Arobis (Nr. 1–87).

[142] 1. O, mein Auge, sei geduldig und trag' mit Ergebung, was dir geschehen ist! Lass das Süsse und das Bittre von dem Mädchen ruhig vorüberziehen, bis du schliesslich deinen Zweck erreichst!

2. Ins Innre meiner Hand schreib' ich deinen Namen, um stets an dich zu denken, wenn ich meine Hand erblicke. Wie lieblich ist doch deine Nähe und dein Leib, du meine Freundin und Herrin!

3. Ich möchte, ich wäre dein Amulett, das immer mitten an deiner Brust ruht! Wie gesegnet soll der Tag sein, an dem ich diese prächtige Beute erlangen werde!

4. O heiliger Abu Hamida, wirst du den aufnehmen, der sich dir als Flüchtling naht, und der als Gruss die Umarmung des Mädchens mitbringt, das er mit seinen Lippen küsste?

5. Herrin, ich will dein Sklave sein, und die Notare sollen mich dir als Eigentum zuschreiben! Ich liege nachtsüber auf Kohlen und Dornreisig, und die Flammen meines Herzens sind mächtig.

6. Ich sah deine Erscheinung vor meiner Seele vorüberziehen; das regte mich zu neuem Sehnen auf. Unmöglich ist's, die Liebe zu dir zu vergessen; denn immernoch herrscht sie in meinem Herzen.

7. O Leute, mein Blut ist geronnen! (Wie einem Schiffer ging mir's,) ich habe die richtige Himmelsgegend verloren. Drum will ich dem Meere meinen Kummer klagen; dann wird es einsickern und zu einer Strasse werden.

8. Die Liebe ist wirksamer als Gift. Sie hat die Eingeweide meines Innern zerrissen. Nun hat sich gar meine Liebe auf zwei Mädchen verteilt! Drum beklage ich mich bei meinem gnädigen Gotte.

9. Die Liebe tötet wie eine Kugel, wenn sie in die edlen Eingeweide dringt. Die Liebe hat meine Leber zerquetscht und zu Blut gemacht. Der Arzt hat es aufgegeben, mich zu heilen.[143]

10. Wie heiss ist doch das Feuer der Liebe! Es ist in mein Eingeweide gedrungen und mächtig geworden! Im Herzen ist die Hitze entzündet, das sich dadurch dunkelrot wie Scharlachbeeren färbte.

11. Sie blickte aus der Hausthür heraus und sah mich, mit ihrer Stirn, die wie der Blitz leuchtete. Ich wünschte jetzt, der Tod wäre mir erschienen, wenn ich so verspottet leben soll.

12. All mein Verstand verlor sich an zwei; mit welcher von beiden soll ich es da halten? Mit dir, der Schmachtäugigen, oder mit der Wüstengazelle?

13. Da hat mein Auge ein Wunder erblickt: zwei Feinde sind gute Nachbarn geworden: das Feuer und den Schnee, die beiden sieht man auf der Wange des Mädchens mit den schwarzen Wimpern.

14. Weiss bist du, und man hat dich tättowiert und dir auch mit feinem Striche die Augenbrauen übermalt; die gleichen dem Neumonde, wenn er zwischen Sternen erscheint am letzten des Monats, wo er kaum sichtbar ist.

15. Eine Braune, – nein, keine Braune! Eine Weisse, – doch nein, auch keine Weisse! Vielmehr eine, der das rote Blut durch die Wangen scheint, ist Schuld, dass mein Verstand zerflossen ist. Falls du krank wirst, dann vielleicht halb genesest und schliesslich ganz, – wisse, es giebt für uns keine bessre Arznei als das Mädchen selber!

16. O Gnade Gottes, wie schwarz ist doch ihr Haar! Seine Länge hat keine Grenze! Man giebt als ihr Alter dreizehn Jahre an und lässt es nicht gelten, wenn jemand es höher nennt.

17. Zu dem Wärzchen, das unter deinem Auge erschienen ist, ist noch eines an der Wange oben hinzugekommen. Mein Verstand ist ganz und gar von deiner Schönheit bezaubert, und mein Geist und mein Herz weilt stets bei dir.

