1. Muhammed der Sohn der Wittwe.

[2] Es war einmal ein König, der herrschte in seinem Reiche; er starb und liess seine Gemahlin guter Hoffnung hier zurück. Sie bat Gott, er möge ihr einen Sohn schenken; wenn sie ein Kind zur Welt bringe, so möge es doch ein (starker) Sohn sein, der das Besitztum seines Vaters in einem Jahre aufzehren könne. Sie gebar einen Sohn; man nannte ihn Muhammed, den Sohn der Wittwe. Er verzehrte das gesamte Besitztum seines Täters innerhalb eines Jahres. Als das Besitztum seines Vaters zu Ende war, da fand er nichts mehr zu essen. Er ging aus und traf einen Bäcker; er sprach zu ihm: »Gieb mir Brot zu essen!« Der Bäcker gab ihm welches, und er ass es. Jener bat ihn um das Geld, doch er entgegnete: »Ich habe kein Geld.« Er schlug und tötete den Bäcker. Die Leute hörten hiervon, und die Kunde gelangte zu dem Herrscher. Man kam, um Muhammed vor den Herrscher zu bringen; er aber schlug drei von den Dienern des Herrschers und tötete sie; einer entkam. Der Herrscher hörte dies und sprach: »Habe ich denn niemanden bei mir?« Er sandte eine Abteilung Soldaten gegen ihn, um ihn einzubringen. Man sprach zu ihm: »Auf, du musst zum Herrscher kommen, du hast Menschen getötet!« Er erwiderte jenen: »Ich kenne keinen Herrscher; wer ist denn das?« Man sprach zu ihm: »Wie kannst du nur sagen, du kennest den Herrscher nicht!« Da befahl der Offizier seinen Leuten: »Nehmt ihn mit Gewalt fest!« Jene kamen und wollten ihn festnehmen, er aber tötete sie; er tötete von ihnen die eine Hälfte, die andere Hälfte entkam; letztere begaben sich zum Herrscher, um ihn über das Geschehene zu benachrichtigen. Der Herrscher hörte alles und blickte seinen Wesir an. Der Wesir sprach: »Lass mich ihn mit eigenen Augen sehen, und dann will ich kommen und dir Bescheid sagen!« Der Wesir begab sich zu Muhammed und sah ihn; dann ging er wieder zum Fürsten,[3] um ihm Bericht zu erstatten. Er sprach zum Fürsten: »Mein Herr, wir alle, ich und du und das Gefolge, müssen uns zu Rosse setzen und zu ihm ziehen, um ihn auf irgend eine bessre Art und Weise in unsere Hand zu bekommen; sonst vernichtet er noch alle Leute und bleibt allein, wie ein Menschenfresser, im Lande.«

Der Herrscher stieg zu Rosse und begab sich zu Muhammed, dem Sohn der Wittwe; er gelangte zu ihm. Der Fürst stieg vor ihm ab und sprach zu ihm: »Du bist ausgemachtermassen mein Sohn, und dies alles überall hier ist das Besitztum deines Vaters! Komm zu mir und zehre nur ruhig meinen Besitz auf; seid meine Zeugen, ihr Leute: er ist mein Sohn von jetzt an!« Muhammed ging mit zum Fürsten; jener brachte ihn im Palast unter. Er bedeutete den Koch und sagte zu ihm: »Was jener verlangt, das gieb ihm nur!« Muhammed sprach: »Bring mir eine Mahlzeit!« Der Koch brachte ihm eine Mahlzeit; er ass sie ganz auf und wurde doch nicht satt. Er sagte: »Gieb mir mehr!« Der Koch gab ihm auch das Essen, das für den Herrscher bestimmt war. Das ass er auch ganz auf. Die Kunde hiervon gelangte zum Herrscher; man sprach zu ihm: »Alle Speisen sind aufgezehrt.« Der Herrscher erwiderte: »Gebt ihm nur noch mehr zu essen! Heute habe ich vier Zentner Fleisch gekauft, doch morgen müsst ihr acht kaufen!