10. Kapitel.

Adam beim Pflügen.

[235] Der Vertrag zwischen Ormuzd und Ahriman, den wir oben S. 8 erwähnt haben, lebt in drei verschiedenen Formen in der Volksüberlieferung fort:

1. als Vertrag zwischen Gott und Satanael, wonach die Herrschaft über Lebende und Tote, über Himmel und Erde unter beide geteilt wird;

2. als Vertrag zwischen Gott und Satanael, wonach der Mensch beiden gehören solle;

3. als Vertrag zwischen Adam und dem Teufel, der auf Grund des Vertrages zwischen Gott und dem Teufel geschlossen wird.

Die beiden ersten Formen haben wir bereits früher kennen gelernt, die dritte, aus slawischen Apokryphen1 stammend, findet sich bei den Bulgaren und Kleinrussen. Sie zeigt uns Adam beim Pflügen und den Teufel als seinen Widersacher.


a) Der Satan wünschte, daß die Erde in zwei Teile geteilt würde. »Die Erde soll mir gehören,« sagte er, »der Himmel Gott, und auch die Menschen wollen wir teilen; die Lebenden sollen Gott gehören und die Toten mir.« ... Der Vertrag wurde also geschrieben und dem Satan übergeben. Als nun Adam aus dem Paradiese gejagt wurde, gab ihm Gott Land zur Bearbeitung. Als Satan bemerkte, wie Adam und Eva ackerten, ging er zu ihnen und schrie sie mit lauter Stimme an: »Wie wagt ihr, auf diesem Lande zu ackern, ohne Wissen des Eigentümers?« – »Wir arbeiten ja mit seinem Wissen!« antworteten Adam und Eva. – »Der Eigentümer bin ich,« schrie der Satan, »ihr habt mich nicht um die Erlaubnis gebeten! Lasset die Erde in Frieden, und von nun an darf niemand die Erde berühren.« Als Gott dies hörte, bereute er es, daß er die Erde mit Vertrag dem Satan übergeben [und er läßt den Vertrag durch einen Engel dem Satan entwenden; s. Kap. 4, S. 139].


  • Literatur: Strauß, Bulgaren, S. 10 = Drinov in d. Ztschr. d. bulg. lit. Ges. VIII, 1884.

b) Adam hat kaum angefangen zu pflügen, als der Satan erscheint und sagt: »Die Erde gehört mir, Paradies und Himmel gehören Gott. Wenn du dich mir ergeben willst, magst du die Erde bebauen, aber wenn du Gott gehören willst, geh zurück zum Paradies.« Adam antwortete: »Erde und Himmel gehören Gott.« Der Teufel sagte: »Gib mir ein Schriftstück, daß du mir gehörst, und ich will dich verlassen.« Und Adam sagte: »Ich und meine Kinder gehören dem, dem die Erde gehört.« Der Teufel freute sich darüber, brach einen Stein ab und schrieb dies darauf. Der Teufel hob diesen Stein im Jordan auf und stellte 400 Teufel darum, ihn zu hüten. Als der Heiland kam und im Jordan getauft wurde, stellte er sich auf diesen Stein und zerbrach ihn, so daß der Bund zwischen Adam und dem Teufel zu Ende war.


  • Literatur: Gaster, Litt. pop. romana, Bukuresti 1883, S. 271 = Greeko-Slavonic, S. 32.

[236] c) Der Teufel bat Gott: Gib mir Menschen. Gott riet ihm: Wende dich an Adam. Der Teufel wiederholte diesem die Bitte. Adam sagte: Geb' ich ihm einen Minderjährigen? Er kann mir noch von Nutzen sein. Geb' ich ihm einen Alten? Ich werde selbst alt werden. Soll ich ihm einen Toten geben? Der Tote ist unnütz, gestorben ist gestorben. Adam gab ihm die Toten. Der Herr ging zu Adam: Gabst du ihm das Volk? – Ich gab es. – Welche gabst du? – Die Toten, Herr. – Nun, Adam, denkst du nicht daran, daß du selbst sterben mußt? – Herr, ich sündigte vor dir. – Du hast gefehlt, Adam.