18. Das Auge schweift wohl über sechzig hin, aber das Herz erregt sich doch nur für einen. Der Sattel gewährt nicht zweien Raum; es ist recht, dass nur einer aufsitzt.

19. Das Auge des einen ist für das Auge des andern eine Waage, und das Herz des einen empfindet mit dem Herzen des andern. Den Mitmenschen bringt uns eine Wohlthat näher, aber Beleidigung entfremdet ihn uns.

20. Deine Augen blickten her, und von ihnen kamen die Ursachen meines Sterbens. Deine Blicke trafen mich wie ein Dolch;[144] deinetwegen verzweifle ich an meinem Leben. Die Ärzte und die Zauberbücher sind an mir machtlos. Die rechte Zeit wäre es, wenn du jetzt kämest.

21. Deine Augen sind von Gott geschaffen, und der Schmerz in meiner Brust ist von ihm bestimmt! Ich weiss von dir, dass du mich töten wirst; der Schmerz der Liebe wohnt unter meinem Strohhute; die Liebe zu dir hat mein Inneres verrenkt.

22. Deine Augen und ihre beiden Wimpern haben mich ins Verderben gestürzt; den ganzen Tag über habe ich Visionen, und ebenfalls des Nachts. So manches Liebesabenteuer habe ich doch erlebt; doch all der Gram jetzt kam nur durch dich.

23. Deine Augen blickten zu mir her, und ihre Wimpern peinigten mich. Mädchen, von dir könnte mir Heilung werden! Was ist doch die Ursache dieser Qualen?

24. Zwei Augen treffen wie ein Wurfspiess, und eine Wimper ist scharf wie ein indisches Schwert. Wenn sie mich zu töten trachtet, so sagt ihr, sie solle den letzten Blick meines Auges entgegennehmen!

25. Die Augen meiner Holden haben mich festgenommen; ohne Kampf, nicht am Tage eines Überfalls geschah es; dennoch trafen Dolche meine Brust und durchstiessen mir die linke Seite.

26. In ihrem Auge verwahrt sie den Tod, sie wünscht mein Ende! Ihr Kuss als Nahrung wäre mir recht; das würde die Ursache sein, wenn ich wieder auflebte.

27. Augen wie die deinigen giebt es nicht nochmals in diesem Menschenalter, noch habe ich solche hier im Lande sonst gefunden. Ein Ebenbild von dir habe ich nicht gefunden, du Mädchen mit den schmachtenden Augen. Wer zu dir mit der ehrbaren Bitte kommt, dass du doch um Gottes Willen dich seines Zustandes erbarmen mögest, – und wer dürstend sich dir naht, – dem gieb einen Trunk, du Mädchen mit den schmachtenden Augen!

28. Deine Augen und Augenbrauen sind schwarz; dein Herz aber will nicht auf Rat hören. Was willst du denn mit deiner Schönheit anfangen? Wenn sie so zu Grabe sinken sollte, wäre es Schade!

29. Deine Braue gleicht dem Schwerte, das in der Hand eines Fechters gezückt ist. Denn deine Braue hat mich getroffen, mein Rückgrat zerschnitten und mein Blut in Tropfen fliessen lassen. Deinetwegen bekämpfe ich die Horden der Wüste und ziehe selbst gegen das Christenland.[145]

30. Deine Wangen sind in Flammen erglänzt, in mein Herz haben sie Liebeswonne gebracht; sie gleichen Kosen in einem Krystallbecher, die lieblich duften.

31. O du mit der Wange von der Farbe der Haideblume, der schmachtende Blick deiner Augen hat mich versengt! Die ächte Liebe kommt im Sturme, wenn das Herz sich einmal fest verfangen!

32. O Sonne du zwischen zwei Wänden, die du dich in deine Wolken birgst! Du überstrahlst die Mädchen an Schönheit und durch deine schöne Lippe, den Lachemund und die Zähne. Von Liebespein wird der Ärmste getroffen, der den Duft deiner Wohlgerüche atmet.

33. Dein Name beginnt mit dem Buchstaben Zîn, und Zîn (d.i. Schönheit) hast du als Erbteil erhalten. Eine Braue wölbt sich über deinem Auge, und dein Lachemund besitzt die drei Dinge (Lippen, Zähne und Zunge) in lieblicher Vollkommenheit. Wenn du auf zehn Minuten zu mir kommen wolltest, so könnten wir uns hier ein Märchen erzählen.

