4. Der Weizenbaum der Erkenntnis.

[211] a) Rabbinische Tradition.

Nach Bereschit Rabba Par. XV, cap. 2, 9 war der Lebensbaum im Paradiese ein Weizenbaum1, wozu Wünsche S. 68 bemerkt, diese Auffassung beruhe vermutlich auf einem Wortspiel, da das hebräische Wort chita = Weizen auch eine Nebenform von chet = Sünde sei. Auch im Tractat Sanhedrin fol. 70 a (Wünsche S. 120) und Tractat Berachoth fol. 40 a (Wünsche S. 60) wird der Weizenbaum genannt.


b) Arabische Tradition, dem Judentum entlehnt:

1. Bei Tabarî und Ibn el-Âṯîr bringt Gabriel dem Adam einen kleinen Sack mit Weizen; auf die Frage Adams, was das sei, antwortet er ihm: Das ist die Frucht, die dich aus dem Paradiese vertrieben hat. Darauf zeigt er ihm, wie er den Weizen säen solle.


  • Literatur: Grünbaum, Neue Beiträge, S. 66 f. (Vgl. Tabarî S. 80, wo Eblîs Eva beredet vom Getreidebaum zu essen.)

2. Nach dem Buche der Schöpfung des Abou-Zéïd (Huart S. 84) war der Baum des Paradieses Weizen, Weinstock oder Koloquinte.

3. In dem Lob Moses' des Jûsuf Jehûdi, eines persischen Juden in Bûchâra um 1730, heißt es, daß der Weizen Adam schuldig werden ließ.


  • Literatur: Ztschr. d. dtsch. morgenl. Gesellsch. 53, S. 413.

c) Im Bogoslande findet sich eine von den Mohammedanern überkommene Sage, wonach Adam und Eva seit ihrer Erschaffung auf Gottes Geheiß nur Baumfrüchte aßen. Der Teufel aber brachte Eva zwei Weizenkörner und beschwatzte sie eins zu essen und eins an Adam zu geben.


  • Literatur: Reinisch, Bilinsprache I, 73.

[212] d) Diese Sage entwickelt den Gedanken, daß der Mensch an demselben Baume, mit dem er sich vergangen, auch bestraft worden sei. Der ehemals üppig wachsende Weizen gedeihe seit dem Sündenfall nur noch spärlich. In solcher Gestalt steht unsere Sage auf gleicher Linie mit einer weitverbreiteten Gruppe, die die Frage beantwortet: Warum die Kornähre so klein wächst. (Siehe Band IV: Pflanzensagen.)


1. Arabische Sage.


Vor Adams Sünde wuchs der Weizen auf dem schönsten Baume des Paradieses. Der Stamm sah wie Gold aus, die Zweige wie Silber, die Blätter wie Smaragd. Jedem Zweige entsprossen sieben Ähren wie Rubin, und jede Ähre enthielt fünf Körner, weiß wie Schnee, süß wie Honig, wohlduftend wie Moschus und so groß wie ein Straußenei.

Der Genuß dieser Körner war Adam und Eva untersagt, Eva aber brach eine Ähre, aß ein Korn und gab Adam eins, und beide wurden aus dem Paradiese vertrieben und mußten sich kümmerlich auf Erden ernähren.

Eines Tages brachte ihnen der Engel Gabriel auf Gottes Befehl die drei noch übrigen Körner, welche Eva mit jener Ähre gepflückt hatte, und lehrte sie das Säen und Ernten, das Mahlen und Backen.

Adam vergoß viele Tränen über die Mühseligkeit des Pflügens, aber die späteren Menschen wurden wegen ihrer Sünden zu noch schwererer Arbeit verurteilt. Schon unter Idris2 war das Korn nur noch so groß wie ein Gansei, unter Ilias ward es wie ein Hühnerei, unter Christus, als die Juden ihn töten wollten, wie ein Taubenei, und endlich unter Uzeir (Esdra) erhielt es die Gestalt, die es jetzt noch hat.


  • Literatur: G. Weil, Biblisehe Legenden der Muselmänner 1845, S. 26 und 41.

Parallelen: Hammer, Rosenöl 23:


Während Adam schlief, formte Gott aus seiner Rippe Eva, seine Gefährtin, die Mutter der Menschen, und gab ihnen das Paradies zum Genüsse, einen einzigen Baum ausgenommen, den Baum des Getreides, der erst seit dem Falle Adams zur Ähre verkrüppelt ist.

Ebd. S. 26 [Aus Ibn Kessir]: Gott schleuderte nach dem Sündenfall den Satan, die Schlange – die ihn hineingebracht –, Adam und Eva und den Getreidebaum auf die Erde. »Die Frucht des Baumes aber, das Getreidekorn, auf die ganze Erde verbreitet, fiel nieder, als Nahrung bestimmt den Menschenkindern unter dem Schweiße ihres Angesichts.«


  • Literatur: Menzel, Christl. Symbolik I, 36: Nach einer mohammedanischen Legende fiel das Getreide mit Adam aus dem Paradiese herab. In diesem war es sehr groß geworden, aber im Fallen ward es so klein, wie es jetzt noch ist, damit die Menschen Mühe haben, es zu bauen.

