb mir Deinen Rat, was ich ferner thun soll.« Sie sprach: »Ich werde Dir ein Mittel geben, dass Du Dich in eine Taube verwandeln und in die Löcher der Steinhäuser verstecken kannst; wenn Du einen andern verwandeln willst, so sprich: ›Ich will es‹, sofort ist auch er verwandelt; sagst Du dann ›ich will es‹, so wirst Du in eine Katze verwandelt; ist noch ein anderer Mensch da und Du sagst ›ich will es‹, so wird dieser in einen Leoparden verwandelt, während Du wieder Mensch geworden bist. Ergreife alsdann eine Flinte, gehe auf den Leoparden zu und töte ihn. Das ist mein Zaubermittel, welches ich Dir gebe. So, nun ziehe ich meiner Wege.«

Auch Kibwana ging heimwärts, bis er zum Hause seines Vaters gelangte. Dieser hatte keine Kunde davon, dass sein Sohn auf seiner Reise so weit gekommen war. Als er seinen Vater begrüsst hatte, begab er sich nach seinem eigenen Hause.

Eines Tages kam jene junge Herrin, seine frühere Geliebte, vorüber; sie ging spazieren. Da verwandelte er sich plötzlich in eine Taube, flog auf sie zu und verwandelte auch sie in eine Taube und spielte mit ihr. Als der Mann, welcher die Herrin bewachend begleitete, die beiden Tauben sah, wunderte er sich sehr. Plötzlich bemerkte er eine Katze und er selbst war in einen Leoparden verwandelt. Kibwana war wieder in einen Menschen verwandelt, ergriff eine Flinte, traf den Leoparden und tötete ihn. Unterdes hatte die andere Taube sich wieder in die junge Herrin verwandelt.

Jener Sultan, ihr Vater, hatte einst das Gelübde gethan: »Ich werde meine Tochter nur einem tapfern Mann zu Frau geben.« Als er von der That des Kibwana erfuhr, schickte er jemand hin, um ihn herbeizurufen.[57] Sobald Kibwana angekommen war, gab er ihm seine Tochter zur Frau und bereitete selbst die Heirat vor. Die junge Frau aber sprach nicht mehr von dem Sohne des »Armen«, solche Worte gab es nicht mehr.

Nachdem Kibwana geheiratet hatte, erhielt er die Herrschaft. Er und sein Vater und seine Mutter und seine ganze Verwandtschaft in der Stadt lebten fortan in Ruhe und Frieden.

1

Kibwana, wörtlich »der junge Herr«, wird gewöhnlich der älteste Sohn bei den Suaheli genannt.

2

Unter Zuthaten versteht man gewöhnlich Fleisch, Fisch oder Sauce zu dem üblichen Reisgerichte.

3

Unserm Anklopfen entsprechend.

Quelle:
Velten, C[arl]: Märchen und Erzählungen der Suaheli. Stuttgart/Berlin: W. Spemann, 1898, S. 54-58.
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