  • Literatur: Dobrovolskij I, S. 241, Nr. 22.

d) Nachdem die Vertreibung aus dem Paradiese erzählt ist, heißt es weiter:


Adam sah nun ein, daß für ihn nichts andres übrig blieb, als die Haue zu nehmen und das Feld zu roden. Als er müde ward, stellte er die Arbeit ein; aber wieviel hatte er gerodet? Er warf die Haue beiseite und machte sich einen Pflug, damit er pflüge. Er spannte die Ochsen ein und pflügte eine Furche, er pflügte noch eine auf, und bei der dritten fand er das Pflügen schon viel leichter als das Roden. »Mit den Ochsen, die den Pflug ziehen, quäle ich mich nicht so ab, wie mit dem Roden,« sprach Adam, »und wie ich merke, wird das Pflügen immer leichter; Frau, komm und treibe die Ochsen, während ich den Pfluggriff führe!« Als Adam diese Worte ausgesprochen hatte, erschien der Teufel und stellte sich vor die Ochsen hin. »Wen hast du um Erlaubnis gebeten, Adam,« fragte ihn der Teufel, »als du zu pflügen begannst?« – »Gehört denn dir dieses Land?« fragte Adam, »warum läßt du mich nicht pflügen?« »Freilich gehört es mir, wem anders sollte es gehören; geh von hier, pack dich!« sprach der Teufel. Adam ging nun von diesem Orte auf einen anderen und begann dort zu pflügen; aber der Teufel stellte sich auch hier vor die Ochsen und trieb ihn weg. Auch vom dritten Orte jagte er ihn weg. »Aber Mensch,« sprach Adam, »warum läßt du mich nicht ein Stück Land aufackern, damit ich leben kann?« – »Ich lasse dich nicht ackern, denn die Erde gehört mir,« versetzte der Teufel. »Was soll ich denn machen, um leben zu können?« fragte Adam. – »Das ist deine Sache,« versetzte der Teufel; »ich gebe dir nur so die Erlaubnis, wenn du mir eine Schrift gibst, daß von deiner Familie alle, die leben, dir gehören, die aber gestorben, mir gehören werden!« Adam beriet sich mit seiner Frau, und schließlich stellte er ihm mit dem Blute seiner Hand auf einer Steinplatte die Schrift aus. Der Teufel nahm die Steinplatte mit und stellte sie in der Hölle unter den Kessel. Dort stand dieselbe, und jeder gestorbene Mensch gelangte in den Kessel ewiger Qualen, bis Christus in die Hölle hinabstieg und die Steinplatte vernichtete, auf welcher Adam die Schrift ausgestellt hatte.2 Also gab der Teufel dem Adam die Erlaubnis, daß er[237] pflüge und sich ernähre, nachdem der Herr ihn aus dem Paradiese vertrieben hatte.


  • Literatur: Strauß, Die Bulgaren, S. 79 f. = Sbornik za nar. umotv. VI, Abt. 3, 113.

e) Der Teufel verbot Adam, zu pflügen und zu säen, weil er der Herr der Erde sei. Er erlaube ihm dies nur unter der Bedingung, daß Adam ihm all seine Kinder verschreibe. Diese Verschreibung legte er in einen Stein und warf ihn ins Meer. »Was hast du getan?« fragte der Herr. »Du hast alle Menschen, die von dir stammen werden, vernichtet.« Der Herr schaffte diese Verschreibung, indem er untertauchte und sie Adam zurückgab.


  • Literatur: Ukraine. Veselovskij, S. 82 = Kievljanin 1866, Nr. 4. Vgl. oben S. 140. Varianten im Etnogr. Obozrěnie Bd. 13/14, S. 74–76 aus dem Gouv. Charkov.

Wie man sieht, steht die Version a auf demselben Boden, dem die Sagen von der ersten Vertragsform angehören. Das Thema von dem ackernden Adam ist nur eine Erweiterung, die die Folgen des Vertrags zwischen Gott und dem Satan schildert. In der Version b geht die Ausgestaltung des Vertragsmotivs einen beträchtlichen Schritt weiter: auf Grund der Teilung von Himmel und Erde, die Gott und Satan unter sich, vereinbart haben, kommt ein zweiter Vertrag zustande, indem Adam sich dem Teufel verschreibt. Die gleiche Motivverdoppelung finden wir in den beiden nächsten Sagen c und d, doch fehlt hier der Hinweis auf den ersten Vertrag; wir hören nichts weiter, als daß der Teufel sagt, die Erde gehöre ihm. Die Sage d ähnelt wieder der Version a, insofern auch hier ein mit dem Teufel geschlossener Vertrag diesem durch Tauchen entwendet wird; nur ist es diesmal Adams und nicht Gottes Vertrag.