« Sie gaben ihm nun zweimal soviel, wie sie für ihn tagsvorher gekocht hatten. Als dem Herrscher ein Jahr zu Ende ging, da waren seine Mittel erschöpft. Er sprach zum Wesir: »Rate mir, was ich thun soll! Dieser Mensch hat uns arm gemacht und unsern Besitz durch seine Fresserei aufgezehrt. Jetzt ist er ja noch jung, aber wenn er älter wird, wie dann?« Der Wesir blickte den Herrscher an und sagte zu ihm: »Ich will dir raten. Lass uns also auf die Jagd gehen, damit wir ihn aus der Stadt haben, – denn sonst tötet er uns alle –; währenddem soll man in der Stadt ausrufen: ›Wer Muhammed den Sohn der Wittwe tötet, dem gebe ich (der König) meine Tochter und die Hälfte meiner Herrschaft!‹« Der Wesir kam zu Muhammed, dem Sohn der Wittwe mit der Aufforderung: »Lass uns ein wenig draussen auf die Jagd gehen!« Man brachte Muhammed ein Ross, er stieg auf, sowie der Wesir, und so zog man auf die Jagd. Unterdessen rief man in der Stadt aus: »Wer Muhammed den Sohn der Wittwe tötet, dem gebe ich meine Tochter und die Hälfte meiner Herrschaft!« Da kam ein armer Schlucker daher, der dachte: »Wenn ich ihn töte, habe ich gut Sein, und wenn ich bei der Sache umkomme, dann ist's auch[4] recht!« Er erklärte: »Ich werde ihn töten!« Als man von der Jagd zurückkehrte, da stellte sich dem Muhammed jener Mensch, der ihn töten wollte, mit dem Schwerte entgegen. Er aber rief ihm zu: »Nur gemach, du Menschenangreifer! Wo steht dir der Kopf? (Besser,) du hättest nicht Vater und Mutter!« Dann begab sich Muhammed ärgerlich nach Hause. Man setzte ihm Essen vor, er aber wollte nichts gemessen. Er sprach: »Rufet den Fürsten!« Der Fürst kam; Muhammed sprach zu ihm: »Bist du mein Vater oder bist du es nicht?« Der Fürst erwiderte ihm: »Ich bin nicht dein Vater; als ich dich in der Stadt fand, wie du Unheil anrichtetest und Menschen tötetest, habe ich dich als meinen Sohn zu mir genommen.« Muhammed erwiderte ihm: »Wenn du nicht mein Vater bist, bleibe ich nicht in diesem Lande, sondern wandre aus.« Man brachte ihm ein Ross; er bestieg dasselbe und verliess die Stadt.

Muhammed begann nun umherzuziehen; er durch zog vierzehn Tage lang die Wüste; da sah er einen Reiter herankommen. Er fragte denselben: »Wohin reisest du, was ist's mit dir?« Jener entgegnete: »Ich bin vierzehn Tage durch die Wüste gereist, ohne einen Reiter zu sehen, der einhergezogen wäre, noch einen Vogel zu sehen, der einhergeflogen wäre.« Der Reiter blickte Muhammed an und fuhr fort: »Wie ist dein Name?« Muhammed sagte ihm seinen Namen. »Und wie ist dein Name?« fragte er. Jener erwiderte: »Mein Name ist Gergäb Eldschebäl (d.i. Bergroller); wohlan, lass uns Brüderschaft schliessen und zusammen speisen; dann wollen wir nach dem Orte, wo du warst, zusammen zurückkehren!« Da stiess zu ihnen noch ein Reiter, der sprach zu ihnen: »Nun, wohin geht es?« Sie fragten ihn ihrerseits: »Wohin ziehst du, Reiter?« Er entgegnete ihnen: »Ich habe meine Heimat satt bekommen und habe mir vorgenommen, bis ans Ende der Welt zu ziehen. In einer Einöde habe ich ein Schloss gesehen und habe zwanzig Tage an dem Thore gesessen, ohne einen Menschen oder Geist zu erblicken.« Die beiden andern sprachen zu ihm: »Auf, dann gehe mit uns nach diesem Schlosse, damit wir es uns ansehen!« Sie begaben sich mit ihm hin, gelangten an das Thor, des Schlosses und blieben vor dem Thore des Schlosses drei Tage, ohne irgend jemand zu Gesicht zu bekommen. Muhammed der Sohn der Wittwe sah sie an und sprach zu ihnen: »In diesem Schlosse befindet sich nichts; lasst uns in dasselbe hinaufgehen und es betrachten!