IV. Die Gnostiker.

[93] Die Bogomilen sind indes ebensowenig wie die Urheber der kosmogonischen Sage die der anthropogonischen gewesen. Ihr Lehrsystem wurzelt, wie wir sahen, in Armenien. Von dort sind die dualistischen Ideen zu ihnen gelangt. Von dort also, wird man vermuten, stammt auch die oben angeführte Glaubensmeinung.

Was lehrten also die Marcioniten, auf die die Bogomilen im letzten Grunde zurückgehen? Nach Marcion hat der Demiurg [der »Gott des Gesetzes« (s. Kap. I)] alles, was er gemacht hat, durch Vermittlung des Materiellen gebildet. Als er den Menschen machen wollte, stieg er zur Materie auf die Erde hinab und sagte zu ihr: »Gib mir etwas von deinem Staube, ich will dann aus mir den Geist dazu geben, und so wollen wir einen Menschen machen nach meinem Ebenbilde.« Die Materie gab ihm etwas von ihrer Erde, er machte es lebendig, blies ihm seinen Geist ein, und so entstand Adam (Möller, Kosmologie 379).

Das klingt freilich ganz anders und hat für uns nur insoweit Interesse, als eine arabische Sage weiterhin mit ihr verglichen werden kann. Aber es hat auch noch eine andere Lehre gegeben, die von der or thodox-marcionitischen Schule erheblich abwich. Sie lautete:

Als der Demiurg den Menschen gebildet und ihm seinen Hauch eingeblasen, habe er ihn nicht vollenden können; der gute Gott aber, der von oben dies Gebilde sich winden und kriechen gesehn habe, habe von seinem eignen Geiste gesandt und dadurch den Menschen lebendig gemacht (Möller, S. 405).

Das ist nichts anderes, als was wir oben bereits kennen gelernt haben: der Demiurg bedarf des göttlichen Beistandes; ohne diesen vermag er sein Geschöpf nicht zu beseelen.

Wir vergleichen hiermit noch folgende gnostische Lehrmeinungen:


1. Die Ophiten (nach der Darstellung des Irenaeus adv. haer. I, 30, 6) stellten die Sophia und sieben ihr entstammende Mächte den oberen Mächten[93] Gleich der Sophia selbst, die aus dem übersprudelnden Lichte herabgefallen ist und in der Materie Gestalt angenommen hat, wohnt in allen ein Hauch des unvergänglichen Lichtwesens. Als sie den Menschen erschaffen haben, unermeßlich an Länge und Breite, kriecht er nur wie ein Wurm und vermag nicht, sich zu erheben. Erst als sie ihn vor den Demiurgen Jaldabaoth bringen, den ältesten Sohn der Sophia, haucht dieser ihm den Geist des Lebens ein (Honig, S. 40; Möller, S. 260).


2. Der Gnostiker Satornilus lehrte im syrischen Antiochien folgendes:


Der eine, völlig unbekannte Vater steht an der Spitze; er hat Engel, Erzengel, Mächte und Herrschaften hervorgebracht. Aus ihnen haben sieben Engel die Welt und was in ihr ist gemacht, so daß diese Welt nicht unmittelbar das Werk Gottes ist, sondern von Mittelwesen ausgeht, welche tief unter ihm stehen und unter welche zur Verwaltung diese Welt verteilt ist. Sie sind nun auch die Bildner des Menschen. Es erschien nämlich von oben herab, von der höchsten Macht, ein leuchtendes Bild, welches aber von den Engeln nicht festgehalten werden konnte, weil es sogleich wieder zurückeilte. Sie beschließen daher, es nachahmend festzuhalten; sie sagen: »Lasset uns Menschen machen nach Bild und Gleichnis« (nämlich jenes Lichtes). Als das Gebilde gemacht war, konnte es wegen der Schwäche der Engel nicht aufgerichtet werden, sondern zappelte wie ein Wurm. Da erbarmte sich seiner die obere Dynamis, weil es nach ihrem Bilde entstanden war, und sandte einen Funken des Lebens, welcher den Menschen aufrichtete und lebendig machte.


  • Literatur: Möller, Gesch. der Kosmologie, S. 368; Irenaeus I, 24, 1.

3. Bei den Naassenern heißt es, daß der erste aus der Erde kommende Mensch (ὃν ἀνέδωκεν ἡ γῆ μόνον) zunächst ohne Lebensodem, unbeweglich wie eine Bildsäule dagelegen habe. »Er war auch wirklich ein Bild, nämlich ein Bild des oberen Adamas, gemacht von einer großen Anzahl Mächte, von denen sie im einzelnen viel zu erzählen wissen« [Jaldabaoth und seine Engel (Möller 202; Hipp. V, 7, 97, 9 ff.)].


