Hundertundzweiundsiebzigstes Capitel.
Von der Standhaftigkeit eines treuen Gemüthes.

[103] Es gab einen gewissen König in England, in dessen Reich zwei Ritter lebten: der eine hieß Guido, der andere Tyrius. Dieser Guido nun hatte in vielen Schlachten gekämpft und in jedem Kriege den Sieg davon getragen,[103] liebte aber ein Mägdlein von edler Geburt gar sehr, welches er jedoch nicht eher bekommen konnte, als bis er aus Liebe zu ihr einige schwere Kämpfe bestanden hatte. Endlich erlangte er sie durch einen Zweikampf und vermählte sich mit ihr mit großen Ehren. In der dritten Nacht darauf stand er nach dem Hahnschrei von seinem Lager auf und schaute das Firmament scharf an und erblickte unsern Herrn Jesus Christus mitten unter der Sternen, der also zu ihm redete: Guido, Guido, gleichwie Du oft einem einzigen Mägdlein zu Liebe Fehden unternommen hast, so ist es nun an der Zeit, daß Du Dich um meiner Willen bemühest, männiglich gegen meine Feinde zu streiten. Als Jesus Christus so gesprochen hatte, verschwand er. Wie aber Jener merkte, daß es der Wille Gottes sey, daß er nach dem gelobten Lande zöge und Jesum Christum an den Ungläubigen rächte, da sprach er zu seiner Gattin: ich denke, daß Du schon von mir ein Kindlein empfangen hast, das ziehe Du auf, bis ich wieder komme, weil ich gesonnen bin, nach dem heiligen Grabe zu ziehen. Wie aber jene Solches hörte, sprang sie wie rasend aus dem Bette, nahm einen Dolch, der am Kopfende ihres Bettes lag, und sprach: o Herr, ich habe Dich stets geliebt, und nur aus Liebe zu Dir, damit Du erst viele Fehden bestehen konntest, um Deinen Ruhm in der ganzen Welt zu verbreiten, habe ich so lange gewartet, bis ich mit Dir durch das Band der Ehe verbunden ward. Nun aber bin ich von Dir schwanger worden, und Du willst Dich jetzt von mir entfernen. Eher will ich mich selbst mit diesem Dolche umbringen. Jener stand aber auf, entwand ihr den Dolch und sprach: meine Liebe, Deine Worte jagen mir Furcht ein, denn ich habe Gott ein Gelübde gethan, das heilige Grab zu besuchen, und jetzt ist es weit[104] passendere Zeit ein Gelübde zu erfüllen, als im Alter: ich werde mit Gottes Hülfe bald wieder zu Dir zurückkommen. Jene aber, durch seine Worte ermuthigt, reichte ihm einen Ring und sprach: nimm diesen Ring und gedenke meiner in der Fremde, so oft Du ihn ansiehst, ich aber will geduldig Deine Rückkunft abwarten. Der Ritter nahm also Abschied von ihr und nahm den Ritter Tyrius mit sich, sie aber weinte viele Tage lang und konnte sich nicht zufrieden geben; als aber ihre Zeit gekommen war, gebar sie einen sehr schönen Knaben und erzog ihn aufs Zärtlichste. Wie aber Guido und Tyrius durch vieler Herren Länder gezogen waren, war zuletzt auch das Reich Dacia durch die Ungläubigen verwüstet worden, und Guido sprach zu seinem Gesellen: mein Lieber, Du mußt Dich in jenes Land begeben und mit allen Kräften dem König gegen die Ungläubigen beistehen, weil er ein Christ ist, ich aber will in das gelobte Land ziehen und gegen die Feinde Christi kämpfen, hierauf aber wieder zu Dir zurückkehren, und also werden wir sodann mit Freuden wieder nach England gehen. Tyrius aber entgegnete: was Dir recht ist, gefällt mir auch: ich will in jenes Reich ziehen, und wenn Du am Leben bleibst, komm wieder zu