Während diese Versionen einen ausgesprochen apokryph-biblischen Charakter tragen, finden wir andere Sagen, die ihrem Wesen nach in denselben Kreis gehören, aber mit weit drastischeren Mitteln arbeiten. Während Adam in der Version c mehrmals den Ackerplatz wechselt, weil der Teufel ihn vertreibt, so heißt es in der folgenden Sage, daß der Teufel ihn durch Zerstören seiner Arbeit dazu trieb und ihn schließlich, auf der Egge sitzend, auslachte. Der Höhepunkt der Schilderung wird erreicht, indem der Teufel zum Ackerpferd verwandelt wird.


Adam war betroffen darüber, daß ihn Gott aus dem Paradiese gejagt hatte; er bebaute die Erde und sprach dabei nicht: »Gott helf' mir!« Und der Teufel freute sich darüber, und was Adam am Tage gebaut hatte, zerstörte er des Nachts. Adam bebaute nun ein anderes Feld (denn er glaubte, der Boden trage die Schuld), doch wie er des Morgens nachsah, war sein Feld abermals grün, als wäre es niemals bearbeitet. Der Unglückliche arbeitete bis zur Erschöpfung, dann seufzte er zu Gott und sprach: »Herr, hilf mir!« Und kaum hatte er das gesagt, so wurde das ganze Land plötzlich wieder schwarz. Er betete zu Gott, begann zu säen, spannte sich selbst an die Egge und zog sie. Diese Egge war für ihn sehr schwer zu ziehen, – der Teufel saß hinter ihm auf der Egge und lachte. Als der Herr das sah, sprach er zu seinem Engel: »Siehst du diesen Teufel, der auf Adams Egge sitzt? Gehe hin und mache aus diesem[238] Teufel ein Pferd!« Der Engel ging, und nachdem er dem Teufel einen Strick übergeworfen hatte, wurde dieser zu einem Pferde. Dann sprach der Engel zu Adam: »Spanne dich ab und spanne dafür das Pferd an; der Herr gibt dir ein Roß!« So sind unsere Pferde entstanden.


  • Literatur: Revue des trad. pop. II, 408.

Als Parallele hierzu – vielleicht als Sagenquell – darf wiederum ein iranischer Mythus gelten:


Tahmurath, ein König der Vorzeit, dem die Menschheit mehrere Kulturfortschritte, wie das Weben und das Zähmen der Tiere, verdankte, hatte die Macht, die Dämonen im Zaume zu halten. Er ritt sogar auf dem in die Gestalt eines Pferdes verwandelten Ahriman dreißig Jahre lang um die beiden Enden der Erde.


  • Literatur: Windischmann, Zoroastrische Studien, S. 198, 201 = Spiegel, Eranische Altertumskunde I, 519.

In mehr oder weniger nahem Zusammenhang mit dieser Sage stehen folgende Varianten:


a) Als Gott den Menschen erschaffen hatte, gab er ihm einen Pflug. Das war ein Pflug, der von selbst ackerte.3 Sprach Gott: »Aber schlage ihn ja nicht in die Seite!« Kommt der Teufel daher, redet ihm zu, ihn zu schlagen; doch Adam schlug ihn nicht. Kam Gott daher: – »Nun, geht der Pflug gut?« »Er geht nicht sehr gut! Ein rotbärtiger Mann kam her, der sagte immerzu, ich solle den Pflug in die Seite schlagen!« »Na gut, Adam, ich gebe dir ein Halfter, und das wirf dem rotbärtigen Mann um den Kopf und spanne ihn in dies Geschirr, führe ihn auf die Weide, und dann magst du den Pflug schlagen!« Gott ging von dannen; kam der Teufel und sagte wieder, der arme Mann solle den Pflug in die Seite schlagen. Adam warf dem Teufel das Halfter über, spannte den Teufel ein, schlug auf den Pflug; seitdem geht der Pflug nicht mehr von selbst. Der Teufel wurde ein braunes Pferd; Adam spannte es ein; seitdem zieht das Pferd den Pflug.