34. Dein Name beginnt mit F, und zwei Buchstaben muss ich dann noch hinzufügen (nämlich T und M; dies sind die Wurzelbuchstaben des Namens Fâtima). (Aus) Jasmin, der zwischen Feldlilien steckt, und aus Rosen ist dein Leib geschaffen.

35. Ich bin über den Buchstaben F in Aufregung geraten und über das T, das einen senkrechten Strich hat; ferner hat W, M und H ganz und gar meinen Verstand eingenommen (d.s. sämtliche Buchstaben des Namens Fattûma = Arobis (Nr. 1-87)).

36. Ich bin in Aufregung geraten; o, in grosse Aufregung! Ich weiss keinen Ort, wohin ich meine Zuflucht nehmen könnte, um zu entfliehen dem Mädchen mit dem pechschwarzen Haare, das Strähne mit Strähne geflochten ist.

37. Ich bin über zwei Gazellen in Aufregung geraten. Beide haben mein Inneres versengt. Die Braune ist eine Mörderin ob ihrer Schönheit; die Weisse ist all mein Sinnen und Glauben.

38. Ich bin über einen Krystallnacken in Aufregung geraten und über einen Ohrring, der ihre Wange berührt, – in Aufregung und Qual, wie einer, der sich verbrannte, und den der Schmerz vom Feuer mitten auf die Brust brennt.

39. Ich bin wegen eines mir verborgenen Amulettes in Aufregung geraten und habe gegen dessen Wirkung keinen Gegenzauber gefunden. Dies Amulett ist vor dem Blicke der Menschen verwahrt,[146] verborgen und versteckt. Ob ich, o Leute, von Kummer überwältigt sterben, oder ob ich weiterleben soll, das hat Helima zu entscheiden!

40. Ich bin über den Blick der braunen Augen in Aufregung geraten, und das Herz ist tief betrübt in seiner Pein. Die Süssigkeit deines Mundes gleicht der Dattel, wenn sie fast reif ist. Mir ging's wie dem, der einen Panther heimtrug: das Tier zermalmte ihm die Knochen mit den Zähnen!

41. Ich grollte einmal auf, wie die Kameele grollen, wenn sie beladen dahinziehen. Ich sah, dass mein Herz niedergedrückt und aus seinen Eingeweiden geflossen und gefallen sei. Dem Mädchen schauen sechs Zöpfchen unter dem Kopftuche hervor. Der Kuss der Mädchen ist Zucker; verzweifeln muss der, welcher diese Süssigkeit nicht kosten darf!

42. Ich schlürfte den Trank ihrer Lippen; in ihm aber war etwas Herbes. Da sah ich Blutegel zwischen Wasserpest. Das gab mir die Freundin absichtlich zu trinken! Wenn ein Mädchen kalt und gleichgiltig wird, nachdem es Liebe gewährte, so freut es sich eben am eignen, Unglücke.

43. Drei bittre Kräuter, – ein Gemengsel ins Grüne spielend, – kneteten die Mädchen, thaten dies in ein Glas und verlangten von mir, es zu gemessen. Deinetwegen will ich meinen Kopf verkaufen; und dennoch ist all deine Liebe Trug!

44. Mir gleicht der vom Fieber des Durstes Geplagte, der seinen ledernen Eimer in den Brunnen hinablässt. Er freut sich, wenn jener voll oben ankommt; da entgleitet ihm derselbe plötzlich und reisst vom Stricke los. Mir geht's auch wie dem Nacktausgeplünderten, dessen Geschrei und Klagen den Franzosen viel zu schaffen machen.

45. Dürstend möchte ich einen Trunk von deinem Lachemunde; reiche ihn mir! Die Liebe tötet wie eine Kugel. Möge dir Gott das auch bescheiden, was mir zustiess!

46. Rauch erschien am Abend zwischen Dscherba und Gabes; da holte der Wandrer das Mädchen ein, dürstend und mit ausgetrocknetem Gaumen.