mir, und wir können dann nach unserem Vaterlande zurückkehren. Jener aber antwortete: das verspreche ich Dir treulich. Hierauf küßten sie einander, weinten beim Scheiden bitterlich, und Guido zog nach dem heiligen Lande, Tyrius aber nach Dacien. Guido kämpfte aber in vielen Schlachten gegen die Saracenen und Heiden, und erhielt in jedem Kampfe den Sieg, so daß sein Ruhm durch den ganzen Erdkreis flog, aber auch Tyrius trieb auf gleiche Weise alle Ungläubigen aus dem Königreiche Dacia, schlug viele Schlachten und blieb immer Sieger. Darum gewann[105] ihn der König vor Allen lieb und ehrte ihn, und vom Volke ward er so hoch geschätzt, daß ihm der König viele Schätze gab. Es gab aber zu dieser Zeit in jenem Reiche einen sehr tapfern Raubritter, Namens Plebeus, der neidisch auf den Tyrius war, weil er so schnell zu Reichthum und Ehre gelangt war: der klagte ihn bei dem Könige des Verraths an, wie er im Schilde führe den König der Herrschaft zu berauben. Der König aber, der seinen Worten trauete, weil er ein mächtiger und tapferer Mann war, nahm dem Tyrius alle seine Ehrenstellen wieder, so daß derselbe in großer Dürftigkeit versank und kaum seinen täglichen Unterhalt hatte. Tyrius aber war sehr traurig, weil er so allein und verlassen und in Dürftigkeit gerathen war, weinte bitterlich und sprach: wehe mir, was soll ich anfangen? Wie er aber einstmals traurig einherwandelte, begegnete ihm Guido in einem Pilgerkleide. Als ihn Tyrius gewahr wurde, erkannte er ihn nicht, Guido aber kannte ihn gleich, wollte ihm aber nicht entdecken, wer er sey: und sprach zu ihm: mein Bester, wo bist Du her? Jener aber erwiderte: aus weiter Ferne, allein ich habe schon mehrere Jahre in diesem Lande gelebt, und hatte einen Gesellen, der nach dem gelobten Lande gezogen ist, weiß aber freilich nicht, ob er lebt oder gestorben ist, oder wie es ihm geht. Guido versetzte darauf: um Deines Gesellen Willen erlaube mir in Deinem Schooße ein wenig zu ruhen, ob ich vielleicht etwas schlafen kann, weil ich von meiner Reise ermüdet bin. Jener gab ihm aber die Erlaubniß dazu, und wie Guido jetzt in seinem Schooße eingeschlafen war, sah Tyrius, wie sich sein Mund öffnete und ein weißes Wiesel herauskam und nach einem Berge, der in jener Nähe war, hinlief; wie es aber daselbst einige Zeit zugebracht hatte, kam es wieder und lief wieder in[106] dessen Mund hinein. Hierauf erwachte Guido aus dem Schlafe auf und sprach: mein Lieber, ich habe einen wunderlichen Traum gehabt: es kam mir vor, als wenn ein Wiesel aus meinem Munde käme, in jenem Berg liefe und dann wieder in meinen Mund zurückkehrte. Tyrius aber entgegnete: mein Bester, gerade wie Du es in dem Gesichte geschaut hast, habe ich es mit meinen Augen gesehen, weiß jedoch durchaus nicht, was das Wiesel in jenem Berge gemacht hat. Hierauf sprach jener: wir wollen Beide in den Berg gehen, vielleicht finden wir daselbst etwas Nutzbares. Sie begaben sich also in den Berg, und sie fanden einen todten Drachen, dessen Bauch ganz mit Gold gefüllt war, mit einem schön geschliffenen Schwerte, auf welchem folgende Inschrift stand: durch dieses Schwert wird der Ritter Guido den Feind des Tyrius überwinden. Wie aber Guido diesen Drachen gefunden hatte, freuete er sich sehr und sprach zu Tyrius: mein Lieber, ich