« Die beiden anderen erwiderten ihm: »Wir gehen nicht hinauf.« Er sprach: »Sollten wir Menschenfresser darin finden, nun,[5] wir sind ja selbst wahre Menschenfresser; sollten wir Löwen darin finden, nun, wir sind ja selbst wahre Löwen!« Jene beiden erwiderten ihm: »Nein, wir gehen nicht mit hinauf!« Er zog sein Schwert und stieg hinauf ins Schloss; da fand er alle guten Graben Gottes, Edelsteine, Gold und Speisen. Er kam wieder zu den beiden und sprach zu ihnen: »Lasst uns jetzt hinaufsteigen: was wir brauchen, das finden wir alles dort! Lasst uns hinaufsteigen und essen und trinken, bis wir sterben müssen!« Jetzt stiegen alle drei hinauf, kochten ihr Abendbrot und speisten, bis sie satt waren. Dann sahen sie sich an; es hiess: »Wir haben (bereits) Langeweile! Nun, wir wollen es folgendermassen halten: jeden Tag soll einer kochen, und zwei sollen auf die Jagd ausziehen.« Muhammed der Sohn der Wittwe sprach: »Wohlan, lasst uns sehen, wer zuerst hierbleiben wird!« Gergäb Eldschebäl wurde (durch das Loos) dazu bestimmt. Er band sich ein Tuch (als Schürze) um und wollte beginnen, ihr Mittagsbrot zu kochen; da erschien ihm plötzlich ein altes Weib, das sprach zu ihm: »Was hat dich hierher geführt, Gergäb Eldschebäl, was hat dich nach diesem Schlosse geführt? Dies ist mein Besitz!« Er entgegnete: »Das ist dein Besitz?« Er legte seine Hand an das Schwert, um sie zu töten, da sprang sie plötzlich auf ihn los, warf ihn zu Boden, fesselte ihn und prügelte ihn durch; sie liess ihn schwach und matt daliegen, sein Körper war ganz zerklopft von den Schlägen. Die beiden anderen kamen heim. Er aber dachte nach und sprach zu sich: »Wenn ich ihnen sage, dass ich Prügel bekommen habe, so lachen sie mich aus. Lass sie nur das kosten, was ich gekostet habe; sie sollen Prügel erhalten, wie ich welche erhalten habe!« Er sprach ferner bei sich: »Was werde ich ihnen sagen, wenn sie mich fragen, warum ich nicht das Mittagsbrot gekocht habe? Nun, ich werde ihnen sagen, ich sei auf das Dach gestiegen und heruntergestürzt, und deshalb thäte mir mein Körper weh.« Jene sprachen schliesslich: »Es thut weiter nichts, (dass du nicht gekocht hast,) wir können schon allein kochen.« Jene kochten, dann ass man zu Abend und legte sich schlafen. Am nächsten Morgen hiess es: »Fettäl Elhebäl, heute ist die Reihe an dir!« Es erging ihm wie Gergäb Eldschebäl, er erhielt ebenfalls Prügel. Als er seine Prügel erhalten hatte, dachte er bei sich: »Diese Alte hat auch Gergäb Eldschebäl durchgeprügelt, aber er schämt sich darüber und will es nicht gestehen. Ich werde es auch so machen wie er, ich werde sagen, ich sei auf das Dach gestiegen und heruntergestürzt.« Die beiden anderen[6] kehrten heim und fragten ihn: »Warum hast du kein Mittagsbrot gekocht?« Er erwiderte: »An derselbem Stelle, wo du (Gergäb Eldschebäl) gestern heruntergestürzt bist, da bin ich heute auch heruntergestürzt.«