  • Literatur: Aus Ungarn. Kálmány, Vil. al. ny., S. 32.

b) Andere Fassungen aus Ungarn erzählen, daß St. Peter den Teufel an den Pflug geschleudert habe und zwei Pferde aus ihm entstanden seien, oder der Teufel habe Adam vier Pferde, die aber nicht Pferde, sondern Teufel waren, gebracht, um den stillstehenden Pflug zu ziehen. Da Adam mit den vier Teufeln nicht fertig werden konnte (sie liefen zu schnell), schlitzte Gott ihnen die Beine auf; seitdem gehen sie ruhiger. So wurden Pferde aus den Teufeln; man darf keinem Pferd trauen, denn sie stammen vom Teufel.


  • Literatur: Kálmány, ebd.

c) Als Gott Adam aus dem Paradiese vertrieb, gab ihm der Herrgott einen Pflug, und damit ackerte er; ohne Pferd ging der Pflug geradeaus. Da kam der Teufel des Weges, sagte ihm, er solle nur auf den Pflug schlagen, dann würde der Pflug noch leichter gehen. Er schlug auf den Pflug; auf der Stelle blieb er stehen, ging nicht weiter. Da schaffte ihm Gott ein Pferd vor[239] den Pflug; das Pferd zog plötzlich den Pflug an, das Pflugmesser fuhr auf sein Bein, und davon trägt es ein ewiges Zeichen.


  • Literatur: Kálmány, Vil. al. ny., S. 15.

d) Gott erschuf für Adam ein Pferd. Adam hatte damit weiter keine Not, aber als Gott ihn aus dem Paradiese trieb, ward das Pferd ihm gar zu schnellfüßig. Er klagte Gott, daß er nicht mehr mit dem Tiere umgehen könne. Da sagte ihm Gott, er solle es in die Beine schneiden. Adam tat es, und so wuchs dem Pferde das Oberbein.


  • Literatur: v. Wlislocki, Volksglaube u. relig. Brauch der Magyaren (1893), S. 113. Vgl. Kálmány, Vil. al. ny., S. 16.

e) Das Pferd ist der verwandelte Teufel. Da der Teufel sich in ein jegliches Tier umwandeln kann, so tat er's auch und wurde ein Pferd; der Herr aber gab ihm seinen Segen auf solche Weise, daß er für immer Pferd geblieben.


  • Literatur: Russisch: Čubinskij, Trudy I, 49.

f) Die Teufel machten unserem Herrn Christus viel zu schaffen. Ihre Zahl war groß, denn sie hatten sich so sehr vermehrt, daß Christus überall, wohin er auch ging, lauter Teufel sah. Und immer foppten sie ihn. Da machte er Pferde aus ihnen. Die hatte es vorher noch nicht gegeben. Manche Pferde sind ja daher wie der Teufel.

Damals war aber das Pferd gar schnellfüßig, man konnte es kaum zum Stehen bringen. Da schleuderte Christus ein Beil dem Tiere an die Beine. Und seit der Zeit sieht man an diesen den Beilschnitt, und sie laufen nicht mehr so schnell.


  • Literatur: Ungarisch, v. Wlislocki, ebd. Vgl. Kálmány, Vil. al. ny., S. 30.

Die Entstehung des Oberbeines wird auch, in einer dänischen Sage mit dem Teufel in Zusammenhang gebracht. Sie möge daher, wiewohl das Motiv des ackernden Adam darin fehlt, hier angefügt sein.


Als unser Herrgott das Pferd erschaffen wollte, zog er auch den Teufel mit zu Rate. Nun fragte es sich, wo die Augen hingesetzt werden sollten. »Das sollst du bestimmen,« sagte der Herrgott. »Ja, dann ist es am besten, daß wir sie in die Beine einsetzen, da sind sie dem Wege am nächsten, und wenn die Pferde die Augen dort zum Sehen haben, so können sie immer auf dem Wege gehen.« Die Augen wurden nun in die Beine des Pferdes eingesetzt, aber es zeigte sich, daß die armen Tiere darunter zu leiden hatten, denn aller Staub flog ihnen in die Augen, und nun mußte der liebe Gott dem Teufel zeigen, daß die Augen an einer schlechten Stelle saßen, und daß es besser wäre, sie in den Kopf zu setzen. Das tat er auch, aber für die großen Löcher, die in den Beinen zurückblieben, schnitzte er Holzpflöcke und trieb sie da ein. Da sitzen sie auch noch, wie jeder sehen kann.