schenke Dir den ganzen Schatz, allein das Schwert will ich für mich behalten. Tyrius aber erwiderte: o Herr, ich habe es um Dich nicht verdient, daß Du mir ein solches Geschenk machst. Und jener sprach: schlage Deine Augen auf und schaue mich an, ich bin ja Dein Geselle Guido. Wie aber jener das hörte, schaute er ihn genau an und erkannte ihn sogleich, fiel vor Freude zur Erde nieder, weinte bitterlich und sprach: nun habe ich genug gelebt, da ich Dich wieder gesehen habe. Jener aber versetzte: stehe schnell auf, Du solltest Dich lieber über meine Ankunft freuen als weinen, denn ich werde gegen Deinen Widersacher für Dich kämpfen, und wir Beide werden mit Ehren nach England ziehen; siehe nur vor allen Dingen zu, daß Du keinem Menschen sagst, wer ich bin. Hierauf stand Tyrius auf, fiel ihm um den Hals und küßte ihn, begab sich aber[107] nachher mit dem Golde in sein Haus, indessen Guido sich nach dem königlichen Palast verfügte und an die Pforte desselben klopfte. Der Thürhüter fragte sogleich nach dem Grunde seines Klopfens, jener aber sprach: ich bin ein Pilger, der neulich vom heiligen Grabe gekommen ist; gleich ließ man ihn ein und stellte ihn dem Könige vor. Es saß aber an der Seite des Königs jener Raubritter, der den Tyrius um Ehre und Gut gebracht hatte, und der König fragte: wie stehts jetzt mit dem gelobten Lande? Jener aber sprach: jetzt herrscht tiefer Friede daselbst, und Viele sind zum Christenthume bekehrt worden. Der aber fragte weiter: hast Du vielleicht jenen englischen Ritter Guido gesehen, der so viele Schlachten gewonnen hat? Jener aber antwortete: o ja Herr, den habe ich oft gesehen und sogar mit ihm gespeist. Darauf sagte jener: spricht man dort auch von den Königen der Christenheit? Der Pilger entgegnete: o ja Herr, auch über Deine Person, wie die Saracenen und andere Ungläubigen Dein Reich viele Jahre lang in Besitz gehabt haben, und wie Du durch einen Ritter Namens Plebeus jenen edeln Ritter Tyrius aller seiner Ehren und Schätze beraubt hast, und man spricht, das sey ungerecht von Dir gehandelt gewesen. Wie das Plebeus gehört hatte, sprach er: Du falscher Pilger, der Du solche Lügen erzählst, Du verdientest wohl ihn vertheidigen zu müssen, falls ich gegen Dich kämpfen wollte, denn Tyrius wollte den König, unsern Herrn vom Throne stoßen. Da sprach Guido zum König: mein Herr, weil jener spricht, ich sey ein falscher Pilger und der Ritter Tyrius ein Verräther, so will ich mit Eurer Erlaubniß mit ihm kämpfen und an seinem Leibe beweisen, daß er ein falscher Verleumder ist. Der König aber entgegnete: mir ist's ganz recht, ich bitte Dich sogar Dein Vorhaben auszuführen.[108] Hierauf sprach jener: Herr gieb mir Waffen. Der König versetzte: Alles, was Du bedarfst, sollst Du bereit finden. Hierauf bestimmte er den Tag des Zweikamfes zwischen ihnen, weil er aber fürchtete, der Pilger Guido möchte indessen durch Hinterlist umgebracht werden, so rief er seine Tochter, die noch Jungfrau war, zu sich und sprach zu ihr: mein Kind, wenn Du Dein Leben lieb hast, so bewache diesen Fremdling sorgfältig, und Du sollst Alles haben, was Du brauchst. Hierauf führte sie den Pilger in ihre Kammer, ließ ihn ein Bad nehmen und behielt ihn nach Gefallen bei sich. Wie aber der Tag des Kampfes gekommen war, da