Am folgenden Morgen hiess es: »Heute ist die Reihe an Muhammed dem Sohn der Wittwe, er muss hierbleiben und kochen.« Als nun die beiden, die Prügel bekommen hatten, draussen waren, da hiess es gegenseitig: »Was ist dir geschehen?« Die Antwort war: »Was mir geschah, das geschah auch dir!« Muhammed der Sohn der Wittwe begann bei sich nachzudenken und sprach zu sich: »Meine Gefährten sind sicher nicht vom Dache gestürzt.« Er dachte weiter nach, da erschien ihm die Alte, die wollte ihn durchprügeln wie die anderen. Sie sprach zu ihm: »Muhammed, was hat dich hierher geführt?« Er entgegnete: »Du hast also meine Genossen durchgeprügelt!« Sie wollte jetzt auf ihn losspringen und ihn festnehmen, da schlug er sie mit dem Schwerte; er schlug ihr den Kopf ab. Der Kopf fiel auf die Stufen und kollerte fort, Muhammed aber folgte dem Kopfe, bis er an einen Brunnen kam; da fiel der Kopf mitten in den Brunnen hinein, Muhammed aber blieb am Rande des Brunnens, bis seine Gefährten kamen. Die suchten nach ihm, fanden ihn aber nicht. Als sie ihn nicht finden konnten, sprachen sie: »Die Alte hat ihn getötet.« Da sahen sie das Blut; sie folgten der Blutspur, bis sie an den Rand des Brunnens kamen. Dort fanden sie Muhammed stehen. Er sprach zu ihnen: »Ach, ihr Esel, eine Alte von der Art triumphiert über euch und prügelt euch durch! Ich habe ihr den Kopf abgeschlagen. Wohlan, Fettäl Elhebäl (d.i. Seildreher), drehe mir ein Seil; der Kopf der Alten ist hier hinuntergefallen, ich muss hinab und nach ihm sehen!« Schliesslich liessen ihn die beiden in den Brunnen hinab. Er suchte nun umher; da erblickte er einen Lichtschein; er folgte diesem Scheine nach und erblickte einen Garten und in dem Garten drei Häuser. Er betrat das erste Haus und fand in demselben ein Mädchen. Die sprach zu ihm: »Muhammed, was hat dich hierhergebracht? Wir sind drei Mädchen, aber ein Teufel bewacht uns; gegen den kannst du nichts ausrichten; er wird dich töten!« Er sprach: »Zeiget mir nur den Teufel!« Jene Mädchen sprachen zu ihm: »Dort in dem Zimmer schläft er.« Muhammed begab sich nach dem Zimmer; als er die Thüre öffnete, da blies ihn jener Teufel an und wirbelte ihn empor in die Luft. Muhammed griff ihn aber von neuem an, schlug[7] und tötete ihn. Nachdem er ihn getötet hatte, befreite er die Mädchen. Er sprach: »Ich werde euch aus dem Brunnen bringen.« Sie sprachen zu ihm: »Steig du zuerst hinauf!« Er entgegnete ihnen: »Ich werde nicht zuerst hinaufsteigen, steigt ihr zunächst hinauf!« Sie sprachen: »Deine Gefährten werden dich treulos verlassen.« Er erwiderte: »Nein.« Die Mädchen sprachen: »Nun gut, da wollen wir zuerst hinaufsteigen.« Bevor sie emporstiegen, griff eine jede mit der Hand in die Tasche und übergab ihm zwei Nüsse. Dann stiegen sie empor. Als sie nach oben kamen, wurden ihrer seine Genossen ansichtig; die gerieten in Staunen. Sie fragten die Mädchen: »Ist noch jemand unten?« Die Mädchen antworteten: »Muhammed der Sohn der Wittwe.« Man liess ihm das Seil hinunter, um ihn empor zu ziehen. Als Muhammed aber bis in die Mitte des Brunnens emporgelangt war, da schnitten sie das Seil mit ihm durch. Er stürzte hinab, der Arme! Seine Genossen aber nahmen die Frauen mit sich fort. Sie sprachen unter sich: »Wohlan, lass uns nach einer Stadt ziehen; in der ersten Stadt, die uns in den Weg kommt, wollen wir bleiben!« Als sie nun die Mädchen nach einer Stadt gebracht hatten, dachten sie bei sich nach und sprachen: »Eine will ich nehmen, eine kannst du nehmen, und eine wollen wir dem Sultan schenken, damit er uns Gutes thut.« Sie schenkten eine dem Sultan; derselbe hatte noch nicht einmal die Hochzeit mit ihr gefeiert, da machte er jene bereits zu Wesiren, einen zur rechten und einen zur linken.

