3. Entstehung der Hunde.

[250] a) Als Abel tot und die Herde führerlos war, entstanden aus Würmern des unbestattet daliegenden Leichnams Wächterhunde. Darüber erzählen die Bulgaren, wie folgt:


Als Adam geerntet hatte und das Korn mit seinen beiden Söhnen, Kain und Abel, drasch, warf er auf beide Seiten hin je eine Schaufel Korn. Sein jüngerer Sohn sah dies und fragte seinen Vater: warum er Frucht hingestreut habe. Vater Adam antwortete ihm, daß er hiermit ein Opfer gebracht habe, damit die auf Erden befindlichen Tiere auch Nahrung haben sollen. Da sprach Abel zu seinem Vater: »Sollte man dies Opfer nicht auch dem Herrn bringen?« Vater Adam erlaubte ihm, dies zu tun. Und Abel opferte sein bestes Lamm. Sein Bruder Kain sah dies, ward auf ihn erzürnt und erschlug ihn, als er seine Schafe hütete. Als Kain ohne Abel heimkehrte, fragte ihn Vater Adam: »Wo ist dein Bruder Abel?« Kain antwortete, daß er es nicht wisse. Später, als die Schafe allein, ohne Hirten heimkehrten, ging Adam aus, um den Abel zu suchen, und nach zwei, drei Tagen fand er ihn erschlagen, stinkend und voller Würmer. Da segnete Vater Adam die Würmer, damit sie Hunde würden und statt Abels die Schafe hütete, und sie wurden sogleich Hunde. Von der Zeit an befinden sie sich bei einer jeden Herde, um dieselbe zu bewachen.


  • Literatur: Strauß, Bulgaren S. 63 = Revue des trad. pop. VIII, 411 = Papahagi, Diu literat. pop. a. Aromînilor, S. 778.

b) Nach einer anderen bulgarischen Sage, deren Alter und Verbreitung den Schluß rechtfertigt, daß sie die ursprüngliche ist, sind die Hunde aus Kains Leiche hervorgegangen:


Als Kain Abel getötet hatte, verfluchte ihn sein Vater und Gott. Er lief dann durch die ganze Erde, ohne irgendwo Schutz zu finden. Es gab damals einen blinden Jäger, der sich auf einen Baum im Gebirge setzte und ganz blind, wie er war, das Wild nur an dem Rascheln der Blätter erkannte. Als Kain durch diesen Wald ging, dachte der blinde Jäger, daß irgend etwas käme, aber nach dem Geräusch glaubte er, daß es irgend ein großes Wild wäre. Er schoß hinab und tötete ihn.

Der Leichnam verweste und bedeckte sich mit Würmern. Diese Würmer wurden durch den Willen Gottes zu Hunden. Darum, wenn man einen Hund schlägt, ruft dieser heulend Kain zu Hilfe: »Kain, Kain


  • Literatur: Strauß, Bulgaren S. 64 = Šapkarev, Sbornik III – Schischmanoff, Nr. 11, 2.

Kürzer ist eine portugiesische Fassung, die nur besagt, daß Abels Hund, den dieser sehr geliebt hatte, nach dem Tode seines Herrn bellte: Kain! Kain! Und so bellen die Hunde noch jetzt. In Mondim da Beira heißt bellen geradezu »cainhar«.


  • Literatur: Leite da Vasconcellos, Trad. pop., S. 197, o.

[250] Der Ursprung dieser Sage liegt in einer talmudischen1 Erzählung, in der Kain, während er »unstät und flüchtig« in den Wäldern umherirrt, von dem blinden Lamech getötet wurde. Dieser war ein Urenkel Kains (nach M. Tanchuma gehörte er der siebenten Generation nach Adam an).