  • Literatur: E.T. Kristensen, Sagn fra Jylland, Nr. 435, S. 339. Parallelen in meinem III. Bd.

Übertragung auf Christus zeigt folgende kleinrussische Sage:


Der Teufel verfertigte einen Fuhrwagen in der Hütte und setzte ihn gar fein zusammen; wie sollte er ihn aber durch die Tür ziehen? Jesus Christus aber und Petrus kamen daher: »Was hast du angefertigt?« – »Einen Wagen, ich kann ihn aber nicht aus der Hütte ziehen.« – »Verkaufe ihn mir.« – Und[240] er verkaufte ihn. Petrus fragte: »Wozu das, Herr?« – »O, er wird den Menschen nötig sein, und sie werden darauf fahren.« Und dann nahm er die Räder ab, trug alles hinter die Tür und setzte es wieder zusammen. Da sagte der Teufel: »Könnt' ich es denn nicht selbst so auseinandernehmen und es richtig machen?« Jesus Christus sprach: »Und wenn du dich gesetzt hättest, so würdest du nicht weiter kommen.« Und auch jetzt noch, wenn der Wagen quietscht, so sitzt er auf der Fuhre.

Da machte er ein Pferd. Er machte es aber so, daß das Pferd nicht selbst stehen konnte. Er band dem Pferde solch eine Sehne fest, daß es, lebendig geworden, nicht gehen konnte, denn es war gebunden. Jesus Christus kommt mit Petrus daher und sagt: »Was hast du da gemacht?« – »Ein Pferd, es will aber nicht gehen.« – »Nun, verkaufe mir dieses Pferd, es wird dann gehen. Dann kannst du dich mal darauf setzen.« – Und auch heute kommt solch eine Stunde, wo er sich aufs Pferd setzt und das Pferd dann ohne jegliche Kunde verschwindet, niemand kann es auch ausspannen, dazu hat er es gemacht. Da fragte Petrus: »Herr, wozu brauchst du das Pferd?« – »Ei, Peter, es wird für die armen Menschen arbeiten.« Er zerschnitt die Sehne, und das Pferd ging. Und auch heute hat das Pferd Auswüchse zwischen den Beinen, wie ihr wißt.


  • Literatur: Etnograf. Zbirnyk XII, Nr. 71.
    Vgl. zur Fuhre: Čubinskij, Trudy I, S. 104–106; zum Pferd: Zbiór wiad. V, 3, S. 135.

Endlich sei noch eine arabische Sage von Adam und dem Pferd erwähnt:


Als Gott das Pferd erschaffen wollte, sprach er zu den Südwinden: »Versammelt euch, damit ich eine lebende Kreatur aus euch herausziehe.« Die Winde gehorchten, und Gabriel nahm auf Gottes Befehl eine Handvoll Wind. Gott sprach: »Dies hier ist meine Handvoll,« und er erschuf ein fuchsrotes Pferd. Dann sprach er zu ihm: »Ich mache aus dir ein Pferd und gebe dir die Araber zur Familie; ich will, daß du alle meine anderen Geschöpfe übertriffst, dadurch, daß du mehr als sie zur Behaglichkeit des Lebens und zum Erfolg der Forschungsreisen beiträgst. Ein Ritter wird auf deinem Rücken sitzen und dich lenken, und das Glück wird an deine Stirn geheftet sein.« Sobald das Pferd in Freiheit war, wieherte es, da segnete es Gott für sein Wiehern und drückte ihm ein weißes Zeichen auf Stirn und Füße. Als der erste Mensch erschaffen war, fragte ihn Gott, was er vorzöge, das Pferd oder Borâqu (Borâqu hatte die Gestalt eines Maultieres und war ohne Geschlecht). Adam antwortete: »Herr, ich wähle das schönste von beiden,« und er gab dem Pferde den Vorzug. Gott versetzte: »Adam, du hast erwählt, was dir und deinen Kindern dauernden Ruhm bringen wird. Darum wird die Rasse des Pferdes jenes Zeichen bis zum Ende der Welt bewahren.«


  • Literatur: Revue des trad. pop. XIV, 631, Nr. 258; Mas'udi, Prairies d'or, trad. p. Barbier de Meynard, IV, Paris 1865, S. 23 f.
    Daß das Roß aus Wind geschaffen sei, findet sich im Arabischen bei Azzo'ddino' I Mocaddessi († 1280 n. Chr.). Vgl. C.R.S. Peiper, Stimmen aus dem Morgenlande, S. 249.