2. Ungarische Sage, in der freilich nicht mehr von der paradiesischen Beschaffenheit eines Ährenbaums die Rede ist, sondern nur allgemein von dem einstmals reichlichen Wachstum des von Adam gesäten Getreides. Eine neue Verfehlung Adams motiviert die Kärglichkeit der Frucht:


[213] Als Gott Adam aus dem Paradiese vertrieb, befahl er ihm, daß er im Schweiße seines Angesichts sein Brot suche. Er gab ihm einen Spaten, daß er damit die Erde um sich herum umgrabe; aber er sollte nicht aus dem Kreis heraustreten; nur wo er stünde, das sollte ihm genug sein für das Jahr. Es war auch genug, denn damals wuchsen die Ähren noch nicht wie jetzt, sondern der ganze Halm von oben bis unten war eine Ähre. Doch Adam war unfolgsam, er machte einen Spaten mit langem Stiel, damit er weiter reiche. Der Herrgott sah ihm das auch nach; aber im nächsten Jahr wollte er noch mehr haben und trat aus dem Kreis heraus. Als er hinausgetreten war und grub, trat der Herrgott zu ihm: »Nun also, Adam, du begnügst dich nicht mit dem, was ich dir gegeben; so sollen auch deine Nachkommen nimmer genug haben!« Seitdem wächst der Weizen nicht mehr so reich, wie er vordem gewachsen ist; jetzt kann der Mensch das ganze Feld besäen, alle Pferde können ziehen und schleppen, und nimmer ist es genug.


  • Literatur: Kálmány, Vil. al. ny. S. 34.

Parallele:


Im Anfang durfte der Mensch nur eine Furche ziehen. Gott befahl es so, aber zum Lohn machte er die Halme so fruchtbar, daß sie von oben bis unten voll Körner waren. Der erste Mensch, der sich mit einer Furche begnügte, erntete genug, um davon leben zu können, aber der Teufel gab ihm den Gedanken, mehrere zu ziehen, um reichlichere Ernte zu haben, und der Mensch unterlag der Versuchung. Die Strafe Gottes ließ nicht auf sich warten. Am Tage der Ernte, als der gierige Mensch mit Stolz seine reichliche Ernte ansah, erschien Gott plötzlich, nahm die Halme in seine Hände und lieb sie von oben bis unten und ließ die Ähren nur einen Finger lang stehen. Dann sagte er: »Mensch, höre mich. Da du so unersättlich bist und meinem Worte nicht gehorcht hast, habe ich dich gestraft. Von jetzt an kannst du so viel bearbeiten, wie du willst, ich werde dir nur so viel geben, wie mir gefällt.«

Seitdem arbeitet der Mensch viel, aber Gott läßt ihn nur so viel ernten, wie ihm gutdünkt.


  • Literatur: Revue des trad. pop. VII, 481.

3. Eine neue Gestalt, die aber noch deutlich den Zusammenhang mit obigen Überlieferungen erkennen läßt, zeigt folgende arabische Sage vom Ursprung der Gerste.


Ali berichtet nach dem Propheten, daß die Gerste aus dem Weizen geschaffen war. Als Gabriel eine Schüssel mit Weizen zu Adam brachte, sprach er zu ihm: »Dies ist das, was du dem Herrn der Welt wider den Gehorsam getan hast. Dies wird deine Nahrung sein für dich und deine Kinder.« Adam nahm davon eine Handvoll und Eva auch eine. Ihr Mann sagte ihr, sie solle es nicht aussäen, Eva aber gehorchte nicht, und was sie säte, brachte Gerste hervor.


  • Literatur: Revue des trad. pop. XII, 404 Nr. 33.

Fußnoten

1 Weitere Nachweisungen über diese einst viel umstrittene Frage gehören nicht hierher. Es genüge eine Stelle aus V. Jagić, Slawische Beiträge zu den biblischen Apokryphen S. 58, anzuführen, wo es heißt, daß die sogenannte historische Palaea, die aus dem Griechischen übersetzt ist (hrsg. von Popov, S. 6), auch die Frage von dem Lebensbaum berührt und sagt: die einen denken dabei an den Feigenbaum, die andern an die Weinrebe [vgl. das Sinnbild Ev. Joh. 15; auch die Mandäer haben, wohl durch Vermittlung der christl. Gnosis, den Weinstock: Brandt, S. 196]; sie verwirft beides. Was die Weinrebe betrifft, so ist auf die bekannte Polemik des Jerusalemer Mönches Athanasius an Panko (einen Bulgaren offenbar) zu verweisen, die so lautet (in der Übersetz, aus d. Altkirchenslawischen): Einige erzählen jetzt, daß du über den Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen, von welchem Gott Adam zu kosten verboten hatte, viel lehrst und daß du sagst, es sei Wein gewesen. Folgt Polemik dagegen (vgl. A. Veselovskij, Razyskanija, 10. Abhdlg., S. 396 bis 397). In der Visio Baruch (vgl. den serbischen Text bei Novaković in Starine 18, S. 206) fragt Baruch den Engel: Zeige mir den Baum, durch welchen Adam und Eva überlistet und aus dem Paradies vertrieben wurden. Und der Engel sagte: Höre, Baruch! 1. ist es die Weinrebe; 2. die Sündenlust, welche Sataniel über Adam und Eva ausgegossen. Darum verfluchte Gott die Weinrebe, welche Sataniel gepflanzt hatte. Über die Verknüpfung dieser Rebe mit jener Noes vgl. A. Veselovskij, a.a.O. Über den chaldäischen Ursprung des Lebensbaums: Brandt, S. 197. Weiter zitiert Jagić eine Stelle aus dem Gespräch der drei Heiligen (Gregorius, Basilius, Johannes), in der die Weinrebe als Lebensbaum genannt wird. Vgl. Ztschr. d.V.f. Volksk. II, 298.


2 Der Henoch der Bibel.


Quelle:
Dähnhardt, Oskar: Natursagen. Eine Samlung naturdeutender Sagen, Märchen, Fabeln und Legenden, 4 Bände, Leipzig/Berlin, 1907-1912, S. 214.
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