stellte sich früh Plebeus gewappnet ans Thor und schrie: wo ist jener falsche Pilger, warum zaudert er so lange? Wie aber jener das gehört hatte, legte er seine Waffen an, und Beide begaben sich auf den Kampfplatz. Sie stießen nun Beide so mit ihren Lanzen zusammen, daß Plebeus beinahe seinen Geist hätte aufgeben müssen, wenn er nicht einmal trinken konnte, er sprach also: o guter Pilger, erlaube mir nur einmal Wasser zu trinken. Der aber versetzte: wenn Du mir versprichst getreulich mir dieselbe Gefälligkeit erzeigen zu wollen, wenn es die Noth erfordert, so erlaube ich es. Der aber entgegnete: ich verspreche Dir das auf mein Wort. Hierauf begab er sich zu einer Quelle und trank sich satt, rannte aber sodann mit seiner ganzen Kraft wider den Guido an, und Beide kämpften nun mannhaft gegen einander, bis auch Guido Durst bekam und sprach: mein Bester, erzeige mir jetzt dieselbe Gefälligkeit, die ich Dir erzeigt habe, denn ich habe unglaublichen Durst. Jener aber erwiderte: ich schwöre zu Gott, daß Du nur an meiner tapfern Faust Deinen Durst stillen sollst. Wie aber Guido Solches hörte, vertheidigte er sich so, daß er der Quelle zu nahe kam, und[109] als er ganz nahe dem Gewässer war, sprang er auf einmal hinein und trank so viel er Lust hatte. Hierauf verließ er das Wasser wieder, stürzte auf jenen wie ein brüllender Löwe los, und der Andere suchte sein Heil in der Flucht, der König aber, als er dieß gewahr ward, ließ sie von einander trennen und diese Nacht ausruhen, damit sie Beide am morgenden Tage zum Kampfe bereit wären. Der Pilger aber begab sich wieder in das Gemach der Königstochter, welche ihm jede Erquickung verabreichte, seine Wunden verband, und nachdem er eine Mahlzeit gehalten, auf einem sehr festen hölzernen Bette seine Ruhestätte aufschlagen ließ; jener aber, der vom Kampfe ermüdet war, begann einzuschlafen. Nun hatte aber Plebeus sieben tapfere Söhne, diese rief er zu sich und sprach zu ihnen: Ihr Lieben, Ihr seid meine Söhne, ich sage Euch, daß, wenn dieser Fremdling nicht noch in dieser Nacht getödtet wird, ich morgenden Tages werde unter die Todten gezählt werden, denn einen tapferen Mann, als er ist, habe ich noch nicht gesehen. Jene aber sprachen: Vater, in dieser Nacht soll er also abgethan werden. Um Mitternacht aber, als Jedermann schlief, drangen sie in das Gemach der Prinzessin, welches nahe am Meere gebaut war, so daß das Meerwasser unter dem Zimmer dahin strömte. Sie sprachen aber zu einander: wenn wir ihn in seinem Bette ermorden, sind wir wieder des Todes, wir wollen ihn also zusammen samt seinem Bette ins Meer stürzen, denn dann wird es beim Volke heißen, daß er die Flucht genommen hat. Hierauf ergriffen sie den schlafenden Pilger und warfen ihn ins Meer. Der Fremde schlief aber fest und merkte nichts. Es befand sich aber zur selbigen Nachtzeit ein Fischer auf dem Meere, der, als er das Getöse, welches das Bett beim Herabstürzen machte, hörte und dasselbe beim[110] Mondenlichte erblickte, sich wunderte und mit lauter Stimme rief: sage mir um Gottes Willen, wer Du bist, auf daß ich Dich retten kann, ehe Du untersinkst. Wie aber Guido das Schreien hörte, erwachte er aus seinem Schlafe, und weil er die Sterne am Firmamente erblickte, wunderte er sich, wo er sey, und da er bald