Wenn er auf die Jagd ging, führte ihn sein Sohn Tuwalkain, ein Knabe. Wenn dieser ein wildes Tier erblickte, sagte er es seinem Vater und gab seiner Hand die Richtung, wohin er den Bogen abschießen müsse. Dasselbe geschah nun auch eines Tages, als Kain auf der Erde kauerte. Tuwalkain hineilt ihn für e Tier; Lamech schoß und traf nach des Sohnes Anleitung das Ziel. Als sie näher hinzutraten, sagte der Knabe: Das ist ein Mensch mit einem Horn auf der Stirn [nach Ber. R., S. 22 war das Kainszeichen (Gen. 4, 15) ein Horn]. Da rief Lamech aus: Weh mir, das ist mein Urgroßvater Kain! Verzweiflungsvoll schlug er die Hände aneinander; unglücklicherweise traf er dabei seinen Sohn, der tot niederstürzte. Auf dieses Ereignis werden die Worte Lamechs an seine Frauen: Gen. 4, 23 bezogen: Einen Mann tötete ich zu meiner Wunde und einen Knaben zu meiner Beule. Der ›Mann‹ ist Kain, das ›Kind‹ sein eigner Sohn.

Die gleiche Erzählung findet sich bei syrischen und arabischen Autoren, syrisch2 z.B. in der Schatzhöhle (Bezold S. 11), arabisch3 bei Tabarî und Ibn el-Atîr, wo aber der Blinde nicht mit dem Namen genannt wird. Er ist als Kains Sohn bezeichnet, der den eignen Vater und hierauf auch den Sohn tötet. Danach ruft er aus: Wehe mir, ich habe meinen Vater durch einen Schuß, meinen Sohn durch einen Schlag getötet.

Auch in der christlichen Literatur ist diese Sage verbreitet. Eutychius, Contextio gemmarum sive Annales I, 22 berichtet mit leichter Entstellung: Kain, der nirgends lange an einem Orte bleiben kann, da er in steter Aufregung ist, irrt im Walde umher. Der siebente seiner Nachkommen, der Hirte Lamech, schießt einst zum Spiele Pfeile ab; einer von diesen trifft Kain ins Herz, daß er tot hinfällt. (Grünbaum S. 72.)[251]

Vgl. ferner Comestor, Historia scholastica, cap. 28, Michael Grlycas, Annal. 118. Hieronymus, ep. 26 ad Damasium.

In die slawischen Apokryphen4 gelangte die Erzählung vermutlich aus des Pseudomethodius Revelationes (Bibl. patrum maxima t. III, 727), deren Einfluß auf die Slawen noch weiterhin klar werden wird. Auch das christliche Adambuch des Morgenlandes (vgl. hierüber Kap. 6 S. 217)5 mag viel zur Verbreitung der Sage beigetragen haben. In Merzdorfs deutschen Historienbibeln des Mittelalters wird sie zweimal erwähnt (I, 123. II, 602).

Überall fehlt jedoch die Naturdeutung, der Hinweis auf das Gebell des Hundes. Woher diese eigentümliche Zuspitzung stammt, ist nicht erweislich. Vermutlich hat sie – nur so viel läßt sich sagen – im byzantinischen Schrifttum existiert und ist dadurch in der heutigen Volkserzählung erhalten geblieben. Auf diese Annahme führt eine Stelle, die Liebrecht in einer griechisch geschriebenen Weltgeschichte des Dorotheos, Metropolitan von Malvasia (in vermehrter und verbesserter Auflage 1763 zu Venedig erschienen) entdeckt hat. (Vgl. Liebrecht, Zur Volkskunde S. 80.)


Obwohl im Alter erblindet, läßt Lamech trotzdem von seinem Lieblingsvergnügen, der Jagd, nicht ab, auf der ihn dann stets jemand begleiten und ihm den Bogen richten muß. So geschieht es denn eines Tages, daß er durch ein Versehen seines Führers den Kain mit einem Pfeil tötet und sich darüber sehr grämt. Der Leichnam Kains blieb jedoch im Walde unbegraben liegen, und aus seinem Kopfe entsprang eine stinkende Quelle, aus der sich eine Art bis dahin unbekannter Würmer erzeugte.

