Die Braut des Häuptlings

Die Braut des Häuptlings.
Eine Kafferngeschichte.1

[13] Es war einmal ein Mann, der hatte zwei Töchter, die alt genug waren, um sich zu verheiraten.

Eines Tages ging der Mann in ein anderes Dorf, in welchem ein mächtiger Häuptling lebte.

Als er dort bei seinen Freunden war, fragten diese ihn nach den Neuigkeiten[14] von seinem Kraal. Doch er wußte ihnen nichts zu erzählen, sondern wollte von ihnen wissen, was es in ihrem Stamme Neues gäbe.

Da erzählte man ihm, daß der Häuptling ein Weib suche.

Der Mann ging heim und sprach zu seinen Töchtern:

»Welche von euch möchte einen Häuptling heiraten?«

Da sagte die Älteste:

»Ich, mein Vater!«

Ihr Name war Mpunzikazi.

Der Mann sprach:

»Ich komme aus einem Dorfs, in welchem der Häuptling ein Weib sucht; du, meine Tochter, sollst zu ihm gehen.«

Darauf berief er eine Anzahl von Leuten, die mit seiner Tochter ziehen sollten; sie aber sagte:

»Ich will allein gehen.«

Da sprach ihr Vater:

»Wie kannst du, meine Tochter, solch unverständige Worte sagen? Ist es denn nicht unsere Sitte, daß ein Mädchen, wenn es zum Manne kommt, von Freunden dorthin begleitet werde? Sei nicht töricht, mein Kind!«

Das Mädchen aber sprach:

»Ich will allein gehen.«

Da ließ ihr Vater sie gewähren.

Auf dem Wege zu dem Kraal des Häuptlings traf sie eine Maus. Diese sprach:

»Soll ich dir den Weg weisen?«

Mpunzikazi entgegnete:

»Gehe mir aus den Augen.«

Da sagte die Maus:

»Wenn du so unfreundlich bist, wirst du deine Wünsche nicht erfüllt sehen.«[15]

Als Mpunzikazi etwas weiter geschritten war, kam ihr ein Frosch entgegengehüpft.

»Soll ich dir den Weg zeigen?« fragte der.

Sie aber wandte sich unwillig ab, indem sie sagte:

»Du? Du bist nicht wert, mit mir zu reden. Weißt du nicht, daß ich das Weib eines Häuptlings sein werde?«

»Gut denn!« höhnte der Frosch. »Du wirst ja sehen, was noch alles geschehen wird.«

Als das Mädchen müde geworden war, setzte es sich unter einen Baum, um auszuruhen. Nahebei war ein Knabe, der Vieh hütete. Er kam zu Mpunzikazi und sagte:

»Wohin gehst du, meine Schwester?«

Sie aber ward zornig.

»Wer bist du,« rief sie, »daß du so zu mir sprichst? Gehe fort von mir!«

»Ich bin hungrig,« sagte der Knabe, »willst du mir nicht etwas zu essen geben?«

»Mach', daß du fort kommst!« rief sie noch einmal.

Darauf setzte sie ihren Weg fort, und traf ein altes Weib, welches neben einem großen Steine saß.

»Ich will dir einen guten Rat geben,« rief die Alte dem Mädchen zu.

»Du wirst an Bäumen vorbeikommen, die werden dir ins Gesicht lachen; du aber bleibe ernst! Du wirst einen Sack mit dicker Milch sehen; iß nicht davon! Du wirst einem Manne begegnen, der wird seinen Kopf unter seinem Arme tragen; nimm von ihm kein Wasser an!«

Das Mädchen indes verlachte die Alte:

»Du häßliches Weib, wer bist du, daß du es wagst, mir einen Rat zu geben?«

Die Frau aber wiederholte ihre Worte.

Kurze Zeit darauf kam das Mädchen an einen Platz,[16] auf dem Bäume standen. Diese lachten laut, und Mpunzikazi lachte auch. Am Wege lag ein Sack mit dicker Milch; sie aß davon. Darauf begegnete ihr ein Mann, der trug seinen Kopf unter seinem Arme und bot ihr Wasser an, und sie nahm es.

Als sie an den Fluß kam, der an dem Dorfe des Häuptlings vorbeifloß, sah sie ein junges Mädchen Wasser schöpfen.

»Wohin gehst du?« fragte dieses.

»Rede nicht mit mir,« entgegnete Mpunzikazi, »denn ich werde das Weib eines Häuptlings sein.«

Das Mädchen aber, welches Wasser schöpfte, war des Häuptlings Schwester.

Sie sagte:

»Warte; denn ich will dir einen Rat geben. Betritt das Dorf nicht von dieser Seite!«

Mpunzikazi aber eilte weiter, ohne auf die Worte zu achten.

Sie kam zum Dorf, und die Leute dort fragten sie, woher sie käme, und was sie wolle.