erkannte, daß er sich im Wasser befinde, rief er dem Fischer zu: Lieber hilf mir und ich will Dich belohnen, denn ich bin ein Pilger, der gestern auf dem öffentlichen Kampfplatze focht, wie ich aber hierher gekommen bin, davon weiß ich auch gar nichts. Als das der Fischer hörte, nahm er ihn in seinen Kahn auf, führte ihn mit sich in sein Haus und hieß ihn in einem Bette der Ruhe pflegen. Es kamen aber die Söhne des Plebeus zu ihrem Vater und meldeten ihm, wie jener im Meere begraben liege, und er sich fürder nicht mehr fürchten solle. Plebeus aber freuete sich nicht wenig, stand bei Zeiten auf, wappnete sich und begab sich an die Pforte des Palastes und rief: führet jenen Pilger heraus, auf daß ich mich an ihm rächen kann. Wie das der König gehört hatte, gebot er seiner Tochter ihn zu wecken, damit er sich zum Kampfe rüsten könne, jene aber begab sich zu seinem Lager und fand ihn nicht. Das Mägdlein aber weinte bitterlich und sprach: weh mir, mein Schatz ist fort: und meldete es ihrem Vater, wie sie ihn nicht mehr angetroffen habe. Aber auch der König ward sehr traurig, sie wunderten sich aber, als sie auch das Bett nicht mehr fanden. Hierauf meinten Einige, er sey geflohen, Andere aber, man habe ihn ermordet, und Plebeus schrie beständig an der Pforte: führet diesen Fremdling heraus, denn ich will heute seinen Kopf dem Könige überreichen. Während man aber im Schlosse noch Nachforschungen anstellte, was aus dem Pilger geworden sey, kam der[111] Fischer zum Könige und sprach: Herr, trauert nicht länger, denn als ich diese Nacht mit Fischen auf dem Meere beschäftigt war, fand ich den in's Wasser gestürzten Pilgrim, nahm ihn auf, führte ihn in mein Haus und habe ihn daselbst schlafend verlassen. Wie das der König hörte, freuete er sich sehr und schickte nach ihm, daß er sich zum Kampfe rüsten sollte. Als aber Plebeus vernahm, daß jener nicht todt sey, fürchtete er sich sehr und begehrte vom Könige einen Aufschub des Kampfes. Der König wollte ihm aber auch nicht eine einzige Stunde lang Waffenstillestand zugestehen, sie begaben sich also Beide auf den Kampfplatz und hieben auf einander los, allein schon beim dritten Hiebe schlug ihm Guido den Arm ab, nachher auch das Haupt und überreichte es dem König. Der König aber freuete sich sehr, daß der Fremde einen so rühmlichen Triumph erhalten hatte, und wie er vernahm, daß ihn die Söhne des Plebeus ins Meer gestürzt hatten, ließ er sie an den Galgen hängen, der Pilger aber beurlaubte sich beim Könige. Der bot ihm aber viele Geschenke, wenn er bei ihm bleiben wolle, allein dieser willigte nicht ein. Hierauf gab ihm jener viel Gold und Silber, was er aber alles seinem Tyrius gab, und er, samt dem Könige, setzte diesen nun in seine frühere Würde und große Güter wieder ein, und er nahm dann Abschied vom Könige. Der König aber sprach zu ihm: mein Lieber, ich habe bei Gott eine Bitte an Dich, nehmlich daß Du mir, ehe Du fortziehst, Deinen Namen sagst. Jener aber entgegnete: Herr ich heiße und bin jener Guido, von dem Du schon gehört hast. Als das der König hörte, fiel er ihm um den Hals und verhieß ihm einen großen Theil seines Reiches, so er bei ihm bleiben wolle. Der aber wollte sich durchaus nicht dazu verstehen, sondern küßte den König und begab sich hinweg.