47. Mit heiserer Stimme schrie ich; die Fasern meines Herzens waren zerquetscht. Ich quälte mich und konnte keine Ruhe finden. Deine Angehörigen sind mit dir fern weg von mir gezogen. Seit dem Tage, wo die Seelen erschaffen wurden, ist die meine und die deine zu steter Liebespein bestimmt gewesen.[147]

48. Zwischen mir und dir liegen viele hohe Paläste; drum wurde ich heiser, als ich dich rief. Mit eigner Hand habe ich dir Briefe geschrieben; sind sie zu dir gelangt, du mein Sehnen?

49. Zwischen dir und dem Mädchen liegen die Schluchten des Wâdi Seïsch; da wirst du mit Grauen den Nebel der Gebirge sehen. Die Kameele gehen da nur unter antreibenden Schlägen vorüber und die Pferde sprengen hin und kehren wieder um. Meldet ihr: »Hab' keine Angst! Ich werde gegen das Ende der Nacht mich bei dir einfinden!«

50. Ja, dort, noch sichtbar, rasten sie! Ihre Niederlassung befindet sich dort im tiefen Lande. Hätte ich doch ein Wort mit ihnen gewechselt! Jetzt flehe ich darum, aber niemand kann mir Erfüllung meines Wunsches gewähren.

51. Die Länge der Trennung verlängert nur und vergrössert das Sehnen. Sie gewann mich durch ein Wort, das mir Hoffnung gab. Weiss ist sie; lang wallt ihr Haar, dunkel wie ein Schwarzer zwischen Christensklavinnen. O, dass sie mir doch bald in die Arme sänke! Mein Herz ist aus der Mitte der edlen Eingeweide herausgefallen.

52. O dass es doch wieder zu unserm Zusammenleben kommen könnte, dass wir uns wieder zu treuer Liebe vereinen könnten! Dann würden meine thränenwunden Augen heilen, und ich wollte rufen: »Mein Herz ist wieder zufrieden geworden!«

53. O dass ich sie doch erlangen und wieder über sie gebieten könnte! Ich komme nicht zum Schlafe, seitdem ich in diese Liebespein geriet.

54. Ich bin ein Fremder, Umhergetriebener, habe keine Angehörigen, noch Gebieter. Ich weine, klage und schreie wegen der Trennung von meiner Gazelle.

55. Ich wurde getrennt von meiner schönen Freundin, nachdem sie so innige Freundschaft mit mir geschlossen. Da begann ich nun, mit Thränen, die aller Mitleid erregten, zu weinen, und sie blickte mir mit ihren Augen nach. Dann traf ich sie in der Hausflur; da umarmte ich sie, und sie mich.

56. Wenn, o Schwarzäugige, das Feuer, das mich versengt, auch dich versengt hätte, so würdest du das Lächeln deiner Lippen verbannen und dein fröhliches Scherzen mitten unter deinen Freundinnen. Jedoch, o Schwarzäugige, das Feuer, das mich versengt hat, lässt dich in Ruhe![148]

57. Ich liebte dich unaussprechlich; da wurde meine Liebe betrogen. Nützt jetzt noch Arznei dem, dessen Eingeweide zerrissen sind?

58. Bevorzuge lieber Trennung und Meiden, lass dich selten sehen und lege deiner Liebe eine Prüfung auf! Wirb nicht um Frieden und leg dich nicht zu sehr auf Zureden! Dann muss einst die Stunde deines Sieges nahen, und die Becher der Bitterkeit müssen wieder süss werden.

59. Grabe das Land und pflüge das Feld und drisch mit den Dreschern! Frauengunst gleicht einem Sporne; der wandert auch von dem Fusse eines Reiters zum Fusse eines andern. Mich hat die Liebe rücksichtslos behandelt: jetzt ziehe ich gegen die Schönheit zu Felde!

60. Wenn du bauen willst, so lege den Grund und füge die Steine fest ein; und wenn du jemanden kennen lernst, so forsche nach, ob er verdienstvoll und ehrenhaft ist!

61. Wenn ich zu dir komme, so thust du, als ob du den Besucher nicht kenntest; bleibe ich fern, so schweifen die Augen voll Sehnsucht nach mir. Sagt nur dem Mädchen mit der Schärpe wie ein Fürst, die Spitzen ihrer Brüste hätten sich schon gesenkt!