Sie erwiderte:

»Ich bin gekommen, um das Weib eures Häuptlings zu werden.«

Die Leute blickten sie verwundert an und riefen:

»Wie kann ein Mädchen ohne seine Freunde zur Hochzeit kommen!«

Dann fuhren sie fort:

»Der Häuptling ist nicht zu Hause. Gehe aber in seine Hütte und bereite ihm ein Mahl, damit er seinen Hunger stillen kann, wenn er heimkommt.«

Man gab ihr Kafferkorn und Mais. Sie bereitete Mehl daraus; aber es war so grob, daß das Brot, welches sie buk, nicht zu genießen war.[17]

Am Abende hörte sie das Sausen eines mächtigen Windes. Dies zeigte ihr die Heimkehr des Häuptlings an. Er war aber eine große Schlange2 mit fünf Köpfen und blitzenden Augen. Mpunzikazi erschrak sehr, als sie ihn sah. Die Schlange ringelte sich vor die Tür der Hütte, und befahl dem Mädchen, Essen zu bringen. Der Name des Häuptlings war Makanda Mahlanu, d.i. Fünfköpfiger.

Als das Mädchen die Speise brachte, die es bereitet hatte, wurde Makanda Mahlanu sehr böse und sprach:

»Du sollst nicht mein Weib sein!« Dann schlug er sie mit dem Schwanz, und sie starb.

Späterhin sagte die Schwester Mpunzikazis zu ihrem Vater:

»Ich will auch das Weib eines Häuptlings werden.«

Der Vater entgegnete:

»Es ist billig, meine Tochter, daß du es wünschest.«

Er berief seine Freunde, und sie alle begleiteten das Mädchen auf dem Wege zu Makanda Mahlanu. Ihr Name war Mpunzanyana.

Auf dem Wege trafen sie eine Maus.

Diese sprach: »Soll ich euch den Weg weisen?«

Mpunzanyana erwiderte:

»Bitte, tue es.«

Und die Maus tat es.

Der Weg führte durch ein Tal. Dort sah Mpunzanyana ein altes Weib bei einem Baume stehen.

Dieses sprach:[18]

»Du wirst zu einem Pfade kommen, der sich in zwei Wege teilen wird. Wähle den kleineren; denn der größere würde dir kein Glück bringen.«

Das Mädchen dankte und schritt weiter.

Da kam ein Kaninchen des Weges gelaufen. Das sprach:

»Ihr seid nahe dem Dorfe des Häuptlings.«

Dann wandte es sich zu Mpunzanyana und sprach:

»Du wirst ein Mädchen sehen, das schöpft Wasser aus dem Flusse. Sprich freundlich mit ihr. Man wird dir Kafferkorn und Mais zum Mahlen geben; mache deine Arbeit gut. Wenn dein Gatte zu dir kommt, fürchte dich nicht.«

»Danke dir, Kaninchen,« sagte Mpunzanyana, »ich werde deinem Rate folgen.«

Am Flusse traf sie des Häuptlings Schwester; diese fragte: »Wohin wanderst du?«

Mpunzanyana sprach:

»Ich bin am Ziele meiner Reise.«

»Warum kommst du hierher?« fragte das Mädchen weiter.

»Ich komme mit meinem Hochzeitsgeleite.«

Da sagte die Schwester des Häuptlings:

»Das ist recht! Aber wirst du dich nicht erschrecken, wenn du deinen Gatten siehst.«

»O nein!« sagte Mpunzanyana fröhlich.

Darauf wies ihr das Mädchen die Hütte, in der sie wohnen sollte. Man gab Speise und Trank an die, welche mitgekommen waren.

Die Mutter des Häuptlings trat zu Mpunzanyana und sprach:

»Bereite ein Mahl für deinen Gatten. Er wird bald hier sein.«[19]

Sie tat, wie ihr geheißen war. Am Abend erhob sich ein starker Wind, welcher die Hütte erzittern machte, so daß einige Pfähle, welche sie stützten, niederfielen. Aber Mpunzanyana fürchtete sich nicht. Darauf kam Makanda Mahlanu herein und forderte Speise. Mpunzanyana nahm das Brot, welches sie gebacken hatte, und gab es ihm. Er aß, und da es ihm mundete, sprach er:

»Du sollst mein Weib sein.«

Dann gab er ihr vielen Perlenschmuck, und sie freute sich darüber.

Späterhin glitt Makanda Mahlanu aus der Schlangenhaut heraus und wurde ein großer, stattlicher Mann. Mpunzanyana blieb von seinen Frauen diejenige, welche er stets am meisten liebte.

1

Bei den Festlichkeiten einer Kaffernhochzeit herrscht viel Zeremoniell, welches strengstens innegehalten wird. So wird die Braut von ihrer jungen Verwandten und Freundin zum Kraal ihres zukünftigen Gatten gebracht. Dabei muß darauf geachtet werden, daß die Ankunft der Gesellschaft nicht vor Sonnenuntergang stattfindet. Am nächsten Tage ist die Hochzeit, welche in Essen, Trinken, Hochzeitstänzen und der Übergabe der vereinbarten Anzahl von Ochsen an den Vater der Braut seitens des Bräutigams besteht. In letzterem Akte besteht das Bindende der Ehe.

2

Schlangen genießen bei den Kaffern hohes Ansehen. Sie glauben, daß ihre Verstorbenen oftmals als Schlangen wieder auf Erden erscheinen; bei ihrem Glauben und Aberglauben an Geister wagen sie es nicht, einer Schlange ein Leid zu tun. Findet ein Kaffer in seiner Hütte eine Schlange, so verläßt er dieselbe und wartet ehrerbietig, bis das Tier sich entfernt hat, ehe er sie wieder betritt.

Quelle:
Held, T. von: Märchen und Sagen der afrikanischen Neger. Jena: K.W. Schmidts Verlagsbuchhandlung, 1904.
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