[112] Guido aber langte bald in England an und kam an seine Burg; er fand aber eine große Menge Bettler vor dem Thore derselben sitzend, und die Gräfin, seine Gemahlin, saß als Pilgerin gekleidet mitten unter ihnen, wartete ihnen in Person alle Tage auf und gab jedem Armen einen Heller mit den Worten: betet für meinen Herrn Guido, daß ich, ehe ich sterbe, mich noch an ihm letzen kann, und er glücklich wieder nach Hause kommt, denn er ist nach dem heiligen Grabe ausgezogen. Nun begab es sich aber am selbigen Tage, daß ihr Sohn, welcher jetzt sieben Jahre alt war, in prächtigen Kleidern seine Mutter unter die armen Leute begleitete: wie nun das Kind hörte, daß seine Mutter jedem Bettler den Namen ihres Herrn Guido nannte, sprach er: o Mutter, ist das mein Vater, den Du den armen Leuten so empfiehlst? Jene aber erwiderte: ja mein Sohn. In der dritten Nacht, nachdem ich Dich empfangen hatte, ist er von mir gegangen, und seitdem habe ich ihn nicht wieder gesehen. Wie aber die Frau der Reihe nach durch die Bettler schritt, kam sie auch zu ihrem Manne Guido und gab ihm Almosen, wußte aber durchaus nicht, wer er war. Er aber neigte sein Haupt zur Erde, um nicht erkannt zu werden, und wie nun die Dame auch zu den andern Armen weiter ging, folgte ihr ihr Sohn, und wie Guido seine Augen wieder aufschlug und seinen Sohn erblickte, den er vorher noch nie gesehen hatte, konnte er sich nicht mehr halten, sondern nahm sein Kind auf den Arm, küßte es und sprach: mein süßes Kind, möge Dir unser Herrgott die Gnade verleihen, ihm stets wohlgefällig zu seyn. Als aber die Mägde sahen, daß er ihn geküßt hatte, rief man ihm zu, er solle nicht länger da stehen bleiben. Guido aber trat zu seiner Gemahlin und bat sie um einen Platz im Walde, wo er immer bleiben[113] könnte, sie aber, welche ihn für einen Pilger hielt, ließ ihm um Gottes und ihres Mannes Willen eine Einsiedelei bauen, wo er lange Zeit blieb. Als nun aber die Stunde seines Todes nahe war, ließ er seinen Diener rufen und sprach: geh schnell, mein Lieber, zur Gräfin hin, gieb ihr diesen Ring und sage ihr, daß, wenn sie mich zu sehen wünscht, sie sogleich ohne Verzug zu mir kommen soll. Der Bote begab sich aber zu seiner Gebieterin und zeigte ihr den Ring. Kaum hatte sie aber denselben erblickt, so rief sie mit lauter Stimme: das ist der Ring meines Mannes, machte sich schnellen Laufes nach dem Forste auf, allein ehe sie noch anlangte, war Guido schon gestorben. Sie warf sich über seinen Leichnam und schrie mit lauter Stimme: weh mir, meine Hoffnung ist dahin, und indem sie Seufzer und Wehklagen ausstieß, fügte sie hinzu: wo ist jetzt das Almosen, welches ich jeden Tag für meinen Herrn gespendet habe? Ich sah meinen Herrn Almosen empfangen und habe ihn nicht erkannt: Du hast Deinen Sohn vor Deinen Augen erblickt, ihn gestreichelt und geküßt, und Dich doch weder mir noch ihm zu erkennen gegeben. Was hast Du Guido gethan, Guido, nun werde ich Dich nie wieder sehen. Sie übergab also seinen Leib mit großen Ehren dem Grabe, und betrauerte seinen Tod viele Jahre lang.

Quelle:
Gesta Romanorum, das älteste Mährchen- und Legendenbuch des christlichen Mittelalters. 3. Auflage, Unveränderter Neudruck Leipzig: Löffler, Alicke 1905, S. 103-114.
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