Muhammed der Sohn der Wittwe wanderte nun im Brunnen umher; er hatte die Nüsse, die ihm die Frauen gegeben hatten, ganz vergessen. Er zog seine Kleider aus, dabei fühlte er an seine Tasche und fand, dass die Nüsse darin waren; er nahm eine und klopfte sie auf. Da erschien ihm eine menschliche Gestalt aus derselben, ein Geist von den Geistern. Der sprach zu ihm: »Befiehl, mein Herr, was du wünschest!« Er entgegnete ihm: »Ich wünsche, dass du mich nach dem Orte bringest, wo sich die Frauen befinden.« Der Geist sprach zu ihm: »Steig auf meinen Rücken!« Hiermit liess er ihn auf seinen Rücken steigen und brachte ihn nach der Stadt, wo sich die Frauen befanden. Er setzte ihn in der Stadt nieder und sprach zu ihm: »Leb wohl, Herr!« Muhammed wanderte nun hin und her; da erblickte er den Laden eines Schneiders und zwar den des Zunftobersten der Schneider. Der Zunftmeister sprach zu ihm: »Was thust du hier?« Er entgegnete ihm: »Ich bin fremd und kenne[8] niemanden hier.« Er sprach zu Muhammed: »Willst du bei mir arbeiten?« Muhammed entgegnete: »Ja, ich will arbeiten.« Jener sagte ferner: »Du wirst also im Laden schlafen und auf alles Achtung geben, dann wirst du Abendbrot und Frühstück bekommen.« Muhammed war nun im Dienste jenes Mannes; bald waren einige Tage vorüber.

Der Sultan bereitete nun die Hochzeit vor. Da sprachen plötzlich die Mädchen: »Wir werden nicht heiraten, wenn wir nicht drei Kleider bekommen, weiche keine Nadel genäht, noch eine Scheere zugeschnitten hat.« Der Sultan wandte sich an seine Wesire: »Ratet mir, was zu thun ist!« Die Wesire erwiderten ihm: »Wir haben ja doch den Zunftobersten der Schneider! Lass uns ihn rufen!« Man berief ihn vor den Sultan. Er begab sich hinauf (nach dem Palaste) des Sultans und sprach zu ihm: »Du hast mich rufen lassen, Herr?« Der Sultan entgegnete ihm: »Ja, ich habe dich rufen lassen; ich wünsche drei Gewänder, die keine Nadel genäht, noch eine Scheere zugeschnitten hat.« Der Zunftmeister entgegnete: »Das vermag ich nicht, und so etwas giebt es gar nicht; ich vermag sie nicht anzufertigen.« Der Sultan sprach: »Du musst sie liefern; wenn du sie nicht liefern kannst, so lasse ich dir den Kopf abschlagen.« Jener entgegnete: »In der Prüfung geziemt sich Geduld!« Er verliess weinend den Palast und begab sich weinend nach seinem Laden. Sein Lehrling Muhammed sprach zu ihm: »Was ist mit dir, Meister, du weinst?« Er entgegnete ihm: »Lass mich nur; seit dem Tage, wo du zu mir gekommen bist, ist es mir nicht mehr gut gegangen!« Muhammed entgegnete ihm: »Ich bin doch gleichsam dein Sohn; wie kannst du da so zu mir sprechen? Sag, was dir geschehen ist!« Da erzählte ihm sein Meister von den Kleidern. Muhammed sprach zu ihm: »Habe keine Angst, geh hin und speise und ruhe dich aus; die Kleider wirst du schon bei mir zu sehen bekommen!« Sein Meister, der Zunftoberste, sah ihn an und sprach zu ihm: »Ohne Scherz?« Muhammed entgegnete ihm: »Du wirst sie bei mir sehen, ohne Scherz!« Er sprach ferner zu ihm: »Geh, geh heim, Meister, geh lustig und guter Dinge heim!«