Sie hatten vier Füße; Kopf und Ohren aber waren so groß wie die der großen Tiere; und einige Leute glauben, daß von jenen Würmern (σκουλίκια) die Hunde (σκῦλοι) herkommen.[252]


Man sieht, sagt Liebrecht, daß der Gleichklang der letzten beiden Worte, sowie überhaupt der von Κάϊν) und Κύων6 Anlaß zu dem Entstehen des letzten Teils dieser Sage gegeben, während der erstere aus dem Talmud stammt.

Was die Vorstellung anlangt, daß die Hunde aus der Leiche entstanden seien, so ist daran zu erinnern, daß diese Tiere, die im Morgenlande nicht in den Häusern gefüttert werden und ihre Nahrung selbst auf den Straßen aufsuchen müssen, viel leichter als bei uns einen Leichnam anfallen.7 Interessante Zusammenstellungen über den Hund als Leichenfresser und seine Bedeutung für die Mythen und abergläubischen Meinungen vom Tode hat Julius von Negelein in der Zeitschrift des Vereins f. Volkskunde XIII, 263 ff.8 gegeben. Weil nun der Hund als der Verbündete des Todes und der Leichenstätten galt, so verlegte die Sage seinen Ursprung in den Leichnam, und zwar in den Leichnam Kains. Der Abscheu vor dem unreinen Tier verband sich mit dem Abscheu vor dem Brudermörder. Die zweite Version, wonach Abels Körper die Hunde hervorbrachte, scheint mir die jüngere zu sein, da jedes ältere Zeugnis dafür fehlt. Sie lag natürlich sehr nahe. Denn wenn einmal die Entstehung der Hunde auf den menschlichen Leichnam zurückgeführt wurde, so verfiel man eben von selber darauf, den ersten Toten, von dem die biblische Geschichte er zählt, als Ursache anzunehmen. Und so setzte man Abel an die Stelle Kains. Gleichzeitig mögen andere Sagen, in denen der Hund als Wächter einer führerlosen Herde erschaffen wird (siehe meine »Neutestamentl. Sagen«), an der Gestaltung dieser neuen Variante mitgeholfen haben.

Ein schwacher Nachklang der Lamechsagen findet sich in folgender Volkssage:

Nach dem Brudermord wird Kain alt, schwach, kriecht auf allen Vieren und schreckt alle Leute. Einer seiner Nachkommen erblickt ihn und schießt ihn nieder. Als er erkennt, das häßliche Tier sei Altvater[253] Kam, durchwandert er irrend die Wälder und ist zum Patron der Jäger geworden.


  • Literatur: v. Helfert, Záhoří und Záhořer in der Zeitschr. f. österr. Volksk. V, 63 (1899).

Fußnoten

1 Grünbaum, Neue Beiträge S. 70 führt an: M. Tanchuma zu Gen. 4, 14 (d.h. in dem längst gedruckten, nicht in dem von Buber edierten); Raschi zu Gen. 4, 23; Jalkut, Gen. § 38; Sefer hajaschar (ed. Ven. 10 b), Gedaljah Ibn Jachja im Schalscheleth hakabbala (ed. Ven. 92 b).

Dazu noch Targum d. Pseudo-Jonathan, Gen. 38 und Dan. Ehrmann: Aus Palästina und Babylon2 S. 37, Nr. 27 = Jalkut, Gen. 38.


2 Grünbaum, Neue Beitr. S. 72 verweist noch auf Lagarde, Materialien S. 57, Z. 25 ff., wo Gen. 4, 23. 24 angeführt und Lamechs Worte übersetzt werden: denn ich habe einen Mann getötet, indem ich ihn traf und einen Knaben durch das Zusammenschlagen meiner Hände. Zur Erklärung werden die Worte des Ephräm Syrus angeführt, welcher erzählt, wie Lamech zuerst Kain, dann seinen Sohn Tubalkain getötet habe.


3 Dittmann, Das christl. Adamsbuch führt noch an: Hottinger, Hist. orient. ed. II, S. 33 (Randnote in einem arab. Pentateuch). Bei dem Araber Jakûbî heißt es ganz kurz, daß der blinde Lamech dem Kain durch einen Steinwurf den Kopf zerschmetterte. (Grünbaum S. 72.)