Stark von dem Gnostizismus beeinflußt zeigt sich die mandäische Darstellung:


Nachdem das Firmament aufgespannt ist, erscheint Ruhâ, die Macht der Finsternis, mit ihren sieben Söhnen vor Ptahil (vgl. Kap. I, S. 23) und bietet ihm ihre Dienste für die Weltregierung an. Von Ptahil aufgefordert, schaffen die sieben den Leib des Adam, vermögen ihn aber nicht aufrecht zu stellen. Sie verlangen daher von Ptahil: »Laß uns von dem Geist in ihn werfen, den du aus dem Haus deines Vaters mit dir gebracht hast« ... Nun ruft aber auch das erste Leben (s. oben S. 22) Helfer. Niemand soll wissen, namentlich Ptahil nicht, wie die Seele in den Körper falle, so daß dieser lebendig wird Brandt, S. 36).

Die Schöpfer des menschlichen Körpers sind sonach böse Kräfte, die aber unfähig sind, ihn zu beseelen. Das vermag allein der oberste Gott oder im Gegensatz zu dem finstern Prinzip das Prinzip des Lichtes.


Zusammenfassend stellen wir die Idee fest, daß der Mensch den Dualismus der Gottheit und der demiurgischen Macht oder Mächte an sich selber erfahren habe und gleichsam persönlich zur Darstellung bringe. Diese Idee wirkt in der Sagenwelt fort.[94]

So heißt es in der ungarischen Volkstradition:


1. Als der Teufel den Menschen geformt hatte, konnte er ihn nicht aufrichten; nachdem Gott ihn angehaucht hatte, sprach er: »Steh auf, Elias!« Und er stand auf. (Variante: Der vom Teufel erschaffene Elias wird durch Jesus erweckt.)

2. Als Gott den Menschen erschaffen hatte, sagte der Teufel, daß er sich auch einen erschaffen wolle. Gott sprach: »Also erschaffe ihn!« Der Teufel formte auch einen Menschen, und Gott sagte: »Mach ihn also gehen!« »Das kann ich nicht!« versetzte der Teufel. Da sprach Gott: »Verleihe ihm eine Seele!« – »Das kann ich nicht ohne deine Hilfe,« versetzte der Teufel; Gott aber meinte: »Das tue ich nicht, dem Teufel gehe ich keine Seele.« Und daher kann der Teufel nicht mit der Seele schalten.


  • Literatur: Kálmány in den Ethnol. Mitt. aus Ungarn, II, S. 5 (1890–92).

Bei den Wogulen wird erzählt:


Elm-pi verfertigt auf Numi Taroms Rat aus Schnee einen Menschen, der jedoch in Stücke fallt. Darauf hittet Elm-pi Numi Tarom um Hilfe, und dieser rät ihm, Erde mit Schnee zu mischen und daraus einen Menschen zu formen. Elm-pi macht den Menschen gehen.


  • Literatur: Kálmány, ebda., S. 5 f.

Der Teufel vermag also auch hier ohne Gottes Bei stand keinen Menschen zustande zu bringen.


Ebenso zerfällt in einer ukrainischen Sage der Lehmkörper, den der Teufel nach dem Muster des Gottesmenschen geformt hat, in Stücke, sobald dieser sein Werk anbläst, es zu beleben.


  • Literatur: Nowosielski, Lud Ukraiński I, 9 f.

Die Mordvinen haben folgende Sage:


Schaitan wollte den Menschen schaffen: er nahm aus 77 Ländern Sand und Lehm, konnte aber nichts Gottähnliches schaffen. Er rief die Fledermaus und sagte ihr: »Flieg in den Himmel, da hängt das Handtuch von Tscham-Pas, brüte in dem einen Ende deine Jungen aus, dadurch wird es schwerer, und das Handtuch fällt dann zu mir auf die Erde.« Die Fledermaus tat, wie ihr befohlen. Schaitan rieb mit dem Handtuch den von ihm geschaffenen Menschen ab, welcher dadurch gottähnlich wurde. Er konnte ihm aber kein Leben geben. Als Tscham-Pas ihm Leben gab, teilte er sich mit Schaitan in den Besitz des Menschen. Schaitan bekam den Leib, Gott die Seele. Die Fledermaus aber wurde bestraft; die Flügel wurden ihr weggenommen, und sie erhielt einen ebenso kahlen Schwanz und eben solche Pfoten wie Schaitan.


  • Literatur: Veselovskij, S. 11.
Quelle:
Dähnhardt, Oskar: Natursagen. Eine Samlung naturdeutender Sagen, Märchen, Fabeln und Legenden, 4 Bände, Leipzig/Berlin, 1907-1912, S. 93-95.
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