Sein Meister ging, er aber schloss den Laden, begab sich in das kleine Gemach hinter dem Laden, zündete eine Lampe an und setzte sich hin. Dann griff er mit der Hand in die Tasche und nahm eine Nuss von den Nüssen heraus, die ihm die Mädchen gegeben hatten. Er schlug sie auf; da erschien ihm ein Mann der Geister; der sprach: »Verlange, mein Herr, was du wünschest!« Er[9] entgegnete: »Ich wünsche drei Kleider, die keine Nadel genäht, noch eine Scheere zugeschnitten hat.« Jener entgegnete: »Gott befohlen, fertig sind sie!« Sofort brachte sie ihm der Geist, und Muhammed versteckte sie in dem Hintergemache. Am nächsten Morgen kam sein Meister, der sprach zu ihm: »Was hast du gethan, mein Söhnchen?« Muhammed entgegnete: »Ich habe nichts fertig gebracht, Meister.« Jener sprach jetzt: »Wie konntest du gestern zu mir sagen, ich solle guten Mutes heimgehen, während du jetzt zu mir sagst, du habest nichts fertig gebracht!« Der Zunftoberste wurde sehr ärgerlich. Da sah ihn Muhammed der Sohn der Wittwe an und sprach zu ihm: »Werde nicht bös, Meister, denn da sind (die Kleider) fix und fertig!« Muhammed begab sich in das Hintergemach und brachte sie, er übergab sie seinem Meister; sein Meister sah sie sich an und fand sie vortrefflich. Er sprach zu Muhammed: »Geh mit mir, damit der Sultan dir eine kleine Belohnung giebt!« Muhammed entgegnete: »Nein, ich will nicht mitgehen, lass mich hier, geh nur allein!« Der Zunftoberste brachte die Kleider dem Sultan; der sah ihn an und sprach zu ihm: »Bravo!« Er küsste dem Sultan die Hand und ging wieder heim und kehrte froher Stimmung nach dem Laden zurück. Der Sultan schickte nun die Kleider den Frauen und liess ihnen sagen: »Da sind die Kleider fix und fertig.« Die Frauen sahen sich gegenseitig an und riefen: »Richtig, Muhammed der Sohn der Wittwe ist hierher gekommen!«

Der Sultan sprach nunmehr: »Morgen soll die Hochzeit stattfinden!« Man rief dies in der Stadt aus. Der Zunftmeister der Schneider hörte dies. Er sprach zu Muhammed: »Mein Sohn, du kannst mit mir ausgehen, damit wir uns die Reiterspiele ansehen.« Muhammed entgegnete: »Ich will nicht mitgehen, lass mich nur!« Der Zunftoberste ging allein aus. Muhammed begab sich jetzt in das Hintergemach und zerklopfte eine Nuss von den Nüssen; es erschien ihm ein Mann der Geister. Dieser sprach zu ihm: »Verlange, was du wünschest!« Er entgegnete dem Geiste: »Ich wünsche ein schwarzes Pferd, einen schwarzen Sattel, schwarze Kleidung und schwarze Waffen.« Er bestieg das schwarze Ross und begab sich nach den Reiterspielen, um mit den Leuten an den Spielen teilzunehmen. Zuletzt aber ergriff er die Braut und flog mit ihr gen Himmel empor.