62. Eine Gazelle, die dir wieder in die Wildnis entlief, suche nicht wiedereinzufangen, noch zu verfolgen und heimzubringen! Vielleicht kommt eine Gazelle, die der ersten gleicht, zu dir, und es giebt eine neue Liebe.

63. Mädchen sind wie Tauben; aber auf Weizen gehen sie nicht ein! Der Satz für's Vergnügen sind harte Thaler; kleineres Geld wird gar nicht gerechnet.

64. Ihr Haus ist weit von dem meinen entfernt, und niemand kann mir Kunde von ihr bringen. Wer sich raten lässt, der möge jetzt ausziehen und sich in der Nähe seiner Freundin niederlassen!

65. Zur Zeit, wo sie ein junges Mädchen war, hatte sie Stelldichein mit mir im Hause ihres Vaters. Heute weilt sie fern von mir, und das Regiment über sie führt ihr Mann.

66. Hunger quält meine Freundin, und ihre frühere Schönheit ist zur Hässlichkeit geworden. Ich habe in einem Kaffeehause drüben am Platze erzählen hören, dass sie ihre Gunst für eine Schüssel Gemüse verkauft hat.

67. Du kommst mir vor wie eine Stute, mit einer Kette und[149] einem Halfter. Du bist eine Art Wiese am Fluss geworden: jeder Beliebige lässt da sein Ross grasen!

68. Kairo und Damaskus habe ich besucht und kenne alle Wege. Von der Liebe gequält bringe ich die Nächte zu; von dir kommen die Ursachen meines Schmerzes. Der berühmte Arzt Eskulli und noch zweitausend Zauberer könnten mich doch nicht heilen.

69. Die Türkei habe ich zwei Jahre lang bereist; die gingen vorüber. Nach Verlauf dieser Zeit blieb ich noch zwei Monate; dann aber hatte mein Herz genug: ich briet zwischen zwei Feuern, als ich die schöne Deddu suchte.

70. Ich bin ein rastloser Wandrer im Reiche geworden und bin auch nach Oran und Algier gekommen. Das geschah wegen eines Mädchens mit einer Wange von Rosen- und Lilienfarbe und mit einer Stirne wie der leuchtende Blitz. Durch dich, o Mädchen mit den schwarzen Augen, bin ich von Liebespein erfasst und erregt.

71. Der Vogel, der gen Himmel stieg, flatterte auf, breitete seine Flügel aus und flog empor. Er flatterte laut und pfiff Weisen in allen Melodieen. Er sang auch: »Einen guten Abend mit Gott, o Mädchen mit dem Wüchse eines Heerfürsten!«

72. Einen Armreif und eine Armspange, den Ring, der ihr schief am Fusse sitzt, und einen Ohrring aus Gold, der genau so weit wie der andere auf die Wange hinabreicht, wünsche ich mir als Geschenk. Von ihrem Speichel möchte ich ein Glas trinken; dann würfe ich alle Krankheiten von mir.

73. Ihr Armreifen und ihre Armspange klirrten heftig bei ihr im Bett. Darüber beklagte sich ein schwarzer Diener bei seinem Herrn im Bardo (der Winterresidenz des Bey) zu wiederholtem Male und sprach: »Vom Bardo hat mich das Klirren ihres Schmuckes nach den Wasserkünsten und weiter bis an den Anfang der Brückenbögen vertrieben; ich habe im letzten Ramadan nicht fasten können und kann jetzt nicht essen, wo die andern Menschen speisen.«

74. Die Leute gehen hinaus nach Kamart wegen des Vergnügens und der Ungeniertheit daselbst; ich ging auch dorthin, – als Toter, – ward aber binnen einer Stunde versengt durch eine Wange wie ein Diamant, dessen Glanz im Golde funkelt.

75. Augen, unter dem Schleier verborgen, von einer hehren Fürstin trafen sie mich; sie blickten zu mir her mit Feuchtglanz, und sogleich loderte in mir das Feuer auf. Das geschah in der Mitte des Basars der Leute von Dscherba, letzten Mittwoch Nachmittag.[150]

76. Die Sterne des Himmels über der Erde haben sich vor deiner grossen Schönheit versteckt. Am Tage, wo du über den Platz schrittst, wurden alle Herzen versengt. Man hielt dich für die Nacht der Offenbarung. Alle streckten die Hände aus und beteten. Wer dich erblickt hat, der hat kein Unheil erblickt; nein, zu derselben Stunde hat auch sein Glück begonnen! Ich bitte dich, Gott, um Verzeihung; doch ich muss sagen, alle Schönheit scheint sich in Deddu vereinigt zu haben.