4 N. Tichonravov: Pamjatniki otrečennoj russkoj literatury I, S. 24–25:

Der blinde Lamech begibt sich in Begleitung seines Führers auf die Jagd; der letztere richtet ihm das Geschoß auf einen mit Schilf bewachsenen Ort hin, wo sich vermeintlich ein Tier oder Vogel befinden sollte. Als getötet erscheint Kain. Lamech, darüber erbittert, tötet seinen Führer und wandert in der Wüste so lange herum, bis er, aufgefunden, nach Hause geführt wird, wo er die begangene Sünde bereut. Er ist der erste Mensch überhaupt, der Reue empfindet. Inhaltsangabe nach Jahrbücher f. Protestant. Theologie 18 (1892), S. 133.


5 Und Kain ging hinaus, um den Lamech aufzusuchen und kam auf das Feld. Und der junge Hirte hörte das Geräusch von ihm, das er durch das Gehen hervorbrachte, und sagte zu Lamech: »Ist das ein wildes Tier oder ein Räuber?« Und Lamech sagte zu ihm: »Weise mir seine Richtung, wenn er hervorkommt.« Und Lamech spannte seinen Bogen und legte einen Pfeil darauf und rüstete [folgen unverständliche Worte] und die Schleuder. Und als nun Kain auf dem Felde hervortrat, sagte der Hirte zu Lamech: »Schieße, siehe da kommt er.« Und er schoß ihn mit dem Pfeil, der drang ihm in die Seite, und er schleuderte auf ihn mit der Steinschleuder, das traf ihn ins Gesicht und beraubte ihn beider Augen; und er stürzte alsobald nieder und starb. Und Lamech ging auf ihn zu, und der Junge sagte zu ihm: »O mein Herr, das ist ja Kain, den du getötet hast.« Und aus Leid darüber schlug Lamech seine Hände zusammen und traf gerade mit seinen beiden Handflächen den Kopf des Kleinen, daß dieser wie tot niederstürzte; und Lamech hielt ihn dafür (für tot) und nahm einen Stein und zerschmetterte ihm den Kopf, daß er starb ...

Dittmann S. 85.


6 Ähnliche etymologische Spielereien (mit dem ungarischen Worte légy und dem ukrainischen iva) s.S. 268, 116 Amn.


7 S. Blogg, Lehrreiche Erzählungen und Anekdoten, gesammelt aus dem Talmud (1877) S. 40, Anm.


8 »Von jeher (?) gilt der blutleckende, leichenfressende und deshalb mit Vorliebe Leichenstätten aufsuchende, bei Nacht besonders lebhafte und in schreckenerregender Weise heulende Hund für ein höchst widerwärtiges, unheimliches und mit den furchtbaren Mächten des Todes, der Nacht und der Unterwelt in geheimnisvoller Verbindung stehendes Tier. (Roscher, Abhdl. d. sächs. Ges. d. Wiss., hist.-phil. Kl. 17, 3, 25 f.) Furcht erregt seine Neigung, das geronnene Blut Getöteter zu fressen (Caspari, Urgesch. d. Menschh. 1, 368, Anm. 1. Tylor, Anfänge der Kultur 1, 466 f. Furtwängler, Sammlung Sabouroff 1, 24). Schon der homerische Hund war Leichenfresser. So erklärt sich der Gebrauch, den Toten den Hunden zu überlassen. Dieser Usus ist nach Spiegel (Eran. Altertumsk. 3, 703) in Medien nicht minder anzutreffen gewesen, als bei den Baktriern... Da den Avestavölkern die Leichen als unrein galten, wurde deshalb der Hund [dem sie ausgesetzt wurden] von ihnen verehrt ... Der Genuß des leichenfressenden Tieres galt dem Inder als der äußerste Greuel.«


Quelle:
Dähnhardt, Oskar: Natursagen. Eine Samlung naturdeutender Sagen, Märchen, Fabeln und Legenden, 4 Bände, Leipzig/Berlin, 1907-1912, S. 254.
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