An die biblische Überlieferung, daß der Engel Adam das Pflügen lehrte, knüpft folgende bulgarische Sage an:


[241] Im Anfang, als der Mensch zu pflügen begann, da hob er, wenn er eine Furche vom einen Ende zum andern gezogen hatte, seinen Pflug auf die Schulter, und wenn er ihn zu demselben Ende, von wo aus er begonnen, zurückgebracht hatte, so fing er aufs neue von dort aus zu pflügen an. Der liebe Gott ging in Gestalt eines alten Mannes vorbei und sagte zu ihm: »Nicht also, mein Sohn, sondern wenn du eine Furche machst, drehe den Pflug auf derselben Stelle herum, zu der du die Furche gezogen hast, und pflüge bis dorthin zurück, von wo du ausgegangen bist.« Und so lernte der Ackermann, richtig zu pflügen, so, wie man noch heutzutage pflügt.

Von da ging der liebe Gott in Gestalt eines alten Mannes weiter und sah eine Frau, die am Webstuhle webte und die Fäden – drei auf einmal – in den Mund nahm. Sie biß den Faden am einen Ende ab und fing wieder auf derselben Seite an. Gott sprach zu ihr: »Nicht also, meine Tochter; aber nimm die Fäden hierhin und dorthin mit zwei Händen, ohne den Faden abzubeißen.« Und sie lernte zu weben, wie man noch heute webt.

Am nächsten Tage ging der Herr wieder am Ackermann in einer andern Gestalt vorüber und fragte ihn: »Wer lehrte dich, mein Sohn, so zu pflügen?« Er antwortete ihm: »Der liebe Gott in Gestalt eines alten Mannes.« Gott segnete ihn und sagte: »Ein Tag zu pflügen sei ein Jahr zu essen.« Darauf ging er an der Frau vorüber und fragte sie: »Wer lehrte dich, meine Tochter, so zu weben?« Sie erwiderte: »Ich selbst, ich ganz für mich allein, und es ging schnell, sehr schnell.« Da sagte Gott zu ihr: »Ein Jahr zu weben, daß du's nur unterm Arm tragen kannst.«


  • Literatur: Wratislaw, Sixty Folk-Tales from exclusively Slavonic sources, London 1889,. S. 176. Vgl. Strauß, Bulgaren, S. 79.

Fußnoten

1 Tichonravov I, 16 f. Pypin, Ložnyja ... knigi (= Pamjatniki, hrsg. von Kušelev III, 2, 5). Porfiriev, Apokr. skazki 211 f., Močulski in Russk. Fil. Vjestnik IV (1887), 174.


2 Vgl. hierzu folgendes:

Ein estnisches Manuskript, welches unter den Schweden in Ruckö öfters gefunden wird, enthält den »Traum der heiligen Mutter Jesu«, in welchem das Leiden Jesu vorher verkündigt wird. Darin heißt es: Du gingst nach unten in das Höllenloch, in die Tiefe, und zerbrachst alle eisernen Höllenriegel und Türen, nahmst alle Höllenbande weg und banntest für ewig den obersten Satan. Dann führtest du alle frommen Seelen und verstorbenen Heiligen mit Adam und Eva aus der Hölle, zerrissest die Schrift vom Sündenfalle Adams und brachtest sie aus der Finsternis ins Himmelreich, ins ewige Paradies.

Rußwurm, Eibofolke (Schweden in Estland), S. 184.


3 Dem Islam gemäß lehrte der Engel Gabriel den Adam pflügen; der Pflug geht so lange von selbst, wie Adam keine Sünde begangen.

Weil, Bibl. Leg. d. Muselmänner, S. 40.

Quelle:
Dähnhardt, Oskar: Natursagen. Eine Samlung naturdeutender Sagen, Märchen, Fabeln und Legenden, 4 Bände, Leipzig/Berlin, 1907-1912, S. 235-242.
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