Die Erzählung möge sich wieder zum Sultan wenden! Dieser kehrte mit dem Palankin heim, da fand man letzteren leer. Der[10] Sultan sprach: »Ha, man hat die Braut geraubt! Was soll ich jetzt thun?« Der Wesir sprach zu ihm: »Heirate eine von ihren Schwestern!« Der Sultan befahl: »Macht euch fix und fertig; morgen findet die Hochzeit statt!« Am folgenden Tage begaben sich nun wieder (Reiter und) Rosse zum Reiterspiele, und man führte die zweite Braut im Palankin hinaus. Muhammed aber begab sich in das Hintergemach und klopfte eine Nuss auf; da erschien ihm wieder ein Mann von den Geistern, der sprach: »Verlange, mein Herr, was du wünschest!« Muhammed entgegnete ihm: »Ich wünsche einen Rotfuchs, roten Sattel, rote Kleidung und rote Waffen.« »Fertig sind sie!« erwiderte der Geist. Er stieg auf und ritt nach den Reit er spielen. Zuletzt entführte er die zweite Braut. Der Sultan und das Volk begaben sich heim; sie hatten aber nicht gesehen, wie jener die Braut raubte; denn er stand mit den Geistern in Verbindung und war unsichtbar. Man kam und wollte den Palankin öffnen, um die Braut zu sehen; da fand man denselben leer! Der Sultan wandte sich an den Wesir und sprach: »Rate mir; der Palankin ist zum zweiten Male leer; man hat die Braut geraubt; rate mir, wie wir handeln sollen!« Der Wesir entgegnete: »Wer sie gestern geraubt hat, der hat auch wohl heute den Raub begangen; unser Mann wird sich aber hier in der Stadt aufhalten.« Er fuhr fort: »Lass mir die Bogenschützen zusammenkommen!« Der Sultan erwiderte: »Gut, Gott befohlen!« Man berief dieselben zusammen. Der Wesir sprach zu ihnen: »Wenn morgen die Reit er spiele beginnen, und zu euch ein fremder Ritter kommt, so gebt gut Achtung auf ihn! Wenn ihr seht, dass er sich empor gen Himmel schwingt, so schiesst nach ihm mit den Pfeilen! Wer ihn trifft, dem gebe, ich eine Belohnung.«

Die Erzählung möge sich jetzt zu Muhammed dem Sohn der Wittwe wenden! Er begab sich in das Hintergemach, klopfte eine Nuss auf; es erschien ihm ein Mann der Geister aus der Nuss, der sprach: »Verlange, mein Herr, was du wünschest!« Er entgegnete: »Ich wünsche ein weisses Ross, einen weissen Sattel, weisse Kleidung und weisse Waffen.« Dann stieg Muhammed auf und begab sich nach dem Palankin und den Reiterspielen. Man hatte die Reiterspiele begonnen; jene Leute aber gaben wohl Achtung auf ihn. Schliesslich erfasste er die Braut und flog mit ihr auf. Er flog auf; da traf ihn einer mit dem Pfeile und verwundete ihn am Oberarme. Muhammed riss (einer Frau) von den Frauen, die zusahen, ihr seidenes Umschlagetuch weg und verband sich damit seinen[11] Oberarm. Er begab sich nach dem Laden und setzte sich daselbst hin mit verbundenem Oberarme.