77. Ihre Schärpe, die dem Glänze des Feuers gleicht, hat sie mit dem Blute eines Rebhahnes gefärbt. Dieser Vogel nämlich hielt mitten im Garten ein Mittagsschläfchen, denn da weilte er gern. Da drückte man auf ihn die Flinte ab, und sein Blut floss über ihn hin. Nun kamen die Prinzessinnen und sahen, wie er starb. Sie riefen: »Ach, seht den armen Kiemen, den man mitten unter seinen Freundinnen getötet hat!« Dann hat er, getötet, noch sechs und sechzig halbe Tage lang an ihrer Brust geruht!

78. Man stellte Lichter auf den Tisch und brachte Rebensaft herbei. Um den Wein wurde eine Anzahl Gläser gestellt für die hehren Mädchen. Eine braune Lautenspielerin, die reich mit Henna bemalt war, spielte ein Stück auf der Laute; das war mir Zephyrsäuseln und Südwind. Ich sass abseits unter einem Baume, und der Inhalt des Glases stieg mir in den Kopf; ich wollte ein gewisses braunes Mädchen suchen, fand aber Niemanden, der sie mir hätte bringen können.

79. Ich stand zur Zeit des ersten Gebetes auf, als der Muezzin vom Minaret herabrief. Da kam ein Trupp Rosse und sprengte dem Meere zu, das stürmisch war. Mit der einen Hand mass ich gerade drei Metzen zu und mit der andern that ich noch etwas oben darauf (und sprach): »Wenn der stahlgraue Hengst Sieger wird, dann musst du dem Rechte nach mir die Wette zahlen, Geliebte!«

80. Ein stahlgraues Ross gefällt mir, das dem lautschreienden Täubrich gleicht und das stolz den Sattel mit den beiden Höckern trägt. Den Glanz des goldnen Halbmonds vorn an seinem Buge hält man für Feuer; freudig erhebt sich das Beifallsgeschrei über ihn. Das Hinterteil gleicht den Meereswogen, und sein Leib einem breiten geräumigen Flussbette.

81. Mein Freund stürzte in einen Brunnen, der war dreissig Mannshöhen tief. Ich fand Niemanden, der ihn hätte heilen können, und man brachte mir seine Knochen nicht wieder herauf.[151]

82. Weh dem, der in einen Brunnen fällt; er kann nur schwer wieder empor! Was Flügel erhalten hat, das kann fortfliegen, doch jenes Unglücklichen Auge weint Thränen.

83. Ein armes Tier ist das Kameel am Wasserrade. Beengt und drehend ist's ihm zu Mute; wohl hört es das Wasser mit seinen Ohren, kann es aber nicht sehen, noch kosten.

84. Wenn des Menschen Brust beengt ist von Wunden, deren Schmerz er nicht vermeint, ertragen zu können, dann wandre er hinaus, um die Bewohner des Friedhofs zu besuchen! Da wird er Könige und Wesire antreffen, die gestorben sind und bestattet worden sind. Die Menschen werden krank, werden aber auch wieder gesund; und die Geduld ist das beste Heilmittel für sie.

85. Dein Arobi gefällt mir nicht; da sind weder die Grundgedanken noch die Sprache anmutig. Dein Gedicht ist wackelig, es gleicht einem Schlosse, das nicht richtig angenagelt ist.

86. Die Quellen, die im Winter fliessen, sind nicht alle beständig; wenn die Winde des Sommers kommen, bleiben nur gewisse Quellen ergiebig, und nur deren Wasser kann getrunken werden.

87. Gar Manches habe ich erlebt, und laufen konnte ich, dass mich Keiner einholte. Heute aber bin ich grau und krumm geworden, und was ich mit den Augen sehen kann, ist nicht viel.

Quelle:
Stumme, Hans: Tunisische Märchen und Gedichte. Leipzig: Hinrich: 1893, S. 142-152.
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