Man fand nun den Palankin leer wie vordem. Der Sultan wandte sich an den Wesir und sprach zu ihm: »Rate mir! Was sollen wir thun?« Jener entgegnete ihm: »Lass die Bogenschützen zu mir herkommen!« Dieselben kamen; der Wesir fragte sie: »Wer von euch hat ihn getroffen?« Einer erwiderte: »Ich habe geschossen, ich habe ihn mit dem Geschoss am Oberarm verwundet.« Der Wesir begann wieder: »Wir müssen Leute in der Stadt umherschicken: wen die mit einer Wunde am Oberarme finden, der ist unser Mann!« Die Leute begannen ihren Rundgang; zwei von ihnen selten sich, um auszuruhen, in den Laden des Zunftobersten der Schneider. Der Zunftoberste wandte sich an Muhammed und sprach zu ihm: »Reiche mir doch den Anzug, der dort auf dem Gestell liegt!« Muhammed erhob sich und reichte (seinem Meister) den Anzug; dabei wurde sein Oberarm sichtbar; man sah ein Taschentuch, mit dem sein Oberarm verbunden war. Jene beiden sprachen zu ihm: »Du bist unser Mann!« Sie nahmen ihn fest und sprachen: »Wohlan, wir müssen dich vor den Sultan bringen! Du hast die Bräute geraubt!« Die Leute liefen zusammen und hielten ihn fest. Er sprach zu ihnen: »Gebt mir eine kurze Frist; ich will ja schon zu dem Sultan gehen; lasst mich nur jetzt frei, mein Meister wird ja für mich bürgen!« Sein Meister leistete Bürgschaft für ihn; man brachte Muhammed in den Laden und schloss ihn ein.

Muhammed der Sohn der Wittwe zog eine Nuss hervor und klopfte sie auf; es erschien ihm ein Mann der Geister. Der sprach zu ihm: »Verlange, was du wünschest, mein Herr!« Er entgegnete: »Ich wünsche ein Kleid und Ordenszeichen wie die eines Sultan.« Er zog das Kleid an und legte die Ordenszeichen an wie ein Sultan, öffnete die Thüre und trat hinaus. Die Leute gerieten in Staunen und küssten ihm die Hand. Er begab sich in den Palast des Sultans. Als der Sultan ihn erblickte, erhob er sich: beide begrüssten sich. Der Sultan sprach zu ihm: »Nimm neben mir Platz!« Er fuhr fort: »Du hast die Bräute entführt?« Muhammed entgegnete: »Ja, ich habe es gethan.« »Mein Herr,« fuhr er fort, »sind übrigens diese beiden Wesire hier bei dir alt oder neu?« Jener entgegnete: »Sie sind erst seit kurzem da und haben mir die erwähnten Frauen gebracht.« Muhammed wandte sich jetzt an die beiden Wesire und sprach zu ihnen: »Bist du nicht Gergäb Eldschebäl und du nicht Fettäl Elhebäl?« Jene erwiderten ihm: »Nein; wir kennen[12] dich übrigens auch nicht!« Muhammed aber sprach: »Wir haben doch Brot und Salz zusammen genossen, wir waren auf dem Schlosse zusammen, wo die Alte euch durchprügelte; ferner habe ich die Mädchen aus dem Brunnen gerettet, ihr aber schnittet das Seil durch, an dem ich hing.« Dann sprach er zum Sultan: »Komm mit mir, Herr!« Sie begaben sich zu den Frauen. Muhammed sprach: »Frage die Frauen, wer sie aus dem Brunnen errettet hat!« Die Mädchen erwiderten: »Du, Herr Muhammed, hast uns aus dem Brunnen errettet; deine Genossen aber verliessen dich treulos, sie schnitten das Seil durch, an dem du hingst.« Der Sultan brachte die beiden Wesire vor die Frauen und sprach: »Was sollen wir mit ihnen beginnen?« Er fuhr fort: »Wir wollen sie hinrichten lassen; dann nimm du, Muhammed, eine Braut, und ich will eine Braut nehmen, und die letzte wollen wir dem schenken, dem du sie geben willst!« Und schliesslich machte der Sultan Muhammed den Sohn der Wittwe zu seinem ersten Wesir in seinem Reiche, und sie feierten ihre Hochzeit: ein jeder nahm ein Mädchen.

Quelle:
Stumme, Hans: Tunisische Märchen und Gedichte. Leipzig: Hinrich: 1893, S. 2-13.
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